Kapitel 2

Das Hauptquartier lag einige Kilometer außerhalb von Seattle, in der Nähe von Olympia, in einer Gated-Community. Eine niedliche, kleine Nachbarschaft mit grünen Rasen, bellenden Golden Retrievern und Footballs vor der Haustür. Hätte es noch Milchmänner gegeben, würden diese sicher noch die Bewohner mit einem Lied auf den Lippen beliefern. Es war zwar nur das Hauptquartier für die Westküste, Nevada und Alaska, bot aber trotzdem allen Komfort den man sich nur wünschen konnte. Es hatte Glasfaserleitungen, Kabelfernsehen und einen Swimmingpool. Außerdem bot es genug Platz für 20 Mann Besatzung, dass heißt, sehr viele Duschmöglichkeiten und Toiletten. Man hatte von der Terrasse des Haupthauses einen wunderbaren Ausblick über die Oyster Bay und, weiter entfernt, den Olympia Nationalpark. Die magische Atmosphäre des Nordwestens der USA hatte auf Dominic schon immer eine beruhigende Wirkung gehabt. Er liebte diese Gegend mit ihrer weiten, dichten Wäldern, ihren salzigen Winden und ihrem Regen. Er liebte die Menschen hier, mit ihren Flanellhemden, ihren Bigfoot-Geschichte, die sie immer erlebten wenn sie stockbesoffen waren und einer "Geht-uns-doch-am-Sack-vorbei"-Attitüde, die man sich nur leisten konnte, wenn man die einzige Stadt einer sterbenden Nation war, die sich sogar einigermaßen gut über Wasser halten konnte. Außerdem spielten die Seahawks gut, was mitunter daran lag, das einige wichtige Tiere im Oberkommando Fans der Seahawks waren. Er wusste, das es auch einige einflussreiche Fans der Broncos, der Patriots und der Raiders gab. Interessanter Weise machte sich ein Machtkampf in der Führungsriege immer durch eine Aufwirbelung der NFL-Tabelle bemerkbar. Der Ausgang wurde klar, wenn eine Mannschaft zwei mal hintereinander den Super-Bowl gewann, die allgemeine Führung und der allgemeine Bestand der Koalition wurde dadurch allerdings nie beeinträchtigt. Man musste die Amerikaner in diesem Punkt allerdings beneiden. Ihre Regierung beugte inzwischen sogar das Knie vor Russland, aber solange es Football noch gab und die Kneipen die Spiele übertrugen, schien es für sie keine größeren Probleme zu geben. 

Er hatte sich mit einem doppelten japanischen Whiskey an das Geländer der Terasse gestellt und beobachtete die Bay, als er auf der Auffahrtsstraße einen schwarzen, staubigen SUV heranfahren sah. "Na endlich", raunte er und kippte den Drink in einem, kräftigen Schluck hinunter. Der Alkohol brannte im Hals, der torfig-salzige Geschmack breitete sich auf seiner Zunge aus und sein Körper füllte sich mit Wärme. Möwen kreisten über ihn als er seinen auf seinen Schreibtisch warf und durch das Haus zur Auffahrt ging. Aus dem Wagen stiegen Marco, Nian und Gerda aus, die beiden letzteren mit jeweils einem Stapel an Akten unter dem Arm. Er zeigte nachlässig auf die beiden und fragte in einem leicht gereizten Tonfall: "Ist das alles, was ihr an verwertbarem mitgebracht habt?" Alle drei verneigten sich und Marco bestätigte, gefolgt von einem militärischen Gruß. "Nimm die Pfote runter, du weist, ich kann das nicht leiden. Schafft eure Ärsche rein, wir müssen das alles auswerten und dann hab ich auch schon wieder was für euch", ein kollektives Stöhnen der drei folgte der Ansage, doch sie folgten ihr augenblicklich. Im Wohnzimmer des Hauses, dem zentralen Arbeitsraum des HQ, stapelten Gerda und Nian die Dokumente auf ihren Schreibtische. Martha erwartete sie bereits. In ihrer schottischen Art hatte sie die drei innerhalb von fünf Minuten so sehr zusammengestaucht, dass selbst ein Grizzlybär klein bei gegeben hätte.  Dann hielt sie ihnen ein unendlich flaches, durchsichtiges Tablett der neuesten Bauart aus Japan vor die Nase, sie scrollte die lange Liste an Eilmeldungen, Geheimdienstberichten und Kurznachrichten durch. "Seht ihr das, ihr dreibeinigen Geburtsunfälle? Das sind alles Mitschnitte des FBI, CIA und der NSA. Ihr habt überall die Alarmglocken geläutet. Michael, die Raben seien seiner dreckigen Seele gnädig, hatte Freunde. Denkt ihr, man bringt einen Doppelagenten um, ohne, dass man Wellen schlägt? Oi! Seht euch die Scheiße an! Wäre ich nicht gewesen, die sich überall reingeklinkt hätte, wäre unsere ganze Operation an der Westküste aufgefallen!", sie atmete tief durch, ihr Gesicht war purpur, ihre Stimme vom dauer Geschrei heiser. In ihren Augen loderte das Feuer jeder Hölle außer jeder nur erdenklichen Religion vereint. Dominic räusperte sich und trat vor, sie warf ihm Medusenblicke entgegen. "Habe ich dich richtig verstanden, meine Rosenknospe? Doppelagent?", sie errötete stärker, diesmal vor Scham. "Nenn mich nicht so", brachte sie stockend und die Wut unterdrückend hervor. "Es stimmt", sie hatte sich beruhigt, nachdem sie Dominic im Geiste auf 20 verschiedene arten massakriert hatte. "Michael war ein Doppelagent. Er hat uns Infos gegeben, die wir dringend benötigten, wie ihr alle wisst, dafür hat er der NSA genau das gesagt, was wir sie wissen lassen wollten. Die sind fest von dem Gedanken überzeugt, eine kommunistische Untergrundorganisation versuche auf alte amerikanische Veteranen und Präsident Jagd zu machen. Total bescheuert, aber effizient. Die haben keinen blassen Schimmer was vor sich geht. Aber...", sie räusperte sich und schlug ein schlankes, straffes Bein über das andere. "Das ändert nichts an der Tatsache, dass Michael eine wichtige Quelle war, die wir jetzt verloren haben. Also, Vorschläge? Was machen wir jetzt?" Marco scharrte mit den Füßen über den Schwarznuss-Boden, Nian kämmte seine Haare während Gerda nur gelangweilt auf ihrem Schreibtisch saß und zwischen ihren Zehen herum pulte. Dominic ging  unruhig hin und her und kaute auf seinen Fingernägel herum. Martha hatte das schon gehasst, als sie noch zusammenlebten, als sie noch verheiratet waren. Doch sie hatte nie etwas gesagt. 

"Verdammt, Dominic, sperr die Luke auf. Was geht dir durch den Kopf?", knurrte sie und fixierte ihn dabei mit ihren Blicken. Er nahm sich einen Tumbler und befüllte ihn mit Eis und goss Bourbon hinein, reichte ihr den Drink. Er kannte ihren Lieblingswhiskey noch. Dann setzte er sich rittlings auf seinen Bürostuhl und stierte sie an, besser gesagt, durch sie hindurch. Martha lehnte sich zurück und ließ die Eiswürfel im Glas aneinander dotzen, so dass sie auf die Gefäßwände zurück fielen und es charakteristisch klimperte. Im Büro schwiegen alle und lauschten der Stille, die angefüllt war vom Summen der Computerlüfter und dem Geräusch eines Druckers in einem Nachbarraum. Selbst Gerda setzte sich aufrecht hin und hielt in der vertieften Fußhygiene inne. Nach einer kleinen Weile seufzte Dominic hingebungsvoll und sein Blick klärte sich auf, dann sagte er leise: "Und wenn wir, nunja, uns einfach einen neuen Insider suchen? Sollte doch nicht so schwer sein, oder? Inflation, Wirtschaftskrise und alles, hier muss es von opportunistischen Verrätern nur so wimmeln." Martha lachte herablassend und warf den Kopf arrogant nach hinten. "Weißt du, was das Problem mit Verrätern ist?", fragte sie ihn dann. Er und sein Team schüttelten den Kopf. "Verräter verraten einen. Du kannst ihnen nicht trauen. Michael haben wir auch nicht getraut, aber wir hatten ihn unter Kontrolle und dass nur...", sie wurde wieder zornig und schmiss das nun schon leere Whiskeyglas auf den Boden, wo es schellend zersprang und glitzernde Kristalle in alle Richtungen versprüht. "...weil wir ihn über vier Jahre bespitzelt, erforscht und erpresst haben. Und selbst dann hatte er uns verpfiffen!" Unvermittelt sprang Gerda auf und tänzelte um die auf dem Boden verstreuten Glassplitter herum und lachte dabei auf wie ein Teenagermädchen, das sich zum ersten mal verliebt hatte. Das gesamte Büro starrte sie an wie eine Verrückte. Sie gluckste und sagte fröhlich: "Ich weiß genau, wer uns helfen kann!" Marthas und Dominics Gesicht wurden länger und länger als sie den Namen hörten. "Und...wie zum Teufel willst du den zu irgendetwas überreden?" Die junge Deutsche grinste und schüttelte den Afro: "Müssen wir gar nicht. Wir haben alles gegen ihn in der Hand, was wir brauchen. Dank Michael." Martha fokussierte sie und legte die Finger zu einem Zelt zusammen. Marco zeigte ihr sein gewinnendestes Lächeln und nickte ihr zu, wobei ihm seine Sonnenbrille die Nase herab rutschte. Nian grinste frech und gab ihr beide Daumen hoch. Dominic hingegen, der die beiden Männer in seinem Rücken hatte, behielt seine verfinsterte Miene bei und schien zu grübeln. Die Schottin nickte langsam und sprach sehr leise, aber bestimmt: "Weiht mich ein, du und Nian. Und dann werden wir sehen. Hoffentlich, ist es wirklich so gut, ansonsten schiebt ihr beiden bald die zweite Wache in einem verpissten Außenposten in Alaska, haben wir uns verstanden?" Nians Grinsen fror ein, doch Gerda lächelte weiter und zeigte ihre strahlend weißen Zähne.

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