Kapitel 2

Gespannt wartete Alexandra vor den Fahrstühlen darauf, dass einer im Erdgeschoss für sie ankam. Noch mehr als am Tag zuvor freute sie sich auf ihre Arbeit. Dank der Einführung durch Katharina war ihr rasch klargeworden, dass die Morgenpost nicht umsonst als führendes Medium galt, insbesondere wenn es darum ging, Online Content und klassische Tageszeitung clever miteinander zu kombinieren. Sie konnte es kaum abwarten, endlich selbst in die Tasten hauen zu dürfen und den Webauftritt mit eigenen Artikeln zu füllen.

Ein leises Pingen zu ihrer Rechten verkündete endlich die Ankunft eines Fahrstuhls. Sie wollte gerade den Knopf für das zehnte Stockwerk betätigen, da wurde sie auf einen braunhaarigen Mann aufmerksam, der winkend und mit großen Schritten auf den Fahrstuhl zusteuerte. Rasch wählte sie den Knopf, der die Türen offenhielt und wartete, bis er zu ihr eingestiegen war.

„Danke“, sagte er, kaum dass er neben ihr angekommen war, und wirkte trotz des zügigen Schrittes kaum außer Atem: „Morgens herrscht immer Hochbetrieb mit den Fahrstühlen. Ich wette, ich hätte zehn Minuten auf den nächsten warten müssen und dann wäre ich schon wieder zu spät gewesen!“

Lächelnd schaute Alexandra zu dem hochgewachsenen Mann auf. Selbst durch die eher locker sitzende, moderne Kleidung hindurch konnte man deutlich sehen, dass dieser Mensch regelmäßig ins Fitnessstudio ging – seine breiten Schultern und die muskulösen Oberarme waren kaum zu übersehen.

Während der Fahrstuhl sich endlich in Bewegung setzte, musterte ihre Begleitung sie eingehend. Dann, als sei ihm plötzlich ein Licht aufgegangen, schlug er ihr spielerisch auf die Schulter: „Mensch, du bist doch die Neue! Willkommen im Team.“

Verlegen schaute Alexandra zur Seite. Jetzt, nachdem er es gesagt hatte, kam ihr sein Gesicht tatsächlich bekannt vor. Doch bei der Redaktionskonferenz am Vortag waren ihr so viele verschiedene neue Kollegen auf einmal vorgestellt worden, dass sie sich kaum einen Namen zu einem Gesicht hatte merken können. Vorsichtig, um nicht zu unhöflich zu wirken, erwiderte sie: „Danke. Ich glaube, ich habe deinen Namen vergessen …“

Zu ihrem Entsetzen wurde der Blick des Mannes sehr streng. Er verschränkte seine Arme vor der Brust – was nur noch mehr betonte, wie trainiert er war – und schaute sie von oben herab an: „Das ist aber eine ziemlich schwache Leistung. Wir arbeiten im selben Team und ich wurde dir gestern persönlich vorgestellt. Wäre besser, wenn du ein bisschen mehr auf deine Umgebung achten würdest.“

Sprachlos starrte Alexandra zu dem Mann auf. Sie spürte deutlich, dass sie tiefrot anlief, und trotzdem hatte sie das Gefühl, dass er ein bisschen übertrieb und unfair zu ihr war. Oder wurde wirklich von ihr erwartet, dass sie nach dem ersten Tag jeden kannte?

Ihr Entsetzen musste ihr deutlich ins Gesicht geschrieben sein, denn es dauerte nur einen Moment, ehe ihr Gegenüber in schallendes Gelächter ausbrach und ihr erneut auf die Schulter klopfte: „War nur ein Spaß! Ehrlich. Als ob irgendwer sich alle Namen merken könnte. Ich verarsch dich nur. Lachen ist gesund, also mach dich locker.“

Alexandra wusste nicht, ob sie erleichtert sein sollte oder eher wütend, dass er sie so hereingelegt hatte. Da sein Lachen jedoch ansteckend wirkte und es wahrlich keinen Grund gab, mit einem Kollegen Streit anzufangen, nutzte sie die Gunst der Stunde und streckte ihre Hand aus: „Na schön. Du hast mich drangekriegt. Dafür erwarte ich jetzt aber auch, dass du dich vernünftig vorstellst!“

Grinsend packte er ihre Hand: „Matthias Hahn. Wie du im Online Content. Dreißig Jahre alt, Spaßvogel und … Single“, fügte er mit einem Augenzwinkern hinzu.

Kopfschüttelnd eroberte Alexandra ihre Hand zurück, die Matthias einen Moment zu lange festgehalten hatte: „Angenehm. Dass ich Alexandra bin, weißt du natürlich schon.“

Gemeinsam verließen sie den Fahrstuhl, Alexandra noch immer etwas durch den Wind, Matthias hingegen fröhlich plaudernd. Er begleitete sie zu ihrem Platz – um zu sehen, wo sie saß, falls er Sehnsucht bekam, wie er es ausdrückte – und verabschiedete sich dann mit einem weiteren Augenzwinkern und dem Hinweis, dass man sich ja in Kürze bei der Redaktionskonferenz wiedersehen würde.

„Na, neue Bekanntschaften geschlossen?“, wurde sie von Katharina begrüßt, die bereits auf ihrem Platz saß und durch ihr Mailpostfach scrollte.

„So kann man es ausdrücken“, nickte Alexandra, während sie ihre Tasche ablegte und den schweren Wintermantel an die Garderobe hängte. Es war ihr schleierhaft, wie man bei diesen Temperaturen nur mit einem Pullover auskommen konnte, aber ein Muskelberg wie Matthias fror vermutlich nie.

„Freut mich“, nahm ihre schwarzhaarige Kollegin den Faden wieder auf, ehe sie sich schwungvoll auf ihrem Bürostuhl zu ihr umdrehte und unter ihren langen, falschen Wimpern zu ihr hinaufblickte: „Matthias ist im selben Team wie du, ihr werdet euch sicher prächtig verstehen.“

Damit drehte sie sich wieder um. Genervt ließ Alexandra sich in ihren Stuhl fallen. Sie hatte den Unterton und den Blick genau verstanden. Warum war Kathi so gehässig? Hatte sie Interesse an Matthias und wollte nicht, dass eine andere Frau in seiner Nähe war? Dazu passte der abfällige Blick, den sie ihm hinterher geschickt hatte, jedoch kaum. Kopfschüttelnd schaltete sie ihren eigenen PC an, um vor der Redaktionskonferenz ein wenig im Intranet, der internen Datenbank für alles, zu stöbern. Sie würde schon noch ihre Gelegenheit bekommen, um die sozialen Gruppen an ihrem Arbeitsplatz genauer unter die Lupe zu nehmen.

Um kurz vor halb zehn erhob sich Katharina und bedeutete Alexandra, ihr zur Redaktionskonferenz zu folgen. Bewaffnet mit ihrem Handy, einem Block und Kugelschreiber, kam sie der Aufforderung nach. Vielleicht würde ihr es ja heute gelingen, zumindest eine kleine Story abzubekommen. Irgendetwas, das ihr das Gefühl gab, tatsächlich als Journalistin bei einer Zeitung angestellt und nicht bloß eine Praktikantin zu sein, die zuschauen und Kaffee kochen durfte.

Wie am Vortag blieb Alexandra direkt an die Wand neben der Tür gelehnt stehen. Es gab nicht genügend Stühle in diesem Konferenzraum und auch, wenn die Hierarchien hier angeblich flach gehalten wurden, so war ihr doch bewusst, dass ihr noch lange kein Sitzplatz zustand.

„Na, hast die halbe Stunde ohne mich überlebt?“

Überrascht schaute Alexandra zu ihrer Rechten, wo sich im Gewusel der anderen Redakteure Matthias beinahe unbemerkt neben sie geschlichen hatte. Er grinste sie breit an, ebenfalls Block und Stift in der Hand. Sie erwiderte das Lächeln: „Gerade so.“

Lachend gab er ihr einen kleinen Schubser mit seiner Schulter, doch da in diesem Moment der Chefredakteur den Raum betrat, blieb keine weitere Zeit für ein Gespräch. Interessiert bemerkte Alexandra, dass Matthias tatsächlich ebenso wie sie stehen blieb, obwohl er, wie sie dem Intranet hatte entnehmen können, schon seit über fünf Jahren hier arbeitete. Wollte er ihr Gesellschaft leisten oder hatte er sich das Recht auf einen Sitzplatz in der Konferenz noch nicht erarbeitet?

Aufmerksam lauschte sie den Ausführungen der einzelnen Ressortleiter, die jeweils alle geplanten Artikel für den nächsten Tag auflisteten, ehe die übrigen Redakteure andere Vorschläge machten und diskutierten, welche Geschichten es tatsächlich wert waren, gedruckt zu werden. Alexandra machte sich nebenbei Notizen darüber, welche Politiker in welchen Zusammenhängen erwähnt wurden, wie die Ressortleiter und der Chefredakteur die einzelnen politischen Richtungen bewerteten und wo sich Redakteure zu gemeinsamen Positionen zusammenschlossen. Sie kannte den Ablauf von Redaktionskonferenzen und wusste, wenn man kein eigenes Thema auf der Agenda hatte, konnte man sich schnell langweilen, weswegen sie vor Monaten angefangen hatte, während ihrer Praktika bei anderen Zeitungen die Konferenzen nach immer demselben Schema zu analysieren.

Stück für Stück wurden die einzelnen Ressorts abgearbeitet, bis schließlich Lokales auf der Tagesordnung stand. Katharina, die einige Meter entfernt von ihr saß, meldete sich: „Ich habe heute den Termin auf dem Ungarischen Markt. Für morgen ist da ja eine Reportage auf Seite zwei im Lokalteil geplant. Ich werde vermutlich den ganzen Vormittag auf dem Markt verbringen, da sogar der zweite Bürgermeister anwesend sein wird. Wir brauchen also jemanden, der an meiner Stelle auf unsere Volontärin aufpassen kann.“

Alexandra presste ihre Kiefer zusammen. Ihr gefiel der Tonfall nicht, in dem Katharina gesprochen hatte. Er suggerierte, dass sie ein kleines Mädchen war, das nur Unfug anrichten würde, wenn man es allein ließ. Und überhaupt, wieso konnte sie nicht mit zu diesem Außentermin kommen? Sie war zwar für Lokales nicht zuständig, aber da sie derzeit sowieso nur lernen sollte, konnte sie genauso gut Katharinas Termine mitnehmen.

„Kein Ding, ich kann einspringen“, erklärte sich Matthias neben ihr bereit: „Ich hab heute nur Textarbeit, da kann mir Alexandra gut über die Schulter schauen. Und wir sind ja eh im selben Team.“

Dankbar lächelte sie ihn an. Kurz hatte sie befürchtet, dass es zu einer unangenehmen Situation kommen könnte, wenn niemand der anwesenden Redakteure diese weitere Belastung ihrer Betreuung auf sich nehmen wollte, doch Matthias hatte sie davor bewahrt. Er zwinkerte ihr verschwörerisch zu.

„Das ist ein guter Vorschlag“, ergriff ihr Chef Herr Baumann das Wort: „Dann bist du mir heute für sie verantwortlich, Matthias. Ich verlasse mich auf dich.“

„Geht klar, Boss“, nickte Matthias und salutierte lachend.

Kurz darauf waren alle weiteren Themen abgesprochen und die Konferenz löste sich auf. Matthias bedeutete Alexandra, dass sie ihm direkt folgen sollte, was sie nur zu gerne tat. Solange sie ihr Handy und etwas zu schreiben bei sich hatte, brauchte sie ihre Tasche oder sonstigen Dinge nicht, und so gab es keinen Grund, zu ihrem Schreibtisch zurückzukehren.

„Also“, fing Matthias an, nachdem er sich schwungvoll in seinen Bürostuhl hatte plumpsen lassen, die Arme hinter dem Kopf verschränkt: „Kathi hatte dich ja zum Fressen gern, was?“

Unwillkürlich entfuhr Alexandra ein Lachen. Dass ein Mann wie Matthias so offen mit Lästern anfangen würde, hätte sie nicht gedacht. Unwohl blickte sie sich im Raum um, doch da sein Schreibtisch in einer der Ecken stand und generell noch Unruhe nach der Konferenz herrschte, schien niemand seinen Kommentar mitbekommen zu haben. Und Katharina war bereits auf dem Weg zu ihrem Termin.

„Tja, was soll ich sagen?“, erwiderte Alexandra zögerlich, während sie sich halb an seinen Schreibtisch lehnte, halb darauf zu sitzen kam: „Wir sind alte Freunde.“

„Ach, daher weht der Wind“, meinte Matthias nachdenklich, ehe er sich an den Tisch ran zog und sein Kinn nachdenklich auf seinen gefalteten Händen ablegte: „Ich hatte mich schon gewundert, wie es dir gelungen ist, so schnell auf ihre schlechte Seite zu kommen.“

Unwillig blies Alexandra die Wangen auf: „Bin ich das denn?“

Er legte den Kopf schräg, um zu ihr hinauf zu spähen: „Schätzchen, wenn man mich so in der Redaktionskonferenz behandeln würde, wie sie es gerade getan hat, hätte ich nicht die Klappe gehalten. Du bist doch kein Frischling, oder sehe ich das falsch?“

Verdrießlich verschränkte sie ihre Arme vor der Brust: „Du hast ja Recht. Ich fand das auch blöd von ihr. Vor allem verstehe ich es nicht. Sie war ganz begierig darauf, mir zu helfen, warum also jetzt das Theater?“

Matthias richtete sich wieder auf: „Tja, sie hilft eben gerne, unsere Kathi. Du wirst schon noch verstehen, wie sie tickt.“

„Ich war jahrelang mit ihr befreundet“, gab Alexandra zu bedenken.

„Na, dann sollte dir doch alles klar sein, mh?“, erwiderte er achselzuckend. Als wäre das Thema damit erledigt, weckte er seinen Rechner wieder auf und öffnete ein Fenster mit einem Artikel, an dem er gerade arbeitete: „Hier, ich schreibe gerade einen Artikel aus der gestrigen Ausgabe um, damit er nach dem Mittag online gehen kann. Am besten erklär ich dir einfach, worauf wir beim Umschreiben so achten.“

Kurz noch starrte Alexandra den Mann vor ihr an, dann gab sie sich einen Ruck. Sie kannte Katharina in der Tat gut genug, um ihre Motive zu durchschauen, auch wenn sie unwillig war, ihr direkt so etwas Negatives zu unterstellen. Doch das war jetzt nicht wichtig. Hier war jemand, der gewillt war, ihr wirklich etwas beizubringen, und sie würde diese Gelegenheit am Schopfe packen. Rasch zog sie sich vom Nachbarschreibtisch, der gerade unbesetzt war, den Stuhl heran, dann fokussierte sie ihre ganze Aufmerksamkeit auf das, was Matthias zu erzählen hatte.

 ***


„Stell dich nicht so an, es ist überhaupt nichts dabei!“

Nervös kaute Alexandra auf ihrer Unterlippe, während sie sich beeilte, mit den ausgreifenden Schritten von Matthias mitzuhalten. Natürlich hatte sie seine Einladung angenommen, mit ihm in der Cafeteria das Mittagessen einzunehmen, doch als er ihr eröffnet hatte, dass er sich da mittags immer mit ihrem Ressortleiter traf, war ihr Enthusiasmus geschwunden. Sollte sie sich wirklich als absoluter Neuling einfach so auf diese Ebene der Bekanntschaft einlassen? Sie bevorzugte es, wenn sie von ihren Chefs immer einfach nur als Chef denken konnte und nicht darüber nachdenken musste, was sie für Menschen waren oder was sie von ihr hielten. Jeder nähere Kontakt machte dieses distanzierte, professionelle Verhältnis schwieriger.

„Schön“, gab sie schließlich nach: „Es ist ja nur ein Essen am Arbeitsplatz.“

„Du hast echt einen Stock im Arsch“, meinte Matthias, doch es klang nicht einmal böse, eher erstaunt.

Sie schnitt eine Grimasse: „Ich neige dazu, zu viel auf die Urteile anderer Menschen über mich zu geben. Ist reiner Selbstschutz, dass ich keine persönlichen Verhältnisse zu Menschen aufbauen mag, die mich irgendwann in Zukunft vielleicht mal kritisieren oder gar feuern müssen.“

Er stellte sich vor sie in die Reihe zur Essensausgabe, drehte sich jedoch bei ihren Worten überrascht um: „So habe ich das noch nie betrachtet. Eigentlich müssten dann ja unsere Chefs am meisten Interesse dran haben, nicht zu dicke mit uns zu sein. Ist schließlich schwer, einen Freund zu feuern.“

Alexandra sah ihn nur mit einem Genau-das-meine-ich-Blick an. Die Lautstärke der übrigen Gespräche um sie herum sorgte dafür, dass sie schreien musste, um sich verständlich zu machen. Glücklich, schnell in der Schlange vorwärts und vor allem zu ihrem Essen zu kommen, nahm sie den tiefen Teller mit Nudeln entgegen und folgte dann ihrem Arbeitskollegen, der zielstrebig auf einen noch freien Platz am Fenster zusteuerte.

Sie hatten sich kaum gesetzt, da nahm tatsächlich ihr Vorgesetzter, Philipp Baumann, ihr gegenüber Platz. Sie begrüßte ihn vorsichtig mit einem leisen Hallo, das er ebenso vorsichtig erwiderte, dann drehte er sich zu Matthias neben ihm um: „Ich sehe, du kümmerst dich gut um unseren Neuzugang?“

Mit bereits einem Löffel voller Nudeln im Mund erwiderte der: „Klar! Nicht viele finden Online cool, die muss man sich warm halten.“

Grinsend registrierte Alexandra, dass es offensichtlich eine von anderen Menschen wenig geliebte Angewohnheit seinerseits war, mit vollem Mund zu sprechen; der genervte Blick ihres Chefs war eindeutig. Nachdem sie betont ihren Bissen gekaut und runtergeschluckt hatte, sich den Mund vorbildlich mit der Serviette abgewischt und einen Schluck Wasser genommen hatte, wandte sie sich mit einem neckischen Grinsen an ihren neuen Arbeitskollegen. Die Frage jedoch war ernst gemeint: „Wieso sollte man Online uncool finden? Was gibt es heutzutage bitte, das cooler als das Internet ist?“

Matthias wollte zu einer Antwort ansetzen, doch da er noch immer – oder besser: wieder – den Mund voll hatte, legte Herr Baumann ihm eine Hand auf die Schulter und übernahm das für ihn: „Die Sache ist leicht erklärt: Alle Zeitungen heutzutage kämpfen damit, dass sie in Zeiten von Twitter und Livestreams zu langsam geworden sind. Etwas Bedeutendes geschieht und die Printausgabe berichtet erst am nächsten Tag davon? Da ist es praktisch schon Schnee von gestern.“

Verwirrt rollte Alexandra ihre Spagetti mit der Gabel auf: „Aber gerade darum ist es doch gut und wichtig, dass es einen Online-Auftritt gibt, der von einem eigenständigen Team gepflegt wird?“

Das Gesicht ihres Chefs wurde zu einer starren Maske: „Ja, das sehe ich auch so.“

Damit war ihre Frage noch immer nicht beantwortet, im Gegenteil. Hilfesuchend wandte sie sich an Matthias, der inzwischen seine Portion aufgegessen und gesprächsbereit war: „Unterschätze mal nicht, was Existenzangst in Menschen auslösen kann. Die ganzen Anhänger der traditionellen Zeitung bibbern doch bloß, dass sie bald überflüssig werden, weil keiner mehr echte Zeitung liest und wir mit Online so einen guten Job machen.“

Ehe Alexandra darauf etwas erwidern konnte, tauchte eine neue Person am Tisch auf und ließ sich ohne Einladung auf dem Stuhl neben ihr nieder. Entsetzt registrierte sie, dass es Stefan Winkler, der Ressortleiter für Politik war. Nun saß sie schon mit zwei Chefs an einem Tisch und dieser hier war ihr nicht geheuer. Seine lockere Art hatte ihr den ersten Kontakt erleichtert, aber gleichzeitig wusste sie bei ihm im Gegensatz zu Herrn Baumann nicht, woran sie war.

„Ich sehe, ihr klärt unsere unbedarfte Volontärin über die Machtverhältnisse in der Redaktion auf?“, begrüßte er die Runde. In seinen Augen funkelte der Schalk, während er gemütlich die Serviette auf seinem Schoß ausbreitete – eine Geste, die Alexandra noch nie bei anderen Menschen außer sich selbst beobachtet hatte – und sich seinen Nudeln widmete.

Sie beschloss, seinen Seitenhieb zu ignorieren und stattdessen beim Thema zu bleiben: „Zeitungen werden vielleicht weniger gekauft, aber ich bezweifle, dass sie ganz verschwinden. Sie leisten was ganz anderes als Online-Content. Ich meine, wir sind die ganze Zeit mit Twitter und Co beschäftigt, richtig. Wir müssen alle News direkt aufgreifen, in eigene Artikel verwandeln und das dann über die Sozialen Netzwerke bewerben. Eine Tageszeitung ist da langsamer und das ist doch gerade gut. Mit dem Argument, dass die Schnelllebigkeit des Internets irgendwann Tageszeitungen überflüssig macht, müssen Nachrichtenmagazine, die nur wöchentlich oder gar monatlich erscheinen, doch schon längst verschwunden sein. Sind sie aber nicht, weil sie eine andere Art von Inhalt liefern: Tiefergehender, fundierter, mit mehr Zeit für Recherche.“

Ein lautes Lachen ertönte neben ihr: „Sind Sie sich sicher, dass Sie in Online richtig aufgehoben sind, Frau Berger?“

Errötend blickte Alexandra zu ihrem direkten Vorgesetzten hinüber. Hatte sie jetzt etwas Falsches gesagt und ihn beleidigt? Nahm er ihre Verteidigung des klassischen Mediums persönlich? Doch ehe sie die noch immer erstarrte Maske von Herrn Baumann interpretieren konnte, lenkte Matthias ab: „Woah, Stefan, was geht? Du siezt sie?“

„Matthias!“, fuhr sie ihn beschämt an. Wie konnte ein Mensch nur so direkt sein und alles offen aussprechen, was er dachte? Gerade, wenn das Siezen etwas Besonderes war, war es mehr als taktlos, das für alle offen auf den Tisch zu legen. Und sie hatte gerade wahrlich keine Lust zu erklären, dass das ihr Wunsch gewesen war.

„Ich kenne Frau Berger kaum einen Tag“, erklärte derweil Herr Berger gelassen: „Ich muss doch nicht jedem direkt das Du anbieten. Immerhin bin ich auch irgendwo ihr Chef, nicht nur Philipp hier.“

Dankbar lächelte Alexandra ihn an, doch er hatte seine Augen stur auf Matthias fixiert. Als jener den Mund zu einer Erwiderung öffnete, hob Herr Winkler eine Augenbraue, was Matthias direkt zum Schweigen brachte. Dann erst warf er ihr ein verschwörerisches Zwinkern zu, das von den anderen beiden unbemerkt blieb. Vielleicht war dieser Mann doch gar nicht so übel.

„Weißt du, was das eigentliche Problem ist?“, nahm Herr Winkler das Gespräch wieder auf: „Redakteure wie du.“

Matthias rollte nur mit den Augen: „Jetzt kommt das wieder.“

Als hätte er die Bemerkung gar nicht gehört, fuhr der Politik- Chef fort: „Du redest, als wärst du in der Gosse großgeworden. Deine Texte sind schlicht gestrickt. Du hast nicht einmal eine Ausbildung.“

Alexandra presste ihre Handflächen fest auf ihre Oberschenkel, um sich davon abzuhalten, wütend auf den Tisch zu schlagen. Wenn das der übliche Umgangston hier war, würde sie nicht glücklich. Und gerade hatte sie noch gedacht, dass Herr Winkler vielleicht doch gar kein so schlechter Mensch war.

„Weißt du, Stefan“, entgegnete Matthias, der äußerlich absolut unbeeindruckt von den Beleidigungen schien: „Du kannst mir das alles vorhalten, wie du willst. Meine Artikel bringen die meisten Klicks auf unsere Website. Das ist das Einzige, was zählt.“

Ein Husten, aus dem ganz deutlich das Wort „Clickbait“ herauszuhören war, war die einzige Antwort, die er bekam. Immer noch ohne sichtbare Regung, zuckte Matthias mit den Schultern und nickte Alexandra zu: „Bist du fertig? Die Mittagspause ist fast um.“

Rasch beeilte sie sich, ihre Nudeln aufzuessen. So gerne sie normalerweise auch Streitigkeiten zwischen anderen Menschen zuschaute, das direkt am selben Tisch mitzuerleben und irgendwie zwischen den Fronten zu stehen, war ihr trotzdem unangenehm. Sie wünschte, sie wäre ihren Prinzipien treu geblieben und hätte sich geweigert, sich zu ihrem Chef an den Tisch zu setzen. So beendete die kleine Gruppe das Essen schweigend, ehe Matthias, kaum dass Alexandra aufgegessen hatte, mit einem Kopfnicken aufstand. Sie selbst verabschiedete sich höflich von ihren beiden Vorgesetzten und eilte ihm dann zur Tablettrückgabe nach.

„Ist er immer so?“, fragte sie leise, als sie zurück im Büro waren.

„Stefan? Jo. Immer.“

Alexandras Gesicht verfinsterte sich, während sie sich auf ihren Stuhl sinken ließ: „Er mag ja dein Chef sein, aber ich finde es trotzdem nicht richtig, dass er so mit dir redet.“

Matthias schnappte sich einen Kugelschreiber und ließ ihn durch seine Finger tanzen: „Ich habe mich dran gewöhnt. Er ist halt was Besseres. Abgeschlossenes Studium, steile Karriere. Du solltest mal seine Artikel lesen. Manche meinen ja, jeder Satz aus seiner Feder wäre ein Kunstwerk.“

Achselzuckend ließ er den Stift auf den Schreibtisch fallen: „Mich kümmert das nicht. Ich weiß, dass ich nicht so schreiben kann. Aber ich mach meine Arbeit und ich mach sie gut, daran kann selbst er nichts rütteln.“

„Ich finde es trotzdem unfair, dass er so über dich redet“, beharrte sie.

„Wenn wir unter uns sind, ist Stefan ein guter Kerl“, wiegelte Matthias ab: „Wir verstehen uns eigentlich. Nur in der Gegenwart anderer … naja, eigentlich hauptsächlich bei Frauen, da fühlt er wohl manchmal die Not, den Dicken zu markieren. Da zeigt er dann seine intellektuelle Überlegenheit und demonstriert, wie krass er drauf ist, dass er den Mumm hat, mir das ins Gesicht zu sagen! Das imponiert den meisten Frauen schon.“

Alexandra rollte nur mit den Augen: „Es ist kein guter Charakterzug, sich selbst auf Kosten anderer in Szene zu setzen.“

Matthias jedoch lachte nur: „Das geht schon in Ordnung. Immerhin sagt er mir das ins Gesicht. Ich weiß, dass andere genauso denken, aber die sagen das nur hinter meinem Rücken. Deine Freundin Kathi zum Beispiel.“

Unwillkürlich wanderte Alexandras Blick dahin, wo ihr Schreibtisch neben jenem von Katharina stand: „Echt? Ausgerechnet Katharina?“

Er nickte bestätigend: „Sie ist eine Meisterin darin, dich ihre Verachtung spüren zu lassen, aber in Worte packte sie das nie, zumindest nicht offen. Hintenrum, ja, immer und jederzeit, wenn sie weiß, dass andere ihrer Meinung sind.“

„Aber sie ist doch nun auch nicht gerade …“, setzte Alexandra an, doch sofort unterbrach sie sich. Sie wollte nicht schlecht über Katharina reden, schon gar nicht mit jemandem, den sie so kurz erst kannte. Sie hatte kein Recht, über irgendjemanden Urteile zu fällen. Seufzend schüttelte sie den Kopf: „Ist auch egal. Wollen wir weiterarbeiten?“

Nickend rollte Matthias sich vor seinen PC, rief den Artikel, an dem er gerade arbeitete, auf, und erklärte während des Schreibens, worauf er typischerweise achtete, um Texte zu verfassen, die im Internet gut gingen. Alexandra lauschte aufmerksam, stellte Fragen und ehe sie sich versah, war auch dieser Tag rum.


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