Kapitel 2 - Teegrün

2. Teegrün


Es war etwa kurz vor drei als ich den Club verließ. Natürlich nüchtern, schließlich musste ich ja noch irgendwie heimkommen. Naja fast nüchtern. Jedenfalls nüchtern genug, um Auto zu fahren. Ich ging über den menschenleeren Parkplatz zu meinem Auto und setzte mich langsam rein. Die Bässe waren noch bis hier hin zu hören und gaben zusammen mit dem Pochen meines Kopfes und meiner Ohren einen unangenehmen Trommelrhythmus. Ich mochte keine laute Musik. Meine Ohren klingelten und dröhnten bei mir noch Minuten, manchmal auch Stunden nach und dann war an Schlafen nicht mehr zu denken. Vielleicht würde ich ja wieder malen. Ich hasste es zwar mit künstlichem Licht zu arbeiten, wiederum mochte ich die angenehm ruhige Atmosphäre in der Nacht.

Der Motor startete mit einem Gurren und ich fuhr langsam los. Es war nicht wirklich Verkehr auf den Straßen und ich hatte es auch nicht zu eilig nachhause zu kommen. Es war ruhig und dunkel. Die Straßen waren neu und ruckelten nicht, das Tempo war gemächlich. All das knabberte doch ein wenig an meiner Aufmerksamkeit und eine leichte Müdigkeit machte sich in mir breit.

Bis etwas Unerwartetes mich plötzlich aufschrecken ließ. Ich trat fest auf die Bremse, sodass die Reifen einen unangenehmen hohen Ton, beinahe ein Quietschen, von sich gaben und riss das Lenkrad nach links.
Gebannt schaue ich nach draußen zur Ursache meines Manövers.

Da ist doch jetzt nicht ernsthaft...

Da ist mir doch jetzt nicht ernsthaft jemand vors Auto gelaufen!?
Schnell stieg ich aus. Durch meine Brems- und Lenkradverreißaktion habe ich die Person, Gott, wenn es überhaupt einen gibt, sei Dank, nicht erwischt. Eilig gehe ich auf den von den Scheinwerfern leicht beleuchteten Schemen zu. Je näher ich kam, desto mehr erkannte ich. Es war ein junger Mann, nein vielmehr ein Jugendlicher. Nicht besonders groß. Vielleicht nur ein wenig größer als Julian. Angekommen bei dem Jungen, musterte ich ihn genauer.
Er starrte zum Auto, welches mittlerweile beide Spuren versperrte.

„Ist alles in Ordnung mit dir?", erkunde ich mich besorgt.

Der Junge schaute zu mir hoch. Tränen standen in seinen Augen und sein Körper war ein einziges Zittern.

„Ja, ist ja nichts passiert", antwortete er sehr verspätet. Er versuchte gefasst zu klingen, jedoch klang seine Stimme eher als würde sie jeden Moment kippen und als wäre er kurz davor laut loszuheulen. Von wegen alles in Ordnung.

„Sicher? Am besten wir rufen die Polizei, okay?"

„Nein! Keine Polizei! Bitte!"

Der Junge blickte mich erschrocken und zugleich flehend an. Aber was sollte ich denn jetzt machen? Es war mitten in der Nacht, wir befanden uns auf einer abseits gelegenen Landstraße und um ein Haar hätte ich diesen Jungen über den Haufen gefahren. Aber Moment. Was suchte ein Jugendlicher um drei Uhr nachts, kilometerweit vom nächsten Haus entfernt, auf der Straße? Ich musterte den Jungen erneut. War er abgehauen? Wollte er deshalb keine Polizei? Aber ich konnte ihn doch jetzt schlecht hier so stehen lassen, insbesondere weil ich ihm wohl oder übel einen seiner größten Schockmomente in seinem Leben beschert hatte.

„Aber was schlägst du denn sonst vor? Ich kann dich ja wohl schlecht hier stehen lassen, du-"

„Doch, kannst du!", fiel er mir plötzlich scharf ins Wort.

Er hatte sich ein wenig aufgebaut um selbstsicherer zu wirken, was aber in Anbetracht seiner verheulten Augen und seinem Zittern nicht wirklich den gewünschten Effekt hatte.

Aber was macht man denn jetzt? Sollte ich vielleicht doch die Polizei rufen? Würde ich das selber wollen? Aber was zur Hölle suchte er hier? Gott, Fragen über Fragen und es war mitten in der Nacht. Mein Kopf fühlte sich schwer an und ich war restlos überfordert mit der Situation. Konnte nicht irgendwer anders an meiner Stelle sein?

„Hör zu, es ist mitten in der Nacht. Und zudem ist das hier die reinste Pampa. Wo wohnst du? Ich bring dich nachhause, okay? Ich werde auch keine Polizei anrufen, ehrlich."
Ich blickte ihn so offen an, wie nur möglich, während die Schuldgefühle in mir immer weiter wuchsen. Schließlich hatte ich ihn fast überfahren, da ist es doch verständlich, dass er jetzt unter Schock stand – ich selbst war doch auch noch sehr erschrocken und aufgekratzt.

Die Arme des Jungen hatten sich vor seiner Brust verschränkt und er sah an mir vorbei zu meinem Auto. Er schien darüber nachzudenken. Immerhin etwas. Das Angebot konnte er doch unmöglich ablehnen, oder wollte er die Nacht wirklich in der Wildnis verbringen? Umso mehr überraschte es mich, dass er den Kopf schüttelte.

„Nein, danke. Ich will nicht nachhause."

Er schaute zu mir hoch und versuchte mich mit einem dünnen und gequälten Lächeln zu überzeugen, mich abzuwimmeln. Als ich ihm direkt ins Gesicht sah, verschwand jedoch das Lächeln schlagartig und der Junge drehte seinen Kopf weg. Vielleicht sollte ich ihn wirklich in Ruhe lassen und einfach gehen. Ich konnte ihn schlecht zwingen. Doch gerade als ich mich von ihm dann doch abwenden wollte, vernahm ich ein leises... Schluchzen? Ich drehte mich wieder in seine Richtung. Tatsächlich. Verdammt, er weint! Was sollte ich jetzt machen? In so etwas war ich noch nie gut gewesen.

„Hey Kleiner", begann ich und legte vorsichtig eine Hand auf seine Schulter, welche bei jedem erneuten Schluchzer leicht nach oben zuckte. Unmittelbar spannte er sich an. Für einen kurzen Moment war ich versucht gewesen ihn wieder loszulassen, bis zu dem Moment, in dem sich unsere Blicke kreuzten. Sein verheultes, jugendliches Gesicht, sein zitternder Körper. Unmöglich konnte ich ihn hier zurücklassen.

Verunsichert blickte er mich an. Und ich weiß nicht, wie ich folgende Handlung erklären soll, aber es war einfach so über mich gekommen. Ich zog den Jungen zu mir, in meine Arme. Einen kurzen Augenblick sträubte er sich dagegen, ließ es sich schließlich gefallen und lehnte sich leicht an mich.

Er weinte. Und ich hielt ihn währenddessen im Arm. Er, ein mir völlig fremder Junge, weinte sich bei mir, einem ihm völlig Fremden, aus.

Allerdings blieben wir nicht lange so stehen, denn ich hörte ein Auto langsam in unsere Richtung fahren und sah, wie die Scheinwerfer in der Ferne um die Kurve schienen. Ich wandte mich wieder dem Jungen zu, der sich von mir losgemacht hatte und sich verstohlen über die Augen wischte. Auf keinen Fall konnte ich den Jungen hier alleine so stehen lassen. Er war doch total fertig. Ich schaute zum Auto, das vor meinem zum Stehen kam und gab ein Handzeichen.

„Hör mal, wenn du nicht nachhause willst und ich nicht die Polizei rufen darf, darf ich dir dann wenigstens anbieten, die restliche Nacht auf meiner Couch zu schlafen?"

Seine Augen weiteten sich. Überraschung stand in seinem Gesicht geschrieben.

„Das wär nett. Danke!"

Seine Stimme war zwar relativ leise, aber er schien mit dem Angebot zufrieden und ich würde wohl die Nacht schlafen können, denn ich war mir sicher, wenn ich ohne ihn heimgefahren wäre, und gerade in diesem Zustand, dann hätte ich Probleme, jemals wieder ruhig schlafen zu können. Oder mich gar selbst im Spiegel anzusehen.

„Na dann komm."

Wir gingen zu meinem Auto und stiegen ein. Erst als ich die Tür geschlossen und das Auto zur Seite gefahren hatte, um das andere vorbei zu lassen, bemerkte ich wie kalt es doch draußen war. Ich drehte die Heizung ein Stück auf. Der Junge hatte sich in den Sitz gekauert. Wie lange er schon draußen gewesen war? Er trug zwar einen relativ dicken, schwarzen Kapuzenpulli, zitterte aber wie Espenlaub. Vielleicht auch der Schock? Ich wartete noch bevor ich losfuhr und hielt meine Hand vor die Heizungslüftung. Als es dann wärmer wurde, fuhr ich los. Keiner von uns hatte irgendetwas gesagt. Sollte ich was sagen?

„Ach ja. Ich bin der Roman", stellte ich mich vor und lächelte ihm kurz zu.

Ich bemühte mich, die Atmosphäre zu lockern. Jedoch schien es, ihn kalt zu lassen. Er saß weiter zusammengekauert im Sitz und blickt aus dem Fenster, in die Dunkelheit.

„Gero"

Seine Stimme war noch immer ein Flüstern.

Gero hieß er also. Ein interessanter Name, den ich nie zuvor in meinem Leben gehört hatte. Unwillkürlich musste ich bei dem Klang des Namens an eine Echse oder etwas dergleichen denken.
Aus den Augenwinkeln erkannte ich, dass er weiter aus dem Fenster sah. Störte ihn meine Anwesenheit? Hatte ich ihn zu sehr bedrängt? Vielleicht war ihm auch die Tatsache peinlich, dass er sich eben an meiner Brust ausgeheult hatte? Wäre doch möglich? Oder?
Ich seufzte tief. Das war alles ein wenig überfordernd für mich. Wie viel Uhr war es jetzt? 03:48 Uhr.
Die Autofahrt verlief weiter schweigend.


„Wir sind da", waren meine ersten Worte nach langem Schweigen.

Gero wandte sich das erste Mal vom Fenster ab und unsere Blicke trafen sich. Ich lächelte ihm aufmunternd zu und stieg als erster aus. Gero folgte mir, wenn auch ziemlich zögerlich und verunsichert. War ihm aber nun wirklich nicht zu verübeln.

Leise gingen wir in meine Wohnung und ich schaltete das Licht im Flur an. Erbarmungslos durchflutete das Licht den gesamten Flur und Gero kniff ein wenig die Augen zu, die noch einen Moment brauchten, bis sie sich an die Helligkeit gewöhnten. Ich musterte ihn noch einmal genauer, da die Dunkelheit Einzelheiten verborgen gehalten hatte.

Sein Haar war schwarz, allerdings war es gefärbt, denn es schien, schon leicht verwaschen zu sein. Zwar war mir vorhin aufgefallen, dass er dunkle Haare hatte, aber im Licht erkannte man es nun richtig. Außerdem hatte er ziemlich weiche Gesichtszüge, die ihn sehr jung aussehen ließen. Vermutlich war er zwischen sechzehn und achtzehn Jahre alt. yAls sich seine Augen an die helle Umgebung gewöhnt hatten, öffnete er sie richtig und sah mich mit seinen großen braunen Augen an. Es war ein dunkles und sattes, fast schon schwarzwirkendes Braun, allerdings mit kleinen hellen Fragmenten, die dem ganzen eine besondere Tiefe und Wirkung verliehen. Fasziniert von seinen Augen bemerkte ich erst, als er den Blick von mir abwandte, dass ich ihn angestarrt hatte. Etwas peinlich berührt sah ich mich ebenso wie er um.

„Möchtest du was trinken?", fragte ich schließlich, um das verlegene Schweigen zu brechen.

Unsere Blicke trafen sich erneut und er schien, kurz zu überlegen. Er antwortete mit einem Nicken und ich deutete ihm mir zu folgen, während ich in die Küche ging und den Schrank öffnete.

„Was möchtest du denn trinken? Wasser? Ich glaube, ich hab aber auch noch Orangensaft da. Oder magst du lieber einen Tee? - Ach und setz dich doch."

Unschlüssig setzte er sich auf einen Stuhl und schaute zu mir herüber. Er zitterte noch immer, seine Schultern waren etwas nach oben gezogen und seine Arme verschränkt, die Finger im Baumwollstoff seines Pullovers vergraben.

„Ein Tee klingt gut."

In seiner Stimme konnte man das Zittern seines Körpers ebenfalls hören. Wie lange er wohl schon draußen gewesen war? Zwar war es schon Mai, doch die Nächte waren noch immer bitterkalt.
Nachdem ich das Wasser aufgesetzt hatte, holte ich zwei Tassen raus, sowie eine Teedose, die ich Gero reichte, um sich einen Tee auszusuchen. Forschend begutachtete er die vielen Teesorten bis er sich für eine entschieden hatte.

Grüner Tee.

Langsam goss ich das heiße Wasser in die beiden Tassen. Die Aromen stiegen langsam mit dem Wasserdampf nach oben und breiteten sich in der ganzen Küche aus. Vorsichtig nahm ich die Tassen und stelle sie auf den Tisch.

„Hier bitte."

Schließlich setzte ich mich ebenfalls an den Tisch und betrachtete die blaue Keramiktasse, beugte mich etwas hinunter, um auch den Inhalt zu sehen, während der emporsteigende Dampf sanft über meine Wange strich und sie wärmte. Ich atmete den würzigen Duft tief ein.

Schwarzer Tee.

Für einen kurzen Moment schloss ich die Augen, ehe ich wieder Gero ansah. Er schien abwesend, mit den Gedanken in einer völlig anderen Welt zu sein und irgendwie... bedrückt?
Ich war mir nicht sicher. Ich konnte ihn nicht lesen, wusste nicht, was er dachte, was er fühlte. Kannte ihn nicht. Kannte nicht mehr als seinen Vornamen. Aber er wusste auch nichts von mir. Wir waren uns fremd.
Seine schmalen und langen Finger umklammerten die Tasse, als würden sie sich an ihr festhalten. Gedankenverloren schaute er in sie hinein. Und so schwiegen wir.

Ich nippte an meinem Tee. Die Wärme durchströmte mich und ein wohliges Gefühl dehnte sich in meiner Magengegend aus. Mir war gar nicht aufgefallen, dass mein Körper ebenfalls kalt war. Während wir weiter schwiegen, spürte ich eine Dumpfheit, die sich in meinem Kopf breit machte. Ich war mir nicht sicher, ob sie ihren Ursprung in der Müdigkeit hatte oder im Alkohol, den ich getrunken hatte. Allerdings schien die Wärme des Tees, sie zu begünstigen – und das trotz des Koffeins.

Wie automatisch wanderten meine Augen wieder zu Gero. Er hatte seine Lippen an den warmen, noch leicht dampfenden Becher gelegt. Sie sahen sehr weich aus und waren nicht mehr so blass. Nein, sie hatten einen sehr satten Rosaton, der sie weich wirken ließ. Sie gaben einen Kontrast zu seiner hellen Haut. Dass mein Kopf nicht mehr vernünftig arbeitete, merkte ich als er der Meinung war, ihn mit Schneewittchen zu assoziieren.

„Ach! Hätt' ich ein Kind, so weiß wie Schnee, so rot wie Blut und so schwarz wie Ebenholz!"

...Also schön, Roman. Nach diesem Märchenexkurs war es wohl echt an der Zeit ins Bett zu gehen. Ich trank meinen Tee aus und schaute wieder zu meinen Gast.

„Ich mach schon mal die Couch für dich fertig, okay?"

Er nickte mir zu und trank seinen Tee weiter, während ich aufstand und die Küche verließ. Aus meinem Schlafzimmer holte ich eine Decke und ein Kissen, die ich dann ins Wohnzimmer brachte. Das Couchausziehen und das Platzieren von Decke und Kissen verliefen nur noch sehr mechanisch. Das war wirklich zu wenig Schlaf in den letzten Tagen gewesen. Ich betrachtete mit gestemmten Armen noch einmal mein Werk, bevor ich in die Küche ging.

„Falls du nochmal Durst bekommen solltest, da vorne in der Ecke steht eine Wasserkiste und hier in dem Schrank-" Ich deutete mit einer Handbewegung auf die Küchenschranktür, „sind Gläser."

Er nickte kurz und folgt mir in den Flur, wo ich stehen blieb. Ich öffnete die Tür zum Bad und ging einen Schritt hinein, um den Lichtschalter zu betätigen.

„Nimm, was du brauchst. Nur nicht meine Zahnbürste."

Ich lächelte ihm ein wenig scherzhaft zu und konnte auch ihm ein kleines Lächeln entlocken. Na endlich.
Schließlich ging ich wieder aus dem Bad. Und stand ihm direkt gegenüber.

„Danke."

Er schien zwar langsam wieder aufgetaut zu sein, doch seine Stimme war noch immer sehr leise, als sei er heiser. Aber sein Ausdruck war aufrichtig. Ich begann, zu lächeln.

„Ist kein Problem. Außerdem bin ich ja dafür verantwortlich."

Ich war mir nicht sicher, ob ich richtig gesehen hatte oder ob mir meine Augen schon anfingen, Streiche zu spielen, aber für einen Moment hatte es ausgesehen, als sei er zusammengezuckt. Er schüttelte den Kopf, seine Augen hefteten sich wieder an den Boden.

„Nein, schon gut. Ist ja nichts passiert."

Er zögerte.

„Ich geh mal ins Bad."

Abermals ein kurzes Zögern.

„Gute Nacht."

Er verschwand hinter der Tür und ein tonloser Seufzer entkam mir. Mein Kopf, meine Schultern, meine Glieder, sie alle fühlten sich auf einmal viel schwerer an als zuvor. Ich schleppte mich noch einmal in die Küche, stellte die Tassen in die Spüle und schaute noch einmal auf die Uhr. 04:56 Uhr. Ich verkniff mir ein Stöhnen und löschte das Licht. Im Flur warte ich kurz bis Gero aus dem Bad kam.

„Gute Nacht."

Leicht nickend schaute er zu mir und ging ins Wohnzimmer. Die Tür schloss sich langsam hinter ihm.


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