Kapitel 2

8. Juli 2017

„Ich frage Sie ein letztes Mal!", zischt der bullige grimmig dreinschauende Polizist vor mir zum fünften Mal an diesem Abend. „Wie ist Ihr Name?"

Ich seufze abermals auf und rutsche auf dem alten klapprigen Stuhl ein Stückchen weiter runter und schließe die Augen. Wie ich auf der Polizeistation gelandet bin? Nun ja, der hübsche Bulle hat meine zwei Peiniger und mich ins Auto gesteckt und mir angeboten, mich erst in Krankenhaus zu fahren, bevor er mich nach Hause bringt. Da ich aber die Krankenhauskosten nicht bezahlen könnte und keine körperlichen Schäden habe, jedenfalls keine, die lebensgefährlich wären, habe ich dankend abgelehnt und gesagt, sie sollen mich in der Nähe der Fabrik rauslassen. Es muss ja keiner wissen wo ich wohne.

„Es ist gefährlich für eine junge Frau im Dunkeln alleine herum zulaufen", hatte der Bulle gesagt.

Plötzlich haben meine Peiniger aber behauptet, sie seien Opfer dieser Tat gewesen und es brach eine hitzige Diskussion aus, aus der ich mich allerdings herausgehalten habe. Da habe ich mich auch daran erinnert, woher ich den dunkelhaarigen Mann kenne. Ich hatte schon mal Sex mit ihm gehabt.

Da ich sowieso spätestens Morgen verhört werden sollte, haben sie mich gleich zur Polizeistation gebracht und wollen nun, nachdem ich meine Sicht der Geschichte erzählt habe, all meine Informationen haben. Wie ich heiße, woher ich komme, wo ich lebe... Außer meinem Vornamen habe ich ihnen nichts verraten. Wieso auch? Ich bin nirgendwo registriert, daher werden sie auch nicht viel über mich herausfinden können.

„Hören Sie mal, junge Dame", redet der Polizist weiter, der mich schon seit fast einer Stunde verhört. Sein Gesicht ist bereits rot vor Wut und er massiert sich die Schläfen. Scheint, als hätte er nicht nur seine Nerven, sondern auch seine Geduld verloren. „Ich will Ihnen ja echt nicht zu nahe treten, aber kann es sein, dass Sie sich den Kopf irgendwo angestoßen haben? Oder sind Sie einfach nur irre, huh?" Mit dem Zeigefinger haut er sich selbst gegen die Schläfe, knallt seine flache Hand auf den Tisch und erhebt sich mit so einem Ruck von seinem Stuhl, dass dieser nach hinten rollt und einen anderen Polizisten rammt, der daraufhin zwei Becher, gefüllt mit brauner Flüssigkeit, fallen lässt. „Wie ist Ihr gottverdammter Name?" Nun verliert er auch noch seine Manieren.

„Beruhig' dich, Bill", sagt plötzlich der hübsche Polizist von eben und legt seinem Kollegen eine Hand auf die Schulter. „Ich mach das schon." Bill verschwindet, nachdem er mir noch einen letzten giftigen Blick zuwirft.

Der Polizist lässt sich auf den weggerollten Stuhl fallen und rollt sich vor den Schreibtisch seines Kollegen. Seine Arm verschränkt er auf dem Tisch und lächelt mich leicht an.

„Ich sag's dir, Levi, die Frau ist irre!" Bill knallt die Tür zu und verschwindet nach draußen in die Dunkelheit.

„Da Sie nun meinen Namen kennen, darf ich dann auch Ihren erfahren?", fragt er zuckersüß und sein Lächeln wird noch breiter. Irgendwas an seinem Lächeln stört mich. Es wirkt ziemlich provokant und gar nicht freundlich.

„Ich habe nicht nach Ihrem gefragt", antworte ich leise und schließe die Augen, da meine Lider immer schwerer werden.

„Sind Sie vielleicht wirklich auf den Kopf gefallen?"

„Halten Sie mich nun auch für irre?"

Er wehrt hastig ab. „Das habe ich nicht gesagt. Ich meine ja nur. Vielleicht haben Sie ja Amnesie oder so. Was ist das Letzte woran Sie sich erinnern können?"

Ich seufze ergeben auf. Das hat ja alles keinen Sinn. „Na schön", murmle ich und setzte mich richtig auf den Stuhl. „Mein Name ist Venus." Aber das habe ich Bill auch schon gesagt.

„Venus?", wiederholt er und ich nicke. Ich mag es, wie er meinen Namen ausspricht. „Und weiter?"

„Was weiter?", frage ich verwirrt.

„Sie haben doch bestimmt auch einen Nachnamen." Ich nicke. Er wartet. Doch als ich ihm nicht antworte, vergräbt er das Gesicht in den Händen. Ich sehe ihm dabei zu, wie er sich mit den Händen durch die Haare fährt und schließlich aufsteht und sich vor mich stellt.

„Strecken Sie die Arme aus", verlangt er und ich strecke zögernd meine Hände aus. Ehe ich mich versehe, hat er mir auch schon Handschellen angelegt und hebt mich an den Oberarmen hoch und zieht mich hinter sich her in eine Zelle hinter einer grauen Tür. Mit offenem blicke ich ihn an, doch er schüttelt nur den Kopf.

„Solange Sie mir keine Informationen geben, bleiben Sie hier", sagt er, als wäre es die einzig sinnvolle Erklärung.

„Ich habe doch gesagt, ich heiße Venus!", brülle ich und rüttele an den Gittern. „Lassen Sie mich hier raus! Ich bin hier das Opfer! Wieso muss ich in einer Zelle schlafen?" In der gegenüberliegenden Zelle sitzen die zwei Männer und grinsen mich schadenfroh an. Wie gerne würde ich ihnen dieses dreckige Grinsen aus dem Gesicht treten. Wütend funkle ich sie an und wünsche mir sehnlichst, Blicke könnten töten. Sie fallen zwar um, aber nicht, weil sie tot sind, sondern weil sie sich vor Lachen nicht mehr halten können. „Haltet euer Maul oder-" Ich werde durch den Polizisten unterbrochen, der mit einem Schlagstock, den er irgendwoher geholt hat, mehrmals gegen das Gitter haut.

„Sie wissen, was Sie tun müssen um hier raus zukommen."

Trotzig lasse ich mich auf den Boden fallen und trete ein letztes Mal gegen das Gitter ehe ich mich hinlege und den anderen den Rücken zuwende. Einige Sekunden später wird eine Tür geöffnet und wieder geschlossen. Dann wird sie wieder geöffnet und das Licht erlischt, bevor die Tür wieder ins Schloss fällt. Ich seufze.

Während ich an Heaven, Pete und seine Tochter Sua denke, die zu Hause auf mich warten, wird mir bewusst, dass mir nichts anderes übrig bleibt, als heute Nacht hier zu schlafen. Sie müssen sicher besorgt sein. Ich kann mir nur vorstellen, wie Heaven in der Ecke gekrümmt liegt und sich die Augen ausheult. Das tut sie immer, wenn ich mal später als erwartet nach Hause komme. Sie glaubt, etwas wäre passiert, obwohl es meistens gar nicht so ist. Einen Vorfall wie heute hat es schon des Öfteren gegeben, aber nie habe ich mich an die Polizei gewendet, da nie einer in der Nähe war und ich auch teilweise Schuld daran hatte.

Mit den Gedanken an meine Freunde die in der Fabrik auf mich warten, schlafe ich irgendwann ein. Es war ein anstrengender Tag.


8. Dezember 2004

„Ey, Mädchen", höre ich eine mir unbekannte Stimme flüstern als jemand an mir rüttelt. „Wieso liegst du hier mitten auf dem Gehweg, huh? Hallo? Du bist doch nicht etwa tot, oder?"

„Wach auf!"

„Hey, wach doch auf!"

9. Juli 2017

„Stehen Sie auf." Nur leise nehme ich eine dumpfe Stimme neben mir. Jemand fasst mich an den Armen und zieht mich hoch. Meine Augen habe ich geschlossen, als mein Kopf nach hinten fällt und beinahe meine Oberkörper mit sich nimmt. Doch die Person die mich noch immer hält, lässt es nicht zu, dass mein Rücken den Boden berührt. Ich werde gegen etwas weiches gelehnt. „Mach Sie die Augen auf." Die Stimme ist näher. Sie ist ganz nah. Etwas berührt mich an der Wange und das nicht gerade leicht. „Augen auf. Hey!"

Flatternd fliegen meine Augen auf. Obwohl meine Sicht verschwommen ist, sehe ich mich um und erschrecke, als ich nichts anderes als Gitter sehe. Panisch richte ich mich auf, dabei stoße ich mit dem Kopf gegen etwas hartes. Als ich mich umdrehe, sehe ich, wie ein Polizist sich das Kinn reibt. Sein Gesicht ist schmerzverzerrt. Jetzt erinnere ich mich wieder. Ich bin auf der Polizeiwache.

„Ich dachte, Sie wären tot", kommt es von dem jungen Polizisten. „Ein Glück leben Sie noch."

Was ein Glück, denke ich sarkastisch.

„Möchten Sie immer noch schweigen?" Ich antworte nicht und sehe stattdessen auf den Boden. Das scheint ihm Antwort genug zu sein, denn er verlässt die Zelle augenrollend und knallt die Tür hinter sich zu.

Ich nehme mir die Zeit mich in dem Raum umzusehen, obwohl es nicht viel zu sehen gibt. Die Wände sind kahl und in einem hässlichem grün gestrichen. Außer den zwei großen Zellen steht hier nichts weiter. Die Zelle in der die zwei Männer gestern Abend lagen, steht nun leer.

Gerade als ich überlegte wo sie hingebracht worden sein können, geht die Tür mit einem Ruck auf und Levi sieht mich an. Sein Blick hat was tröstliches. Heute hat er keine Uniform an, die ihm so gut gestanden hat, sondern einen dunkelblauen Pullover mit der Aufschrift Officer und eine schwarze Shorts. In der Hand hält er einen weißen Becher. Er setzt sich vor die Gitter und hält ihn mir lächelnd entgegen. Meine Hände zittern als ich danach greife und so kommt es auch dazu, dass ich den heißen Inhalt darin auf unsere Hände schütte und wir beide vor Schmerz aufschreien.

Ich springe auf und hüpfe wild auf und ab während ich meine Hand schüttele. Lange schaffe ich das allerdings auch nicht. Ich bin so ausgehungert, dass meine Beine nachgeben und ich auf dem kalten Boden zusammensacke.

„Alles in Ordnung?" Eilig schießt Levi die Zelle auf und bückt sich zu mir. Er greift nach meiner Hand und betastet sie. So schnell wie möglich ziehe ich sie weg. „Kommen Sie, wir müssen es kühlen."
Ohne mich zu wehren lasse ich mich von ihm auf die Beine ziehen und mich in ein kleines Badezimmer stützen, wo wir uns beide die Hände unter den kalten Wasserstrahl halten. Da ich noch ziemlich schwach bin, halte ich mich am Waschbecken fest, doch wieder halten meine Beine mich nicht und ich falle um. Das letzte das ich höre, bevor alles schwarz wird, ist, wie Levi meinen Namen ruft. Es klingt schön.

Als ich das nächste Mal meine Augen öffne, liege ich nicht in einer kalten Zelle sondern auf etwas weichem. So gut habe ich ewig nicht mehr gelegen.

Ich schlage die Augen und bereue es, sobald ich Levis Gesicht vor mir sehe. Na toll. Jetzt wird er mich wieder auf den Klappstuhl setzen und mich mit Fragen bombardieren. Als ich mir übers Gesicht wische, bemerke ich, dass ich keine Handschellen mehr trage. Gut. Die taten nämlich ziemlich weh.

„Sie sind wach", spricht Levi das offensichtliche aus. „Gott sein Dank. Hier, ich habe Ihnen was zu Essen gebracht. Sie hatten wohl einen Kreislaufzusammenbruch." Das war nicht das erste Mal. Es war aber das erste Mal, dass es jemand bemerkt hat und mir seine Hilfe anbietet. Ich liebe die Polizei.

„Danke", murmle ich und setze mich mit seiner Hilfe auf. Er legt mir ein Tablett auf den Schoß auf dem sich ein Teller mit drei Sandwichs und eine Flasche Multivitaminsaft befindet. Ohne Schamgefühl greife ich nach einem Sandwich und nehme einen großen Bissen und habe verschlinge ihn mit insgesamt drei Bissen komplett. Zwischendurch trinke ich auch den Saft um alles gut runter zu bekommen. Levi schaut mir die ganze Zeit über beim Essen zu, doch das stört mich nicht. Als ich den Teller geleert hab und einen letzten Schluck vom Saft nehme, bin ich immer noch nicht satt.

„Kriege ich noch was?", frage ich ungeduldig und er zieht die Augenbrauen in die Höhe. „Ich habe großen Hunger."

„Das sehe ich", lacht er und stellt das Tablett auf einen kleinen Tisch neben sich. Er selbst sitzt auf einem kleinen Stuhl. „Ich bringe Ihnen nachher noch etwas. Aber zu aller erst sollten Sie-"

Ich unterbreche ihn. „Ich habe Ihnen doch schon gesagt, wie ich heiße. Und mehr als meine Aussage über den Vorfall brauchen Sie doch auch gar nicht."

Ich bin verwirrt, als er lächelnd den Kopf schüttelt. Diesmal sieht es nicht provokant, sondern mitleidig aus. Oh nein.

„Wir brauchen nichts mehr von Ihnen", klärt er mich auf. „Die Männer haben heute Morgen gestanden. Das heißt, Sie dürfen heute noch gehen. Aber vorher, wollte ich noch mit Ihnen sprechen."

„Worüber?", frage ich neugierig und ignoriere die Tatsache dass die zwei Typen weggesperrt werden.

„Zuerst möchte ich, dass Sie eine Dusche nehmen. Ich will Sie ja nicht beleidigen, aber..." Er kratzt sich am Kopf und scheint nach den richtigen Worten zu suchen. Nach Worten, die mich nicht verletzen würden. Eigentlich ist es mir egal wenn Menschen mich wegen meines äußeren schräg anschauen oder mir sagen, ich würde stinken. Denn ich weiß ja, dass es wahr ist. Aber aus irgendeinem Grund ist es mir diesmal unangenehm, weswegen ich auf der Liege ein Stück von ihm wegrücke. „Ich kann mir vorstellen, dass Sie gestern viel... geschwitzt haben?" Er runzelt die Stirn als würde ihm erst jetzt auffallen, wie lächerlich seine Worte waren. „Ah, jedenfalls haben Sie ein bisschen Dreck im Gesicht. Ich bin sicher, Sie fühlen sich unwohl." Und wie unwohl ich mich gerade fühle.

Nachdem ich geduscht habe, fühle ich mich um einiges besser. Es ist lange her dass meine Haare so sauber waren. Ich habe gründlich den ganzen Schmutz der letzten Wochen von mir gewaschen und meine Haare mit Männershampoo einshampooniert.

Also ich aus der Dusche steige, sehe ich ein Kleid auf der Heizung liegen. Meine schmutzigen Klamotten befinden sich in einer Plastiktüte. Da ich glaube, dass ich dieses Kleid anziehen soll, tue ich das auch. Nur habe ich bis auf meinen BH nichts darunter an. Schnell steige ich noch in meine Schuhe und betrachte mein Spiegelbild.

Das schwarze Kleid mit den lila Blumen drauf ist mir eindeutig zu groß und die Chucks, die mal weiß waren, passen überhaupt nicht ins Bild.

Ich rubbele mir die langen Haare so gut es geht trocken und lasse sie mir über die Schultern fallen, ehe ich das Bad verlasse.

Ich sehe mich in dem kleinen Gang um, und da ich ein schlechtes Gedächtnis habe, muss ich zwei Türen öffnen um wieder ins Büro zu kommen. Dort sitzen einige Polizisten an ihrem Schreibtisch und sogar eine Polizistin. Als sie mich entdeckt, steht sie lächelnd auf und kommt auf mich zu. Dicht gefolgt von Levi. Die Polizistin, die aussieht, als wäre sie Mitte ihrer dreißiger, hat hat ein rundes Gesicht und eine dicke Warze schmückt ihre große Nase. Ihre braunen kurzen Haare hat sie unter einem Polizistinnen Hut versteckt.

„Das Kleid steht dir ausgezeichnet", begrüßt sie mich mit einem ausländischen Akzent. Ich kann ihr freundliches Lächeln nicht erwidern und nicke daher nur. „Es ist meins, aber du kannst es haben."

„Oh", mache ich nur und nicke wieder. „Danke."

Sie legt den Kopf schief, schenkt mir ein weiteres Lächeln und verschwindet, nachdem sie mir über die feuchten Haare gestrichen hat. Verwirrt über diese ungewohnte Geste, sehe ich ihr hinterher.

„Kommen Sie", bittet mich Levi nach einer Weile und bedeutet mir mit einer Kopfbewegung, das Büro zu verlassen. Ich folge ihm schweigend nach draußen, wo mir die warme Sommerluft entgegen weht. Nach einer Nacht in der stickigen Zelle, ist das eine willkommene Abwechslung.

Als die Tür hinter uns zufällt, streckt er die Arme aus, so dass sein Pullover hoch rutscht und ich seinen Bauchnabel sehe. Ich wende den Blick hastig ab und schaue auf seine Füße. Ich kann Menschen nicht lange in die Augen sehen. Nur, wenn ich wütend bin. Aber im Moment bin ich das nicht.

„Worüber wollten Sie sprechen?", frage ich neugierig.

„Ach ja. Nun, Sie dürfen wieder nach Hause. Nur wollte ich Ihnen noch ein Angebot machen. Ich kann mir vorstellen, dass Sie diese Sache nicht nur körperlich, sondern auch seelisch sehr belastet hat. Daher wollte ich Ihnen ein Angebot machen. Ich kenne einen guten Psychologen der auf diesem Gebiet spezialisiert ist. Ich kann Sie-"

Als ich merke, was er sagen möchte, unterbreche ich ihn schnell in dem ich wild mit den Händen gestikuliere. „Mir geht es gut. Ehrlich", versichere ich ihm, doch ich sehe ihm an, dass er meinen Worten keinen Glauben schenkt.

„Wenn Sie es sich anders überlegen", beginnt er wieder und kratzt sich am Hinterkopf. Ist er verlegen? „dann können Sie mich jederzeit anrufen." Plötzlich fischt er einen gefalteten Zettel aus seinem Pullover und reicht ihn mir. Darauf steht eine Nummer.

„Äh", mache ich und sehe ihm endlich in die Augen. „Ich habe kein Telefon."

Er sieht mich überrascht an. „Wie? Sie haben kein Handy?"

Als Antwort schüttele ich den Kopf. Mit welchem Geld hätte ich mir eins kaufen sollen? Außerdem brauche ich solche neumodischen Dinge nicht. Ich brauche etwas anderes. Etwas, was man mit Geld nicht kaufen kann. Aber wer kann mir das schon geben? Meine Mutter konnte es jedenfalls nicht und all die anderen Menschen mit denen ich aufgewachsen bin, auch nicht. „Vielen Dank für Ihre Hilfe gestern Abend und auch heute Morgen. Aber ich muss jetzt gehen." Damit nicke ich und drehe mich um. Auch, wenn ich noch immer Hunger hab und er mir versprochen hat, mir nach dem Duschen etwas zu geben.

„Moment!", höre ich ihn noch rufen. Wieder holt er etwas aus den Taschen seines Pullovers. Diesmal ist es eine Tube. Diese reicht er mir. „Für Ihre Hand", erklärt er und deutet auf meine Hand, die schon rot geworden ist. Ich blicke auf seine und sehe, dass auch er sich etwas davon auf seine Wunde geschmiert hat.

Ich nehme sie dankend entgegen und wende mich wieder ab. Diesmal kommt er mir hinterher. Verwirrt über seine Freundlichkeit und Anhänglichkeit frage ich: „Ist noch etwas?" und schaue zu ihm auf.

„Ich habe Feierabend", antwortet er und schaut auf seine Uhr. „Seit zweieinhalb Stunden, um genau zu sein."

Als er meinen fragenden Blick bemerkt, lacht es auf. „Ich gehe nach Hause. Wir haben anscheinend denselben Weg."

Um ehrlich zu sein, habe ich nicht den leisesten Schimmer wo ich überhaupt bin. Ich blicke mich um und sehe nichts als winzige Häuser die aussehen, als würde es nicht mehr langer dauern bis sie einkrachen.

„Wohnen Sie hier in der Gegend?", fragt Levi und verschränkt die Hände hinter dem Kopf.

„Ja", lüge ich. „Ich muss gleich rechts", sage ich und zeige auf eine Straße in die gerade ein Kind mit seinem Fahrrad rein fährt.

„Aha." Aha? Ich runzle die Stirn. „Dann machen Sie es gut." Er winkt und lächelt mir zu, ehe er sich auf den Weg macht und mich wortlos hinter sich lässt. Seufzend biege ich in die Straße ein und sehe, dass mir das Kind von eben entgegen kommt. Ich laufe an ihm vorbei und bleibe gleich danach wieder stehen. Vor einer Wand. Klasse. Eine Sackgasse.

Leise fluchend, stampfe ich wieder in die Richtung aus der ich gekommen bin und trete dabei einen Stein vor mir her. Als ich um die Ecke biege, bleibt mir vor Schreck fast das Herz stehen. Levi steht mit den Händen in den Hosentaschen und einem dicken Grinsen im Gesicht vor mir und schaut zu mir herunter.

„Haben Sie was vergessen?", frage ich ihn beiläufig und schaue an ihm vorbei.

Er nickt. „Jap. Ich habe vergessen Ihnen zu sagen, dass es dort nicht weitergeht." Er deutet mit dem Kopf in die Straße, aus der ich komme.

Ohne ihm zu antworten, laufe ich an ihm vorbei und gehe einfach geradeaus. Irgendwann werde ich schon irgendwo ankommen.

„Wo müssen Sie denn hin?", fragt Levi, der mich wieder eingeholt hatte und sich meinen schnellen Schritten anpasst. „Vielleicht kann ich Ihnen ja helfen."

Ich ignoriere ihn und gehe einfach weiter. Vielleicht wird er ja merken, dass er mich nervt und einfach verschwinden.

„Hallo?", sagt er laut, als wäre ich taub und wedelt vor meinem Gesicht rum.

„Was?", zische ich und bleibe schnurstracks stehen.

Abwehrend hebt er die Hände. „Ich möchte Ihnen helfen. Sagen Sie mir doch wo Sie hinmüssen, dann kann ich Ihnen den Weg beschreiben und wenn nötig, auch dort hin fahren. Ich wohne hier in der Nähe, wissen Sie? Und wie es aussieht, waren Sie noch nie in dieser Gegend."

Wenn es etwas gibt, dass ich ganz und gar nicht ausstehen kann, dann ist das, wenn man glaubt, ich sei hilflos. Mein Stolz ist viel zu groß als dass ich die Hilfe anderer annehmen kann. Aber so wie es scheint, wird er so lange nicht locker lassen, bis er mich nicht vor die Haustür geliefert hat. Ich ringe innerlich mit mir selbst und gebe nur schweren Herzens nach.


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