Kapitel 3 - Blassblau

3. Blassblau


Die Nacht – oder besser der Morgen – hatte sehr schnell ein Ende gefunden. Mein Schlaf war zwar fest, doch traumlos gewesen. Besonders ausgeruht fühlte ich mich auch nicht.
Wie auch? Mit einem Blick auf die Uhr stellte ich fest, dass es gerade erst viertel vor zehn war. Grummelnd streckte ich die Arme nach oben, spürte dabei ein unangenehmes Ziehen im Nacken, den Schultern und den Schulterblättern.

Mit leicht verzogenem Gesicht setzte ich mich auf und legte eine Hand auf meinen Nacken. Übte mit den Fingerspitzen leichten Druck auf die Haut aus und massierte mit ihnen die darunterliegenden Muskeln ein wenig. Ich war ziemlich verspannt. Vermutlich war meine momentane Schlaf- und Arbeitsmoral daran schuld.
Die Malerei schlauchte derzeit stark. Stundenlang, manchmal nahezu den ganzen Tag, aber auch nachts, stand ich vor der Leinwand. Schlaf und regelmäßige Mahlzeiten waren da nur behindernd und nebensächlich, denn ich versuchte etwas zu schaffen.

Etwas Perfektes.

Etwas, das es schaffte, meine Gefühle und meine Person zu übersetzen.

Sie verbildlichte.

Es sollte das Unperfekte perfekt zeigen.

Aber nicht perfekt, weil es perfekt war, sondern so, dass es perfekt war, wie ich es zeigte.

Gnadenlos.

Wirklich.

Real.

Ich hatte nichts geschaffen, das dieses Ziel erreichte. Das Bild von gestern war nur Spielerei, ebenso wie meine anderen Werke dieser Art. Nur für den Augenblick perfekt. Nicht fortwährend. Nicht auf ewig.

Doch das Problem war, dass ich selber nicht wusste, was das ist. Dieses Perfekte.

Das Wort perfekt kommt aus dem Lateinischen. Es soll vollkommen heißen. Aber ich fühlte mich unvollständig. Und ich wusste nicht, wie ich diese Lücken füllen könnte. Was mir fehlte. Dafür muss ich mich vermutlich erst selber begreifen.
Doch ging das nicht über Nacht. Insofern war das Ziel, dies noch vor der Ausstellung zu erreichen, es zu finden und es zu erschaffen, völlig illusorisch. Die Ausstellung rückte immer näher. Ich spürte, wie sie mir zusammen mit der Verspannung im Nacken saß und mich nervös machte.

Doch das war wirklich die falsche Uhrzeit, um darüber nachzudenken und ich würde jetzt auch auf kein Ergebnis kommen, dazu war mein Kopf noch nicht in der Lage.
Also richtete ich mich, noch immer verschlafen, auf und sah mich im Zimmer um, erkannte meine Umgebung allerdings nur schemenartig, verschwommen. Ohne Details. Ich griff zum Nachttisch, meine Hand wandert suchend über die wallnusbraune Oberfläche, bis ich die Brille schließlich ergreifen konnte. Nachdem ich sie aufgesetzt hatte und das Bild klar geworden war, gähnte ich herzlich und streckte mich abermals. Schließlich schaffte ich es, mich aus meinem Bett zu schälen, um ins Bad zu gehen. Erst als ich das Schlafzimmer verlassen und den Flur betreten hatte, wurde mir beim Anblick des fremden Schuhpaares schlagartig bewusst, was vergangene Nacht überhaupt passiert war.

Dieser Junge...

Ich hatte heute Nacht beinahe diesen Jungen überfahren.

Gero.

Ja genau, Gero war sein Name.

Er hatte nicht gewollt, dass ich ihn nachhause fahre und da ich ihn nicht einfach nachts mitten im Nirgendwo stehen lassen konnte, hatte ich ihn zu mir mitgenommen.
Und jetzt lag er auf meiner Couch und schlief vermutlich noch.

Ich kam zu dem Schluss, dass ich später noch einmal mit ihm darüber reden werde und ging ins Badezimmer, um mich zu waschen.

Während ich mein Gesicht mit dem Handtuch abtrocknete, betrachtete ich mein Gesicht im Spiegel. Es war von dem kalten Wasser leicht gerötet. Ein dunkler Schatten lag unter den grünen Augen. Leise seufzend wandte ich mich von meinem irrealen Zwilling ab und begann, mich anzuziehen. Ich streifte das Shirt, das ich vorhin wahllos aus dem Schrank gezogen hatte, über meine Schultern. Es war hellblau. Die Farbe schmeichelte mir. Meine schulterlangen, blonden Haare band ich in einem lockeren Zopf zusammen. Ich schaute noch ein weiteres Mal in den Spiegel, begutachtete mein Aussehen. Zufrieden mit mir selbst, nickte ich meinem Gegenüber lächelnd zu.

Gerade als ich das Bad verließ, sah ich, wie Gero leise Richtung Wohnungstür schlich. Moment. Was sollte das? Der wollte doch nicht einfach so wortlos abhauen?

„Guten Morgen!", begrüßte ich ihn daher etwas lauter und stemmte meine Hände in die Hüften. Er fuhr vor Schreck zusammen und drehte sich zögernd zu mir herum. Blickte mich aus seinen großen braunen Augen an.

„Wo wollen wir denn einfach so schnell und wortlos hin?"

„Ich... Entschuldigung...", stammelte er nur.

Ein leises Seufzen entkam mir. Sein Gesicht war vor Scham rot geworden, seine Ohren glühten. Seine Augen hatten sich an seine Schuhspitzen geheftet. Die Situation war ihm ziemlich peinlich und obwohl mir bei jeder anderen Person jetzt der Schalk im Nacken gesessen hätte, es für sie nur noch peinlicher zu machen, verzichtete ich bei ihm darauf. Aus irgendeinem Grund widerstrebte es mir. In meinen Kopf drängte sich die Szene von heute Nacht. Seine Schultern hatten, ebenso wie jetzt, nach unten gehangen, als würden Gewichte seine Arme nach unten ziehen. Sein Blick war starr auf den Boden gerichtet gewesen. Und schließlich hatte er angefangen, zu weinen. Der Schock musste immens gewesen sein. Ich spürte, wie sich wieder alles in mir zusammenzog, als würde ich das gerade wieder miterleben. Das schlechte Gewissen war sofort wieder da. Hätte ich bloß nichts getrunken! Dann hätte ich ihn bestimmt eher bemerkt!

„Nein, nein. Entschuldige dich nicht. Wofür auch? Ich hätte nur ein schlechtes Gewissen, wenn du ohne Frühstück gehen würdest."

Gut, das hatte ich auch so. Aber es würde nicht gerade dazu beisteuern, dass sich mein Gewissen besserte.

„Ach nein, du hast schon so viel für mich gemacht, indem du mich mitgenommen hast. Das kann ich doch nicht alles annehmen."

Diese Unsicherheit und Schüchternheit in seiner Stimme war wirklich süß – Moment. Nichts da, Roman. Hör auf, ihn süß zu finden. Was sollte das Wort süß überhaupt bedeuten? Das Wort benutzten Frauen (und Paul), um Dinge oder Personen kleinzumachen. Und putzig. Wie Babys. Insoweit wie Babys süß und putzig sein konnten. Wenn sie gerade nicht schrien oder sabberten. Oder in die Windel machten. Was war daran süß? Vielleicht wäre der Vergleich mit einem Welpen oder einem kleinem Kätzchen besser angebracht. Ja. Welpen und Kätzchen waren süß. Aber ich wollte Gero nicht zu einem Welpen degradieren. Auch wenn seine braunen Augen wirklich – Stopp, Roman. Deine Gedanken ufern wieder zu sehr aus. Wo waren wir überhaupt stehen geblieben? Achso. Du findest Gero süß.

„Wie findest du Kätzchen?"

„Was?"

Er sieht mich verständnislos an. Aber ich hatte ohnehin im Gefühl, dass er mehr der Hundetyp war.

„Vergiss es", sagte ich den Kopf schüttelnd. „Jedenfalls ist das Unsinn. Da ist doch nichts dabei. Und außerdem würde ich mich sehr freuen, nicht alleine frühstücken zu müssen."

Ein sanftes Lächeln stahl sich auf meine Lippen. Langsam hon Gero wieder seinen Kopf und erwiderte meinen Blick. Entspannter und ruhiger nickte er schließlich. Als ich gerade in die Küche ging, erkannte ich aus dem Augenwinkel heraus, dass er seine Schuhe wieder auszog.

„Wie stehst du zu Rührei?"

Ich hatte mich an den Herd gestellt und schaute zu ihm herüber. Er hatte seine Finger in den Stoff seines Kapuzenpullovers gebohrt und blickte scheu zu mir zurück. Schließlich nickte er.

Ich lächelte ihm aufmunternd zu und holte eine Pfanne – meine einzige Pfanne – aus der Schublade, die allerdings auch nicht besonders viel Auswahl an Töpfen zu bieten hatte. Es war nicht so, dass ich überhaupt nicht kochen konnte, nein. Nur bin ich, was das Kochen anging zumindest, einfach nur faul. Gut, zugegeben, ich war in vielerlei Hinsicht faul, wie zum Beispiel beim Waschen. Oder beim Bügeln. Ich hasste Bügeln.

Während ich neben Eiern alles weitere, was mein Kühlschrank herzugeben hatte, herausholte und auf dem Tisch ausbreitete, schaute ich abermals zu Gero, der unverändert zwischen Tisch und Tür stand. Ob er wohl auch Bügeln hasste?

„Setz dich doch."

Ich hörte, wie er den Stuhl ein wenig vom Tisch zog und sich auf ihn setzte. Das Holz ächzte ein wenig unter seinem Gewicht, was aber weniger mit ihm, als eher mit dem Alter des Stuhls zu tun hatte.

„Magst du Bügeln? Oder eher nicht so?", fragte ich, mittlerweile voll im Geschehen des Kochens und des Verrührens der nicht ganz so frischen, aber frischen ALDI-Eier.

„Was?"

Ich kippte die leicht schaumig gerührte Eiermasse in die Pfanne und rührte mit einem Pfannenwender, bei dem ich mir noch immer unsicher warum, warum es so hieß, da es nicht die Pfanne, sondern den Pfanneninhalt wendete, ein wenig herum. Allerdings musste ich eingestehen, dass Pfanneninhaltswender dann doch noch blöder klang. Wo war ich gewesen?

„Ob du Bügeln magst. Naja ist ja auch eigentlich egal. Du bist noch jung, du hast bestimmt da noch nicht so deine Erfahrungen gemacht. Wie alt bist du eigentlich?"

Er zögerte etwas. Vermutlich schaute er mich völlig irritiert und verstört aus seinen großen, braunen Augen an und ging im Kopf bestimmt eine Art Fluchtplan durch. Schade, dass ich seinen Ausdruck gerade nicht sehen konnte. Manchmal wünschte man sich echt einen Rundumblick.

„Siebzehn", antwortete er mir dann schließlich. Dann hatte ich doch gar nicht mal so falsch gelegen.

Ich schob das langsam runzelig werdende Ei ein wenig durch die Pfanne und blickte dann zu ihm. Zugegeben, jetzt sah er wirklich etwas älter aus als gestern. Vielleicht weil er jetzt kein verweintes Gesicht hatte. Vielleicht lag es an dem leichten Schatten unter seinen Augen. Aber alles in allem hatte er ein sehr schönes Gesicht. So jung.

„Ich wünschte, ich wär auch noch so jung!", trällerte ich und lud das Rührei auf einen Teller. Schließlich setzte ich mich auch an den Tisch.

Ein fragender Blick von Gero erreichte mich. Vielleicht wusste er nicht, wie er mein Verhalten deuten sollte. Vielleicht dachte er jetzt, ich wäre schon in meinen Mittdreißigern. Dieses Missverständnis konnte ich nun wirklich nicht einfach so stehen lassen! Ich bin nicht alt. Nur nicht ganz so jung wie er.

„Nein, also ich bin nicht alt. Ich bin noch schöne, knackige 24 Jahre. Gut, das ist schon eine relativ große Hausnummer im Gegensatz zu deiner, aber eben nur relativ. Außerdem muss ich zugeben, dass mir meine 24 Jahre ziemlich gut stehen. Wobei die anderen 23 auch nicht schlecht gewesen sind."

Ich ließ das kommentarlos stehen und fuhr fort:

„Dann gehst du noch zur Schule, oder? Mist, jetzt habe ich den Tee vergessen. Grünen?"

Schon stand ich wieder und werkelte am Wasserkocher herum.

„So viel zum Thema nicht alt."

Hörte ich trocken aus seiner Ecke. Ich wandte mich ihm wieder zu und musste anfangen, zu grinsen. Auch sein Mund hatte sich mittlerweile zu einem leichten, aber frechen Grinsen verzogen.

Endlich! Er ist aufgetaut!

„Aber ja. Also beides. Tee und Schule. Ich mache nächstes Jahr mein Abitur."

Mir ist ein ziemlicher Brocken vom Herzen gefallen, als er begann ganze Sätze mit mir zu reden. Natürlich, hätte er auch einfach nur schüchtern sein können, oder mich einfach nicht leiden können. Was ziemlich bedauerlich gewesen wäre, aber es machte mich gerade ziemlich froh, dass er sich zumindest soviel mir gegenüber geöffnet hatte. Dann konnte er mich gar nicht so sehr hassen. Oder? Neben der Tatsache, dass er mit mir richtig sprach, fiel mir auf, dass er eine schöne Stimme hatte. Sie war melodiös; nicht sehr tief, aber auch nicht knabenchormäßig hoch. Irgendetwas dazwischen, aber sie hatte definitiv etwas. Ich konnte gar nicht beschreiben oder benennen, was es war. Sie war sehr angenehm. So eine Stimme, der man stundenlang zuhören konnte. Ich schluckte das Bedürfnis die Stimme auch mal lachen zu hören hinunter und vergab mir gedanklich Ohrfeigen. Jeweils fünf auf jeder Seite. Das sollte reichen.

„Soso. Welche Kurse?", fragte ich, die Tassen höchst grazil zum Tisch balancierend und ließ mich dann wieder (noch immer höchst grazil) auf meinen Stuhl nieder.

Er nahm die Tasse in beide Hände und atmete den Duft genüsslich ein. Auf seinen Lippen, auf denen bis eben noch ein Grinsen gewesen war, hat nun ein nur leichtes Lächeln seinen Platz gefunden. Allerdings machte es auf mich nicht den Eindruck, dass es ein überaus glückliches und zufriedenes Lächeln war.

„Mathe und Musik."

„Oh Gott, Mathe... Eines der Dinge, die garantiert noch schwuler als ich sind."

Ich weiß nicht, wie sich diese Phrase bei mir eingebürgert hatte, aber ich gehörte definitiv nicht zu den Leuten, die deswegen rumheulten. Vielmehr verwendete ich es sogar sehr gern, um mich über etwas lustig zu machen. Denn wenn ich sowas machte, hatte das noch einmal einen ganz anderen Wert und Effekt.

Allerdings schien ich diesen Effekt gerade sehr stark zu verfehlen. Denn ich habe erstens nicht einkalkuliert, dass er ja gar nichts von meinen sexuellen Präferenzen wusste, noch hatte ich zweitens keine Ahnung, wie er selbst dazu stand. Seinem Gesichtsausdruck nach, schien ich allerdings, einen Nerv getroffen zu haben, der das nicht so humorvoll nahm wie ich. Oder er war einfach nur überrascht. Hatte er es verstanden? Im Prinzip hatte ich mich vor ihm „geoutet" oder? Ich hatte keine Ahnung.

Konnte man das so sagen? Ich hoffte, dass er einfach überrascht war, weil er mit einer gänzlich anderen Antwort gerechnet hatte und nicht mit sowas. Außerdem hätte er anders reagiert, wenn er wirklich was dagegen hätte. Oder? Ich hatte keine Ahnung.

Irgendwie hatte ich noch nie Erfahrungen mit Homophobie oder dergleichen machen müssen. Aber so schätzte ich ihn nicht ein. Nein. Moment, warte Hirn, ich kenn ihn gar nicht? Also hör auf, so zu tun. Und hör auf überhaupt zu denken, denn je länger du mit mir diskutierst, desto länger dauert das Schweigen und die Stimmung verläuft dann wieder asymptotisch gegen null – oh Gott, jetzt werden wir mathematisch – Moment. Da kamen wir doch her!

„Ich hatte Chemie und Deutsch als Leistungskurse. Ich meine, Chemie hat im Gegensatz zu Mathe einen Sinn - wenn alle Stricke reißen, jagt man mit der Chemikaliensammlung notfalls die Schule eben hoch", plauderte ich aus dem Nähkästchen meiner recht guten Schulzeit.

Ein leichtes Schmunzeln legte sich wieder auf die Lippen Geros und schon wieder fiel mir ein Amboss vom Herzen. Dann nahm er mir den Kommentar von eben wohl doch nicht so übel.

„Ne, ich hab Chemie sofort abgewählt. Bin darin eine Niete."

Für einen kurzen Moment lächelte er mich an, ehe er sich dem Essen widmete. Ich hatte mein Essen noch gar nicht angerührt. Viel zu sehr pendelten meine Gedanken hin und her. Meistens war es dabei, komische Assoziationsketten zu bilden oder mich zu tadeln, dass ich Gero schon viel zu lange ansah. Was ich gerade tat. Aber er war wirklich nett anzusehen. Er hatte eine gewisse Ausstrahlung, aber ich konnte es einfach nicht beschreiben. Irgendwas an ihm faszinierte mich, dabei wusste ich nichts von ihm. Das Bedürfnis mehr von ihm zu erfahren war groß, doch wollte ich ihn nicht ausfragen. Ich wollte nicht, danach fragen müssen. Ich wollte, dass er mir alles selbst erzählt. Aber das würde wohl nie passieren. Um das Bedürfnis herunterschlucken zu können, nahm ich mir auch von dem Rührei und begann, zu essen.

Das Frühstück verlief schweigend. Allerdings schaffte ich es nicht, meinen Blick von ihm zu lassen. Egal, wie viel ich aß oder wie lange ich ihn ansah, ich wurde einfach nicht satt. Ein leichtes Kribbeln fuhr durch meine Finger, durch meine Gliedmaßen. Das, wonach ich mich gerade sehnte, ließ sich nicht durch Ansehen sättigen. Es muss viel greifbarer sein. Ich wollte es berühren, spüren.

Das Klappern des Geschirrs holte mich wieder zurück. Scheu lächelnd sah mich Gero an.

„Ich denke, ich gehe dann mal. Danke nochmal für alles."

„Du willst schon- ich meine, du musst dich doch nicht bedanken. Aber soll ich dich nicht lieber nachhause fahren?"

„Nein, nein. Danke. Aber das musst du nicht auch noch machen. Ich finde bestimmt einen Bus oder so. Ich komm auf jeden Fall klar."

Er stand auf, woraufhin ich mich auch schnell erhob und ihn in den Flur begleitete, wo er seine Chucks anzog. Dann schaute er wieder zu mir.

„Also.. Danke."

Sein Lächeln war aufrichtig, aber aus irgendeinem Grund wurde ich das Gefühl nicht los, dass da noch etwas anderes unterschwellig mitschwang. Ich konnte auch nicht verstehen, was es war. Wahrscheinlich bildete ich es mir auch wieder ein. Die letzten Nächte waren sehr kurz gewesen. Vermutlich rächte sich das nun.

„Dann.. Tschüss."

„Tschüss.."

Er hatte sich von mir abgewandt und ist zur Tür gegangen. Seine Hand ruhte noch für einen kurzen Moment auf der Türklinke als würde er zögern. Doch dann riss er sie auf. Und ging hinaus.

Die Tür fällt wieder ins Schloss.

Ich schloss die Augen und atmete tief durch. Das waren wohl mitunter die seltsamsten Stunden in meinem bisherigen Leben gewesen. Ich öffnete wieder meine Augen und ging in die Küche, um ein wenig aufzuräumen. Nachdem ich die Lebensmittel in den Kühlschrank geräumt hatte, wollte ich mich an den Abwasch machen, weshalb ich warmes Wasser in das Spülbecken einlaufen ließ. Ich beobachtete den Wasserstrahl für einen Moment und gab Spülmittel hinzu. Erst bildeten sich nur kleine Bläschen, doch rasch wurden es mehr und mehr. Viele kleine Bläschen, die in ihrer Masse eine reine weiße Farbe trugen. Doch wenn man genau hinsah, erkannte man das gebrochene Licht in ihnen. Wie kleine auseinander gebrochene Regenbogen. Und da war es wieder. Beim Betrachten der verschiedenen Farben begann wieder, jede Faser in meinem Körper zu kribbeln. Schnell stellte ich das Wasser ab, ließ alles liegen und ging rauf in mein Atelier.

Ich musste jetzt einfach malen.

Schon seit Jahren war es wie eine Droge für mich. Ich war schwer abhängig danach. Es verging kaum ein Tag, an dem ich nicht zumindest einen Strich über ein Blatt zog, an dem ich nicht Farben miteinander vermischte, mich in meinen von mir geschaffenen Welten verlor. Wie im Rausch stellte ich eine leere Leinwand auf die Staffelei, suchte Farben und Pinsel zusammen. Ich musste nicht überlegen, was ich als nächstes malen sollte. Ich machte es einfach. Ich konnte alles schaffen, was ich wollte. Vor der Leinwand und auf dem Papier war ich Gott. Ich selber bekam meine Bewegungen und meine Arbeitsschritte nicht mit. Alles war viel zu routiniert. Die Farben auf der Palette, der Pinsel der durch sie hindurch strich, sie vermengte, seine Spuren auf der noch eben weißen Leinwand hinterließ. Erst jetzt bekam ich meinen Kopf frei. Warf die ganzen Gedanken von mir ab. Konnte alles ausdrücken, was ich nie in Wörtern ausdrücken könnte. Mit meinen Farben war ich viel freier. Ich konnte alles in Farben ausdrücken und verarbeiten. Mehr brauchte ich nicht. Nur meine Palette und meinen Pinsel.

Die Vorkommnisse der letzten Stunde projizierte ich auf die Leinwand. Ohne Formen, nur Farben. Das reichte mir völlig, um die Bilder und das Gesagte zu verarbeiten. Die Stimmung im Club. Der Moment, als ich Gero beinahe überfahren hatte. Gero, der sich weinend und geschockt an meine Brust lehnte. Dem ich langsam über seinen Rücken streichelte, um ihn zu beruhigen. Die stille Autofahrt. Das Teetrinken mitten in der Nacht. Und jetzt das Frühstück. Alles, was ich gedacht und empfunden hatte. All das vereinte ich auf der Leinwand. All meine Gefühle. Das Bild füllte sich immer mehr. Schwache und intensive Farben trafen sich. Kalte und warme Farben. Aber im Zentrum blieb ein, auf den ersten Blick vielleicht unscheinbar wirkendes blasses Blau.

Ich trat einen Schritt von der Staffelei zurück.


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