Kapitel 3

Rumänien, Winter 1436

 

Der Schnee knirschte unter den Füßen des Grafen, als dieser durch ein vergittertes kleines Tor trat, die Kapuze seines Mantels über die Haare ziehend, und somit die schützenden, trutzigen Mauern seines Schlosses verließ. Er bewegte sich einen schmalen Weg hinab, der in die tief verschneiten Wälder führte.

Sein Butler, der stets sehr um seine Sicherheit besorgt war, liebte es nicht, seinen Herrn allein das sichere Schloss verlassen zu sehen, doch er hatte freilich nicht das Recht, ihm etwas zu verbieten.

Sein Urgroßvater Lugosewitsch Draganesti hatte die Familiengruft zu seinen Lebzeiten außerhalb der Schlossmauern neu errichten lassen, aus Sorge vor Seuchen durch die darin verwesenden Leichname. Er war etwas paranoid, was das anbetraf, doch er hatte einen schönen Flecken ausgesucht, um die nachfolgenden Generationen seiner Familie zur Ruhe betten zu lassen.

Graf Viktor wanderte durch die winterliche Stille, nur verfolgt vom Geräusch seiner eigenen Schritte, und dachte bekümmert darüber nach, dass er selbst vermutlich der letzte Draganesti war, der darin beerdigt wurde.

Mit den Bau der Gruft hatte sich sein Urgroßvater gegen die rumänisch-orthodoxe Tradition der Erdbestattung gestellt und stattdessen ein Mausoleum errichten lassen, mit steinernen Särgen für die Herrschaften der Familie und einem Friedhof für liebgewonnene und treue Bedienstete.

Dieser Gottesacker mit robusten, steinernen Kreuzen lag nun unter einer wattigen Schneeschicht vor dem jungen Grafen, der noch immer stumm und in Gedanken das gusseiserne Tor zum Grund aufschob.

Der Friedhof erfüllte das rastlose Herz des Mannes mit einer Ruhe, die er im Schloss und bei all den Geräuschen des Lebens darin, nicht zu finden vermochte. Auch wenn es still geworden war ohne die Besuche befreundeter Fürsten, das fröhliche Lachen spielender Kinder auf dem Schlosshof und das Aufspielen einer Tanzkapelle im Rittersaal.

Annähernd ein halbes Jahr war vergangen seit der verheerenden Typhus-Epidemie, die nach Schätzungen der Kirche einige tausend Seelen gefordert hatte. Auch Graf Viktor hatte Verluste in seinem Gesinde hinnehmen müssen. Und natürlich den seiner Familie.

Die Erntezeit im Herbst war schwierig gewesen und durch das Fehlen so vieler tüchtiger Hände war vieles von dem Angebauten auf den Äckern vergammelt. Zum Glück hatte des Grafen vorausschauende Verwaltung verhindert, dass es zu einer Hungersnot in seiner Region gekommen war. Der Winter mochte härter werden als er es unter normalen Umständen gewesen wäre, doch niemand würde verhungern müssen.

Der junge Mann stieß die reich beschnitzte Tür zum Mausoleum auf und rümpfte einen Moment die Nase. Es war bitterkalt in dem Gebäude, es roch nach Staub und nach Mäusen, die in dem Bauwerk nach einem einigermaßen warmen Versteck gesucht hatten. Die Kerzen waren runter gebrannt und hatten das Metall der Halterungen angesengt. Ein Geruch, den Graf Viktor verabscheute.

Und es stank nach Tod. Die Rosen, die er bei seinem letzten Besuch in einer Vase auf den steinernen Sarg seiner Gemahlin gestellt hatte, waren inzwischen verdorrt und signalisierten deutlich, dass es in diesen Mauern außer den Mäusen kein Leben gab.

Es knisterte, als er den Strauß aus dem Gefäß nahm und in eine Ecke warf. Die Nagetiere waren sicher froh über etwas zusätzliches Material zum Nestbauen.

»Der Winter ist da, iubita. Und so allmählich treten sie wieder an mich heran, unsere Freunde, und fragen nach meinem Befinden, bitten mich, sie zu besuchen, um ihnen die Sicherheit zu geben, dass ich genesen bin von der Last eures Verlustes... als gäbe es je eine Genesung für mich. Als wäre ich einer Krankheit erlegen, die sich heilen ließe, wenn man nur lange genug wartete. Ja, ich weiß, wie du dazu stehst, dass du, wenn du nur könntest, mir sagen würdest, ich solle weitermachen und meine Jahre nicht mit Trauer vergeuden. Doch ich komme mir vor wie ein Dieb, der euch das Leben gestohlen hat, das mir hätte genommen werden sollen.«

Graf Viktor nahm auf einer steinernen Bank Platz, die Eiseskälte an seinem Gesäß ignorierend, und seufzte in die Handfläche, auf die er sein Kinn stützte.

»Ich weiß nicht, ob es schon wieder Zeit ist, auf Festlichkeiten zu erscheinen. Es kommt mir nicht richtig vor, zu feiern. Was sollte ich feiern? Ich habe verloren, nichts gewonnen...« Er schwieg und lächelte in der Sekunde darauf, als könnte er die Stimme seiner Gemahlin noch immer hören, die ihn für törichtes Sprechen rügte.

»Du hast natürlich Recht, iubita. Ich habe das Leben gewonnen, das ich ebenso hätte verlieren können. Doch was ist es für eines? Das Schloss, unser Heim, verkümmert immer mehr zu einer kostbaren Gruft. Selbst das Lachen der Kinder des Gesindes ist leiser geworden, seit ihr fort seid. Als würde Trauer noch immer wie eine Glocke über uns hängen und als hätte euer Tod einen Fluch auf all das gelegt, das einst mit Leben und Lärm erfüllt war.« Der junge Graf lehnte sich an die steinerne Wand und starrte in das Halbdunkel der Totenstatt, in der die Gebeine seiner Eltern neben denen seines Sohnes zur Ruhe gebettet waren. Sie hatten einander niemals kennengelernt.

Er war sich sicher, seine Eltern hätten Gabriel geliebt. Niemals hätten sie sich einen prächtigeren und hübscheren Enkel wünschen können.

Mit zu Eis gefrorenen Händen saß er da und sah nichts. Er hörte auch nichts, denn es war gespenstisch still. Hier hätte er sterben können und es wäre nicht aufgefallen.

Er fühlte Trauer in sich. Aber es war mehr ein Gefühl der Leere, denn Tränen hatte er schon lange keine mehr. Die Zeit, zu weinen, war vorüber gegangen und Graf Viktor war froh darum, denn er hatte befürchtet, gehofft und gebetet, an seinem gebrochenen Herzen zu sterben, doch er lebte.

Und er wusste, dass seine iubita, seine Liebste, sich nichts anderes für ihn gewünscht hätte. Ihr Leben für seins und das ihres Sohnes. Doch Gott hatte ihr diesen Wunsch nicht erfüllt. Seine Gnade hatte nicht für das Kind gereicht.

Gern hätte Viktor auch sein Leben gegeben. Er wusste, dass Gabriel unter den Fittichen seines treuen Butlers Sebastian zu einem guten Mann herangewachsen wäre.

Resigniert seufzte er. Es ermüdete ihn, diese Gedanken immer wieder von vorn zu durchleben. Gott hatte sein Urteil über ihn und seine Verderbtheit bereits gefällt und niemand konnte die Toten ins Leben zurückholen. Er würde einfach noch einige Zeit lang stark sein müssen, um diese Leere zu ertragen. Aus der Erfahrung nach dem grausamen Tod seiner Eltern wusste er bereits, dass es lange, sehr lange dauern konnte, bis die Zeit die Wunden verschlossen hatte.

Vielleicht nicht geheilt, aber doch verging der Schmerz irgendwann und machte den schönen Erinnerungen Platz.

Mit erkalteten Gliedern und Rückenschmerzen von der starren Haltung, erhob er sich wieder und richtete seinen Umhang aus Kaninchenpelz. Mit einem letzten Lächeln strich er mit den Fingern über die steinernen Sarkophage seiner Familie und trat aus dem muffigen Mausoleum wieder an die kalte, reine Winterluft. Der Abend nahte, er konnte die Leuchtfeuer vom Schloss oben riechen, und es hatte leicht zu schneien begonnen.

Er hatte den Winter immer geliebt. Diese Ruhe und Reinheit, der Schnee bedeckte all das Schlechte und ließ es erstrahlen, egal wie düster etwas war.

Mit einem gemurmelten Abschiedsgebet verließ er den Schlossfriedhof wieder und schritt durch den knöchelhohen Schnee den ansteigenden Weg zu dem vergitterten Tor hinauf. Dieser war noch so frisch, dass er kein einziges Geräusch machte. Nur ein leises, feines Quietschen vom Tor durchbrach die Stille des Abends.

In der Tat hatten die Bediensteten die verteilten Feuerschalen in Brand gesetzt, um den Hof in warmes Licht zu hüllen. Hier und da waren einige damit beschäftigt, den frisch gefallenen Schnee zusammenzukehren, damit dieser nicht gefrieren konnte und den Hof in eine gefährliche Eisfläche verwandelte.

Stumm durchschritt Graf Viktor die weitläufige Fläche, nickte seinen grüßenden Dienstboten zu, die sich verneigten, wann immer sie seiner ansichtig wurden, und stockte nur einen kurzen Moment, als er auf Höhe der Sonnenuhr war.

Sein Zusammenbruch am Tag der Aussegnung war ihm noch immer lebhaft im Gedächtnis.

Erst als er den Seiteneingang des Schlosses durchschritt und die Wärme spürte, die einige an den Wänden befestigte Fackeln verströmten, wurde ihm bewusst, wie durchgefroren er war. Im Mausoleum hatte er die Totenkälte nicht gespürt und durch das Laufen auf dem Gebirgspfad hatte er sie als regelrecht angenehm empfunden. Doch jetzt fingen seine Fingerspitzen an zu kribbeln, als hätte er in einen ganzen Ameisenhaufen gefasst und unangenehm berührt rieb er die Hände aneinander. Auch seine Wangen und seine Nase fingen an zu glühen und er war sich sicher, dass er rote Flecken im Gesicht hatte.

Unwirsch die Finger massierend bewegte er sich in seine Bibliothek, in dem Wissen, dass sein Butler dort immer ein Feuer für ihn am Leben hielt und es mit Sicherheit warm sein würde.

Der Duft von Leder und Holz schlug ihm entgegen, ebenso wie die erhoffte Wärme, und seine Schultern entspannten sich schlagartig. Er zog am Klingelstrang, der neben der Tür hing und nahm in einem der Sessel vor dem Kamin Platz. Die Schritte seiner schweren Winterstiefel wurden von einem kostbaren Perserteppich geschluckt.

»Mein Herr, Ihr seid zurück.« Sebastian betrat die Bibliothek und half dem Grafen unaufgefordert aus dessen Fellmantel.

»Gut erkannt. Und bevor du mich rügst, ich weiß, ich soll nicht ohne Begleitung gehen. Doch ich kann keinen Wachmann am Grabmal meiner Familie brauchen.«

Der Butler nickte, mit dem Mantel über dem Arm. »Ich verstehe natürlich, Herr. Darf ich Euch einen heißen Tee und die Korrespondenz des Tages in die Bibliothek bringen oder beliebt es Euch eher, diese in Euren Gemächern zu öffnen?«

Graf Viktor wusste, dass es an der Zeit war, seine freundschaftlichen Kontakte wieder aufleben zu lassen, wollte er nicht von den Mitgliedern seiner Gesellschaftsschicht bis in alle Ewigkeit geschnitten werden. Trauer akzeptierten sie als Entschuldigung für das Fernbleiben von Festen, doch nicht auf unbegrenzt lange Zeit. Irgendwann würden sie es aufgeben, ihn einzuladen und dann würde er gesellschaftlich ausgestoßen sein. Da waren sie unerbittlich. Und das wollte er nicht riskieren, war er doch mit einigen dieser Herrschaften schon seit Kindertagen befreundet.

Darum nickte er zu beidem und streckte die Beine zum Kamin aus, während der Butler pflichtbewusst seiner Arbeit nachging.

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