Kapitel 23: Die erste Versuchung

Tief in der Nacht stand Luzifer an der Grenze zu Eden. Es regte sich kein Lüftchen, das heilige Feuer brannte ruhig und gleichmäßig und verwehrte dem Engel selbst den kleinsten Blick hinein in den Paradiesgarten. Langsam. Schritt für Schritt, umrundete Luzifer Eden, auf der Suche nach einer Schwachstelle. Er war nicht sonderlich überrascht, dass er keine fand. Eden war rundum vollkommen perfekt geschützt. Das erklärte auch die Abwesenheit der Wächter. Sie waren hier einfach nicht nötig. Trotzdem drehte Luzifer noch eine zweite Runde, um sicher zu gehen, dass er auch wirklich nichts übersehen hatte. Nach etwa vierzig Schritten blieb er plötzlich stehen. Was war das? Er lauschte angestrengt. Da, wieder. Eine leise, zischende Stimme, hinter der Feuerwand und dem Licht. 
"Kleinessss Licht, Kleinessss Feuer!"
Jemand sprach zu ihm, direkt aus Eden.

"Wer bist du?", fragte Luzifer, obwohl er die Antwort ahnte.
"Ich bin, die ich bin, die immer war und immer sein wird. Dasssss Leben, der Tod, die Unschschuld, die Ssssünde, ich bin allessss, wassss ich für dich ssssein ssssoll!"
Luzifer schwieg einen Moment, dann fragte er:
"Alles, was ich will? Auch meine Verbündete?"
"Warum nicht?! Sssssieh, wasss wir zzzzwei erreichen könnten..."
Vor Luzifers geistigen Augen stiegen Bilder auf, so deutlich, als wären sie real.
Er stand in einer Stadt, mit Häusern, so hoch, dass sie in den Himmel zu ragen schienen. In den Straßen gingen Menschen in bunten Kleidern. Sie grüßten sich freundlich, lachten und schwatzten miteinander.
Er stand an einem Fluss, der so klar war, dass man bis auf den Grund sehen konnte. Fische von wunderschöner Gestalt schwammen darin.
Er stand auf dem schneebedeckten Gipfel eines Berges. Die Luft war kalt und rein.
Er stand in einem langen Gang von dem aus er in viele kleine Räume sehen konnte. An den Fenstern in diesen Räumen waren Gitter, wbenso wie in den Türen, aber die Türen standen offen und die Räume waren leer.
Er stand auf einem großen Platz voller Sand. Kinder rannten fröhlich umher, lachten und spielten. 

"Dasss allesss können wir zzzwei erreichen, Kleinesss Licht, Kleinessss Feuer. Eine Welt voller Freude, ohne jede Gewalt, eine Welt, die frei issst von Hassss, eine Welt der Liebe. Jaaa, Kleinesss Licht, Kleinessss Feuer, eine ssssolche Welt will ich dir erschschaffen helfen, wenn..."
"Wenn was?", fragte Luzifer misstrauisch.
"Wenn du vor mir nieder kniesssst und mich anbetessssst, Kleinessss Licht, Kleinessss Feuer!"

Einen Augenblick lang war er sprachlos, dann antwortete Luzifer:
"Aber sonst bist du gesund?"
"Du zzzzweifelsssst an meinem Wort? Dann bisssst du schschlauer alssss Eve... Aber du wirsssst mich anbeten, und schschneller als du ahnsssst. Denn wenn du esss nicht tussst..."
"Was dann? Verpetzt du mich bei IHR? Pech für dich, das macht mir keine Angst. Ich denke, SIE weiß ohnehin schon, dass ich gerade hier bin. Aber das interessiert mich nicht. Ich bin Luzifer, der Träger des Lichts und ich bin hier, um Eden zu zerstören. Und niemand kann mich aufhalten, SIE nicht, du nicht, die Wächter nicht. Nimm dich in acht, Schlange, denn entweder bist du auf meiner Seite oder du wirst gemeinsam mit Eden unter gehen!"
"Deine Drohung schschreckt mich nicht. Sssseit Anbeginn der Zzzzzeit bin ich hier in diessssem Garten. Kann nicht leben, kann nicht sssterben. Ein Tag isssst wie der andere. Langeweile, dasss issst meine Ssstrafe. Ewige Langeweile. Ja, vernichte Eden. Vernichte diesen verdammten Garten. Und mich mit ihm, denn die Vernichtung wäre doch wenigssstensss eine Abwechsssslung..." 

Die Schlange schwieg. Und Luzifer war hin und her gerissen. Einerseits war er fest entschlossen, Eden zu zerstören, andererseits tat die Schlange ihm plötzlich ein bisschen leid. Was hatte sie denn eigentlich getan? Sie hatte den ersten Menschen die Augen geöffnet, hatte sie die Wahrheit erkennen lassen...
Vielleicht gab es eine Möglichkeit, die Schlange vor der Vernichtung zu bewahren, ihr die Freiheit zu schenken, sie von der ewigen Langeweile zu befreien, bevor er den Paradiesgarten auslöschte...


Kommentare

  • Author Portrait

    Ein tolles Kapitel! *u*

beta
Feenstaub

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