Kapitel 2

Warum hast du mich nicht auch genommen, Herr?

Rieke kniete in der Mitte ihrer Stube, den Blick auf das schlichte Holzkreuz gerichtet. Schwach beleuchtet vom trüben Licht einer sterbenden Talgflamme, schien ihr dieses Symbol Gottes genauso abweisend wie die kalte Feuerstelle, über der es hing. Sie fröstelte. Nein. Sie fror bis auf die Knochen. Sie hatte schon seit gestern keinen einzigen Scheit Holz mehr im Haus. Vor ihrer Tür gab es genügend davon, doch niemand würde es ihr bringen, und sie konnte nicht hinaus. Sie war sich ohnehin nicht sicher, ob sie die Kraft zum Holzhacken gehabt hätte. Das Fieber hatte sie geschwächt, auch heute noch, nach Tagen, fühlte es sich an, als könnten Ihre Beine sie kaum länger tragen als für die Dauer eines Mittagsläutens. Dieses vom Teufel gesandte Fieber, das ihr nun auch noch das Letzte genommen hatte, was von ihrem Lorenz geblieben war: Johannes, ihr kleiner Sohn. Drei Tage war es nun her, dass er ihr entrissen wurde. Und drei Tage lang hatte sie fast nichts anderes getan als zu weinen.

Sie wusste noch nicht einmal, ob man ihm ein würdiges Begräbnis gewährt hatte. Er hatte die Taufe erhalten, nichts hätte dagegen gesprochen, ihn auf dem Gottesacker zu begraben. Doch vermutlich hatten sie ihn, wie all die anderen Kranken, einfach irgendwo in einen Graben geworfen und seine kleine Gestalt ungerührt mit Kalk bedeckt.

Sie hätte das niemals zugelassen, doch hatte man ihr verwehrt dabei zu sein. Als der Totengräber ihn holte, musste sie ihn vor die Tür legen. „Geh wieder hinein, Weib“, hatte der Mann sie angebrüllt, als sie, gelähmt vor Trauer, zugesehen hatte, wie er ihn in Sackleinen schlug und auf seinen Eselskarren legte. Dann hatte sie gehört, wie man von außen die Fenster und die Tür mit Holzbohlen zunagelte, und es war dunkel geworden in ihrem Haus. Es scherte niemandem im Dorf, dass sie damit ihre Mühle lahmlegten. Ohnehin würde niemand mehr sein Getreide vorbeibringen, solange man glaubte, sich hier die Pest zu holen.

Die Tränen bahnten sich nun wieder ihren Weg durch ihre enge Kehle und das Kreuz verschwamm vor ihrem Blick zu einer formlosen, dunklen Masse.

„Warum hast du mich nicht auch genommen?“, schrie sie ihm entgegen, ließ sich nach vorne fallen, auf den eiskalten Boden und schluchzte hemmungslos.

Ein plötzliches Poltern und Knirschen an der Tür ließ sie zusammenfahren. Jemand entfernte die Bretter! War ihre Zeit der Gefangenschaft schon vorbei? Hatte man Mitleid mit ihr?

Es klopfte. „Heda!“ Eine männliche Stimme klang gedämpft durch das Holz. „Macht auf, Frau!“

Das war nicht der Vogt, und ganz sicher auch sonst niemand, den sie kannte.

Sie fuhr hoch und wischte sich mit dem Handrücken die Tränen aus dem Gesicht, aber rührte sich ansonsten nicht. Das Klopfen ging weiter, um einiges energischer nun, es war mehr ein wütendes Hämmern mit der Faust. Ein Schauer lief ihr über den Rücken. Wer war das? Ein Söldner? Hatte er denn das Zeichen nicht gesehen? Oder waren diese Kerle nun schon so abgefeimt, dass sie selbst davor nicht mehr zurückschreckten, wenn es darum ging, ihren niederen Trieben nachzugehen? Woher wusste er überhaupt, dass hier eine Frau wohnte? Hatte er sie beobachtet?

Sie erhob sich nun doch und nahm entschlossen den Schürhaken von der Feuerstelle.

„Wer seid Ihr, und was wollt Ihr?“, rief sie, ohne sich weiter auf die Tür zuzubewegen.

„Wer ich bin, müsst Ihr nicht wissen“, schallte es von draußen. „Aber ich bin wegen eines Geschäftes gekommen.“ Der Mann hatte einen leichten Akzent, er sprach die S-Laute sehr scharf und rollte deutlich das R.

Sie lachte bitter auf und näherte sich nun doch der Tür, den Schürhaken in ihrer Rechten über den Kopf gehoben.

„Ein Geschäft? Was für ein Geschäft soll das sein, wenn nicht ein Unanständiges? So eine bin ich nicht! Geht fort! Geht so schnell Ihr könnt eurer Wege, wenn Euch Euer Leben lieb ist! Habt Ihr denn das Kreuz auf der Tür nicht gesehen?“

„Doch. Das habe ich. Aber das ist mir gleich. Ich bitte Euch, hört mich an. Es ist sehr wichtig.“ Die Stimme hatte nun fast einen flehenden Unterton bekommen. Rieke wurde nun doch neugierig auf den Mann da draußen, der sich weder von der Pest abschrecken ließ, noch sich zu schade dazu war, sie um Gehör zu bitten.

Sie öffnete die kleine Luke, die in ihrer Augenhöhe in die Tür eingelassen war und spähte hinaus.

Draußen stand ein Riese, und so erblickte sie nur ein bärtiges Kinn und eine breite Brust, bekleidet mit einem gewöhnlichen, verdreckten Wams. Über den Oberkörper des Mannes verlief ein Bandolier, an dem zahlreiche hölzerne Kartuschen baumelten. Ein nachtblauer Kassack, nicht minder schmutzig und staubig als das Wams, hing über seine Schultern und verbarg etwas, das er im rechten Arm hielt. Eine Waffe vielleicht.

Der Mann ging nun leicht in die Knie und neigte den Kopf, um ihren Blick zu suchen. Er lächelte nicht, sondern sah ihr einfach nur fest in die Augen. Sein Gesicht, beschattet von dem breitkrempigen Hut, den er trug, erschien düster und grimmig. Was den Eindruck noch verstärkte, waren seine Augen unter den dunklen, zusammengezogenen Brauen. Sie hatten etwas Stechendes, und Rieke brauchte einen Augenblick um zu begreifen, dass dies an ihrer seltsamen Farbe lag. Sie waren von einem sehr hellen Blau, doch schien es, als würden sie diese Farbe nicht aufrecht halten und fortwährend in einer anderen Nuance schimmern. Auf jeden Fall passte diese Farbe ganz und gar nicht zu seinem sonstigen Aussehen. Die getönte Haut und das rabenschwarze Haar, das ihm zerzaust auf die Schultern fiel, verrieten ihn als Südländer, ebenso wie zuvor seine Art zu sprechen.

Rieke lief es eiskalt den Rücken herab. Ein spanischer Musketier? Hier? Was um alles in der Welt bewog einen Söldner der kaiserlichen Armee ein protestantisches Pesthaus zu öffnen? War er verrückt geworden? Oder seines Lebens müde? Sie sollte ihn umgehend zum Teufel jagen.

„Ich warne Euch! Ich habe ein Feuerrohr! Es ist besser, Ihr verschwindet. Sofort!“

Seine Augen verengten sich. „Hört auf zu lügen. Wäre das wahr, würdet Ihr jenes, und nicht eure Nase aus diesem Loch in der Tür stecken.“

Riekes Herzschlag hämmerte wie wild in ihrer Brust. Sie schluckte. „Was wollt Ihr?“, zwang sie sich zu sagen.

„Habt Ihr noch Milch?“, fragte er unverblümt.

„Was … wie? Ich habe kein Vieh mehr, wenn Ihr das meint. Die Armee hat alles fortgenommen.“

Er schüttelte den Kopf, und trat etwas zurück. Die Schulter senkend, ließ er seinen Kassack zurückfallen. Als Rieke erkannte, was er die ganze Zeit im Arm gehalten hatte, schlug sie erschrocken die Hand vor den Mund.

In seiner Armbeuge, eingehüllt in einen Haufen dreckiger Lumpen, lag ein Neugeborenes. Es wirkte schwach, fast leblos.

Ihr wurde eiskalt und ihr Magen krampfte sich zusammen.

„Geht fort“, hauchte sie tonlos und sie schloss krachend die kleine Luke.

Als er sie nicht mehr sehen konnte, brachen die Tränen aus ihr heraus. Sie biss sich fest auf ihre Faust, um nicht laut aufzuschluchzen.

„Sie braucht Euch! Und es soll Euer Schaden nicht sein! Ich werde Euch angemessen bezahlen!“ Er klopfte energisch gegen die Tür. „So hört doch! Ich werde Euch kein Leid zufügen. Alles, was ich will, ist meine Tochter zu retten!“

„Ich kann Euch nicht helfen!“, rief sie erstickt. „Ich bin krank! Sie wird sich anstecken und sterben!“

„Wir sind seit Tagen vergeblich auf der Suche nach einer Amme. Sie wird so oder so sterben, wenn Ihr uns nicht helft! Außerdem werden wir uns nicht anstecken.“

„Woher wollt Ihr das wissen? Seid ihr vielleicht der Allmächtige?“

„Ich weiß es eben!“, entgegnete er, und an seiner Stimme hörte sie, dass er langsam ungeduldig wurde.

„Dennoch … Nein!“

Ein Knurren war zu hören. „Hattet ihr Beulen, unter den Armen?“

„Nein.“

„Dann war es auch nicht die Pest. Glaubt mir, ich kenne ich mich aus damit. Euer Vogt ist ein Trottel, wenn er das denkt.“

„Geht fort, Spanier! Hier findet ihr nichts, außer den Tod!“, rief sie. Sie wollte jetzt nichts mehr, als dass er verschwand.

Auf der anderen Seite der Tür blieb es still. Sie hielt angespannt den Atem an. Hatte er auf sie gehört und endlich das Weite gesucht?

Im nächsten Moment gefror ihr das Blut in den Adern. Ein furchtbares Krachen ertönte, etwas donnerte mit aller Macht von außen an die Tür. Zwei, drei, heftige Schläge, ließen die Türangeln aus dem Rahmen bersten. Rieke schrie auf, Holz splitterte ihr ins Gesicht und sie riss schutzsuchend die Arme hoch.

Der Riese war mit einem Schritt bei ihr, von dem Kind war nirgends etwas zu sehen. In einer einzigen, fließenden Bewegung packte er ihren Arm und verdrehte ihn, so dass das Schüreisen klirrend zu Boden fiel.

Mit der anderen Hand drückte er gegen ihren Brustkorb und schob sie mit Leichtigkeit vor sich her. Die nächste Wand setzte ihrem unfreiwilligen Weg ein Ende. Er presste sie fest dagegen und blickte mit seinen eisigen Augen auf sie herunter.

„Jetzt hört mir gut zu“, knurrte er drohend.

„Ich bin seit Tagen fast ununterbrochen geritten, ich bin verdammt müde und hungrig. Aber das ist nichts gegen den Hunger meiner Tochter. Sie hat sich die Seele aus dem Leib geschrien, und ich kann Euch versichern, dass ich nicht der Mensch bin, der so etwas mit Geduld erträgt! Wie gut, glaubt Ihr also, bin ich gerade aufgelegt? Ich verspreche Euch, wenn Ihr euch weiter weigert, meinem Kind eine Amme zu sein, dann werde ich Euch an einen Stuhl fesseln, Euch Euer fadenscheiniges Hemd vom Leibe reißen und Euch meine Tochter höchstselbst an die Brust legen, und zwar so lange und so oft wie ich das will, habt Ihr das verstanden?“

„Und was glaubt Ihr“, zischte sie zurück, „wie viel Milch noch aus den Brüsten einer Frau fließen wird, die nichts mehr isst?“

Er kniff die Augen zusammen und atmete angestrengt ein. Dann ließ er sie los und wandte den Blick ab.

„Ihr habt Recht“, murmelte er, mühsam beherrscht. Er wirkte plötzlich zu Tode erschöpft. „Ich kann Euch nicht zwingen … Ich werde jemanden schicken, der Eure Tür richtet. Lebt wohl.“

Er wandte sich zum Gehen. Irgendwoher aus Richtung der Türschwelle war das leise Wimmern des Säuglings zu hören.

Rieke schloss kurz die Augen. Sie wollte es nicht tun, alles in ihr sträubte sich dagegen, doch was hatte sie für eine Wahl? Der Winter stand bevor, sie hatte kein Vieh und fast kein Getreide mehr. Das letzte Gemüse im Garten war verfault, während sie krank war, und die Leute im Dorf würden sie umgehend wieder einsperren, wer weiß für wie lange. Der Mann machte ihr Angst, aber er hätte sie gerade töten können, oder Schlimmeres, und hatte es nicht getan. Wenn er sie wirklich bezahlen würde, wie er sagte … Kaiserliches Gold war genauso viel wert wie das jedes anderen Fürsten.

„Wartet“, sagte sie.

Er drehte sich um.

„Bringt sie her.“

 

*

 

„Das dauert zu lange. Seid Ihr sicher, dass Ihr überhaupt noch Milch habt?“

Langsam war Adáns Geduld am Ende. Seit er das Kind der Frau in die Arme gelegt hatte, schrie und strampelte es, und sie mühte sich nun schon geraume Zeit damit ab, dem kleinen Mädchen die Brust zu geben. Immer wieder drehte es den Kopf weg und schrie danach umso lauter weiter.

„Sie braucht Zeit!“, überschrie sie das Kind mit einem giftigen Blick in seine Richtung. „Und ich auch! So etwas geht nicht so schnell, nur weil Ihr dasteht wie ein Feldherr und es so befehlt. Außerdem, wenn Ihr mich nicht fortwährend so anstarren würdet, wären wir vermutlich schon längst fertig!“

Adán schnaubte. Fast hätte sie ihn amüsiert in ihrer Aufgebrachtheit. Aber es stimmte. Mit verschränkten Armen an ihren schäbigen Tisch gelehnt, hatte er ungeniert zugesehen, wie sie sich das Hemd aufgezogen und über eine ihrer mageren Schultern gestreift hatte, um das Kind zu stillen. Ihre Bitte, er möge sich umdrehen, hatte er einfach überhört. Nicht, dass es sich gelohnt hätte. Sie war zwar kein Kind mehr, aber viel war nicht dran an ihr, soviel konnte er selbst im schwachen Lichtschein sehen. Zugegeben, ihre Brüste waren voll und rund, aber ansonsten war sie so dünn wie ein Herbstkätzchen. Ihr Gesicht mochte ganz ansehnlich sein, wenn man sich die rotgeweinten Augen und die hohlen Wangen wegdachte. Das Hübscheste an ihr war noch ihr Haar. Da sie keine Haube trug, offenbarten sich ihm die langen, goldbraunen Wellen, die ihr fast bis auf die Hüften fielen, in nahezu obszöner Schönheit.

„Ich muss sicher sein, dass Ihr es richtig macht für Euer Geld.“ Doch das war nur die halbe Wahrheit. Er merkte selbst erst jetzt, wie sehr er sich daran gewöhnt hatte, das Kind niemals aus den Augen zu lassen. Er durfte es nicht. Es war zu wichtig.

„Ich werde es richtig machen. Aber ohne Euch! Herrgott! Geht! Geht und macht Euch irgendwie nützlich! Sie wird schon nicht fortlaufen, und ich werde sie auch nicht verschlingen!“

Er stieß sich vom Tisch ab.

„Nun gut. Das Geschrei strapaziert ohnehin meine Geduld!“

Mit langen Schritten verließ er die Hütte und merkte erst in der kühlen Herbstluft, wie dumpf und stickig es darin gewesen war. Kein Wunder, waren doch die Fenster mit Brettern vernagelt. Kurz entschlossen machte er sich daran, dies zu ändern. Als er damit fertig war, kümmerte er sich um das Pferd und brachte es in den windschiefen Stall neben der Mühle, der wohl einst ein paar Rinder oder Schafe beherbergt hatte. Es fand sich sogar noch etwas Heu darin, das der Rappe – nach all der Zeit der Entbehrungen nicht mehr wählerisch - gierig zu fressen begann. Nachdem Adán dem Tier Wasser gegeben und ihm über Flanken und Beine gestrichen hatte, um es nach Verletzungen abzusuchen, ließ er es allein und brachte seine Habe ins Haus. Das Kind schrie schon wieder, also floh er ein weiteres Mal nach draußen und hackte etwas Holz. Es dämmerte bereits, als er mit einem Armvoll Scheite in die Hütte zurückkehrte.

Ich hätte die Tür nicht so zertrümmern dürfen, dachte er beim Eintreten. In diesen Zeiten war ein solches Fragment geradezu eine Einladung für das Gesindel, das sich überall herumtrieb. Daran, dass nun möglicherweise auch Andere ungehindert in die Hütte gelangen konnten, mochte er erst gar nicht denken. Er würde wachsam sein müssen.

Drinnen warf er die Scheite neben den Herd und seinen Hut auf den Tisch. Die Frau hatte sich auf ihre Schlafstatt gelegt, sie drehte ihm den Rücken zu. Das Kind war still. Irgendwie beunruhigte ihn das, also nahm er das Licht und ging langsam zu ihnen. Seine Tochter lag an den Bauch der Amme geschmiegt und saugte zufrieden an deren entblößter Brust. Kleine, silbrige Schlieren glänzten an ihrem Mund und rund um die Brustwarze der Frau und sie trank entspannt, in ruhigen, gleichmäßigen Schlucken.

Adán unterdrückte das flaue Gefühl in seiner Magengegend, ebenso wie ein erleichtertes Aufatmen.

„Seht Ihr?“, fragte die Frau leise, ohne ihn anzusehen. „Ohne Euch kommen wir viel besser zurecht, nicht wahr, meine Kleine?“

Er blieb ihr eine Erwiderung schuldig und wandte sich ab, um das Feuer zu schüren.

„Wie heißt sie eigentlich?“, fragte sie irgendwann vom Bett aus.

„Ich weiß nicht. Sie hat noch keinen Namen.“

Sie sah ihn über ihre Schulter hinweg an. „Ihr zertrümmert Türen für sie und bedroht ehrbare Frauen, und habt ihr noch nicht einmal einen Namen gegeben? Was seid Ihr für ein seltsamer Mann?“

Er antwortete nicht und stocherte noch etwas heftiger in den auflebenden Flammen herum.

„Getauft ist sie vermutlich auch noch nicht“, murmelte sie.

„Es gab Wichtigeres. Zum Beispiel, sie vor dem Verhungern zu retten. Verflucht noch mal.“ Er zog die schmerzenden Schultern hoch. Das Weib wurde ihm jetzt schon lästig. Wenn er sie nicht gebraucht hätte …

„Ihr seid gottlos“, meinte sie verächtlich und widmete sich wieder dem Kind.

„Ihr wisst nicht, wie Recht Ihr habt“, sagte er gedämpft, mehr an sich selbst als an sie gewandt.

Er stand auf und streckte sich. Der Schmerz biss ihn dabei wie ein toller Hund. Diese verdammte Kugel musste heraus, sonst würde es niemals heilen.

Die Frau erhob sich jetzt vom Bett, nahm das Kind hoch, und legte es sich an die Schulter.

„Mein Name ist Friederike. Aber alle Welt nennt mich Rieke“, sagte sie schlicht. „Und wie heißt Ihr?“ Sie kam näher und klopfte dem kleinen Mädchen dabei sacht auf den Rücken.

„Mein Name geht Euch nichts an“, knurrte er.

„Wie Ihr wollt“, antwortete sie schnippisch und ging zu einem grob gezimmerten Stuhl. Dabei strauchelte sie, und schwankte, so dass sie sich mit einer Hand am Tisch festhalten musste. Anscheinend war sie nicht nur mager, sondern auch schwach. Und eine schwache Amme konnte er nicht gebrauchen.

„Geht es Euch gut?“, fragte er.

Sie winkte nur ab und setzte sich.

„Wann habt Ihr das letzte Mal etwas gegessen?“

Sie zuckte die Schultern. „Ehrlich gesagt weiß ich es nicht so genau.“

„Was habt Ihr im Haus?“

„Grütze.“

„Sonst nichts?“

„Sonst nichts. Ihr mögt verzeihen. Ich war nicht gerade auf Besuch eingerichtet.“

Was für ein kratziges, kleines Ding sie doch war. Er sollte sie hungern lassen, nur zur Strafe. Aber das hätte nur seinem Kind geschadet.

Wortlos erhob er sich und holte seinen Mantelsack, den er, genau wie sein Sattelzeug und die Muskete, in einer Ecke des Raumes platziert hatte. Er warf das schwere Bündel auf den Tisch und beförderte ans Licht, was er aus dem Keller mitgenommen hatte. Eine Speckseite, den Schinken, ein großes Stück Hartkäse und einen kleinen Sack Getreide. Dazu einen Schlauch Wein. Von dem würde sie aber nichts bekommen.

„Morgen werde ich mehr besorgen“, sagte er, während er ein Stück Schinken abschnitt und es ihr reichte.

Ihre Augen, groß vor Erstaunen, glänzten, als sie sich gierig darüber hermachte.

Dann erhob sie sich und wollte einen Topf vom Haken über dem Herd nehmen, doch er kam ihr zuvor. „Nein. Ihr setzt euch. Das werde ich machen.“

Sie tat wie ihr geheißen und kehrte wieder zu dem Stuhl zurück. Das Kind bettete sie in ihren Schoß.

„Bekomme ich noch ein Stück? Auch von dem Käse?“

„Nehmt Euch, soviel Ihr wollt. Aber vom Wein lasst Ihr die Finger!“

„Wie habt Ihr es Euch vorgestellt?“, fragte sie zwischen zwei Bissen. „Wollt Ihr sie hier bei mir lassen, während Ihr Euren Angelegenheiten nachgeht?“

„Nein.“ Er goss etwas Wasser aus einem Krug in den Topf auf dem Herd und gab das geschrotete Getreide hinzu. „Das ist zu gefährlich.“

„Gefährlich? Diese Zeiten sind gefährlich. Jeder kann jederzeit sterben. Auch Eure Tochter, wenn es Gott so gefällt“, sagte sie leise und blickte auf das Kind hinunter.

„Nein!“, erwiderte er, eine Spur zu heftig, wie ihm selbst klar wurde. „Das darf auf keinen Fall geschehen.“

Sie schluckte und als sie ihn wieder ansah, schwammen Tränen in ihren Augen. Doch auf ihrem Gesicht lag ein fast mitleidiger Ausdruck und er hasste sie dafür. Was wusste sie schon!

„Was habt Ihr dann vor?“, fragte sie weiter.

„Ihr werdet bei mir bleiben. So lange wie es nötig ist. Und ganz gleich, wohin ich gehe.“

Sie schürzte die Lippen, was diese noch etwas voller wirken ließ. Er fragte sich, warum er das ausgerechnet jetzt bemerkte.

„Und wohin werden wir gehen?“
Er zuckte die Schultern. „Ich weiß es noch nicht sicher. Hier bleiben können wir jedenfalls nicht. Eure Mühle ist abgelegen. Aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Leute im Dorf merken, dass ich ein Pesthaus geöffnet habe.“

„Und was ist mit meinem Geld?“ Sie sah ihn unerschrocken an.

„Ich gebe Euch fünfzehn Kreuzer pro Woche. Aber ich zahle Euch erst aus, wenn ich Euch nicht mehr brauche. Ich kann nicht riskieren, dass Ihr mir davonlauft, wenn Ihr genug habt.“

„Fünfundzwanzig Kreuzer“, sagte sie mit fester Stimme. „Und zwei Taler im Voraus.“

„Ihr werdet kein eigenes Geld brauchen. Ich sorge für alles.“

Zwei Taler im Voraus. Allein Eure Gesellschaft zu ertragen, ist mehr wert.“

„Ihr habt ein viel zu loses Mundwerk, Weib.“

In ihrer Miene rührte sich nichts. „Nun?“

Er knurrte. „Zwanzig Kreuzer. Und einen Taler im Voraus.“

„Gut.“

Er hätte schwören können, dass es um ihre Lippen zuckte.

„Eure Tochter muss gebadet werden“, wechselte sie das Thema. „Und Euch könnte das auch nicht schaden.“

Kommentare

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    Hihi, so soll es sein :) Danke, Máire! <3

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    Hach... Lechz... ich mag ihn einfach, deinen Adán... <3 Sehr schön beschrieben. Nu hab ich Kino im Kopf. :-)

beta
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