Kapitel 2

Es regnete.

Zwar hatten die wirklich starken Schauer am Morgen nachgelassen aber Sport treiben konnte man bei diesem Wetter nicht. Man konnte allerdings gemütlich in einem Altstadtcafé sitzen, einen Tee trinken und einen überfälligen Bericht fertig stellen; wie es der ältere Mann am Fenster gerade tat. Schließlich blickte er auf seine Taschenuhr, nahm seinen Stockschirm und verließ – nicht ohne seiner Stammbedienung ein großzügiges Trinkgeld zu geben – gemächlich den Laden. Es war für alle Beteiligten ein vollkommen normaler Vormittag.

Mit langsamen Schritten schlenderte Karl durch die Gassen. Zwar erfreute er sich wie sooft an den stolzen Fassaden der altehrwürdigen Kaufmannshäuser, mehr noch erleichterte ihn aber der Umstand, dass ihm in den sonst so vollen Straßen nur wenige Menschen begegneten. Auch war die Luft heute weniger drückend, dass erste Mal seit Wochen konnte man wieder freier atmen.

Er bog in den Weg hinter dem Firmengelände ein und sah, wie eine junge Frau gerade den Nebeneingang durch den Komplex verließ und schnellen Schrittes Richtung Bahnhof lief.

Karl schlug wie zufällig denselben Weg ein und ging in Gedanken noch einmal die Ergebnisse seiner Recherche durch: Sie war erst vor wenigen Monaten für eine Ausbildung in seiner Firma in die Stadt gezogen. Im Dienst lernte sie schnell und war arbeitswillig, gab sich aber schroff und unnahbar. Umso besser, Freunde schien sie also nicht zu haben. Ihre Eltern – das hatte er bei einem ihrer seltenen Gespräche in der Mittagspause gehört – waren dauerhaft schwer beschäftigt und meldeten sich selten, ein weiterer Pluspunkt. Weiterhin hatte sie nun 2 Wochen Urlaub, also genug Zeit um eine Verletzung zumindest oberflächlich heilen zu lassen.

Bei dem Stichwort Verletzung musste er sich zwingen, den Blick von ihrem weichen schmalen Hals abzuwenden und sich zu beruhigen. Der klassische Biss in den Hals sorgte zwar für eine zufriedenstellende Menge an Blut in kurzer Zeit und tötete das Opfer sehr schnell, war aber ein Überbleibsel der animalischen Natur seiner Art und eine Leiche in einer Großstadt zu entsorgen deutlich problematischer als man denken könnte. Viel praktikabler war da ein Biss in den Oberarm, ähnlich starker Blutfluss bei gleichzeitig deutlich höheren Überlebenschancen und deutlich einfacher unter langer Kleidung zu verbergen. Gab man dabei dann auch noch genug von den Speichel-ähnlichen Stoffen aus den Drüsen neben den Eckzähnen ab unterdrückte man damit auch gleich den Willen des Zieles. Das war die deutlich sicherste Variante, wie man sich dauerhaft mit Blut versorgen konnte, besonders da man je nach Stärke des eigenen Willens gleich mehrere Menschen so kontrollieren konnte.

Während sich die junge Frau nun in ein weitläufiges Gassenlabyrinth begab beschleunigte ihr Vorgesetzter seine Schritte um sich in Angriffsposition zu bringen. Innerlich schüttelte er dabei den Kopf über das gestrige Gespräch. Markus war ein Hitzkopf für den Vorausplanung ein Fremdwort war – sah er ein vielversprechendes Ziel in einer halbwegs sicheren Umgebung ging er zum Angriff über – aber wie er seine Beute selbst in so eine Situation bringen konnte darüber dachte er nicht nach. Es war immer das gleiche, nicht einmal um ein wenig Beobachtung im Vorfeld kümmerten sich die Jungen und das Ondrej jetzt ähnliche Probleme zu haben schien sprach nur dafür, dass auch die Alten ihre Vorsicht fahren ließen.

Er allerdings war wirklich alt. Mehr als 200 Jahre war er nun schon im „Geschäft“ und er war ein Experte. Leiser als die fallende Regentropfen schloss das Verderben zu ihr auf, er roch keinen Angstschweiß, ihre Bewegungen wurden nicht hektischer, seine Annäherung blieb verborgen, sie hatte nicht einmal gemerkt, dass sie verfolgt wurde. Nun kam der schwierigste Teil als das Tier in ihm die Kontrolle über den Körper forderte. Sein Kiefer wurde größer, schmerzhaft brachen neue Zähne aus ihm heraus, wurden die alten platten Kauwerkzeuge zu grausamen Reißern; seine Muskeln verkrampften als sie hart wie Stahl wurden. In einem Bruchteil einer Sekunde war er bereit , griff nach ihrem Körper, als sie im gleichen Moment herumfuhr.


Er stutzte. Sie konnte nicht herumfahren. Sie war zu langsam dafür. Sollte zu langsam dafür sein. Da sah er ihre zum Zupacken erhoben Arme. Ihr grauenhaftes Gebiss. Und ihre Augen, die mindestens genauso verdutzt starrten wie seine.

Vampirkiefer waren nicht zum sprechen gemacht, doch da Beide genau das Selbe dachten hatten sie kein Problem damit, das Gurgeln aus der Kehle des jeweils anderen zu verstehen.

„WILLST DU MICH VERARSCHEN?!“


Kommentare

  • Author Portrait

    Toll! Diese Überraschung ist dir gelungen! :-)

beta
Feenstaub

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