Kapitel 2: »Und hier kommt der Markerpunkt ins Spiel.« (Teil IV)

Rheyva, der mit übereinander geschlagenen, auf dem mittlerweile notdürftig wieder zusammengezimmerten Tisch liegenden Beinen und angestrengt nachdenkend dasaß, wäre vor lauter Schreck beinahe mitsamt seinem Stuhl hintenüber gekippt, als sich die Tür des kleinen Schlafraums zaghaft öffnete und Alaru die Stube betrat, bei deren Anblick er die soeben noch geplante weitere Neuerung an der Virga von einer Sekunde auf die andere vergaß.

»Ihr seid wach!«, rief er aus, nachdem er sich und sein Sitzmöbel erfolgreich vor ungeplantem Bodenkontakt bewahrt hatte, und strahlte die Feuerstochter mit einem solch breiten Grinsen an, dass die Stoppeln seines Dreitagebartes auszufallen drohten und sein Herz zu einem kleinen, zusätzlichen Hüpfer animiert wurde.

»Ja, in der Tat, das bin ich wohl«, antwortete sie und erwiderte sein Grinsen mit einem sanften Lächeln, zog hinter sich leise die Tür ins Schloss und betrachtete neugierigen Blickes das Zimmer, wobei sie langsam ein paar Schritte auf ihn zu ging.

»Ähm ... ich ... ich bin Rheyva«, stellte der Technomagier sich vor, welcher seinerseits inzwischen aufgestanden war, der Feuerstochter entgegen kam und sie - da ihm schlichtweg nichts Besseres einfiel, um seiner Freude über ihr Erwachen Ausdruck zu verleihen - kurzerhand in den Arm nahm, sie fest an sich drückte und mindestens genauso abrupt wieder von ihr abließ. Was, bei seiner Virga, tat er hier eigentlich?

»Oh, äh ... Ich ... Das ...«, stammelte er drauflos, während ihm die brennende, seine Wangen hinaufkriechende Schamesröte nicht entging, er schnell den Blick gen Boden richtete und sich mit einer Hand verlegen den Nacken rieb. »Bitte entschuldigt, ich ... ähm ... Ich bin nur ... Ich ... freue mich zu sehen, dass es Euch offenbar besser geht.«

»Oh, schon gut, schon gut. Alles in Ordnung«, lachte sie und hob beschwichtigend die Hände, hatte sie des Technomagiers peinlich berührte Reaktion doch sofort bemerkt. »Keine Sorge, das macht mir nichts aus. Und bitte vergiss die Formalien. Immerhin nehme ich an, dass es dein Bett war, in dem ich aufgewacht bin und dass ich dir einiges zu verdanken habe.«

Der Technomagier entspannte sich ein wenig, vermied aber weiterhin direkten Blickkontakt. Denn auch wenn er sich ziemlich sicher war, dass ihr sein plötzliches Erröten aufgefallen sein musste, war er nicht sonderlich erpicht darauf, dass sie deren ganzes Ausmaß zu sehen bekam.

»Ja. Ja, das ... das ist richtig«, antwortete er rasch. »Seit zwei Tagen ist das Euer ... äh ... dein Reich, und ich schlafe da drüben auf dem Boden und ...« Er stoppte jäh mitten im Satz und schalt sich selbst einen fürchterlichen Dummkopf. Wie viel Unsinn konnte ein Mann alleine denn noch reden? »Herrje. Das ... sollte kein Vorwurf an dich werden, ich wollte nur ... Naja ...«

Er ließ es sein. Der Satz war ohnehin nicht mehr zu retten, und egal, was er jetzt noch sagte, es würde das vorangegangene, wie Wasser aus seinem Mund strömende, durch und durch alberne Gestotter nur schlimmer machen. Da sagte er lieber gar nichts mehr, bevor er sich am Ende dank seiner wirren Faseleien doch noch ihren Zorn einhandelte. Umso überraschter war er, als die Feuerstochter plötzlich herzhaft zu lachen begann, woraufhin er ratlos, und nur um irgendetwas zu tun, das ihn davon abhielt, ihr ins Gesicht zu schauen, mit dem Fuß ein paar herumliegende Kabel unter den Tisch schob.

»Immer mit der Ruhe«, sagte sie herzlich. »Du bist nun wirklich der Letzte, der sich rechtfertigen muss. Schließlich stehen wir ganz offensichtlich in deinem Haus, und wenn hier irgendjemand verlegen sein sollte, dann doch wohl ich, oder nicht? Denn so wie es aussieht, scheinst du derjenige zu sein, dem ich zum Dank für meine Rettung verpflichtet bin und dem ich dadurch bestimmt die eine oder andere Unannehmlichkeit bereitet habe.«

»Oh, ach das ... äh ... Keine Ursache, das ... war doch selbstverständlich. Aber dein Dank gebührt nicht allein mir, ich war es nur, der deine Wunden versorgt hat. Allerdings hab ich ... nicht alles ... wegbekommen.«

Der Technomagier machte eine wegwerfende und zugleich beschämte Handbewegung und biss sich auf die Unterlippe. Warum, zum Donnerwetter, war er so dermaßen nervös? Und wohin war er verschwunden, der Rheyva, den er kannte, jener mit der großen Klappe? Der, welcher so gerne und stundenlang von seinen Basteleien schwärmte und zweifelsohne in der Lage war, vollständige und zusammenhängende Sätze zu bilden? Nun, ganz egal, wo er stecken mochte, langsam aber sicher wurde es Zeit, dass dieser Lump sich wieder blicken ließ, und gerade deshalb zwang er sich nun, den Blick von seinen Füßen zu lösen und Alaru anzusehen.

Es war ein Fehler.

Jedoch einer der guten Sorte, denn als ihre Blicke sich trafen, sie ihn anlächelte und ihre bernsteinfarbenen Augen ihm loderndem Feuer gleich entgegen strahlten, wusste er, dass alles, was er jemals getan hatte, und schien es auch noch so sinnfrei, für etwas gut gewesen war, hatten ihn doch sämtliche jener Dinge nur zu diesem einen, diesem besonderen Moment geführt.

»Falls du damit die Narben meinst«, riss die Feuerstochter ihn unsanft aus seiner verzückten Gedankenwelt, »kann ich dir versichern, dass du dir deswegen keine Gedanken machen musst. Ich spüre sie nicht einmal. Du scheinst wirklich zu wissen, was du tust.«

Für die Dauer eines Atemzugs starrte er sie verwirrt an, während es noch zwei, drei weitere Sekunden brauchte, bis er richtig verstand, was sie gesagt hatte. Doch als es so weit war, zuckte er kurz mit den Schultern und schob unter einem dezenten, bescheidenen Lächeln die Hände in die Taschen seiner abgewetzten, ledernen Hose.

»Ach was«, wiegelte er ab, dabei zu seiner Beruhigung feststellend, dass sich sein altes Ich vorsichtig wieder zu Worte meldete. »Ich bin nur ein einfacher Technomagier. Mir will lange nicht alles gelingen, aber in der Magie der Heilung verstehe ich mich ganz gut.«

»Technomagier?«, hakte sie verwundert nach und betrachtete abermals all die eigentümlichen Dinge, die den Raum überfluteten und irgendwie zu ihm zu passen schienen. »Kommt daher dieses viele fremdartige Zeug?«

»Korrekt. Das hab ich mir in all den Jahren drüben in der Wüste von Ylibri zusammengesucht. Man weiß ja nie, wofür man den ganzen Krempel mal gebrauchen kann. Jedenfalls konnte ich mir damit die hier bauen.« Sprachs und präsentierte der Feuerstochter voller Stolz die Magische. »Ich nenne sie „Virga“. Mein Zauberstab, wenn du so willst.«

»Beeindruckend«, staunte sie, berührte vorsichtig das metallene Gebilde an seinem Arm und strich sachte über die kleinen Tasten. »Wirklich beeindruckend. Einer wie du ist mir bisher noch nie begegnet. Und ich darf wohl behaupten, dass ich schon so manches gesehen habe.«

Mit diesen Worten wandte sie sich ab und schlenderte am Tisch entlang durch die Stube, ließ ihre Finger über das raue, alte Holz gleiten, betrachtete aufmerksam Drähte, Kabel, Werkzeuge, Metallplatten und was sonst noch alles dort herumlag und blieb zu guter Letzt vor den Monitoren stehen, welche jüngst bloß noch zu dritt waren. Schweigend, aber durchaus interessiert, musterte sie einen Moment lang die hinablaufende, unruhige Schrift und stellte schließlich die eine Frage, die ihr schon die ganze Zeit auf den Lippen brannte.

»Wie konnte man mich finden und so schnell da weg bekommen, Rheyva?«

Dieses Mal zögerte der Technomagier mit seiner Antwort keine Sekunde. Ganz im Gegenteil sprudelten die Worte jetzt nur so aus ihm heraus, und von seiner vorherigen Nervosität war endgültig keine Spur mehr.

»Die Monitore«, sagte er. »Sie scannen das gesamte Land mittels Schallwellenkartografie, und die Runenschrift stellt eine komplette Landkarte dar. Schau, hier sind wir.«

Schon berührte er die Oberfläche eines der Bildschirme und strich mit den Fingern ein wenig hin und her, wodurch sich die Schrift wild zuckend in alle Richtungen verzerrte und schließlich eine Form annahm, welche starke Ähnlichkeit mit einem Bild aufwies.

»Gut, richtig deutlich ist das nicht, da arbeite ich noch dran. Aber wenn du genau hinsiehst, kannst du an dieser Stelle die Hütte erkennen. Hier ...«

Daraufhin formte er mit Daumen und Zeigefingern ein Rechteck um einen winzigen Runenklumpen und zog sie auseinander. Die Runen wurden größer und tatsächlich tauchte die Form einer Hütte auf.

»Siehst du sie?«

Alaru nickte nur und lauschte gebannt weiter.

»In all den Jahren, die das System arbeitet, hab ich bis hin zum letzten Grashalm alles hier drauf gespeichert. Die Karte wird minütlich auf den aktuellen Stand gebracht, und mit ein bisschen Mühe und ein wenig Unterstützung der Magischen kann ich alles und jeden finden, wenn es sein muss. Hauptsache, die Parameter stimmen. Und hier kommt der Markerpunkt ins Spiel.«

»Markerpunkt?«

Der Technomagier nickte eifrig. »Genau. Das ist eine winzige Platine mit einem Sender, der ein dauerhaftes Signal ausgibt. Die Monitore werten dieses Signal aus und stellen es auf der Karte als Doppelrune dar. So kann ich die Position auf einen hundertstel Millimeter genau bestimmen. Ich hab seinerzeit - geistesgegenwärtig, wie ich manchmal bin - so ein Ding in den Absatz deines Stiefels eingebaut. Ich glaube, der rechte war es.«

Die Feuerstochter zog fragend die Stirn in Falten und betrachtete den genannten Stiefelabsatz, sagte aber nichts dazu.

»Durch den Markerpunkt fanden wir also genau heraus, wo du steckst, und ich konnte letzten Endes einen Teleportationszauber anwenden. Du musst wissen, dass die Orte auf der Karte leider alle um ein paar hundert Meter von ihrer eigentlichen Lage abweichen und eine Teleportation ohne den Markerpunkt viel zu gefährlich wäre. Jemand könnte in einem Abgrund landen oder in einer Wand oder dergleichen. Kann ich nicht verantworten, und daher funktioniert der Zauber nur auf Markerpunkte. Tja, und so haben wir dich hergeholt.«

Sie schwiegen beide einen Moment lang, und Alaru versuchte angestrengt, Rheyvas Erklärungen nachzuvollziehen, aber im Grunde hatte sie kaum ein Wort verstanden. Allerdings schien ihr das auch nicht unbedingt wichtig, solange er selbst wusste, was er tat. Und ganz offensichtlich war dem so.

»Nun behaupte du noch mal, du seist einfach«, sagte sie schließlich.

»Ich denke, das werte ich als Kompliment«, antwortete der Technomagier und musste unweigerlich lachen. »Ich könnte dir den einen oder anderen Zauber zeigen, wenn du willst.«

»Gerne, aber ich ...«

Just in diesem Augenblick unterbrach die abrupt auffliegende Haustür ihrer beider traute Zweisamkeit, und statt eines Zaubers zog nun ein in die Stube stolperndes, riesiges Wildschwein alle Aufmerksamkeit auf sich. Selbiges wurde, kaum durch die Tür gelangt und tot, wie es war, mit einem heftigen Rumms zur Seite geworfen, woraufhin Vesten zum Vorschein kam.

»Alaru!«, freute er sich sichtlich erleichtert, als er sie entdeckte, und verbeugte sich vor ihr. »Schön, Euch auf den Beinen zu sehen, Feuerstochter.«

»Sten, jetzt bitte ich dich aber«, sagte Rheyva und zog eine besserwisserische Grimasse. »Sie mag keine Formalien. Wir sind schon lange beim „du“.«

Der Bogenschütze stutzte, blickte irritiert zwischen seinem alten Freund und Alaru hin und her und schien das Gehörte einen Augenblick lang verarbeiten zu müssen. Aber dann grinste er.

»Nun denn. Dann werde ich mich jetzt mal um unser Abendessen kümmern.« Und mit einem Zwinkern an die Feuerstochter gewandt fügte er hinzu: »Lass dich von Rhey in der Zwischenzeit nicht allzu sehr langweilen.«

»Ich denke, es besteht Hoffnung, dass das nicht passiert«, erwiderte sie lachend und mit einem Seitenblick in Richtung des Technomagiers, welcher mit gespielter, dem Bogenschützen geltender Empörung kopfschüttelnd die Augen verdrehte.

Anschließend sahen sie Vesten dabei zu, wie dieser die Hinterläufe des Wildschweins packte, um es auf diese Weise hinter sich her ziehend wieder nach draußen zu befördern, was in Alaru die ernsthafte Frage aufwarf, warum er es überhaupt erst in die Hütte hineingeschleppt hatte. Weitere Gedanken in diese Richtung vermochte sie sich allerdings nicht mehr zu machen, denn die Nase des erlegten Tieres war noch nicht ganz aus der Tür, als schon der Nächste die Stube betrat und sie daraufhin für einen flüchtigen Moment an ihrer Sehkraft zweifelte. Wie sich jedoch schnell zeigte, war mit ihren Augen alles in Ordnung. Er war es wirklich.

»Haeverflox aus dem Hause Thi’Khaa!«, rief sie aus, eilte auf das Hassenichgesehn zu, sank vor ihm in die Knie und schloss es fest in die Arme. »Bei meinem Feuer, ich glaub es fast nicht! Dass ich dich jemals wiedersehe, hätte ich nie für möglich gehalten! Wie ist es dir ergangen, mein Freund? Ich verwette mein Schwert darauf, dass du mengenweise zu erzählen hast, richtig?«

»Sachte, sachte, Liebes«, erwiderte Haeverflox und schob sie mit sanftem Nachdruck weit genug von sich, dass er sie ansehen konnte. Ihr letztes Zusammentreffen war so unsagbar viele Jahre her, und auch er hatte beim besten Willen nicht daran zu glauben gewagt, dass die Feuerstochter ihm noch ein weiteres Mal über den Weg laufen würde. Die Tatsache, dass sie nun leibhaftig, putzmunter und zudem noch hübscher als damals vor ihm stand, brachte ihn sogar beinahe dazu, sentimental zu werden. Aber bevor es dazu kommen konnte, straffte er seine Haltung und wechselte schnell das Thema.

»Lass uns lieber später in Erinnerungen schwelgen, einverstanden? Wie dir sicher aufgefallen ist, komm ich gerade von der Jagd und stinke schlimmer als das Vieh, das Sten gerade auf die Wiese zerrt. Und ganz unter uns: Wenn wir wollen, dass von dem Schweinchen noch was übrig bleibt - und da wohl allen Anwesenden auch was am Erhalt von Vestens Fingern liegt -, sollte ich unserem Möchtegernschlachter beim Ausweiden besser zur Hand gehen. Der Gute hat es nämlich nicht so mit Messern.«

»Frech wie eh und je«, schmunzelte sie, woraufhin Haeverflox wie zur Antwort mit den Fingerkrallen seiner rechten Hand auf den schweren Lederharnisch klopfte, den er trug, und dadurch auf den angelaufenen, leicht rostigen Metallbeschlägen ein leises Klicken verursachte.

»Allerdings«, grinste er. »Und das sogar auf leeren Magen.«

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