Kapitel 2

"Und das sind die Toiletten", beende ich meinen Satz und mache eine Handbewegung in Richtung Toiletten. Ich habe ihm bereits zwei Drittel der Schule gezeigt und habe keinen Bock mehr. Wie kann jemand nur so aufdringlich sein? Er steht an die dunkel gestrichene Wand angelehnt und beobachtet eher mich als die Toiletten. Das tut er schon die ganze Zeit und das nervt. "Fragen?", frage ich laut und klinge dabei genervter als gewünscht. Einer seiner Mundwinkel wandert belustigt in die Höhe:"Nein! Abgesehen von einer." Ich schaue ihn fragend an:"Und die wäre?" Nun wird aus seinem leichten Grinsen ein verschmitztes Lächeln:"Wurdest du mit mir in den Pause zwischendurch auch mal dahin verschwinden, um etwas Verbotenes zu tun?" Bei dem Wort "Verboten" wird seine Stimme tief und verführerisch. Ich verdrehe genervt die Augen. "Niemals", sage ich sofort. Meine Stimme klingt kalt. Ich mache auf dem Absatz kehrt und mache mich auf den Weg zurück zu den Treppen. Aus den Augenwinkeln sehen teils beleidigten und teils traurigen Blick. "Liegt nicht an dir", füge ich dann schnell hinzu, da er mir nun doch etwas leid tut. Ich höre seine schnellen Schritte auf dem Linoleumboden, als er mir zur Treppe folgt:"Woran dann?" Ich zucke mit den Schultern, während ich die Treppe nun langsam, Stufe für Stufe, empor klettere:"Ich tue sowas generell nicht?" Plötzlich steht er neben mir:"Sowas? Was meinst du?" "Verbotenes", sage ich schnell. "Das heißt du hast noch nie mit einem Typen an einem öffentlichen Ort rum gemacht?", fragt er interessiert. Ich schaue ihn irritiert an und sage dann entrüstet:"Nein, das würde ich niemals tun." Ein leichtes Grinsen huscht über seine Lippen:"Das müssen wir auf jeden Fall mal nach holen!" Meine Augenbrauen erheben sich belustigt:"Wir? Du und ich?" "Ja! Nur du und ich", sagt er und ist sich seiner Sache bereits ziemlich sicher. Ich breche in Gelächter aus und er schaut mich erschrocken an:"Nicht in eintausend Jahren!"

Als es zur Pause läutet, schaue ich mich im Klassenraum um. So gut wie Keiner macht sich die Mühe die Klasse zu verlassen. Abgesehen von mir! Ich nehme brav meine Jacke vom Harken und streife sie über. Dann setze ich auch noch meine rote Mütze auf. Beide Kleidungsstücke sind vom morgendlichen Schnee noch feucht, doch das macht mir nichts aus. Ich ziehe den Reisverschluss zu und verlasse die Klasse. Auf den Fluren riecht es nach Weihnachten. Würde mich jemand bitten diesen Geruch zu beschreiben, würde ich wahrscheinlich nicht antworten können, doch für mich und meine Schwester hatte dieses Fest immer so einen besonderen Geruch, der in uns Beiden die Vorfreude geweckt hat. Dieser Geruch erinnert mich daran, dass es noch lediglich zwei Wochen bis Weihnachten sind. Mein erstes Weihnachtsfest ohne meine Schwester. Wir waren Zwillinge, doch konnten unterschiedlicher nicht sein.

Ihre Haare waren seidig weich und blond, während meine lange und dunkelbraun sind. Jedoch trage ich sie in der Schule eher zu einem Pferdeschwanz oder einem Knoten gebunden. Schließlich bin ich nicht hier, um an einem Schönheitswettbewerb teil zu nehmen, obwohl ich mir manchmal so vor komme, als wäre es so. Ihre Augen hatten ein wunderschönes Blaue, während meine eher ein dunkles Moosgrün haben.

Ich steige langsam die Treppe hinab, bis ich im Erdgeschoss ankomme. Dabei werde ich fast von zwei Siebtklässlern umgerannt, die fangen zu spielen scheinen. Auf einmal hält mir jemand die Augen von hinten zu. Wer kann das sein? Ich habe schließlich keine Freunde. Ich hasse es nichts sehen zu können und bekomme leichte Panik. "Hör auf!", sage ich laut und bestimmt, doch nichts geschieht. Meine Angst wächst. Ich bekomme schnell Angst, wenn ich nichts sehen kann. Ich lege meine Hände an die der Person hinter mir und wiederhole meine Bitte. Wieder keine Reaktion. Das kann kein Freund sein! Ich versuche die Hände weg zu schieben. Plötzlich kann ich vom einen auf den anderen Moment wieder sehen und die Person hinter mir flucht laut:"Mist! Was war das denn?" Ich drehe mich wütend um. Hinter mir steht Jason und schüttelt aufgebracht seine Hände, auf denen sich rote Flecken in der Form meiner, deutlich kleineren Hände, gebildet haben. Ich schubse ihn leicht:"Hey Jason. Was sollte das?" "Das sollte ich dich wohl eher dich fragen", zischt er hinter zusammen gebissenen Zähnen. Ich schaue ihn verwirrt an:"Was? Wieso das?" Er hält mir seine Hände theatralisch entgegen, sodass ich seine knallroten Hände betrachten kann. Auf seinem Handrücken bilden sich langsam kleine Bläschen. Ich schaue angewidert weg:"Na und? Kann ich doch nichts für!" "Ach nein? Und wieso war das dann grade noch nicht da?", fragt er. In seiner Stimme schwingt etwas sehr gefährliches mit. "Woher soll ich das denn bitte wissen und jetzt lass mich in Ruhe", sage ich und stapfe sauer davon.

Ich höre jedoch Jasons Schritte hinter mir und drehe mich zu ihm um. Er bahnt sich, mit zu Fäusten geballten Händen, hinter mir her einen Weg durch die Menge. Zu meinem Entsetzen machen die Anderen ihm Platz. Mir ist zwar nicht bewusst, was ich getan haben soll, doch ich weiß, dass diese Auseinandersetzung für mich nicht gut ausgehen wird. Ich beginne zu rennen und mache mich so schnell ich kann auf den Weg nach draußen, um nach Hilfe zu suchen. Dort wird er mich hoffentlich zwischen den Anderen verlieren. Immer wieder rempele ich versehentlich Leute an, die sich daraufhin mit verächtlichen Blicken zu mir umdrehen. Ich laufe jedoch einfach weiter. Nach kurzer Zeit komme in den Flur, der nach draußen führt. Er ist fast ganz leer. Ich drehe mich erneut um und sehe, dass Jason sich nun an das eine Ende des Flurs gestellt hat. Mist, das ist nicht gut.

Ich bin an dem Ende angekommen, an dem er nicht steht und drücke die Türklinke herunter, doch die Tür schwingt nicht wie erwartet auf. Was? Nein, das darf nicht sein. "Mist. Abgeschlossen", fluche ich und beginne ängstlich an der Klinke zu rütteln. Zwar hat Jason mich noch nie bedroht, doch ich bin mir zu einhundert Prozent sicher, dass er nicht davor zurück schrecken wird es zu tun. Ich drehe mich wieder zu ihm herum und schaue mit verkniffenem Gesicht zu wie er langsam und mit einem siegessicheren Grinsen auf den Lippen auf mich zu kommt. Ich versuche mich ganz klein zu machen. Dieser Junge ist gefährlich. Das weißt jeder. Erst letztens hat er einen Älteren ins Krankenhaus gebracht. Und das nur zum Spaß. Es wurde erzählt, dass der Ältere operiert werden musste, doch das habe ich bisher nicht so richtig geglaubt. Nun bin ich mir da nicht mehr so sicher.

Jason steht nun nur noch einige Meter von mir entfernt und sieht mich triumphierend an. Dann packt er mich und drückt mich gegen die hölzerne Tür. Ich keuche erschrocken auf, als das Holz gegen meine Rücken stößt und mein Kopf feste dagegen gerammt wird. Mir wird kurz schwindelig, doch das legt sich glücklicherweise innerhalb von wenigen Sekunden wieder. Er hebt eine Hand gegen mich und ein tiefes Lachen verlässt seine Kehle. Ich schließe, den Schlag bereits vorher leicht spürend, die Augen und warte. Das Adrenalin durchzuckt meinen Körper. Ich habe Angst und weiß, dass ich keine Chance auf Gnade habe. Ich spüre den Luftzug, als sein Arm durch die Luft rast und wappne mich, doch da ist kein Schmerz.

Kein Schlag. Keine harte Faust an meinem Körper. Ich öffne verwirrt die Augen. Vor mir steht Dean. Jasons Hand durch Deans von mir abgeschirmt. Ich schaue Dean verwundert an und bin ihm verdammt dankbar. Wie hat er mitbekommen, dass ich in Gefahr bin? Wie konnte er genau im rechten Moment hier sein? Ist er vielleicht sowas wie ein Hellseher. Eine Träne läuft mir über die Wange. Das war verdammt knapp. Dann fällt mir Jasons verkniffener Gesichtsausdruck auf. Sein Gesicht ist ganz rot und sein Arm zittert, während Dean entspannt da steht und Jasons Faust einfach locker fest hält.

Plötzlich dreht Dean Jasons Faust in einer flüssigen Bewegung um und es ist ein lautes Knacken zu hören. Ich schaue ihn verwirrt an. Hat er Jason gerade die Hand gebrochen? Wenige Sekunden später folgt ein lauter, schmerzerfüllter Schrei von Jason, der meine These bestätigt. Ich zucke zusammen und halte mir die Ohren zu. Dean lässt Jason los und flüstert ihm etwas ins Ohr. Was Dean von sich gibt und Jason so ängstlich nicken lässt, kann ich aber leider nicht verstehen. Schade! Jason nickt. In seinen Augen sehe ich auf einmal eine tiefe Verletzlichkeit, die mir zuvor nie aufgefallen ist. Vielleicht kommt sie auch erst in diesem Augenblick wirklich zum Vorschein. Dann dreht Jason sich auf Deans nicken hin um und geht. Ich starre ihm hinterher. Dean muss ein Arschlochflüsterer sein. Dabei ist er doch eigentlich selbst eins.

Als Dean sich zu mir umdreht, sehe ich einen fremden Ausdruck in seinen tiefschwarzen Augen. Etwas bedrohliches, doch als er mich sieht, wird sein Blick weich. Er lächelt mich sanft an:"Geht es dir geht?" Ich nicke. Der Schock sitzt mir noch tief in den Knochen und ich habe das Gefühl kein Wort heraus bringen zu können, doch zu meiner Überraschung bringe ich ein leises "Danke" zustande. Er lächelt matt und nimmt meine Hand. Seine in meiner fühlt sich kühl, aber auf eine unerklärliche Weise auch beruhigend, an. Er zieht mich sanft zu sich und drückt mich an sich. Ich lasse es zu, obwohl es mir unangenehm ist in seinen Armen zu liegen. Mit der Hand, die er nicht in meine gelegt hat, fährt er langsam über meinen Rücken. Als er einen besonders stark schmerzenden Teil berührt, zucke ich unter seiner Berührung zusammen. Er nimmt seine Hand schnell weg und flüstert mir etwas ins Ohr:"Darum solltest du dich lieber kümmern, wenn du zu Hause bist." Ich nicke und lege meinen Kopf auf seine Schulter. Seine Körpersprache zeigt mir, dass ihm das gefällt.

Plötzlich fällt mein Blick auf mein Handgelenk. Es ist leer. Von dem Armband, welches mir meine Schwester geschenkt hat keine Spur, da fällt mir ein, dass ich es in der Klasse gelassen habe. Komisch, das mache ich doch sonst nie.  

Kommentare

beta
Feenstaub

Navigation

Sprachen

Social Media