Kapitel 3: »Das Dunkel bewegt sich im Schatten.« (Teil II)

Der zornige Aufschrei einer ihm mittlerweile wohlbekannten Stimme riss Vesten jäh aus seinem eigenartig bleiernen, tiefen Schlaf. Augenblicklich fuhr er hoch und sah als erstes die Feuerstochter, welche mit ihrem flammendrot glühenden Schwert in der Rechten und einem züngelnden Feuerball, der über ihrer Linken schwebte, nah beim Höhleneingang stand. Daraufhin ließ er flink den Blick durch ihren Unterschlupf gleiten und stellte reichlich irritiert fest, dass weder Rheyva noch Haeverflox auf ihren zuletzt eingenommenen Plätzen weilten, geschweige denn, dass sie sich überhaupt noch in dem Felsloch befanden. Also zögerte er nicht länger, sondern sprang auf die Beine, wobei er bereits zu Pfeil und Bogen griff. Ziel seiner vollen Aufmerksamkeit war nunmehr der von Alaru fixierte Eingang, durch den sich kaum zwei Sekunden später ein Bücherskorpion von der Größe eines ausgewachsenen Bären zu drängen versuchte. Dessen hellbraun und schwarz gemusterter Chitinpanzer rasselte bedrohlich, während er sich mit seinen acht kräftigen, kurzen Beinen am Rand des Lochs festkrallte und dabei mit den langen, neben seinem Maul sitzenden sowie mit je einer großen Schere bewehrten Armen hektisch nach ihr schnappte. Die Feuerstochter ihrerseits stieß einen erneuten wütenden Schrei aus und sprang auf den Skorpion zu. In der gleichen Bewegung schleuderte sie ihm den Feuerball entgegen, der sein Ziel mit voller Wucht erwischte, dem getroffenen Tier ein schmerzerfülltes, zischendes Quietschen entlockte und es ein Stück zurück weichen ließ. Dabei wischte es sich hektisch mit den Scheren das Feuer vom Kopf, welches, noch bevor es auf dem Boden auftraf, wie von Geisterhand verschwand. Alaru sah ihre Chance gekommen, machte einen weiteren Satz auf den Angreifer zu. Occludos Klinge schnitt nahezu lautlos durch die Luft, und mit einem Hieb trennte sie die rechte Schere vom Arm des Skorpions. Sofort ergoss sich gelbes, klebriges Blut auf den Boden, die abgeschlagene Schere flog im hohen Bogen durch die Höhle und landete direkt neben dem Bogenschützen, der begleitet von stiller Begeisterung Zeuge wurde, wie das riesige Insekt unter lautem Kreischen den Rückzug antrat und den Blick auf die Wüste freigab.

»Du weißt aber schon noch, was Rhey gesagt hat, von wegen Feuer und Papier?«, fragte er, kaum dass er neben ihr angelangt war, und handelte sich einen vielsagenden Blick Alarus ein. Natürlich hatte sie die Worte des Technomagiers keineswegs vergessen. Aber als Feuerwesen, das sie war, vermochte sie jedwede Art von Flammen unter Kontrolle zu bringen, ganz egal, wie groß und lodernd sie auch sein sollten. Daher bestand im Gegensatz zu Rheyvas Befürchtung trotz ihrer brennfreudigen Eigenschaften für die Wüste nicht die geringste Gefahr. Gleiches wurde nun auch dem Bogenschützen bewusst, woraufhin er rasch fortfuhr: »Überhaupt, was geht hier eigentlich vor sich? Und wo sind die anderen?«

»Wenn ich das wüsste«, antwortete sie mit nicht zu überhörender Sorge in der Stimme, jedoch ohne die Augen vom Höhleneingang zu lösen. »Ich bin aufgewacht, als dieses Ding versucht hat, mich aus der Höhle zu ziehen. Da waren Flox und Rhey schon verschwunden.«

»Vielleicht sollten wir mal einen Blick nach draußen riskieren«, schlug Vesten vor.

Sich darüber einig nickten er und Alaru einander kurz zu, näherten sich anschließend dem Eingang und spähten vorsichtig hinaus. Dort war mittlerweile tiefste Nacht hereingebrochen, der vormals graue Nebel hatte sich in dunkelstes Blau gewandelt und war zugleich durchsichtiger geworden. Auch die Runenschrift hatte sich verändert, denn anstatt Säulen zu bilden, lag sie nunmehr am Boden und bedeckte in fein säuberlich daliegenden Reihen die tagsüber leeren Seiten der Wüste von Ylibri. Zudem waren die Zeichen nicht mehr länger schwarz, sondern glitzerten in hellem Blau, Weiß und Silber und strahlten ihr diffuses Licht unablässig in den Nachtnebel hinein.

»Vorsicht«, flüsterte der Bogenschütze nach einem winzigen Moment des Staunens und schob die Feuerstochter ein wenig hinter sich. »Da drüben.«

Sie gab ihm mit einem Handzeichen zu verstehen, dass sie ebenfalls entdeckt hatte, was er meinte, war doch die nur knapp hundert Meter von ihrem Versteck entfernt vorüberziehende Karawane aus Bücherskorpionen beim besten Willen nicht zu übersehen. Es mussten schier tausende der Arbeiter sein, die sich dort wie ein unaufhaltsamer Fluss aus wuselnden Leibern eilig vorwärts schoben, und von denen ein Exemplar ihnen soeben noch einen unliebsamen Besuch abgestattet hatte. Zwischen den Arbeitern schritten die majestätisch wirkenden, sogenannten Sklaventreiber dahin, die eine weitaus größere Version ihrer Artgenossen darstellten, mit gut fünfzehn Metern Körperhöhe ihre kleinen Pendants um Längen überragten und deren Wirken stets aufmerksam bewachten. Geschäftig trugen fast sämtliche der Arbeiterskorpione jede Menge in den Weiten von Ylibri aufgelesenen Unrat in den Scheren. Denn ihr einziger Lebensinhalt bestand darin, jede Nacht aufs Neue die Wüste nach den Überresten des Tages abzusuchen und sie von Kadavern, erweckten, rastlos umher irrenden Worten und dem Wenigen, was der Wind hineinzutragen vermochte, zu säubern. Den beiden stillen Beobachten drängte sich derweil die Vermutung auf, dass die für ihren Geschmack eindeutig zu nah herangekommene Skorpionshorde ganz offensichtlich mit ihrer Arbeit fertig war und sich auf dem Rückzug in ihr Nest befand, wo sie die gefundenen Schätze ihrer Königin zum Fraß vorwerfen würden.

»Ich mag es gar nicht aussprechen«, raunte Alaru dem Bogenschützen mit zitternder Stimme zu, und auch er wollte im Grunde genommen keinen Gedanken darauf verwenden. Nur, welche andere Möglichkeit gab es denn noch? Wenn er sich fragte, war mit ziemlicher Sicherheit davon auszugehen, dass nicht nur er und die Feuerstochter, sondern auch Technomagier und Hassenichgesehn tief und fest geschlafen hatten, weswegen sie allesamt die nahende Gefahr erst viel zu spät bemerkten. Somit blieb es leider mehr als wahrscheinlich, dass ihre Freunde in die Fänge der Bücherskorpione geraten sein mussten, noch bevor irgendjemand etwas dagegen unternehmen konnte. Bei diesem Gedanken lief es Vesten eiskalt den Rücken hinunter, doch statt sich davon etwas anmerken zu lassen, fasste er Alaru bei den Schultern und versuchte, zuversichtlich zu wirken.

»Ohne die beiden setzen wir keinen Fuß aus dieser Wüste«, sagte er.

Sie sah ihn einen Moment lang durchdringenden Blickes an und für einen Sekundenbruchteil glaubte er, Tränen in ihren Augen zu erkennen. Dann allerdings wandelte sich ihre sorgenvolle Miene in eiserne Entschlossenheit und sie fasste ihr Schwert fester. Für sie beide bedurfte es keines weiteren Redens mehr, um zu wissen, dass sie möglicherweise zu spät sein und ihre verschollenen Freunde nicht rechtzeitig finden würden, aber sie mussten es wenigstens versuchen.

»Folgen wir den ...«

Die Feuerstochter kam nicht mehr dazu, den begonnenen Satz zu vollenden, denn plötzlich begann der Boden zu beben. Die Höhlenwände erzitterten unter einem ächzenden Knirschen und Krachen, während sich eilends breiter werdende Risse in dem Gestein auftaten, aus denen feiner Staub und kleine Bröckchen auf sie und den Bogenschützen herab regneten. Doch bevor die zwei sich durch den Eingang ins Freie retten konnten, zerbarst ihr Versteck in winzige Stücke. Sogleich wurden sie von einer weiteren Horde aus Bücherskorpionen überrannt, die ihnen zuvor völlig entgangen war. In Windeseile klaubten die eifrigen und wenigstens genauso flinken Arbeiter sämtliche Überreste der einstmaligen Felshöhle auf. Selbst Vesten und Alaru blieben von dem emsigen Tatendurst der putzwütigen Krabbeltiere nicht verschont, sodass sie sich nur Sekundenbruchteile später im festen Griff der Scheren je eines Arbeiters wiederfanden. Alaru fackelte nicht lange, ging prompt auf den sie vor sich herschleppenden Skorpion los und trieb dem Tier mit aller Macht die inzwischen hell in Flammen stehende Klinge Occludos zwischen die winzigen, dunklen Augen. Dabei glühten die Goldpartien auf ihrer Haut kochend heißen Kohlen gleich auf und sprangen dem Insekt in Form einer gleißenden Stichflamme entgegen. Kaum getroffen, fiepte selbiges weinerlich auf, ließ von ihr ab und taumelte mit schwelendem Panzer zur Seite, wonach sie es ohne zu zögern um seine Scheren erleichterte. Anschließend hielt sie - die schrillen Schmerzenslaute ihres Widersachers geflissentlich ignorierend - hektischen Auges nach Vesten Ausschau, welchen sie nicht weit von sich entfernt laut und deutlich fluchen hörte. Einen halben Atemzug später entdeckte sie ihn, begann, sich ihren Weg durch die mittlerweile planlos durcheinander wuselnden Arbeiterskorpione zu bahnen und ließ dabei nicht wenige der Tiere ihrer wütenden Klinge zum Opfer fallen.

Es schien Stunden zu dauern, bis sie den Gesuchten endlich erreichte, der seinerseits den ihn noch immer fest im Griff haltenden Arbeiter mit Füßen und Fäusten traktierte. Schließlich aber war sie nah genug herangekommen, um dem Tier einen lodernden Feuerball gegen die Breitseite zu schleudern. Im Nu ging es kreischend in Flammen auf und ließ Vesten unsanft zu Boden fallen, welcher sich hastig aufrappelte und zu seinem Bogen griff. Sonderlich viel weiter kamen sie allerdings auch dieses Mal nicht. Denn jetzt war einer der Sklaventreiber über ihnen, packte die beiden Freunde mit seinen Scheren und riss sie schneller als sie in der Lage waren, auch nur den kleinen Finger krumm zu machen, hinauf in luftige Höhen.

Für die Dauer eines Herzschlags erstarrte Alaru in seinen Pranken zu einer steinernen Säule, doch dann fasste sie sich, schlug scheinbar ohne nachzudenken um sich und hieb wieder und wieder mit dem Schwert auf die sie umklammernde Schere ein, obgleich die Klinge bei jedem ihrer Treffer ohne auch nur den kleinsten Kratzer zu hinterlassen schlichtweg abprallte. So wurde ihre Hoffnung rasch zunichte gemacht, dass der Skorpion sie und den Bogenschützen - so wie der Arbeiter zuvor es getan hatte - einfach fallen lassen würde, denn statt seinen Griff zu lockern und seine Beute freizugeben, drückte er bloß noch fester zu und schnürte ihr damit langsam aber sicher die Luft ab. Aus lauter Verzweiflung und in einem Anflug von Todesangst wagte sie einen weiteren, heftigen Schlag gegen die undurchdringbar gepanzerte Klaue des gewaltigen Insekts. Aber das Schwert glitt ihr aus der Hand, noch ehe es sein Ziel zu erreichen vermochte, stürzte in die Tiefe und ging in dem Strom aus Arbeiterskorpionen unter. Gleichzeitig begann die Welt vor den Augen der Feuerstochter immer mehr zu verschwimmen, und kurz bevor ihre Sinne vollends vernebelten, sah sie noch, wie Vesten unvermittelt aus der Umklammerung des Sklaventreibers herausglitt, es Occludo gleichtat und irgendwo in den Massen der Bücherskorpione verschwand.


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