Kapitel 2


Nachdem der Morgen mit Seminaren gefüllt war, war Julia fast froh, am Nachmittag in der Bibliothek arbeiten zu können. Dort herrschte himmlische Ruhe. Umgeben von Büchern fühlte sie sich immer am wohlsten. Da sie schon eine Weile studierte, hatte sie sogar einen Stammplatz am Fenster, von dem aus man durch die Seitengasse einen kleinen Blick in die Haupteinkaufsstraße erhaschen konnte. Der einzige Nachteil war, dass ihr Laptop schneller überhitzte als an einem Schattenplatz, auch wenn es heute nicht ganz so heiß war.


Julia machte es sich gerade auf dem spärlich gepolsterten Stuhl bequem und fuhr den PC hoch. Nachdem sie das Passwort eingetippt hatte, warf sie einen sehnsüchtigen Blick nach draußen. Einfach nur mal wieder ein Eis essen wäre wunderbar, aber die Zeit fehlte ihr wohl möglich dann noch beim Lernen, also verbot sie sich dies. Vielleicht würde sie sich ein Eis gönnen, wenn sie heute Abend nach Hause ging, auf dem Nachhauseweg lernte sie ohnehin nicht. Das wäre ein Kompromiss, mit dem sie leben konnte.


Gewohnheitsmäßig kontrollierte sie ihren Email Eingang und fand dort eine Mail von Liv.

'Na du Arbeitstier, kannst du heute mal auf einen Kaffee vorbeikommen?
Ich glaube, wir haben da was zu bequatschen, ein Vöglein hat mir ganz lustige Sachen gezwitschert.
Keine Widerrede, ich komme dich um 18 Uhr in der Bibliothek abholen, da ist nämlich mein Kurs vorbei.

Bis später!'


Ein Blick auf die Uhr verriet ihr, dass sie noch fast drei Stunden hatte, um etwas zu arbeiten, bevor Liv sie aus der Bibliothek jagen würde. Es würde sich also mehr als lohnen, noch ein paar Kapitel übersetzen aus dem Lektürekanon der Abschlussprüfung . Also klappte Julia den Laptop wieder zu, kramte aus ihrem Rucksack im Schließfach vor der Bibliothek Block und Stift und suchte sich in den Regalen eine Lektüre. Spontan entschied sie sich für die Liebesgedichte von Catull, weil die ihr noch nie gelegen hatten.

Die sorgfältige Arbeit ließ sie die Zeit total vergessen, denn sie musste jedes Wort einzeln übersetzen. Natürlich kam es auch vor, dass sie etwas nicht wusste, und das Nachschlagen und in die Lernliste aufnehmen fraß Zeit. Kommilitonen kamen und gingen, manche grüßten sie sogar, aber das nahm Julia nur am Rand wahr. Die Liste an Vokabeln wurde immer länger und die Seiten füllten sich mit schmalzigen Liebesgedichten. Erst als Liv leise, aber zielstrebig auf sie zu kam und sie in die Seite pikte, schreckte Julia auf.


"Spinnst du?", sie unterdrückte ein Aufquieken und grummelte nur stattdessen , "du hast mich vielleicht erschreckt. Ist schon 18 Uhr?".

"Sogar kurz nach, wir haben überzogen, also du kannst dich nicht wirklich beschweren. Du kommst jetzt mit. Die Entscheidung, ob wir zu uns gehen und was trinken oder in ein Café überlasse ich dir."

Liv hatte sich schon umgedreht, und machte sich auf den Weg aus der Bibliothek, ihre blonden Haare flogen ihr dabei um die Schultern. Seufzend packte Julia ihr Zeug zusammen und folgte ihr, denn sie kannte Liv: Widerrede war zwecklos, also ergab sie sich ihrem Schicksal.


"Hier die Gasse hoch hat ein neues, kleines Café aufgemacht, Emma heißt das glaube ich. Sollen wir das mal ausprobieren?", schlug Julia vor und schulterte ihren Rucksack. Liv stimmte nickend zu und ließ sich von Julia den Weg zeigen.

Das Emma wollten noch eine Menge anderer Leute ausprobieren und so hatten Julia und Liv Glück, überhaupt noch einen Platz zu bekommen. Wenn es nicht so voll gewesen wäre, hätte es vielleicht gemütlich gewirkt, aber die hellen Wandfarben unterstrichen die freundliche Atmosphäre. Es dauerte etwas, bis beide ihren Latte Macchiato hatten, nun startete Liv ihr Kreuzfeuer, das Julia eigentlich schon viel früher vermutet hätte.

"Du hast vorhin Liebesgedichte gelesen? Seit wann denn das? Bin ich da nicht informiert?".

"Das ist Prüfungslektüre, sonst nichts. Du hast nichts verpasst. Mir liegen die blöden Gedichte einfach nicht so, deshalb muss ich sie unbedingt noch üben."

Sie sah Livs Gesichtsausdruck an, dass sie ihr überhaupt nicht glaubte. Manchmal konnte Julia über ihre dänische Freundin nur den Kopf schütteln. Wer nahm denn das Übersetzen von Liebesgedichten als Hinweis auf eine neue Beziehung ernst? Abgesehen davon wusste Julia jetzt wirklich nicht, auf wen man das hätte beziehen können, wenn man es denn wollte.


"Naja, da habe ich aber andere Dinge gehört. Bahnt sich da etwas an mit Steppi?".

Julia runzelte verwirrt die Stirn. "Gesundheit? Mit wem soll was sein? Klingt wie ein Husten."

"Stefán für Menschen mit ganz langer Leitung".
"Stefán Sigurmannsson", fügte Liv noch hinzu, da sich Julias Gesichtsausdruck immer noch nicht erhellt hatte. Erst jetzt schien ihr ein Licht aufzugehen und Liv meinte sogar, einen Rotschimmer auf ihren Wangen zu sehen, oder bildete sie sich den etwa nur ein?

"Was soll mit ihm sein?", fragte Julia ein wenig zu schnell, als dass man ihr Gleichgültigkeit abnehmen konnte.

"Ihr versteht euch gut, oder? Niklas hat erzählt er hat dich nach Hause gefahren, das macht er sonst eigentlich nur bei Teamkollegen. Irgendwas musst du haben, was ihm gefällt."

Mittlerweile waren Julias Wangen ganz eindeutig rot gefärbt und sie verkrampfte ihre Hände um ihr Glas. "Ich weiß nicht. Also wir unterhalten uns toll, aber meine Wohnung lag ja einfach noch auf dem Weg zu ihm, vielleicht war er einfach nur höflich. Das ist er ja sowieso."

"Aha, du schwärmst?".
"Nein! Hör bitte auf, mir irgendwas anzudichten. Ich mag Stefán gerne, aber ich habe so viel Arbeit um die Ohren, das wäre einfach nicht der richtige Zeitpunkt. Noch zwei Scheine, dann kann ich meine Bachelorarbeit schreiben und dann kommt noch der Master, wer weiß, ob ich den hier mache. Für eine Beziehung habe ich gerade beim besten Willen keine Zeit."

Mit verschränkten Armen lehnte sich Julia auf ihrem Stuhl zurück und schaute zur Seite. Allein schon der Gedanke an Stefán ließ ihr Herz schneller schlagen, aber das verbot sie sich. Auf das Studium hatte sie so lange hin gearbeitet, das alles sollte nicht kurz vor Schluss durch eine Beziehung aufs Spiel gesetzt werden. Sie schlug die Beine übereinander und wippte mit dem Fuß, um ihre Nervosität irgendwie in den Griff zu kriegen. Schließlich entschied sie sich dazu, vom Thema abzulenken, denn das Wippen half nichts.

"Wie läuft es denn bei dir im Studium? Gefällt es dir hier?".

"Oh, ja, sehr. Es läuft super und die Professoren sind wirklich nett, hier wird Kunstgeschichte viel angesehener behandelt als in Dänemark. Wenn alles gut geht fange ich bald mit meiner Bachelorarbeit an. Die Vorlesungen hier sind sehr interessant und die Leute, naja, du kennst sie ja selbst. Ich mag sie, auch wenn viele vielleicht ein bisschen seltsam sind, Historiker eben."

Livs Augen strahlten, als sie erzählte und sie unterstrich ihren Bericht mit kleinen Gesten. Als sie fertig damit war, hielt die Ablenkung allerdings nicht lange an. "Aber genug von mir, Liebe ist viel interessanter. Willst du Steppi wirklich keine Chance geben? Ich habe ihn schon kennengelernt und er ist wirklich sehr lieb."

"Nein, will ich nicht. Mir ist mein Studium zu wichtig. Es haben mir zu viele Leute gesagt, dass ich das sowieso nicht schaffe, als dass ich das jetzt einfach riskiere. Wir haben uns zum falschen Zeitpunkt kennengelernt. Vielleicht bekommen wir in ein paar Jahren nochmal eine Chance. Darüber denke ich jetzt noch nicht nach."

Liv verschränkte die Arme und schob verärgert die Unterlippe nach vorne. Pflichtbewusstsein hin, Pflichtbewusstsein her, wer war denn so ehrgeizig und ließ eine Liebe an sich vorbeiziehen? Die beiden hätten wirklich gut zueinander gepasst und das sollte einfach nicht sein? Das konnte und wollte Liv nicht auf sich sitzen lassen, deshalb startete sie erneut einen Versuch. "Ach Julia, jetzt komm, ihr beide wärt ein wirklich niedliches Paar. Wenn du ihn nett findest spricht doch nichts dagegen."

Julia wurde wütend, sie stand ruckartig auf, verharrte in halb stehender Position. Mit einem tiefen Atemzug setzte sie sich wieder. Sie schloss einen Moment lang die Augen, um sich zu beruhigen. "Doch Liv", sagte sie dann in einem ruhigen Tonfall, "mein Studium spricht dagegen und ich will darüber eigentlich auch nicht mehr diskutieren, bitte lass es also, okay? Aus Stefán und mir wird vorerst nichts und damit Ende der Geschichte."

Etwas zerknirscht rührte Liv in ihrem Latte Macchiato Schaum herum. "Es tut mir leid", nuschelte sie dann schließlich, "ich war etwas zu übereifrig. Ich will keinen Streit mit dir."

"Ich ja auch nicht. Aber ich verzeihe dir nur, wenn du das Thema ruhen lässt. Kein Liebesorakel mehr spielen, okay?".

Liv grinste, dann nickte sie und Julia lächelte ihr zurück. Genau so schnell, wie der Streit sich angebahnt hatte, war er nun auch wieder vergessen. "Ich verspreche dir, ich stelle das Orakel ruhig. Was machen wir denn jetzt eigentlich noch? Hast du noch Lust auf einen Absacker bei mir bevor du heim fährst?".

"Nicht heute, ich muss noch ziemlich viel lernen und ob du es glaubst oder nicht, für den Unterricht habe ich noch keinen Deut vorbereitet. Ich bin mit der Arbeit wirklich hinten dran, ich muss heute wohl wieder Nachtschicht schieben."

Julia verkniff sich ein Grinsen, das sich beim Anblick von Livs beleidigtem Gesicht auf ihre Lippen schleichen wollte. "Ich muss auch gleich wieder weiter machen. Es tut mir echt Leid, aber du hast mich in einer wirklich heißen Studiumsphase erwischt, im wahrsten Sinne des Wortes."

Liv zuckte mit den Schultern und winkte die Kellnerin heran, die schon die Bestellungen aufgenommen hatte, um zu zahlen. "Na gut, ich weiß ja, dass du viel Arbeit hast. Ich verzeihe dir das. Aber wehe dir, wenn wir wir danach nicht ausgiebig feiern gehen und zwar tagelang!".

"Danach lasse ich mit mir über so was reden", grinste Julia und reichte der Kellnerin den Betrag, der ihr genannt wurde, mit einem kleinen Trinkgeld. Nachdem Liv ebenfalls bezahlt hatte, standen die Freundinnen auf und Julia begleitete Liv durch die Innenstadt, bis sie an der Straße ankamen, in der Liv wohnte. Zum Abschied umarmten sich die beiden.

"Grüße Niklas von mir und danke für den spontanen Überfall, es war trotz Liebesorakel schön mit dir. Wenn ich fertig bin mit dem Studium machen wir das öfter, versprochen."

Davon ließ sich Liv besänftigen und leistete keinen Widerspruch. "Richte ich aus, dann mach's mal gut und überanstrenge dich nicht so, das tut dir auch nicht gut. Ich freue mich schon auf unser nächstes Mal."

Julia schaute Liv noch einen Moment lang nach, dann lief sie in schnellem Tempo die Hauptstraße weiter hinunter, um noch rechtzeitig ihre Bahn zu bekommen.


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