Kapitel 3

Habe ich gesagt, dass das weiterleben nicht so schlimm wird? Dann habe ich mich auf jeden Fall getäuscht. Meine Eltern sorgen schon dafür. Sie haben mich weder die Wohnung verlassen, noch Freunde einladen lassen, weshalb ich immer noch nicht mit Alec reden konnte. Stattdessen muss ich nun schon seit drei Tagen im Bett herum liegen und mich ausruhen. Am liebsten würde ich einfach aufstehen, meinen Eltern sagen, dass ich schon achtzehn bin und sie mir nichts mehr zu sagen haben und einfach für ein paar Stunden verschwinden, doch das kann ich nicht. Es würde ihnen das Herz brechen. Erst hatte es mich gewundert, dass es mir wichtig war, ob ich ihnen das Herz breche oder nicht, doch dann bin ich einfach zu dem Schluss gekommen, dass es mir etwas ausmacht, weil sie meine Eltern sind und weil sie nur Angst haben, dass ich doch sterbe, was ich eigentlich gar nicht so schlimm fände. Es ist alles nicht so einfach.

Plötzlich öffnet sich meine Zimmertür und ich öffne die Augen, die ich bis gerade noch geschlossen hatte. Im Türrahmen steht meine Mutter. Ich frage mich, was sie wohl will. Eigentlich wollte sie doch, dass ich mich ausruhe und ein weiterhin schlafe. “Hey Mom. Was ist los?“ Sie kommt weiterhin komplett still zu mir herüber und setzt sich neben mich auf das Bett. “Dein Vater und ich haben uns ausgesprochen und haben uns dazu entschieden dich hier nicht weiter einzusperren. Du bist schließlich nicht mehr in Gefahr und wir wollen dir einfach die Möglichkeit geben dein früheres Leben weiterzuleben“, sagt Mom scheinheilig. Oh Gott, was geht hier ab? Irgendwie verhält sie sich total merkwürdig. “Komm zum Punkt“, bitte ich ungeduldig. Sie nickt und fragt dann:“Ich wollte fragen, ob du vielleicht mit mir in die Stadt zum shoppen und Eis essen gehen willst. Ich weiß, dass du das eigentlich nicht…“ Ich unterbreche sie flink und stimme zu:“Schon gut! Ich gehe gerne mit dir in die Stadt.“ Eigentlich hasse ich es shoppen zu gehen, doch heute mache ich mal eine Ausnahme. Sie hat so nett gefragt und ich habe Krebs überlebt. Wieso sollte ich dann nicht mal was Neues ausprobieren und aus mir heraus kommen? “Echt?“, fragt meine Mutter sichtlich überrascht. Ich nicke zustimmend:“Ja, echt. Ich will mal etwas Neues ausprobieren.“ Meine Mutter scheint über meine Antwort so glücklich zu sein, dass sie vom Bett auf steht und mich sanft aus dem Bett zieht und es scheint so als wolle sie sofort mit mir los gehen, doch ich halte sie auf:“Mom entspann dich bitte. Ich muss mir erst mal was Richtiges anziehen.“ “Oh Entschuldigung, Schatz“, sagt sie ein wenig peinlich berührt:“Dann lass dir mal Zeit und zieh dich entspannt an. Ich ziehe mich dann auch nochmal um.“ Sie wartet gar nicht auf meine Antwort, sondern verschwindet einfach. Was ist denn heute mit meiner Mutter los? Sie ist doch sonst nicht so energiegeladen und übermütig. Dieses Verhalten ist zwar untypisch, doch irgendwie gefällt es mir und vielleicht wird es ja ganz lustig.

Als ich zu meinem Schrank gehe und die Tür öffne, spüre ich Glück. Es ist das erste Mal seit Langem, dass ich wieder meine eigene Kleidung trage. Was soll ich anziehen? Ich durchwühle meinen Kleiderschrank langsam. Das ist so eine schwere Entscheidung. Eigentlich brauche ich nie lange, um zu entscheiden welche Kleidung ich trage, doch heute ist es irgendwie schwerer als sonst. Nach einiger Zeit entscheide ich mich für das weiß und hellblau gepunktete Kleid, welches ich auch getragen habe, als ich Alec zum ersten Mal begegnet bin. Alec! Wieso kann ich nicht aufhören an ihn zu denken? Er ist so perfekt. Vielleicht treffen wir uns ja heute irgendwann noch. Das wäre auf jeden Fall schön. Ich nehme weiße Flop Flops aus einer Schublade und ziehe sie an. Zum Glück habe ich meine Beine rasiert. Das tue ich oft, obwohl es gar nicht immer nötig ist. Ich mag es einfach nicht Haare an meinen Beinen zu haben.“Raven?“, meine Mom klopft an die Tür:“Bist du fertig?“ “Ja fast. Gibt mir noch eine Minute“, bitte ich. “Okay“, ruft sie und ich kann an der Lautstärke erkennen, dass sie nicht mehr vor meiner Tür steht und wieder weg gegangen ist. Ich binde meine schwarzen Haare zu einem Pferdeschwanz und schlupfe aus meinem Zimmer, um endlich mit meiner Mutter loszuziehen.

Mit Einkaufstüten beladen laufen wir durch die Straßen unserer Kleinstadt. Der Shoppingtrip war wirklich schön und hat auch mehr Spaß gemacht als erwartet. Meine Mutter war total locker und hat mich beraten. Leider ist mir aber auch aufgefallen, dass ich ziemlich viel Gewicht verloren habe, weshalb ich meine neue Kleidung nun in kleineren Größen kaufen musste. Mir ist aber auch schon vorher aufgefallen, dass mir manche der Kleidungsstücke, die ich im Krankenhaus getragen habe, ein wenig zu groß sind und dass ich in letzter Zeit immer weniger esse. Das muss ich unbedingt wieder ändern.

Als wir fast zu Hause sind, schaue ich zu dem Café und entdecke Alec, der gerade am arbeiten ist. Ich bleibe mitten auf der Straße stehen und kann meinen Blick nicht abwenden. Aus dem Augenwinkel sehe ich wie meine Mutter einfach weiter läuft. Sie scheint vollkommen in Gedanken versunken und gar nicht zu bemerken, dass ich stehen geblieben bin. Als sie bemerkt, dass ich nicht mehr neben ihr bin, schaut sie sich um und dreht sich dann zu mir um:“Was ist? Wieso bist du stehen geblieben?“ Ich wende ihr nun wieder meine Blick zu:“Du Mom geht bitte schon mal nach Hause. Ich muss noch eben was erledigen. Ist das okay für dich?“ Meine Mutter schmollt erst leicht, doch dann gibt sie mir ihr okay und nimmt mir die Tüten ab. Ich nehme sie kurz in den Arm und gebe ihr zum Abschied einen Kuss auf die Wange:“Danke, ich beeile mich auch.“  

Als meine Mutter endgültig verschwunden ist, gehe ich in das Café. Alec bemerkt mich anfangs nicht. Er serviert einfach weiter und macht seinen Job. Was habe ich auch erwartet? Dass er für mich sofort alles stehen und liegen lässt? Im Café riecht es wie immer nach frischen Kaffeebohnen und man hört die Stimmen der Besucher, die sich unterhalten und Spaß haben. Ich fühle mich irgendwie ein wenig Unwohl. Ich bin kein großer Mensch von großen Menschenmengen. Am liebsten bin ich allein und tue etwas, was mich glücklich macht. Ich schlurfe zum Tresen und lasse mich auf einen Hocker sinken. Hoffentlich bemerkt er mich bald. Ich halte es mit den ganzen Menschen in diesem kleinen Café nicht mehr so lange aus, wie ich es gerne hätte.

Nachdem ich einige Minuten gewartet habe, höre ich plötzlich wie jemand hinter mir meinen Namen ruft. Ich erkenne die Stimme sofort, weshalb ich mich umdrehe und von meinem Stuhl aufstehe nachdem ich ihn erkannt habe. Es ist Alec. MEIN Alec. Er schaut mich fragend an, doch ich ignoriere seinen Blick und laufe auf ihn zu, um ihn zu umarmen. Bei ihm angekommen, schließt er mich in seine Arme und hebt mich einige Zentimeter hoch. In diesem Moment überwältigen mich meine Gefühle. Es ist wie eine Gefühlsexplosion. Wieso reagiert mein Körper so? Ich lege in seinen Nacken und meine Kopf in die Kühle zwischen seinem Kopf und seiner Schulter. Diese Position fühlt sich so vertraut an, obwohl er mich zuvor noch nie so gehalten hat. Mit ihm fühlt sich alles so vertraut an. Alec fährt mit einer seiner Hände beruhigend über meine Seite. Unter seiner Berührung schmelze ich dahin. Seine Hände sind so weich wie die eines Gottes.

Nach einer gefühlten Ewigkeit lösen wir uns voneinander. Er schaut mich einfach nur an und legt seine Hände an mein Gesicht. In seinen Augen lese ich Freude, Überraschung und Schock. Er hat mich echt nicht erwartet. Dachte er etwas, dass ich tot sei? “Du lebst“, bringt er nach einer Zeit, in der wir uns nur ansehen, heraus. Ich bin von seinen Händen an meinen Wangen immer noch ziemlich überwältigt. Sie sind so weich. Ich zwinge mich dazu mich auf seine Worte zu konzentrieren:“Ja, denkst du etwa, dass ich einfach so den Löffel abgebe? So schnell wirst du mich nicht los.“

Er grinst und wenige Sekunden später spüre ich seine Lippen auf meinen. Wie ist das denn passiert? Anfangs bin ich total überrascht und traue mich nicht seinen Kuss zu erwidern, doch dann tue ich es doch. Insgeheim habe ich mir das doch immer gewünscht und nun ist mein Wunsch endlich wahr geworden. Heißt das, dass er mich liebt? In meinem Bauch fliegen eintausend Schmetterlinge umher und verursachen ein Chaos der Gefühle, welches sich auf meinen ganzen Körper ausbreitet. Der Kuss ist so heiß, dass man sich verbrennen könnte. Nicht viele Leute wissen es und ich würde es auch nicht vor Jedem zugeben, aber das ist mein erster Kuss. Liebe ich ihn? Darauf kenne ich die Antwort aber leider nicht. Ich war noch nie richtig verliebt und es hat mich auch noch nie ein Junge richtig geliebt. Jedenfalls hatte ich bisher nur einen Freund, der mich nicht wirklich liebt hat, sondern einfach nur mit mir gespielt hat. Als wir uns erneut voneinander lösen, schauen wir uns wieder in die Augen. Keiner von uns muss etwas sagen. Wir beide wissen, dass es uns gefallen hat und dass wir es gerne wiederholen wollen, doch ich gebe ihm einen Kuss auf die Wange und sage:“Tut mir leid Alec, aber ich muss nach Hause. Mom macht sonst Theater.“ Er schmollt kurz, doch dann nickt er:“Na gut. Was sein muss, muss sein. Komm mich aber bald mal wieder besuchen.“ Ich hebe meine Hand zum Schwur:“Ich verspreche es.“

Total fröhlich und beschwingt verlasse ich das kleine Café und gehe nach Hause. Hoffentlich stellen meine Eltern mir keine Fragen. Obwohl Alec nicht mehr bei mir ist, wollen sich die Schmetterlinge einfach nicht mehr beruhigen.

Bin mit dem Kapitel irgendwie mega unzufrieden!

Kommentare

beta
Feenstaub

Navigation

Sprachen

Social Media