Kapitel 2

„Hey, so eine Überraschung!", wurde sie direkt überschwänglich begrüßt: „Du bist die neue Volontärin?"

Mit einem schwachen Lächeln ließ Alexandra sich in eine Umarmung ziehen: „Sieht so aus. Ich wusste gar nicht, dass du auch hier arbeitest."

„Sie kennen Katharina?", schaltete sich da ihr Chef ein.

Statt ihrer antwortete Katharina: „Wir haben zusammen studiert. Haben uns direkt im ersten Semester in Soziologie kennengelernt und waren unzertrennlich!"

Begeistert rieb Herr Baumann sich die Hände: „Oh, wie wundervoll. Ich hatte schon Bedenken, dass ich dich zu sehr belaste, wenn ich dir unsere Volontärin für die ersten Wochen anvertraue, aber wenn ihr Freundinnen seid, ist das sicher kein Problem."

Misstrauisch beobachtete Alexandra, wie Katharina ihr breitestes Lächeln zeigte: „Aber gar kein Problem! Ich zeige ihr gerne, wie hier alles läuft. Mach dir keine Sorgen, Philipp!"

„Na dann", nickte er: „Frau Berger, falls Sie nicht noch mehr Fragen haben, würde ich Sie in den kompetenten Händen von Katharina lassen. Alles Wichtige haben wir ja schon im Vorstellungsgespräch besprochen: Redaktionskonferenz ist um halb zehn, unser Team trifft sich noch einmal gesondert um elf, falls etwas ansteht, aber das ist eigentlich nie der Fall. Sie arbeiten regulär bis halb sechs, Überstunden können Sie sammeln, um sich einen Tag frei zu nehmen."

Alexandra nickte. Das alles war ihr in der Tat schon bekannt, doch eines war ihr nicht klar: „Wie sieht es mit Aufgaben aus? Gibt es Artikel, die noch einen Bearbeiter brauchen?"

Mit großen Augen schüttelte ihr Chef den Kopf: „Ihren Elan in allen Ehren, aber wir können kaum von Ihnen verlangen, dass Sie direkt mit Arbeiten anfangen. Sie sind hier, um zu lernen. Die erste Woche werden sie damit verbringen, Katharina bei ihrer Arbeit über die Schulter zu schauen. Danach bekommen Sie einige kleinere Artikel, die, falls sie gut genug sind, online erscheinen. Je nachdem, wie schnell Sie lernen, sehen wir dann weiter."

Er klopfte noch einmal auf den Tisch, dann drehte er sich um und ging. Seufzend zog Alexandra ihren Stuhl heran, so dass sie neben Katharina sitzen und auf ihren Bildschirm schauen konnte. Sie fragte sich, wofür all die Praktika im Bewerbungsgespräch Thema gewesen waren, wenn sie nun trotzdem wie ein kompletter Frischling behandelt wurde.

„Oh, das wird eine schöne Zeit!", sagte Katharina leise, aber voller Begeisterung zu ihr: „Du musst mir unbedingt erzählen, was du nach deinem Abschluss gemacht hast. Wir sind doch zusammen fertig geworden, aber du bist danach spurlos verschwunden."

Gequält lächelte Alexandra: „Ich hab einfach eine Auszeit gebraucht. Fünf Jahre Studium und dann direkt einen festen Job ... das war nicht so verlockend. Ich bin einfach ein wenig durch die Welt getingelt."

„Das muss schön sein, wenn man Geld für sowas hat!", stellte Katharina fest, doch diesmal fehlte jegliche Begeisterung in ihrer Stimme.

Alexandra verkniff sich einen Kommentar dazu – immerhin hatte sie das Jahr eigenständig finanziert und sich von einem Praktikum in diesem Land zum nächsten Praktikum in einem anderen Land gehangelt – und richtete stattdessen ihre Aufmerksamkeit auf die zwei Bildschirme vor sich: „Wofür haben wir zwei Bildschirme?"

„Wir müssen viele Dinge gleichzeitig im Blick haben, das geht mit zweien leichter", erklärte Katharina: „Ich habe es mir so eingerichtet, dass ich unser internes Kommunikationssystem rechts immer offen habe und auf dem linken Bildschirm meine eigentliche Arbeit mache."

Interessiert schaute Alexandra auf den rechten Bildschirm: „Internes Kommunikationssystem?"

Katharina nickte und öffnete zwei verschiedene Fenster: „Ja. Zum einen natürlich das Mail-Programm, mit dem wir auch in die Welt draußen kommunizieren. Und dann unsere interne Chatplattform. Jedes Redaktionsteam hat einen eigenen Channel hier, so dass man gezielt Themen absprechen kann, ohne ständig Meetings zu brauchen. Und natürlich gibt es auch einen Channel für alle, da wird aber meistens nur Blödsinn gelabert. Du kannst auch jederzeit einen privaten Chat mit jemandem beginnen, das machen meistens die Chefs, wenn sie direkte Aufgaben verteilen."

„Wow, das ist mal praktisch. Und so simpel!"

Alexandra konnte nicht fassen, dass bei all den verschiedenen Zeitungen, für die sie bisher gearbeitet hatte, noch immer nur über Mails und Telefon kommuniziert wurde, wenn eine einfache Chatplattform alles lösen konnte. Mehr denn je freute sie sich, für eine der größten Tageszeitungen in Deutschland arbeiten zu dürfen. Neugierig fragte sie nach: „Kann man darüber auch Dateien versenden?"

„Theoretisch schon", meinte Katharina, während sie gleichzeitig ein Browser-Fenster öffnete: „Aber praktisch machen wir das nie. Wir nutzen unsere Cloud, um Dateien hochzuladen, intern zu teilen oder gemeinsam dran zu arbeiten. Also reicht meistens ein Link zu einem Dokument in der Cloud aus, damit andere die Dateien sehen."

Wieder konnte Alexandra nur staunen. Es war nun nicht gerade so, als ob Clouds eine neue Erfindung wären, aber ihre Praktika hatten ihr gezeigt, dass viele Zeitungen in der Hinsicht noch erstaunlich rückschrittlich waren. Sie beschloss, ihre negativen Gefühle gegenüber Katharina zur Seite zu schieben und stattdessen das Beste aus der Situation zu machen, um so schnell wie möglich so viel wie möglich zu lernen. Interessiert stellte sie weitere Fragen, beobachtete, wie Katharina durch das Textverarbeitungsprogramm klickte, Bilder einfügte, Artikeln ein neues Layout verpasste und generell alle wichtigen Werkzeuge nutzte und vorführte.

Unterbrochen nur von den Redaktionskonferenzen und der Mittagspause ging so ihr erster Arbeitstag schneller um, als Alexandra es sich hätte träumen lassen. Als Katharina um halb sechs ihre Tasche zu packen begann und sie selbst schon bereit zum Aufbruch war, wurde Alexandra noch einmal von Stefan Winkler aufgehalten.

„Frau Berger, falls sie noch fünf Minuten Zeit hätten ...", fragte er höflich, doch Alexandra war bewusst, dass es eine Aufforderung und keine Bitte war. Sie verabschiedete sich von Katharina und folgte dem Mann dann zurück in das kleinere Büro. Zu ihrer Überraschung war ihr direkter Vorgesetzter bereits nicht mehr da.

Nachdem er die Tür hinter ihr geschlossen hatte, drehte Herr Winkler sich zu ihr um und lehnte sich lässig an seinen Schreibtisch: „Was der gute Philipp Ihnen heute Morgen natürlich verschwiegen hat, ist die Hackordnung hier im Haus."

Skeptisch hob Alexandra die Augenbraue und faltete die Arme vor der Brust. Das konnte interessant werden.

„Theoretisch haben er und ich die gleiche Position inne, wir sind beide Ressortleiter. Er ist Ihr direkter Vorgesetzter und hat thematische Weisungsbefugnis. Faktisch haben die über uns jedoch beschlossen, dass jeder Flur einen Chef für den generellen Ablauf hat. Und das bin hier ich", erklärte der Mann und klang dabei wesentlich ernster, als Alexandra es ihm zugetraut hätte. Betont langsam fuhr er fort: „Wenn es irgendwelche Probleme mit Kollegen gibt oder Sie ein Problem mit Philipp haben, dann kommen Sie zu mir."

„Und wenn ich ein Problem mit Ihnen habe?", hakte Alexandra nach, ehe sie sich zurückhalten konnte. Sie biss sich auf die Lippe und hoffte, dass ihr neuer Chef sie nicht direkt zusammenstauchen würde.

„Wenn Sie ein Problem mit mir haben", erwiderte jener und klang dabei tatsächlich amüsiert, „haben Sie ein Problem. Nein, im Ernst, wenn Sie ein Problem mit mir haben, das Sie nicht in einem Gespräch mit mir lösen können, gehen Sie natürlich zu meinem Vorgesetzten, unserem Chefredakteur. Ich hoffe jedoch, dass es soweit nicht kommen wird."

„Das war auch gar nicht so ernst gemeint!", beschwichtigte Alexandra schnell. Trotz all ihre Höflichkeit war sie manchmal wirklich zu vorlaut. Sie hasste es, wenn ihr solche Sachen herausrutschten und sie danach nicht wusste, wie sie mit der Situation umgehen sollte.

„Es war eine berechtigte Nachfrage, machen Sie sich keine Sorgen", beruhigte Herr Winkler sie direkt. Dann hielt er ihr zu ihrer Überraschung erneut die Hand hin: „Abgesehen von dieser formellen Hierarchie sind wir hier alle Kollegen. Und als solche duzen wir uns. Ich bin Stefan."

Alexandra brach der Schweiß aus. Sie hatte gehofft, dass diese Situation nicht eintreten würde oder zumindest nicht so schnell, doch nun musste sie sich dem stellen. Sie schluckte: „Ich ... Ich will wirklich nicht unhöflich oder undankbar erscheinen oder so, aber ... ich tue mich wirklich, wirklich schwer damit, fremde Menschen zu duzen. Vor allem, wenn es meine Chefs sind. Der Gedanke, Sie mit Stefan anzureden ..."

Betreten knetete sie ihre Finger. Ihr war bewusst, wie unhöflich es war, das Du vom Chef abzulehnen, doch sie konnte nicht aus ihrer Haut. Sie wollte ihren Chef nicht duzen und sie wollte auch nicht, dass ihr Chef sie duzte. Das fühlte sich einfach falsch an.

Zu ihrer Erleichterung lachte Stefan bloß: „Okay, kapiert. Kein Ding. Sie sind ganz offensichtlich ein bisschen anders, mh? Aber den Stock bekommen wir auch schon noch aus Ihnen raus. Nehmen Sie sich Zeit zum Auftauen. Wir beißen nicht. Und bis dahin ... sind Sie eben Frau Berger."

Sie konnte nicht glauben, dass es einen so entspannten Menschen auf dieser Welt gab. Alexandra hatte das Gefühl, dass sie vom ersten Moment an nichts anderes getan hatte, als Stefan zu provozieren, und trotzdem war er noch gut gelaunt und freundlich. Verlegen fuhr sie sich durch ihre langen Haare: „Ich will wirklich keine Unruhe ins System bringen oder so."

„Hey, Madam!", fuhr er ihr direkt über den Mund: „Nehmen Sie sich nicht wichtiger, als Sie sind. Heute ist Ihr erster Tag, Sie sind hier Volontärin. Niemanden interessiert es, welche Anrede Sie bevorzugen. Erledigen Sie Ihre Aufgaben und alles ist gut."

Mehrmals blinzelte Alexandra. Sie hätte sich angegriffen fühlen sollen, doch stattdessen war sie dem Mann vor ihr tatsächlich dankbar. Sie neigte dazu, sich im Mittelpunkt von allem zu sehen – und zwar im negativen Sinne – und so war seine Zurechtweisung mehr als willkommen. Sie grinste schief: „Ich verstehe schon, warum Sie der Flurchef sind. Sie haben eine einzigartige Weise, mit Menschen umzugehen."

„Nicht frech werden, Fräulein!", erwiderte er drohend, doch seine Augen glitzerten vor unterdrücktem Lachen: „Und nun hinaus mit Ihnen, Sie haben Feierabend für heute."

Rasch verabschiedete sich, packte ihre Tasche und Jacke und eilte den Flur hinunter zu den Fahrstühlen. Zu ihrer Überraschung wartete dort Katharina auf sie.

„Und, was hat Stefan noch gewollt?"

Entschlossen, nichts über das Problem der Anrede zu sagen, machte Alexandra bloß eine wegwerfende Handbewegung: „Ach, er wollte nur klarstellen, dass er der Chef hier ist. Das haben sie heute Morgen irgendwie vergessen."

Katharina kicherte bloß: „Ah, ja, darauf reitet er gerne rum. Aber wirklich was damit anstellen, tut er nicht. Ist auch nie nötig. Wir sind alle eine große Familie hier. Jeder kommt mit jedem zurecht."

Der Fahrstuhl kam und so blieb Alexandra eine Antwort erspart. Sie bezweifelte, dass ein Haufen von über vierzig Angestellten friedlich zusammen arbeiten konnte. In jeder sozialen Gruppe gab es unterschwellige Spannungen und Feindschaften. Und je mehr betont wurde, wie lieb sich alle haben, umso heftiger brodelte es in Wirklichkeit. Sie kam nicht umhin zu grinsen. Wenn es sie selbst nicht betraf, hatte sie eine beinahe boshafte Freude daran, soziale Interaktionen zu beobachten. Als Neue in der Runde, die zumal nur Volontärin war und damit noch nicht zum festen Stamm gehörte, war sie definitiv in einer Außenseiterrolle. Sie würde eine Menge Spaß haben, diese angeblich so friedliche Familie über die nächsten Wochen und Monate zu beobachten, so viel stand fest.



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