Kapitel 20

Angespannt starrte ich auf den Mann der sich seelenruhig einen Stuhl von einem Tisch in der Nähe schnappte und damit zu unserem Tisch zurückkam. Mit einer fließenden Bewegung ließ er sich elegant auf dem Stuhl nieder und begann in seinen Manteltaschen zu suchen.

„Wer sind sie?“ zischte ich und beobachtete jeden seiner Bewegungen. Wieder spürte ich wie sein Blick auf mir lag und mich neugierig studierte. Gelassen zog er das gesuchte aus seiner Tasche und legte es vor sich auf den Tisch: Es war ein Feuerzeug und eine kleine Eisendose, worin ich Zigaretten vermutete.

„Das ist hier nicht von Belang, Raven,“ antwortete er mir locker während er die Dose öffnete und sich eine Zigarette zwischen die Lippen platzierte.

„Sie werden doch nicht jetzt hier eine rauchen? Sind sie verrückt?“ brach es aus Rose hervor. Schockiert starrte sie zu dem Mann, doch dieser würdigte ihr keinen Blick. Demonstrativ hob er das Feuerzeug an die Zigarette und endzündete es mit einem zischen. Im Schein des Feuers erhaschte ich das erste Mal einen Blick auf sein Gesicht: Ein dichter brauner Bart bedeckte die Hälfte seines Gesichtes. Als das Ende der Zigarette rot aufglühte hob er seinen Blick. Seine Augen trafen auf meine. Mein Herz setzte für einen Moment aus. Ich kannte diesen Mann. Doch woher? Sein Gesicht war mir seltsam Vertraut. Durch den Bart war es schwer ihn auf ein alter zu schätzen, doch ich war mir sicher, dass ich ihn von der Akademie kannte. Woher kannte der Mann sonst meinen Namen?

Erstaunen und Belustigung blitzten für einen Moment in seinen tief braunen Augen auf und seine Mundwinkel verzogen sich zu einem Grinsen. Dann erlosch das Feuer des Feuerzeugs und das Gesicht des Mannes lag wieder im Verborgenen.

„Da sie meinen Namen kennen würde ich sagen das es von Belang ist, werter Fremder,“ räusperte ich mich und schenkte ihm ein nettes Lächeln.

Gedankenverloren musterte er mich einige Minuten, zog an seiner Zigarette und blies mir dann den Rauch ins Gesicht. Ungerührt schloss ich die Augen und hielt die Luft an. Der stinkende Qualm biss in meiner Nase. Ich wusste was er wollte: Mich verunsichern. Doch er hatte sich die Falsche ausgesucht. Der Fremde lachte über meine Reaktion und bückte sich über die Tischkante zu mir. Der Geruch von Tabak und Wald stieg mir in die Nase.

„Raven, Raven, Raven,“ er schnalzte missbilligend mit der Zunge. „Weißt du das Problem ist dieses: Es wäre gefährlich dir meinen Namen zu nennen. Nicht nur für mich, sondern auch für dich,“ wisperte er mir zu wobei sein warmer Atem über meine Haut strich und mir eine Gänsehaut über den Rücken lief. Ich warf Rose einen Seitenblick zu. Sie hob ungerührt die Augenbraue und nickte.

„Ich habe keine Angst,“ stellte ich gefasst fest. „Also: Wer sind sie? Was wollen sie von uns?“

In den Augen des Fremden blitzte für einen kurzen Moment Angst und Erstaunen auf, dann fasste er sich wieder.

Ein breites Grinsen erschien auf seinem Gesicht. „Bist du dir sicher, Kleine? Ich möchte nicht riskieren das du schreiend zu Weston läufst und ich morgen in den Tower abgeführt werde.“

Ich zog unbeeindruckt eine Augenbraue hoch. „Sie wollen mir Angst machen, aber das funktioniert bei mir nicht.“ Stellte ich gelassen fest. „Und nennen sie mich nicht ‚Kleine‘.“

„Dann sag mir, Raven:“ raunte er mir zu. „Vertraust du mir?“

Verwirrt kniff ich meine Augen zusammen. „Ich kenne sie doch gar nicht.“

„Belüg dich ruhig selbst, Mädchen. Aber wir beide wissen das es nicht stimmt.“ Er nahm einen weiteren Zug an seiner Zigarette. Nachdenklich betrachtete ich das rot glühende Ende. Es stimmte. Seine Augen waren mir seltsam vertraut, deswegen fühlte ich auch weder Panik noch Angst. Ich zermarterte mir meinen Kopf, aber mir fehlte ein Teil um das Puzzle zu vervollständigen und das machte mich wahnsinnig.

„Ich weiß nicht warum und wahrscheinlich mache ich den Fehler meines Lebens, aber ja: Ich vertraue dir,“ seufzte ich geschlagen und senkte meinen Blick auf den Tisch. Ein fassungsloses Japsen ertönte auf der anderen Seite des Tisches. „Würdest du mir nun auf die Sprünge helfen?“

Der Fremde lachte. „Es wundert mich nicht das du dich nicht an mich erinnerst. Es ist viel Zeit vergangen seit wir uns das letzte Mal gesehen haben. Und, ganz ehrlich, unser letztes Treffen war auch nicht gerade angenehm. Zumindest nicht für mich.“

Grüblerisch betrachtete ich wieder sein Gesicht und dachte über seine Worte nach.

„Ich nehme an du möchtest damit andeuten das wir gekämpft haben.“ Schloss ich aus seinen Andeutungen. „Ein Trainingskampf?“

Er verzog belustigt das Gesicht. „So ungefähr.“

Von was zum Teufel sprach er? Wenn es kein Trainingskampf war, was war es dann gewesen? Aufmerksam studierte ich sein Gesicht und versuchte mich zu erinnern.

„Entschuldigung aber warum sollten wir ihnen trauen? Sie haben sozusagen zugegeben gefährlich zu sein. Was hindert uns daran nicht laut schreiend hier raus zu laufen?“ unterbrach Rose Stimme meine Grübeleien.

Der Fremde wandte sich lächelnd an sie. „Nun Rose: Zum einen weis ich aus sicherer Quelle das du für diesen Ausflug hierher eine gefälschte Erlaubnis benützt hast. Zum anderen weis ich das du Tommy mit Weinflaschen bestichst das er dich immer rausschmuggelt. Das wird dein Vater sicher nicht so gerne hören.“

Rose Mund klappte auf. Sprachlos saß sie vor uns. Ihre Augen waren vor Schreck geweitet.

„Du hast wohl gedacht, niemand würde durch dein wohl überdachtes Lügengestrüpp sehen. Wer würde auch die wohlerzogene Tochter des Vizedirektors für eine Regelbrecherin halten? Bestnoten, immer Pünktlich, immer Höflich und unzählige Überstunden im Krankenflügel der Akademie. Ich muss sagen, nicht mal ich hätte es geglaubt,“ stellte er beeindruckt fest während er sich eine weitere Zigarette anzündete. „Wenn ich es nicht mit eigenen Augen gesehen hätte.“

In Gedanken fügte ich weitere Stücke zu meinem Puzzle hinzu: Der Fremde war an der Akademie gewesen. Und er war jünger als er aussah. In meinen Gedanken vertieft, betrachtete ich wieder sein vom Feuer erhelltes Gesicht. Wieder trafen seine Augen auf meine. Schnell senkte er seinen Blick.

„Nun, Raven?“ räusperte er sich. „Schon herausgefunden wer ich bin?“

„Nein.“

„Ich sollte wohl beleidigt sein das du unser kleines ‚Zusammentreffen‘ so schnell vergessen hast,“ stellte er mit Belustigung in der Stimme fest. Ein leicht beleidigter Unterton schwang mit.

„Ich denke du bist einerseits sehr wohl glücklich das ich dich nicht erkenne oder wofür hast du dir diesen Bart wachsen lassen?“ erwiderte ich. Eine Erkenntnis wuchs langsam in mir: Sein Aussehen hatte der werte Herr geändert um unerkannt durch Skyland zu kommen. Ich musste beginnen zwischen den Zeilen zu lesen, wenn ich herausfinden wollte wer hier vor mir saß.

„Du warst schon immer schlau, Kleine,“ Er machte einen Zug an seiner Zigarette. Das Ende glühte rot auf während er mich wieder betrachtete. „Aber du vergisst eines: Ich bin schlauer. Ich war nicht ohne Grund Jahrgangsbester.“

Ein weiterer Hinweis. Schnell ging ich die Liste der Jahrgangsbesten durch die ich kannte. Doch mit welchem hatte ich eine Auseinandersetzung gehabt?

Eine schwache Erinnerung tauchte auf: Tiefbraune Augen die mich bedrückt Ansahen. Schmerz blitzte kurz darin auf. Es war dunkel nur der Mond beleuchtete sein Gesicht. Weiße Flügel leuchteten silbern und tauchten sein Gesicht in ein mysteriöses Licht.

„Du verstehst das nicht, Raven,“ erklärte mir die Stimme in meiner Erinnerung.

„Dann erkläre es mir, Ry: Warum hast du das getan?“ hörte ich meine tränenerstickte Stimme. „Du hast mich bestohlen,“ fauchte meine Stimme in der Erinnerung.

„Ich habe dich nur beschützt,“ rechtfertigte sich mein Gegenüber.

Ich hob abwehrend die Hand. „Komm mir nicht mit dieser Beschützernummer, Ryder. Du wolltest nur den Ruhm. Denn hast du jetzt bekommen. Du hast mich verarscht.“

„Raven, ich… ich sagte doch du wirst es nicht verstehen,“ murmelte er geschlagen.

„Spar dir deine Ausreden,“ schniefte ich. „Ich bin fertig mit dir. Ein für alle Mal.“ Bedrückt drehte sich mein Ich in der Erinnerung zur Tür.

„Versprich mir nur eines, Raven:“ erklang die Stimme hinter mir. Ich blieb stehen. „Was auch immer passiert. Vertrau mir.“ Beendete er seine Ansprache. Ich hörte wie er sich von mir entfernte. Dann öffnete sich quietschend eine Tür und viel mit einem leisen klack ins Schoss. Verdutzt blieb ich zurück. Das war das letzte Mal das ich ihn sah. Bis heute.

„Ryder McKenzie,“ hauchte ich fassungslos und hob meinen Kopf. Dieselben Augen wie aus meiner Erinnerung ruhten auf mir. Er seufzte niedergeschlagen und zog ein letztes Mal an seiner Zigarette bevor er sie im Aschenbecher ausdrückte. Rose Augen weiteten sich erschrocken als sie ihn erkannte.

„Zum Teufel, Ryder. Wo warst du die ganze Zeit?“ zischte ich. In mir spürte ich wie die Wut in mir hochstieg wie gleisende Lava.

„Interessiert dich das wirklich?“ brummte er ohne mich zu beachten.

„Mistkerl, bist damals einfach verschwunden. Über Nacht. Ohne etwas zu sagen, ohne Abschied,“ brach es aus mir heraus.

Ein Hauch eines Lächelns erschien auf seinem Mund. „Hast du dir etwa Sorgen um mich gemacht?“

Ich schnalzte verächtlich mit der Zunge.

„Hab ich mir schon gedacht. Warum solltest du auch? Du hast lieber diesem Idioten Murray nachgetrauert. Also Mädels, wie geht es diesem eingebildeten Arsch?“

„Es geht ihm den Umständen entsprechend,“ antwortete Rose angespannt.

„Er lebt also. Gut,“ murmelte er und wandte sich dann zu mir. „Es ist also wahr. Interessant.“

„Was?“ wollte ich erstaunt wissen.

„Hm?“ Ryder wandte sich irritiert zu mir.

„Was ist wahr?“ fragte ich ihn und verdrehte dabei die Augen.

„Nun, Raven, es ist so, dass es schon seit Jahren das Gerücht gab Luzifer würde Spione in der Schule einschleusen. Dieses Mal scheint es einen Beweis zu geben so viel ich eurer kleinen Unterredung entnommen habe.“

„Das Portal,“ schlussfolgerte ich während ich nochmal im Kopf mein Gespräch mit Rose durchging.

„Aber warum ist das ein Beweis dafür das uns Luzifer ausspioniert? Ist die Gabe Portale zu erschaffen so weit verbreitet in der Unterwelt?“ wollte Rose wissen.

„Nein. Portale aus dem nichts erschaffen können nur Erzengel,“ Stellte Ryder klar. „Aber das Portal führt an den Rand der Unterwelt. Das ist ein Hinweis.“

„Das stimmt nicht.“ widersprach ihm Rose.

„Was stimmt nicht?“ entgeistert sah Ryder zu Rose die ihm nun schon zum zweiten Mal widersprochen hatte. Ich musste lächeln: Ryder war es nicht gewohnt das ihm widersprochen wurde.

„Raven kann Portale aus dem nichts erscheinen lassen, öffnen und wieder schließen. Glaub mir ruhig, ich habe es mit eigenen Augen gesehen. Und sie ist kein Erzengel.“ Rose grinste selbstsicher.

„Aber zur Hälfte. Außerdem vergisst du die Prophezeiung,“ erläuterte uns Ryder seinen Standpunkt lächelnd. Das Lächeln verschwand aus Rose Gesicht.

„Welche Prophezeiung?“ wollte ich neugierig wissen. Es war heute nicht das erste Mal das ich von einer geheimnisvollen Prophezeiung hörte. Tristan und Taylor hatten ebenfalls davon gesprochen.

„Wir dürfen davon nicht sprechen, McKenzie. Das weißt du ganz genau,“ zischte Rose verschwörerisch und sah sich verängstigt um als würde gleich ein Axtmörder um die Ecke springen und uns meucheln. Doch niemand ihm Pub nahm uns zur Kenntnis.

„Angst, Brennon? Sind wir doch mal ehrlich: Seit wir es in diesem Buch gelesen haben, wie oft hast du daran gedacht es ihr zu sagen?“ wollte Ryder wissen.

„Jeden verdammten Tag,“ murmelte Rose zaghaft.

„Wovon redet ihr? Welches Buch? Was wolltest du mir sagen?“ konfus wandte ich mich von einem zum anderen. Rose senkte beschämt ihren Blick während Ryder selbstgefällig lächelte.

„Raven, es… es gibt da was, das solltest du wissen,“ begann Rose vorsichtig.

„Etwas das dir dein verehrter Vater vorenthält, solltest du hinzufügen, Brennan,“ spottete Ryder. Er wandte sich geschäftsmäßig zu mir. „Also: Kannst du dich an der Nacht erinnern wo du mich umbringen wolltest? Zwei Nächte vorher habe ich mich nachts in die Schulbibliothek hineingeschlichen. Dort bin ich auf ein Buch gestoßen das heißt ‚Große Prophezeiungen des Engelsreich‘. Ich habe darin geblättert bis ich auf eine stieß die mich fesselte. Es war die Prophezeiung der Hüterin der Portale. Du wirst dich jetzt fragen was das mit dir zu tun hat. Ich sag dir was: Darin steht sie trage den Namen des Raben.“

Verwirrt weiteten sich meine Augen. „Den Namen des Raben?“

Ryder nickte. „Raven.“

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