Kapitel 3: »Das Dunkel bewegt sich im Schatten.« (Teil I)

»Bei meinem Feuer.«

Wie angewurzelt blieb Alaru am Rande der Klippe stehen, welche das Quartett seit Beginn der frühen Morgenstunden erklommen hatte, und blickte voller Erstaunen hinab auf die vor ihnen liegende Wüste von Ylibri, die erste Etappe ihrer Reise.

»Du hast nicht zu viel versprochen, Rhey. Sie ist wirklich wundervoll.«

In der Tat war Ylibri eine Wüste der besonderen Art. Gigantische, aufgeschlagene Bücher bildeten sanft geschwungene Hügel, so weit das Auge reichte. Über den leeren, makellosen und schneeweißen Seiten schwebten kilometerhohe, aus schwarzer Runenschrift bestehende Säulen, die sich in den strahlend blauen, fast wolkenlosen Himmel emporstreckten und in der milden Sommerbrise sachte hin und her wogten. Derweil tummelten sich zwischen ihnen diverse Schwärme der hier beheimateten Papyrusschwalben, welche - neben einer weiteren, sich bloß bei Nacht zeigenden Gattung - die einzig dauerhaft in der Wüste existierenden Lebewesen darstellten und deren filigrane, wie aus Papier gefaltet wirkende Körper im Sonnenlicht silbrig glänzten. Eleganten Tänzern gleich segelten sie zwischen den Säulen entlang und jagten vergnügt und allem Anschein nach vollkommen selbstvergessen hintereinander her, ganz so, als sei ihre kleine Welt für nichts anderes denn dies geschaffen.

»Warte erst ab, wenn du es aus der Nähe siehst«, antwortete Rheyva mit einem der Feuerstochter geltenden wissenden Zwinkern.

»Nur müssen wir dazu erst mal dort wieder runter«, warf Vesten ein und wies auf den schmalen, steilen Weg zu ihrer Linken, welcher sie an den Rand der Wüste führen sollte. Und an Alaru gewandt: »Das wird kein Pappenstiel, Herzchen.«

»Ach, um sie brauchst du dir keine Sorgen zu machen, mein Freund«, schmunzelte Haeverflox belustigt. »Im Gegensatz zu einem gewissen Jemand weiß Alaru zweifellos, wie man einen Fuß vor den anderen setzt.«

Mit diesen Worten deutete er in Richtung des Technomagiers, der bereits vorangegangen und offenbar gestolpert war und gerade recht ungelenk den mit einer Mischung aus feinem Schotter und tiefgrauem Sand bedeckten Pfad hinabschlitterte, woraufhin das Hassenichgesehn sich nun seinerseits - gefolgt vom Rest der Gruppe - in Bewegung setzte und lachend hinzufügte: »Bleiben wir besser in seiner Nähe. Ich will es um nichts in der Welt verpassen, wenn er was wirklich Dummes anstellt.«

Anschließend brachten die vier Freunde den nicht unbedingt einfachen Abstieg größtenteils schweigend hinter sich, verlangte ihnen jenes an dieser Stelle äußerst enge und unwegsame Gelände doch einiges an Konzentration ab und kostete sie zudem Zeit; ein wertvolles Gut, das von jetzt an wohl dauerhaft eher knapp bemessen sein würde. Den Weg, welchen sie hier und jetzt zu beschreiten hatten, interessierte diese Tatsache natürlich herzlich wenig (als ob er sich jemals um irgendetwas geschert hätte), und so dauerte es bis in die späten Nachmittagsstunden, ehe sie endlich das Ende des Pfades und somit den Wüstenrand erreicht hatten, wo sie abermals einen Augenblick staunend innehielten.

Hier, direkt vor ihnen stehend, wirkten die Bücherdünen um Längen gewaltiger, als es von oben gesehen der Fall war, denn die meisten von ihnen überragten den kleinen Trupp um mehrere Meter. Die wenigen, ganz im Gegensatz zu ihren üppigen Schwestern gerade einmal die Höhe einer schlichten Treppenstufe innehabenden Dünen sollten den vieren das Betreten der Wüste jedoch wesentlich erleichtern. Was die in dieser Gegend vorhandenen Ausmaße anging, verhielt es sich im Übrigen mit den einzelnen, die Säulen erst wahrhaftig werden lassenden Runen nicht viel anders, da auch ihre Größe zwischen dem Durchmesser eines Handtellers und der Höhe zweier ausgewachsener Männer schwankte.

»Gebt acht auf die Runenschrift«, warnte Rheyva, während sie sich ihren Weg über die fein säuberlich geschichtet wirkenden, mal mehr, mal weniger steil ansteigenden Buchseiten in die Wüste hinein bahnten. »Manche der Runensäulen bilden Worte und werden lebendig, sobald man sie berührt. Das Beste wird wohl sein, wenn ich vorgehe.«

Dem hatten die anderen nichts entgegen zu setzen, denn als Magier, der er unbestreitbar war, blieb er eben auch der Einzige von ihnen, welcher die Runenschrift zu lesen vermochte. Hinzu kam, dass er sich in Ylibri hervorragend auskannte, was weder auf Haeverflox noch Vesten zutraf, welche ihrerseits und unter anderen Umständen lieber den Umweg durch die Sumpfwälder gewählt hätten. Bloß wäre dadurch der Verlust von wenigstens zwei Tagen die Folge gewesen, weshalb die Durchquerung der Wüste die einzig sinnvolle - und vor allem mögliche -, gleichzeitig aber auch die wesentlich tückischere Alternative darstellte.

»Wir sollten wohl auch ein Auge auf die Schwalben haben«, sagte Haeverflox, dabei skeptischen Blickes gen Himmel spähend. »Ich meine mal gehört zu haben, dass das ziemlich angriffslustige Biester sind.«

»Korrekt«, erwiderte der Technomagier mit einem bestätigenden Nicken. »Vesten und du müsst euch allerdings am wenigsten Sorgen machen. Sie gehen nämlich mit Vorliebe auf Magiebehaftetes los und kümmern sich erst dann um alles andere. Ich denke, da dürfte zum Teil Alaru, vor allem aber meine Wenigkeit schon eher ihre Aufmerksamkeit wecken.«

»Was schlägst du also vor?«, fragte Vesten, wobei er es dem Hassenichgesehn nachtat und misstrauisch die umherrasenden Vögel beäugte.

»Ignorieren. Und vorsichtig bleiben. Je weniger Aufhebens wir verursachen, desto weniger Notiz sollten sie von uns nehmen.«

Sprachs und zog sich am Rande der letzten zu erklimmenden Bücherdüne hoch, half der hinter ihm kletternden Feuerstochter die steile Kante hinauf und deutete schließlich in die vor ihnen liegenden Weiten, während Hassenichgesehn wie Bogenschütze noch dabei waren, die restlichen Zentimeter des Aufstiegs zu überwinden.

»So, meine Freunde, willkommen in der Wüste von Ylibri.«

Mit diesen Worten, und dicht gefolgt von den übrigen dreien, ging Rheyva behutsam ein paar Schritte voran, und kaum dass sie die erste Reihe der Runensäulen passiert hatten, war die gesamte Welt um sie herum verschwunden. Der Himmel, die Sonnen, die flache Gebirgskette, der Weg, den sie hierher genommen hatten, nichts davon war mehr da. Alles, was sie kannten, schien schlagartig aus jeglicher Existenz gewischt worden zu sein, gerade so, als sei es nie zuvor real gewesen. Stattdessen nahm ihnen feiner, zwischen den Säulen umherwabernder grauer Nebel den größten Teil der Sicht, welche sich nunmehr bloß noch auf fünf bis sechs Schritte zu allen Seiten beschränkte, und nicht einmal das winzigste Geräusch fand seinen Weg von draußen ins Innere der Wüste. Das Einzige, was sie hörten, waren ihre eigenen, dumpf klingenden Schritte auf dem papierartigen Boden und die hin und wieder mit flatterndem Flügelschlag hoch über ihren Köpfen fliegenden Schwalbenschwärme. Jetzt kamen sich die Freunde endgültig vor, als hätte Ylibri sie ganz und gar verschluckt, um sie bis ans Ende aller Tage zu einem ihrer unzähligen, kleinen Geheimnisse zu machen.

»Unheimlich«, raunte Alaru dem Technomagier zu, dem sie dicht auf den Fersen blieb. Der tonlose Klang, den ihre Stimme hier annahm, begünstigte derweil das mit Betreten der Wüste aufgekeimte, mulmige Gefühl in ihrer Magengrube noch zusätzlich, was sie jedoch für sich behielt. »Aber dadurch nicht weniger faszinierend.«

»Hab ich dir ja gesagt«, erwiderte Rheyva lächelnd und sich behände zwischen einigen besonders dicht nebeneinander liegenden Runensäulen hindurchschlängelnd.

Feuerstochter, Hassenichgesehn und Bogenschütze taten es ihm gleich. Letzterer allerdings berührte dabei mit der Spitze seines geschulterten Bogens eine weitere schmale Säule, die nur wenig höher war als er selbst und sich hinter einer ihrer großen Schwestern verborgen gehalten hatte. Sofort begannen die Runen dezent zu vibrieren, schüttelten sich schließlich heftig und verwandelten sich binnen eines halben Atemzugs in einen langen, dürren, ganz in schwarz gekleideten Mann mit hoher Stirn und Glatze, der ein zerfleddertes, scheinbar uraltes, dickes Buch in der Hand hielt und absolut unverständliche Worte vor sich hin murmelte. Die Freunde ihrerseits fuhren allesamt erschrocken zusammen, als sie der an ihre Ohren dringenden, monoton faselnden Stimme gewahr wurden, ruckten herum und blickten dem aus seinem speckigen Wälzer Lesenden hinterher, welcher langsamen Schrittes und ohne sich auch nur im Geringsten um ihre Anwesenheit zu kümmern, von dannen zog.

»Was war das denn?«, presste Vesten klopfenden Herzens hervor und schluckte den zähen Kloß hinunter, der seine Kehle eingenommen hatte.

»Nur ein Gelehrter«, beruhigte ihn Rheyva, dabei still hoffend, dass sein noch immer rasender Puls alsbald wieder besänftigt würde. »Lasst uns weitergehen, der ist für uns nicht von Bedeutung. Wir müssen aber aufpassen, dass uns so was nicht allzu oft passiert. Immerhin wollen wir so wenig Aufmerksamkeit erregen wie möglich.«

»Mal ganz abgesehen davon - und damit stehe ich sicher nicht alleine da -, dass ich alles andere als wild auf noch mehr solcher Überraschungen bin«, fügte Haeverflox hinzu, der seine liebe Mühe damit hatte, seinen ob des unerwarteten Zwischenfalls unruhig zuckenden Schwanz zu bändigen. Dass dieses verflixte Ding aber auch unbedingt in den ungünstigsten Situationen ein Eigenleben entwickeln musste!

So sehr die Sache mit dem Gelehrten den kleinen Trupp für einen Moment aus der Bahn geworfen hatte, so schnell war jene Begegnung wieder vergessen, in deren Anschluss sie eine ganze Weile wortlos und ohne neuerliche Zwischenfälle weiter wanderten. Unterdessen musste der über die Wüste hinweg gleitende Wind etwas zugelegt haben, denn auch wenn sie den außerhalb vorüberziehenden Lufthauch weder hören noch spüren konnten, war sein Auffrischen dank der Runensäulen nicht zu übersehen. Durch jede seiner Berührungen schwangen sie sanft hin und her und ließen dabei teilweise sogar ein leises, gläsern klingendes Klirren ertönen, während sie es trotz all dieses Schwankens und Wiegens irgendwie fertig brachten, sich gegenseitig nicht einmal mit einem bloßen Hauch anzustoßen. Die vier Freunde ihrerseits hatten für das fast schon hypnotisch anmutende Schauspiel der sachte wogenden Säulen kein Auge übrig, besonders, da es ihnen die Durchquerung Ylibris alles andere als einfacher machte. Der Technomagier schaffte es allerdings, ihrer aller Ruhe zu bewahren und sie sicheren Fußes sowie ohne abermalige, unfreiwillige Runenkontakte in die Tiefen der Wüste voranzuführen.

Jedoch bemerkte niemand von ihnen, wie sich hoch über ihren Köpfen etwas Neues zusammenbraute, das genügend Geschick bewies, um gänzlich übersehen zu werden: Es war ein großer, nach wie vor stetig anwachsender Schwarm Papyrusschwalben. Bereits seit geraumer Zeit folgten die Tiere den Freunden, indem sie auf der stärker gewordenen Brise vollkommen lautlos dahinglitten. Zugleich nutzten sie den allgegenwärtigen, sie nahezu unsichtbar machenden Nebel aus, um so lange unentdeckt zu bleiben, wie sie es für nötig hielten - bis schließlich ein besonders vorwitziges Exemplar mit seiner Geduld am Ende war, sich aus der Gruppe löste und den längst sorgfältig ausgespähten Eindringlingen näherte.

Langsam sowie in immer enger werdenden Kreisen fliegend sank der kleine Vogel so tief hinab, dass nurmehr ein knapper Meter zwischen ihm und den Köpfen der Verfolgten lag und der Nebel kaum noch Deckung bot. Dennoch dauerte es nicht lange, bis sich ein zweiter Artgenosse hinzu gesellte und sie gemeinsam über einige Meter hinweg dicht, aber nach wie vor unerkannt, über den Freunden segelnd ihre Beobachtungen fortsetzten. Doch dann beschleunigte der Erste der beiden plötzlich seinen Flug, sauste über das Quartett hinweg, machte vor ihnen kehrt, raste dicht an Rheyva vorbei und direkt auf Alaru zu, wo er kurz vor ihrem Gesicht seinen irrsinnigen Sturzflug stoppte, flatternd auf der Stelle schwebte und sie neugierig beäugte. Begleitet von einem erschrockenen Quietschen blieb selbige dermaßen abrupt stehen, dass Haeverflox und Vesten beinahe in sie hineingelaufen wären.

»Was jetzt?«

Der die Frage der Feuerstochter untermalende nervöse Unterton kam nicht von ungefähr. Denn egal, welche Richtung sie im Versuch, der Schwalbe auszuweichen, auch wählte, das Tier schien jede ihrer Bewegungen vorauszuahnen und versperrte ihr immer wieder mittels seiner puren Anwesenheit den Weg.

»Geh einfach weiter, so als wäre sie gar nicht da«, raunte der Technomagier ihr ohne sich umzudrehen zu. »Nur mach es langsam.«

»Das versuch ich ja. Aber ich komm an dem Mistvieh nicht vorbei«, murrte sie, während Rheyvas Anweisung von einem Misserfolg nach dem nächsten gekrönt wurde. Die vermaledeite Schwalbe ließ sie einfach nicht passieren!

»Jag endlich einer den Vogel weg. Bitte

Mit jenen verzweifelten Worten und einem kaum weniger flehenden Blick sah sie sich hilfesuchend zu Vesten um. Dieser hatte bereits Pfeil und Bogen gezückt, das aufdringliche Tier ins Visier genommen und spannte nun langsam die Sehne zum Schuss. Im selben Augenblick wandte sich Rheyva nun doch um, sah, was der Bogenschütze gerade im Begriff war zu tun, und kämpfte für den Bruchteil einer Sekunde mit dem Aussetzen seines eigenen Herzschlags, ehe er endlich in voller Lautstärke das eine Wort herausbekam, welches ihm längst tausendfach widerhallend durch den Kopf gerast war.

»NICHT!«

Aber es war zu spät. Vesten hatte seinen Pfeil längst auf den Weg geschickt, welcher jetzt blitzschnell an der Feuerstochter vorüberzischte, die Papyrusschwalbe prompt durchbohrte, gemeinsam mit ihr in einigen Metern Entfernung zu Boden ging und sie dort in den Papierschichten stecken bleibend aufspießte. Im darauffolgenden Todeskampf wild umherzappelnd klatschten ihre Flügel kaum hörbar auf und ab, und im gleichen Atemzug, in dem das Leben endgültig aus ihr wich, ging unvermittelt die bis dahin im Hintergrund gebliebene zweite Schwalbe auf den Bogenschützen los. Fast schon beiläufig fing er sie aus der Luft, zerdrückte sie mit bloßer Hand und warf sie angewiderten Blickes vor seine Füße.

»Oh nein«, presste Haeverflox unterdessen hervor, der inzwischen einen Blick in die Luft riskiert und den einer scharf gemachten Guillotine gleich dicht, aber bis eben noch immer vollkommen still über ihnen schwebenden Schwalbenschwarm ausgemacht hatte. Letzterer verharrte noch einen weiteren Moment lang reglos an Ort und Stelle, ehe er des Hassenichgesehns alberne Hoffnung auf ein glimpfliches Davonkommen zunichtemachte und im von einem lauten Kreischen begleiteten Sturzflug auf sie niederging.

»Lauft!«, brüllte Rheyva.

Sein in der Absicht sich und seine Freunde zur Flucht zu motivieren hinausgeschriener Befehl wäre überhaupt nicht nötig gewesen, hatten sie doch allesamt längst die Beine in die Hand genommen und rannten, so schnell diese es zuließen. Derweil nahmen die Schwalben sofort die Verfolgung auf, jagten ihnen rasenden Speerspitzen gleich nach und pflügten ohne Schwierigkeiten zwischen den Säulen hindurch, dabei nur noch ein einziges Ziel vor den stecknadelkopfgroßen, golden glühenden Augen, welches hieß, die vier Freunde zu durchbohren und für immer aus den Welten zu tilgen. Letzteren war das Streben ihrer Verfolger nur zu bewusst, weshalb sie jedwede die Runen betreffende Vorsicht vergaßen, ohne Rücksicht auf Verluste annähernd kopflos voranpreschten und somit unweigerlich gegen diverse Säulen prallten. Viele davon lösten sich schlichtweg in Luft auf, nur um direkt von neuer Runenschrift ersetzt zu werden, während andere wiederum sich verwandelten.

So stürmte plötzlich eine in wirsche Panik verfallene Herde dunkelorange befellter Rehe an ihnen vorüber. Ein riesiger, sechsbeiniger Schwan hastete einige Meter mit ihnen, und ein knurrender Keiler gesellte sich in gestrecktem Galopp zu den wutentbrannten Vögeln. Blitzartig schossen sich einige der Schwalben auf das tobende Wildschwein ein, hetzten hinter ihm her und bohrten sich tief in seinen Körper, bis es zusammenbrach und blutüberströmt auf der Strecke blieb. Ähnlich erging es nur kurz darauf dem Schwan, der langsamer geworden und hinter den Freunden zurückgefallen war und schließlich ebenfalls nicht mehr unter den Lebenden weilte; ganz anders als die augenscheinlich mit mehr Glück behafteten Rehe, welche schon lange außer Sichtweite und offensichtlich von den Tiefen der Wüste verschluckt worden waren.

Vesten und Haeverflox holten indes aus dem Lauf heraus so viel der sie jagenden Übermacht vom Himmel, wie sie nur konnten. Das Hassenichgesehn ließ mit flinken Zügen seine beiden Doppelklingendolche durch die Angreifer wirbeln und schnitt sie mit nur wenigen Streichen seiner stets bis aufs äußerste geschärften Schneiden in kleinste Fetzen. Vom Bogenschützen bekam er dabei Rückendeckung, indem dieser seinerseits gewohnt zielsicher und schnell seine Geschosse auf den Weg brachte und zumeist gleich mehrere der Flattertiere auf einmal aufspießte. Auf diese Weise zogen die beiden eine meterlange Spur aus toten Vögeln hinter sich her. Doch für jede verendete Schwalbe schienen wenigstens drei neue nachzukommen, sodass der blutdurstige Schwarm bloß immer weiter anwuchs, statt an Zahl zu verlieren.

»Lasst mich helfen«, japste Alaru, die vom Technomagier am Handgelenk gepackt worden war und unerbittlich hinter ihm hergezogen wurde. »Ich kann sie mit einem einzigen Flammenball in Nichts auflösen.«

»Auf gar keinen Fall!«, bestimmte Rheyva. »Wir sind inmitten einer Wüste aus Papier! Was glaubst du, was passiert, wenn hier ein Feuer ausbricht?«

»Aber wir halten das nicht mehr lange durch!«, keuchte Vesten, ohne seine rasenden Ziele aus dem Blick zu verlieren, geschweige denn, sie zu verfehlen. »Wenn schon das nicht, dann brauchen wir ein Versteck und zwar sofort

»Ich arbeite ja dran!«, gab der Technomagier atemlos zurück, welcher die Feuerstochter nun losgelassen hatte, wie besessen auf der Virga tippte, die grüne Schrift nur so über das Display huschen und die kleinen Lämpchen wild blinken ließ. Dann endlich fiel sein Zauber: »Conspici

Von irgendwo her erschien plötzlich direkt vor ihm eine neue Runensäule. Er packte sie, riss sie mit und warf sie so weit wie möglich von sich, woraufhin die Runen wenige Meter weiter bebend am Boden aufschlugen, dort still verpufften und nur Sekunden später ein relativ großer, ausgehöhlter Fels vor den Flüchtenden auftauchte.

»Da rein!«, rief er, dabei wild auf den Gesteinsklumpen deutend. »Los! LOS!«

Es brauchte kaum fünf ausgreifende Schritte, ehe die Freunde durch den Höhleneingang ins rettende Innere des Felsens stürmten und abermals Rheyvas Finger ihren hektischen Spurt auf der Magischen vollführten. Währenddessen formierten sich die zu ihrer aller Leidwesen allzu deutlich durch das noch immer weit offen stehende Loch ihres Unterschlupfs zu sehenden Papyrusschwalben noch im Heranrasen neu und hielten jetzt einem gewaltigen, lebenden Speer gleich mit schwindelerregendem Tempo direkt auf den Durchgang zu.

»Rhey, mach irgendwas!«, flehte Alaru, wobei sie sich ohne es wirklich zu merken hilfesuchend an seinen linken Oberarm klammerte.

»Ja, ja, ja! Sekunde!« Endlich hatte er es. »Claudere

Unter einem ohrenbetäubenden Krachen stürzte ein riesiger Felsbrocken vor den Höhleneingang, und es wurde schlagartig dunkel. Fast zeitgleich hörten sie von draußen die zornesschwangeren Schreie der Schwalben, und nur einen Herzschlag später prallte offenbar der gesamte Schwarm mit der vollen Wucht seines Angriffs gegen ihr Versteck. Der Zusammenstoß versetzte die Wände in kurzes Beben und lautstarkes Ächzen, dem wildes Geflatter und Gekreische nachfolgte. Gleiches zeugte nicht nur vom noch immer unbändigen Hass der Schwalben, sondern ebenso davon, dass es die meisten von ihnen bei ihrem unfreiwillig intensiven Kontakt mit der Höhle in Stücke gerissen hatte.

»Das war knapp«, schnaufte Vesten, der sich nun mit einem langen, erleichterten Seufzen gegen die Wand lehnte und sich langsam zu Boden gleiten ließ.

»Knapp ist gar kein Ausdruck«, pflichtete Haeverflox ihm bei und schlug dem Technomagier, welcher nach Luft ringend neben ihm stand, anerkennend auf den Unterarm. »Gute Arbeit, Rhey.«

»Danke«, erwiderte dieser und grinste schwach. »Das sollte eine Weile halten, denke ich.«

Anschließend sank auch er neben dem Bogenschützen auf den Boden, während das Hassenichgesehn einfach inmitten der Höhle hintenüber kippte, Alaru sich ihrerseits dicht an Rheyvas Seite kauerte und zur Erleichterung aller draußen langsam wieder Ruhe einkehrte.

»Lasst uns zu Atem kommen und abwarten, bis die restlichen Biester endgültig verschwunden sind«, schlug der Bogenschütze vor. »Ich denke, ihr stimmt mir zu, wenn ich sage, dass uns gerade jetzt eine kleine Rast ganz gewiss nicht schadet.«

Freilich sollte er damit Recht behalten.

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