Kapitel 20

                                                                       20

Endlich ist die Ziffer Fünf auf meiner Uhr zu sehen. Der Rest meines Arbeitstages war eine reine Nervenprobe. Ich wollte wirklich nicht nervös sein. Ich will einfach nicht zu viel Hoffnungen auf dieses Grimoire setzen. Aber es ist wie ein kleiner Strohhalm, nach dem ich greifen will.
Auf dem Weg nach draußen, verabschiede ich mich bei meinen restlichen Arbeitskollegen und öffne mit einem schnelleren Herzklopfen als üblich, die Tür zum Parkplatz um gleich darauf dass angenehme Brummen von Alex`s GTO zu hören, der vor der Türe parkt. Mein Herz macht nochmals einen Sprung. Er ist tatsächlich pünktlich und er ist tatsächlich hier. Er hat mich nicht versetzt, so wie ich schon befürchtet habe und es schon so oft vorgekommen ist. Also gehe ich mit schnellen Schritten auf den Wagen zu und öffne die Tür um mich auf dem Beifahrersitz niederzulassen.
Bei einem Blick in sein Gesicht kann ich ein kleines Lächeln sehen und muss mich unwillkürlich daran erinnern wie ich zum letzten Mal in diesem Auto neben ihm gesessen habe. Es fühlt sich an, wie eine Ewigkeit. Ohne etwas zu sagen greift er nach einem schwarzen Tuch, dass sich auf seinen Beinen befindet und legt es ein paar Mal übereinander. Unbehagen macht sich in mir breit. Was hat er damit vor?

„Keine Angst. Ich will nur nicht, dass, solltest du unter einem Zauber stehen, diese Hexe sieht wo ich dich hinbringe. Ich verbinde dir damit deine Augen.“

Unruhig rutsche ich auf dem Sitz hin und her. Ich hasse es, wenn ich nicht sehen kann, wo ich bin. Ich vertraue niemanden genug um mich so wohl zu fühlen. Doch ich verstehe auch, dass es zum Schutz von ihm und seinem Grimoire ist. Also folge ich seiner Anweisung und bringe meinen Kopf in Position. Ich nicke und für einen kleinen Moment blicken wir uns nochmals in die Augen, bevor mich daraufhin Dunkelheit umgibt und er das Tuch hinter meinem Kopf verknotet. Seine Hände streichen dabei durch meine Haare und für einen Augenblick glaube ich, dass seine Berührung viel länger dauert, als nötig.
Doch dann verschwinden seine Hände und ich kann dort nur mehr Leere spüren, bevor er ohne ein weiteres Wort losfährt und ich meine Aufregung nur durch das Wackeln meiner Knie unter Kontrolle halten kann.

Zuerst war ich nervös. Es hat mir Angst gemacht nichts sehen zu können. Doch mit der Zeit bin ich ruhiger geworden und so bin ich etwas entspannter, als wir anhalten und Alex mir die Augenbinde abnimmt. Meine Augen brauchen einige Sekunden um sich wieder an normales Licht zu gewöhnen. Doch dann sehe ich vor uns das kleine Holzhaus, zu dem er mich schon einmal gebracht hat.
Wir steigen beide aus dem Wagen und ich folge ihm zur Tür, durch die wir ins Innere des Hauses gehen. Alex macht das Licht an und ich kann gleich darauf, dass angenehme Geräusch von brennenden Holz wahrnehmen. Es brennt bereits ein Feuer in dem offenem Kamin und ich blicke verwirrt zu Alex, der sofort meine Stille Frage zu verstehen scheint.

„Ich war vorhin schon hier und habe Feuer gemacht. Sonst wäre es zu kalt für dich, um dich konzentrieren zu können“

Ich muss zugeben, dass ich ein klein wenig überrascht bin über seine plötzliche Fürsorge und kann mir ein Lächeln einfach nicht verkneifen.

„Setz dich. Hier.“

Er reicht mir einen Zettel mit ein paar Sätzen darauf den ich zögerlich entgegennehme.

„Du sprichst diesen Zauber um dich vor der anderen Hexe zu schützen und wenn dieser funktioniert, dann zeige ich dir das Grimoire. In Ordnung?“

Ich denke, dass er meine Unsicherheit spürt. Denn ich habe ehrlich Angst davor, vollkommen zu versagen. Ich habe erst einmal einen Zauber gesprochen und nicht einmal damit bin ich mir sicher, ob es damals wirklich meine Kraft war oder die von Salivana.

„Du musst wirklich keine Angst haben. Du kannst nichts falsch machen. Am Besten du setzt dich hier vor das Feuer. Somit bist du besser geerdet.“

Ich tue, was er sagt. Und ich hoffe wirklich, dass ich ihm vertrauen kann.

Ich sitze also vor dem Feuer und Alex setzt sich neben mich. Er zündet eine Kerze an die er dann vor mich stellt.

„Es wird dir nicht gefallen, aber nachdem du den Spruch gesprochen hast, musst du mit deinem Blut die Flamme der Kerze löschen. Konzentrier dich einfach auf den Spruch und gib mir deine Hand.“

Er hält mir seine Hand entgegen und ich zögere. Doch nach einem Blick in seine Augen, lege ich meine Hand in seine. Doch als sich seine Augen rot färben, ist meine erste Reaktion, dass ich meine Hand wieder aus seiner löse. Er jedoch lässt nicht locker und greift erneut mit seinen langen Fingern um meine Hand und versucht mich zu beruhigen.

„Keine Angst. Ich helfe dir nur ein wenig. Ich werde dir nur eine kleine Wunde zufügen. Ich verspreche, ich werde vorsichtig sein.“

Ein wenig von Angst begleitet nicke ich und beobachte wie sich lange Reißzähne aus seinen Kiefer bohren. Dennoch behält er seine Menschengestalt. Vorsichtig führt er meine Hand zu seinem Munt und einen Augenblick darauf spüre ich, wie sich die Spitze seines Zahnes in die Haut meiner Handfläche bohrt. Ich war zwar geistig auf den Schmerz vorbereitet, aber es brennt trotz allem und lässt mich für einen kurzen Moment zischend einatmen.
Die warme rote Flüssigkeit vermehrt sich in meiner Handfläche und Alex legt seine Finger um meine und formt damit eine Faust, in der sich nun weiter das Blut sammelt.
Nun richtet er seinen Blick auf den Zettel in meiner Hand.

„Jetzt sag den Spruch.“

Ich versuche so gut es geht die lateinischen Worte über meine Lippen zu bringen, aber es fällt mir schwer, da ich keine Ahnung von dieser Sprache habe. Nachdem ich das letzte Wort beendet habe, führt Alex meine Hand über die Flamme der Kerze und lässt meine Hand los.
Wie in Zeitlupe befreit sich ein einzelner Blutstropfen von meiner Hand und fällt auf die Flamme. Zischend verschwindet die Flamme und zufrieden und von meinem Erfolg berauscht blicke ich zu Alex. Dieser hat jedoch noch immer seinen Blick auf den Docht gerichtet. Und plötzlich wächst wieder eine Flamme den Docht empor und damit macht sich Enttäuschung in mir breit. Verunsichert blicke ich zu Alex, der mich jetzt anlächelt, als hätte es doch funktioniert.

„Keine Sorge, dass ist Teil des Zaubers. Erst wenn die Flamme wieder entfacht, wirkt auch der Zauber. Du hast es geschafft. Jetzt kann ich dir ohne Bedenken, wenn du willst, dass Grimoire zeigen.“

Vollkommen erstaunt starre ich auf die Flamme und versuche zu verstehen, was hier gerade passiert ist. Es ging so schnell. Fast schon zu schnell um damit klar zu kommen.

„Natürlich möchte ich das Grimoire sehen. Aber was ich noch dringender wissen möchte, ist, was du vor hast. Was ist dein Plan? Jetzt, wo der Zauber funktioniert hat, kannst du es mir doch sagen.“

Meine letzten Worte klingen eher wie ein Flehen und wieder zögert er mit seiner Antwort. Der Anblick von ihm in diesem weißen Shirt und der schwarzen Tinte, die sich um seine Arme und seinem Hals schlingt, machen mir es nicht gerade einfach auf seine Antwort zu warten.
Mit angewinkelten Beinen sitzt er vor mir und scheint noch immer abzuwägen, ob er mir die Wahrheit sagen wird, während seine Unterarme ruhig auf seinen Knien verharren.
Das flackernde Licht des Feuers wirft sanfte Schatten auf sein Gesicht und in diesem Moment wünsche ich mir einfach nur, dass ich ihm vertrauen könnte. Dass er mich nicht angelogen hätte und wir nicht in dieser verworrenen Situation wären. In einer Situation. Einer Welt, die vielen Menschen, Wesen Schaden zufügen kann, wenn wir es nicht schaffen es aufzuhalten.
In seinen Augen schimmert etwas, dass sich anfühlt, als würde er um Vergebung bitten und ebenfalls an unsere Vergangenheit denken. Doch dass kann nur wieder eines seiner Spiele sein. Wieder etwas mit dem er ich ablenken will. Und so zwinge ich mich, den Blick auf ihn zu lösen und richte ihn auf das Feuer. Mir bleibt nichts anderes übrig, als zu realisieren, dass er mir diese ganzen Gefühle nur vorgespielt hat.
Ein langsamer Atemzug von ihm, lässt meinen Blick wieder auf ihn richten, bevor seine Augen wieder die meinen suchen und er mit ruhiger Stimme doch noch versucht mir eine Antwort zu bieten.

„Ich versuche dir zu vertrauen. Wenn diese Sache Jemand erfährt, dann sind wir alle in Gefahr. Deine Familie. Mein Rudel. Unsere Freunde. Alle. Also versprich mir, dass du es mit deinem Leben beschützt?“

Zuerst nicke ich nur, doch dann merke ich, dass er mehr von mir erwartet, als nur zu nicken.

„Ich verspreche es. In Ordnung. Du kannst dich auf mich verlassen.“

Zuerst blickt er mich an, als würde er noch eine weitere Bestätigung von mir brauchen. Doch dann sieht er ein, dass ich es ernst meine, als ich nochmals mit meinem Kopf nicke und ungeduldig die Schultern zucke.

„Es gibt noch eine Vergangenheit zwischen Elisabeth und den Werwölfen. Besser gesagt zwischen den Bathory und uns. Laut den Erzählungen hatte Elisabeth ein Amulett bei sich, dass für unsere Rasse sehr gefährlich ist. Wir glauben, dass es sich noch immer bei ihren Überresten befindet. Es ist aus einem sehr seltenen Stein, einem Musgravit gefertigt und mit einem sehr starkem Zauber gebunden. Das Amulett wurde von Elisabeths Vater für seine engsten Familienmitglieder gefertigt. Alle existierenden Amulette sind teilweise zerstört oder in Werwolfbesitz übergegangen. Elisabeths Amulett ist eines der Letzten Existierenden und ich, wir können nicht zulassen, dass es in die falschen Hände gerät. Dieses Amulett. Es lässt jeden Werwolf zu einen Sklaven werden. Jedes Wesen, dass dieses Amulett in den Händen hält, hat die Macht über die Werwölfe. So konnte auch Georg die Werwölfe, die er nicht getötet hat, als seine Sklaven halten.“

Langsam scheint es in meinen Verstand zu sickern, dass er unbedingt die Gruft finden will und so an das Amulett gelangen will.Ich nicke etwas zaghaft. Doch ich will auch nicht wahrhaben, dass dies die Einzige Lösung ist.

„Gibt es keine andere Lösung es zu finden? Wieso hältst du Marius nicht einfach auf, dann wird niemand erfahren wo dass Amulett ist. Keiner wird es finden.“

„Wir suchen schon zu lange danach. Irgendwann. Irgendwie wird es Jemand finden und damit würden wir uns wieder einer Gefahr ausliefern, die wir jetzt verhindern können. Ich darf einfach nicht zulassen, dass unsere Kräfte gegen Unschuldige eingesetzt werden. Es wird immer wieder jemanden geben, der sich auf die Suche danach macht und wer weiß, vielleicht hat Marius seine Hexe bereits eingeweiht und auch sie weiß wo das Versteck ist.“

Auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob ich ihm vertrauen kann, muss ich es ihm sagen. Ich glaube daran, dass er sein Rudel beschützten will. Und dass ist für mich Grund genug, es ihm zu sagen. Er wird ebenfalls nicht wollen, dass Marius seinen Plan durchführt.

„Was ist, wenn ich bereits weiß wo sich diese Gruft, also die Überreste von Elisabeth befinden?“

Überraschung, gefolgt von Entsetzen legt sich auf sein Gesicht und lässt mich etwas zurückweichen.

„Dass kann nicht sein. Wie solltest du davon wissen?“

Es verletzt mich, dass er mir nicht zutraut, dass ich weiß wo sie ist. Doch seine Nervosität, bestätigt mir, dass er meinen Worten doch einen Funken Glauben schenkt. Wie von einer Tarantel gestochen hüpft er auf und läuft nervös vor dem Kamin hin und her, bevor er sich wieder vor mich kniet und ich erschrecke, als er seine Handflächen auf meine Schultern legt und mich mit seinen blauen Augen durchbohrt.

„Anna, verdammt nochmal? Sag schon. Wo?“

Die Panik in seinen Augen lässt mich etwas vorsichter werden, was meine Antwort betrifft.

„Ich weiß zwar wo der Ort ist, an dem sich die Gruft befinden soll. Aber nach Nathan`s Aussage kann die Gruft nicht so einfach geöffnet werden.“

Er sieht plötzlich aus, als würde ich ihn gerade geschlagen haben.

„Scheiße Anna. Was hat Nathan damit zu tun? Noch besser. Was hast du mit diesem Arschloch zu tun? Er ist verdammt nochmal Scheiß gefährlich. Solltest du vergessen haben, dass er dich fast umgebracht hätte.“

Es sollte mich nicht verletzten. Dennoch tun sie es. Seine Worte verletzten mich an einer Stelle in meinem Herzen, die ich weit verdrängt habe. Vielleicht auch deswegen, weil ich mir nur allzu sehr im Klaren darüber bin, was Nathan mir angetan hat. Und dennoch kann ich, wenn ich an ihn denke, einen Teil meiner Gefühle für ihn einfach nicht verdrängen.
„Denkst du ich erinnere mich nicht daran? Sprich du nicht von gefährlich. Du bist es selbst. Falls du dich nicht erinnern kannst, du hast mich ebenfalls benutzt. Es ist meine Sache mit wem ich zu tun habe. Und ich versuche hier nur zu helfen, obwohl du meine Hilfe und mein Vertrauen eigentlich nicht verdienst.“

Seine Augen sind geweitet und sein Gesichtsausdruck sagt mir, dass er nicht mit meiner Wut gerechnet hat. Doch er scheint sich auch damit abzufinden, als er sich auf den kleinen Tisch hinter ihm niederlässt und seine Hände auf seinen Oberschenkeln abstützt. Sein Blick ist nun auf den alten dunklen Holzboden gerichtet und seine langen Finger schieben sich durch sein dunkles Haar, bevor er seinen Blick wieder auf mich richtet.

„Ist in Ordnung. Ich verstehe dich und versuche dir keine Vorwürfe mehr zu machen. Ich weiß auch, dass du mir, dass was ich dir angetan habe, nicht so schnell verzeihen wirst. Wenn du mir das jemals verzeihen wirst. Es ist nur, dass ich mir Sorgen mache, wenn du mit Nathan zusammen bist. Ich traue ihm nicht und du solltest es ebenfalls nicht tun. Aber ich werde es akzeptieren, wenn du mir dadurch eine Chance gibst, dass Alles wieder in Ordnung zu bringen.“

Jedes Mal wenn er den Namen Nathan über die Lippen bringt, klingt es so als hätte er Schmerzen. Sein Blick wirkt gequält. Was es mir leichter macht, mich wieder zu beruhigen und ihm seine Chance zu geben.

„Also kannst du mir bitte sagen, wo du glaubst, dass sich diese Gruft befindet und wieso ausgerechnet Nathan etwas über diese Gruft weiß?“

„Nathan. Er war es. Er war der Vampir der Elisabeth verwandelt hat.“

Mit betroffenem Blick sieht er mich an und wandert auf den Kamin zu, wo er sich mit den Händen an den alten Steinen an der Wand abstützt und weiterspricht.

„Jahrelang habe ich die Geschichte von Elisabeth studiert. Ich habe alles ausgegraben, was ich gefunden habe. Doch die Quelle ihres Vampirblutes habe ich nicht ausfindig machen können. Es ist als wäre das aus den Erzählungen und Erinnerungen gelöscht worden zu sein. Und jetzt kommst du mit dieser Neuigkeit und platzt einfach so damit heraus. Niemals hätte ich gedacht, dass Nathan damit zu tun hat. Doch jetzt wird mir so Einiges klar. Ich dachte er wäre durch Zufall hier in Driftwood. Aber ich hätte es besser wissen müssen. Das ändert alles.“

Aufgeregt und mit einem Kopfschütteln wandert er wieder durch das Zimmer. Seine Finger gleiten abermals durch seine Haare.

„Nathan ist Teil von Marius's Plan. Es muss so sein. Er braucht auch Nathan's Blut. Das Blut das Elisabeth`s Vampirseite ausgelöst hat.“

Wieder einmal bin ich von den Neuigkeiten überrascht. Und ich dachte er würde nur mein Blut benötigen.

„Was soll das heißen? Braucht er von jedem Wesen, dass Elisabeth in sich getragen hat, das Blut?“

Er bleibt stehen und sein Blick ist anstatt am Boden, wieder auf mich gerichtet. Er nickt und fesselt mich mit seinem Blick.
„Ja, das soll es heißen. Er hat bereits dein Blut, aber das wird ihm nicht reichen. Denn wenn er dein Blut nochmals bekommt, erhält er auch noch die Kraft einer Hexe. Zusätzlich zu den anderen Kräften. Er wird damit unbesiegbar sein. Ein unbesiegbares Wesen. Wenn er dann auch noch das Amulette in die Finger bekommt, hat er auch noch eine ganze Armee. Es fehlt ihm also noch Nathan's Blut. Und auch noch das Blut eines Werwolfes. Nicht irgendeines Werwolfes. Es muss ein Werwolf sein, der ein Nachfahre ist, von dem, dessen Biss Elisabeth verwandelt hat. Dass wird sicherlich eine der schwierigsten Dinge. Denn es waren so viele Werwölfe. Doch ich kenne Marius. Er wird es irgendwie herausfinden. Und dass macht mir Angst.“

Alex's Sorge hat mich angesteckt und ich fühle mit ihm. Ich will mir gar nicht vorstellen was passieren wird, falls Marius es schafft, dass Ritual durchzuführen und es tatsächlich funktioniert.

„Was sollen wir jetzt tun?“

„Alleine mit meinen Kräften, kann ich ihn nicht aufhalten. Du musst so schnell wie möglich lernen, deine Kräfte zu kontrollieren. Es sind nur mehr neunzehn Tage bis zum nächsten Vollmond.“

„Glaube mir Alex. Ich weiß, dass ich lernen muss, sie zu kontrollieren. Doch sie kommen und gehen wie sie wollen. Ich kann es einfach nicht.“

Er stoppt mit seinem Nervösem auf und ab, kommt auf mich zu, beugt seine Knie um auf meine Augenhöhe zu kommen und legt seine warmen Hände auf meine.

„Das Grimoure meiner Mutter und ich werden dir dabei helfen. Wir fangen Morgen damit an. Ich hole dich wieder nach der Arbeit ab. Du kannst das Grimoure mit nach Hause nehmen. Versprich mir aber, dass du nichts alleine versuchst. Ein Zauber kann auch Böses auslösen, wenn er nicht richtig durchgeführt wird.“

Ein stummes Nicken als ich ehrfürchtig das alte Grimoire von Alex entgegennehme, ist alles was ich jetzt tun kann. Ich spüre den Druck in mir, dass ich schnell lernen muss um eine Hilfe zu sein. Sein Blick wandert über mein Gesicht und er scheint mich mit einem Lächeln beruhigen zu wollen, was wohl ein klein wenig zu funktionieren scheint. Er streckt mir seine Hand entgegen um mir aufzuhelfen. Wir beide stehen uns gegenüber und einige Sekunden scheint wieder alles still zu stehen. Doch dann sagt er diesen einen Satz, den ich mir nie von ihm erwartet hätte.

„Du musst Nathan warnen. Wenn er darüber bescheid weiß, kann er sich vielleicht vor Marius schützen.“

Verwundert stehe ich vor ihm und starre ihn an. Diese Worte von ihm haben mich überrascht. Er dreht sich zur Seite und holt seine und auch meine Jacke, die er auf der Lehne des alten Sofas abgelegt hat. Er reicht mir die meine und ich ziehe sie an. So auch Alex. Er zieht seine Schlüssel aus der Jackentasche und hält sie in seiner rechten Hand als er das Licht auslöscht. Ich gehe ihm nach und wir beide gehen durch die Tür nach draußen zu Alex's Wagen.
Die Fahrt vergeht ohne das wir ein Wort miteinander wechseln. Es ist aber auch nicht unangenehm wie ich es normalerweise empfinde, wenn ich neben Jemandem sitze und Stille herrscht. Wir haben einfach beide sehr viel zu überdenken und in meinem Kopf schwirren bereits Gedanken hin und her, wie es wohl sein wird, falls ich meine Kräfte kontrollieren kann. Immer wieder richtet sich mein Blick auf das Grimoire. Meine Neugier wächst von Sekunde zu Sekunde. Der Wagen hält und ich bin zu Hause. Ich sehe noch einmal zu Alex und dieser lässt einen, etwas gequälten freundlichen Gesichtsausdruck über mich schweifen.

„Versprich mir, dass du nichts machst, was das Böse auf dich lenken könnte. Du kannst selbstverständlich darin lesen. Aber sprich keinen der Sprüche. Und halte dich vom hinteren Teil des Buches fern. Dass ist nur etwas für erfahrene Hexen. Versprich es mir.“

„Keine Sorgen Alex. Ich verspreche es dir. Ich will einfach nur einen Blick darauf werfen. Ich werde nichts laut aussprechen. Danke für heute. Für deine Hilfe.“

Er lächelt aber ich weiß, dass er sich trotz meines Versprechens Sorgen macht.

In meinem Zimmer angekommen lege ich das Grimoire vorsichtig auf mein Bett und ziehe mir meine Jacke aus. Die Neugier ist einfach unerträglich und ich werfe mich auf meinem Bauch liegend auf das Bett und öffne vorsichtig das Buch. Schon die erste Seite fasziniert mich. Es ist ein ausgeblichenes schwarz-weiß Bild von einer bildhübschen wunderschönen Frau mit langen dunklen Haaren. Und doch ist die Schönheit dieser Frau nicht verblast.
Unter dem Bild stehen einige Worte die ebenfalls sehr ausgeblichen sind und ich mich konzentrieren muss um die Worte entziffern zu können. Die schwer lesbare Handschrift in der die Worte gezeichnet sind, macht es mir nicht gerade einfacher.
Unter meinen Fingerkuppen spüre ich dass alte Papier und folge den Worten.

Für meine geliebte Tochter. Mögen die geschriebenen Worte dich begleiten und dir immer zur Seite stehen.

Liebende Worte einer Mutter. Etwas traurig lese ich diesen Satz mehrmals in meinen Gedanken. Bei diesem Satz muss auch ich an meine Mutter denken. Noch einmal sehe ich mir dieses Bild an und lasse meine Finger langsam über das Bild gleiten, bevor ich umblättere.
Die Seiten des Buches sind schwer und durch die gelbliche Farbe sieht das Buch im Ganzen uralt und wunderschön aus. Langsam beginne ich die nächste Seite zu lesen. Die Überschrift dieser Seite weckt mein Interesse und meine Neugier.

Channel und kontrolliere deine Kräfte.

Okey, das klingt wichtig für mich. Ich denke, dass ist sogar genau dass, was ich jetzt brauche. Mit der Hoffnung, dass mir diese Seite weiterhelfen kann, lese ich mich schnell durch den Text. Letzten Endes sitze ich noch verwirrter vor dem Buch, als ich es vorher war. Die Übung die hier beschrieben wird, klingt auf der einen Seite so einfach und doch so unglaubwürdig, dass ich nicht weiß, ob ich es schaffen würde. Doch ich habe es auch bei Alex geschafft. Meinen ersten Zauber gesprochen. Auch wenn ich Alex versprochen habe, keinen der Sprüche zu sprechen, kann ich nicht anders. Diese Übung erscheint mir so simpel. Was sollte schon passieren? Und gerade als ich an mein Versprechen denke, kommt mir Marius in den Sinn. Schon alleine deswegen darf ich keine Zeit verschwenden und muss so schnell wie möglich Kontrolle über meine Kräfte bekommen.
Also mache ich mich auf den Weg zu meiner Kommode und schnappe mir die weiße Kerze darauf, die ich dann auf dem Boden abstelle und mich vor die Kerze setze.
In dem Buch steht, dass ich mit bloßem Gedanken eine Flamme entfachen kann. Es steht aber auch darin, dass es nicht einfach ist. Denn es benötigt die volle Konzentration einer Hexe. Dazu müssen die Kräfte gebündelt und auf diesen Docht gerichtet werden. Also richte ich den Blick auf den weißen Docht und versuche mich zu konzentrieren.


Es vergehen einige Minuten die ich gespannt damit verbringe den Docht zu beobachten und zu hoffen, dass er zu brennen beginnt. Jedoch vergeblich. Ich habe einfach zu viele Gedanken in meinem Kopf. Ich kann mich nicht hundertprozentig darauf konzentrieren. Zu viele Gedanken an dass, was Marius anrichten kann, schwirren durch meinen Kopf.
Ich versuche es noch ein letztes Mal und nach einer gefühlten Ewigkeit gebe ich auf. Meine Müdigkeit macht es auch nicht einfacher. Leicht verärgert über meinen Misserfolg nehme ich die Kerze und stelle sie auf mein Nachtkästchen, bevor ich es mir im Bett gemütlich mache. Mit meinen Fingern am Lichtschalter richte ich noch einmal den Blick auf die Kerze und frage mich dabei, was ich falsch gemacht habe. Vielleicht habe ich doch nicht soviel Kraft, wie alle von mir erwarten. Enttäuscht und müde drehe ich das Licht ab und schließe meine Augen.

Am Morgen werde ich durch die ersten Sonnenstrahlen geweckt, noch bevor mein Wecker zu läuten beginnt. Ich habe sogar noch von dieser verdammten Kerze geträumt. Dass ich es doch geschafft habe, die Flamme zu entfachen.
Verschlafen suche ich nach meinem Telefon am Nachtkästchen, als ich jedoch etwas Seltsames bemerke und ich von der einen auf die andere Sekunde hellwach bin.
Vielleicht bilde ich es mir aber auch einfach nur ein und meine Augen sind einfach noch nicht bereit zu sehen. Doch als ich meine Augen nochmals mit meinen Handrücken reibe, kann ich es kaum glauben. Die Kerze ist vollkommen abgebrannt, es ist nur mehr ein großer Wachsfleck auf meinen Nachtkästchen zu sehen. Wie? Ich verstehe nicht wie das passiert ist. Einige Zeit starre ich auf den Fleck und kann mir nicht erklären wieso oder wie. Vielleicht habe ich doch meine Kräfte. Aber dann kann von Kontrolle keine Rede sein. Denn sie scheinen sich vollkommen ohne meinen Befehl selbstständig gemacht zu haben.

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beta
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