Kapitel 2: »Und hier kommt der Markerpunkt ins Spiel.« (Teil I)

Milliarden stillschweigenden und allwissenden Beobachtern gleich füllten die Sterne geheimnisvoll funkelnd den tiefschwarzen Himmel, während unter ihm die milde Nachtluft auf dem Land ruhte wie die beruhigende Hand einer Mutter, so als wolle sie ihren Sprösslingen weiß machen: Alles wird gut. Doch wurde es das wirklich? Oder war der Plan ein ganz anderer? Wollte es sie alle schläfrig machen, ihren Verstand benebeln, auf dass niemand merkte, was im Lande vor sich ging? Wollte es freie Hand haben für all die finsteren Pläne, die es mit Sicherheit längst schmiedete? Was auch immer es war, Vesten hegte keinen noch so winzigen Zweifel daran, dass ganz Orcumorra eine Zeit des Leidens bevorstand, wie es sie seit Jahrtausenden nicht mehr gegeben hatte; und genau diese Tatsache jagte ihm einen eiskalten Schauer den Rücken hinunter.

Er schüttelte sich innerlich, hob anschließend die Hand und begann wie zur Ablenkung, seine vor kurzem noch grässlich schmerzende und mit drei klaffenden, blutenden Löchern versehene Schulter zu massieren. Jetzt jedoch spürte er weder das scharfe Pochen seiner vormals tiefen Wunden noch konnte er die genaue Stelle jener Verletzungen erfühlen, was ihm ein anerkennendes, sachtes Schmunzeln entlockte. Keine Frage, er wusste, wovon er sprach, wenn er sagte, dass Rheyva vielleicht in vielen Fällen kein besonders guter Magier sein mochte, sich allerdings in der Zauberei der Heilung wirklich ausgezeichnet verstand. Immerhin war es heuer bei Weitem nicht das erste Mal gewesen, dass er von seinem guten alten Freund wieder zusammengeflickt worden war.

Rheyva. Und ebenso Haeverflox. Es schien ihm geradezu, als starrten ihn seine beiden langjährigen Weggefährten von irgendwo her an, und als bohrten sich ihre zornigen, über alles Bescheid wissenden Blicke gewaltigen Schwertern gleich mitten durch seinen Körper, obwohl er genau wusste, dass dem sicher nicht so war. Dennoch versiegte sein dezentes Lächeln schneller als er es je für möglich gehalten hätte, und er trat einen Schritt näher an den Abgrund heran, vor dem er schon seit einer geraumen Weile stand, um die dahinter befindlichen Weiten zu betrachten und seinen Grübeleien freien Lauf zu lassen. Derweil ruhte seine Hand noch immer auf der geheilten Schulter, während sich seine Finger mittlerweile krampfhaft in den ohnehin schon reichlich lädierten, dunklen Stoff seines ihn locker umschmeichelnden Leinenhemdes krallten und er den Blick zögerlich hinauf wandern ließ, bis er schließlich an den zwei glühenden Monden über ihm haften blieb. Einer der beiden war klein und golden, der andere groß und rot, und gemeinsam tauchten sie alles, was sie mit ihrem hauchzarten Atem berührten, in ein diffuses, hellorangenes Licht. Ihn, das feuchte Gras unter seinen nackten Füßen, den Fluss, der nur wenige Meter entfernt rauschend in die Tiefe stürzte. Die kaum hundert Schritte hinter ihm liegende, friedlich auf der weitläufigen Ebene ruhende Hütte des Technomagiers. Die sich irgendwo am Ende jener Ebene abzeichnende, dunkle Silhouette der Sumpfwälder, den etwas weiter nördlich der Wälder verlaufenden, flachen Gebirgskamm, schlichtweg alles; und gleichzeitig wanderten sie eingerahmt von den unzähligen, winzig klein wirkenden Sternen gemächlich über das nächtliche Himmelsmeer, von wo aus sie allesamt Orcumorra und seine Bewohner wachsamen Blickes beobachteten.

Ruckartig wandte er die Augen ab mit dem innigen Wunsch, jedweden der Sterne dafür zu verfluchen, dass sie keine Worte besaßen, welche er zu lesen in der Lage war und die ihn möglicherweise hätten warnen können vor dem, was er heute mit angesehen und selbst erlebt hatte, besann sich aber rasch eines Besseren. Die Sterne konnten nichts dafür. Nein, nicht sie. Mit diesem Gedanken entrang sich ein gleichsam hasserfülltes wie tieftrauriges Schnaufen seiner Kehle, woraufhin er zuerst den Rest des schier endlosen Dunkels vor und unter sich musterte, dann seine Blicke wie ferngesteuert umherwanderten und schließlich auf seinen Füßen landend ihrer Suche Ziel erreichten. Hier, am Rande der Welt, stand er nun vollkommen allein und kam sich so entsetzlich unbedeutend vor. So hilflos und schwach. Er lachte kurz auf, leise und bitter. Nicht die Sterne trugen die Schuld an den Ereignissen, die sich beim Spiegelgebirge zugetragen hatten, sondern er war der Versager in diesem todernsten Spiel. Niemand anderer denn er selbst hatte die Feuerstochter nicht aufgeweckt, ihren viel zu langen Schlaf nicht gestört. Hatte ihr die Ampulle mit dem Elixier nicht rechtzeitig gegeben. Hatte schlicht und ergreifend mit allem viel zu lange gezögert. Ihn, nur und ausschließlich ihn traf die alleinige Schuld an dem, was Orcumorra in Bälde widerfahren würde. War es denn da nicht besser, einfach noch einen Schritt weiter zu gehen, über den Abgrund hinaus zu treten und all das Elend hinter sich zu lassen, das er heraufbeschworen hatte? War es nicht so? War es denn nicht das Richtige? Das einzig Richtige?

Was, um deines Bogens Willen?, schoss es ihm plötzlich durch den Kopf und verwischte jene düsteren Worte, die sich dort einem gefräßigen Parasiten gleich eingenistet hatten, sodass er folgend den Blick von seinen Füßen riss, abermals seine Aufmerksamkeit dem nächtlichen Firmament widmete und stutzte. Kam es ihm nur so vor oder löste sich genau in diesem Augenblick tatsächlich ein dichter Schatten vom fantastischen Durcheinander der tausenden und abertausenden Himmelskörper über ihm?

»Die Sterne sind offenbar dunkel dieser Tage«, murmelte er nachdenklich. »Jedenfalls zeitweise.«

»Was sagst du?«

Wie vom Blitz getroffen zuckte Vesten zusammen, als er direkt neben sich die ihm wohlbekannte, allerdings ohne jede Vorwarnung an seine Ohren dringende Stimme vernahm, wich dabei instinktiv von dem Abgrund zurück und fand sich nur drei Schritte später in Rheyvas genauso fragend wie grinsend dreinschauendes Gesicht starrend wieder.

»Stehst du schon lange hier?«, presste er nach einem flüchtigen Moment der Selbstberuhigung und dem hastigen Fortdrängen des sich seines Halses bemächtigenden Schreckenskloßes hervor.

»Bin gerade gekommen«, antwortete der Technomagier und warf seinem Gegenüber bereits deutlich weniger grinsend einen prüfenden Blick zu. »Du wirkst irgendwie seltsam, alter Freund. Stimmt was nicht?«

»Es ...«, erwiderte der Bogenschütze zögerlich, wobei er sich schwer seufzend und zerknirschten Blickes mit der Hand über den Kopf strich. »Es ... ist nichts, Rhey.«

»Aha, nichts also«, wiederholte selbiger ungläubig, während seine vormalige Fröhlichkeit von einer Sekunde auf die andere den Rückzug antrat und echter Besorgnis Platz machte. Unterdessen knüllte er den alten, dreckigen Lappen zusammen, an dem er sich bis eben noch die Hände abgewischt hatte, und warf ihn über das Landesende. Irgendwann würden dieser und sämtliche anderen Dinge, die er schon dort hinunter befördert hatte, irgendwo wieder auftauchen, da war er sich sicher, denn kein Abgrund konnte so dermaßen tief sein, dass er nicht doch noch einen Boden hatte. Außerdem, was auch immer dort in der Schwärze zwischen den Sternen sein womöglich recht einsames Dasein fristete, es konnte unmöglich das ganze Zeug behalten wollen, das er ihm hinwarf. Aber genug davon, im Moment hatte Rheyva definitiv andere Sorgen.

»Weißt du, Sten«, sagte er schließlich, legte dem Bogenschützen die Hand auf die Schulter und fixierte ihn mit festem Blick, »wir kennen uns jetzt schon ziemlich lange, mein Lieber, und ich seh dir an, wenn irgendwas nicht in Ordnung ist. Also noch mal, was ist auf der anderen Seite passiert?«

Leise, dafür aber umso länger seufzend stemmte Vesten die Hände in die Hüften, sah dann abermals erst zu den Monden auf und dann wieder herunter zu seinen Füßen, rieb sich mit zwei Fingern und einem neuerlichen, angestrengten Schnaufen den Nasenrücken und gönnte zu guter Letzt dem Technomagier einen niedergeschlagenen Seitenblick.

»Ich ... Ich hab ... Die Mission ist gescheitert. Durch ... meine Schuld.« Was leider wirklich stimmte, so viel war sicher. Denn auch wenn der eine oder andere seiner vorherigen Gedankengänge ziemlich absurd gewesen war, diese eine Tatsache konnte er nicht von der Hand weisen: Die Fehler hatte er gemacht. »Ich wage es kaum auszusprechen, aber ... das ... das Urböse ist frei, Rhey.«

Einen Moment lang sah der Technomagier den Bogenschützen nur wortlos und mit purem Entsetzen in den Augen an, ließ schließlich die Hand sinken und gab dem reichlich dringend gewordenen Bedürfnis nach, sich seinen mit einem Male butterweich gewordenen Knien zu ergeben, die ihn langsam zu Boden zwangen. Dort angekommen blieb er reglos sitzen, starrte leeren Blickes in die Ferne und versuchte mühsam, wieder einen klaren Gedanken zu fassen. Dass beim Spiegelgebirge ganz augenscheinlich nicht alles glatt gegangen war, hatte er ja schon längst befürchtet, doch mit diesem, dem fraglos schlimmsten aller nur erdenklichen Ereignisse, hätte er nie und nimmer gerechnet.

»Aber ... was ist denn mit dieser Feuerstochter?«, fand er zur eigenen Überraschung schon Augenblicke später seine Sprache wieder. »Wurdest du nicht ihretwegen auf die andere Seite geschickt? Sollte sie nicht das Siegel erneuern? Sollte sie nicht dafür sorgen, dass gerade DAS nicht passiert?«

»Die Feuerstochter.« Vesten schnaubte verbittert und schüttelte langsam den Kopf. »Rhey, da drüben lief alles schief, was nur schief laufen konnte, und ich bin mir sicher, das Nodrogg hat Alaru mittlerweile in seiner Gewalt. Ehrlich, ich mag mir beim besten Willen nicht ausmalen, was es mit ihr anstellt, und noch viel weniger will ich wissen, was passiert, wenn es mit dem, was es ihr womöglich gerade antut, erfolgreich ist.«

Die Männer tauschten einen langen, wortlosen und dennoch vielsagenden Blick, dessen für immer unausgesprochen bleibende Bedeutung ihnen beiden eine beinahe schon schmerzhafte Gänsehaut über den Leib jagte.

»Ich denke, du hast uns eine Menge zu erzählen«, befand der Technomagier, woraufhin ihm Vesten mittels eines kurzen Nickens zustimmte und ihm wieder auf die Beine half. Anschließend kehrten sie gemeinsam zur Hütte zurück, wo der Bogenschütze nur wenig später seinen Freunden Rede und Antwort stand.

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