Kapitel 3 - Nur ein Unfall

»Psst, schläfst du schon?«
Swetlana, die die ganze Zeit in die Dunkelheit starrte, hüpfte das Herz. Erst vor Schreck, dann vor Freude. Ihr geheimnisvoller Freund war zu ihr gekommen. »Nein, ich kann nicht schlafen. Morgen ist wieder Schule und ich habe Angst vor den Kindern.«
»Du hast Angst vor anderen Kindern? Warum?«
»Sie sind anders als ich.«
»Wie, anders?«
»Na anders eben, sie sind laut und dumm und furchtbar gemein.«
Ein Schnaufen drang durch die Düsternis. »Ich kann gemeine Kinder nicht leiden. Was tun die denn?«
Swetlana wurde traurig. »Sie lachen mich aus, sie sagen, ich sehe komisch aus und ich rede komisch. Keiner will etwas mit mir zu tun haben. Ich fürchte mich vor den Großen auf dem Pausenhof, die schubsen mich. Wenn ich falle, lachen sie noch lauter und zeigen mit dem Finger auf mich.«
»Ich sag es doch, keine Manieren, diese Brut heutzutage.«
Sweta kicherte hinter vorgehaltener Hand. »Das war aber auch nicht nett von dir.«
»Was denn?«
»Sie so zu nennen.«
»Wie? Brut?«
»Ja«
»Pfff, das war nett. Ich wollte ein viel schlimmeres Wort sagen, aber da du eine junge Dame bist, habe ich das nette Wort gewählt.«
Jetzt kicherte das Mädchen noch lauter. »Ich bin keine Dame, ich bin doch nur ein Mädchen. Ich werde nächstes Jahr sieben Jahre alt.«
»Was? Schon sieben? Verzeihung, ich wusste nicht, dass ich mit einer Oma rede.«
Sweta lachte laut auf, legte aber schnell erschrocken die Hand fest auf den Mund. Oleg im Bettchen neben ihr schnaufte kurz in seinen Träumen, schlief aber tief und fest weiter.
»Du darfst mich doch nicht so zum Lachen bringen, wenn mein Bruder wach wird …«
»Stimmt, ich wollte dir auch nur etwas Mut zusprechen für morgen. Ich werde dich ganz heimlich begleiten. Wenn du ein Huschen aus dem Augenwinkel siehst, oder ein Rascheln in den Sträuchern, wenn plötzlich ein gemeines Kind auf die Nase fällt, das war dann ich.«
Swetlana empfand etwas Merkwürdiges in sich, es fühlte sich an wie Kloß im Hals, aber nicht wegen Angst. Es rührte sie, wie sehr dieses fremde Wesen auf sie achtgab.
»Danke … ähm … ich weiß ja noch immer nicht, wie du heißt.«
»Wie unhöflich von mir.«
Sweta hätte schwören können, ihn lächeln zu hören.
»Mein Name ist Micahyell.«
»Michael?«
»Nein, nein. Mi-ka-jel wird mein Name ausgesprochen.«
»Mijakel?«
Micahyell seufzte genervt. »Mica, das kriegst du doch sicher hin, oder? Nenne mich Mica.«
»Hallo Mica«, das Mädchen fühlte die Röte in die Wangen steigen und freute sich über die Dunkelheit, die ihre Scham verbarg.
»Gute Nacht, liebe Swetlana und morgen werde ich den ganzen Tag ganz heimlich bei dir sein.«
Das Mädchen fühlte seine Wangen glühen und nickte eifrig. »Ist gut, ich freue mich schon darauf. Schlaf gut, Mica.«

»Angsthase Pfeffernase, morgen kommt der Osterhase!«
Die Kinder hielten sich an den Händen und tanzen johlend um Sweta herum, die sich schluchzend die Hände vors Gesicht hielt.
»Was ist denn hier los?« Die herrische Stimme der Klassenlehrerin unterbrach den derben Gesang. Kreischend stoben die Kinder auseinander und ließen ein kleines Häufchen Elend zurück. Die Kinder hatten sich über die großen bunten Schleifen in ihrem Haar lustig gemacht und ihr so lange daran gezogen, bis sie aufgingen und nun schlaf und zerknittert zur Seite herunter hingen.
Frau Jablonski hockte sich auf Augenhöhe neben sie und strich dem Mädchen tröstend über das Haar. »Manchmal sind sie einfach nur gemein. Nimm es ihnen nicht übel, sie sehen das Fremde in dir und fürchten sich davor. Aber mit der Zeit werden auch sie dich in ihr Herz lassen.«
Swetlana schluchzte und nickte zum Zeichen, das sie verstanden hatte. Aber sie glaubte nicht daran. Sie bezweifelte, dass überhaupt jemand sie gerne mochte. Sie musste ein Monster sein, ein Dämon, verflucht dazu, irgendwann im Fegefeuer zu braten. Warum sonst sollte ihre Babuschka ihr jeden Abend erzählen, wie schlecht sie war, voller Sünde und Fehler. Die Kinder schienen das auch zu spüren, genau wie ihre Großmutter. Das war auch der Grund, warum niemand sie liebte. Sie war böse.
»Es tut mir leid, wenn ich böse war, ich wollte nicht böse sein.« Rotz tropfte ihr aus der Nase, den sie mit einem Ärmel wegwischte. Schnell griff die Lehrerin in ihre Rocktasche und reichte dem Kind ein Stofftaschentuch. »Hier, das darfst du behalten. Und nun geh zu den Toiletten und wasch dir das Gesicht.«
Mit hängendem Kopf schlurfte Sweta über den Schulhof zu den Sanitäranlagen und öffnete den Wasserhahn.
Ein Kichern lies sie aufhorchen. Aber außer einem der gemeinen Mädchen, die in einer der Kabinen war, konnte sie niemanden sehen.
»Ich hab dich nicht vergessen.«
Erschrocken drehte sie sich um, aber niemand befand sich hinter ihr. Die Stimme hatte sie sich doch nicht eingebildet?! »Mica?«, fragte sie leise in den Raum.
»Was? Redest du etwa mit mir?«, klang es aus der Toilettenkabine. Anja, die boshafteste der Mädchen aus ihrer Klasse raschelte hinter der Tür, man hörte, wie sie sich die Kleidung zurechtrückte. Die Spülung rauschte und die Türklinke wurde heruntergedrückt.
Aber die Tür öffnete sich nicht. »Hallo? Wer ist denn da? Das ist nicht lustig. Mach die Tür wieder auf.«
Sweta runzelte die Stirn, schwieg aber.
Tack, tack, tack, rappelte Anja an der Klinke und wurde wütend. »Hallo?! Ich sagte, du sollst verdammt noch mal die Tür aufmachen, ich werde ganz sauer. Das sage ich meinen Eltern und Frau Jablonski und dann wirst du ärger kriegen.«
Swetlana schaute sich irritiert um. Niemand außer ihr hielt sich im Sanitärbereich auf, keiner hatte vor ihr die Räumlichkeiten verlassen. Klemmte die Tür vielleicht?
Wieder das Kichern.
»Ich habe dich gehört! Du bist einer von den Jungs! Mach auf oder ich schreie!«
Swetas Augen wurden groß, das war der Moment zu verschwinden. Vorsichtig lugte sie auf den Schulhof, aber es musste bereits geklingelt haben denn die letzten Kinder machten sich bereits auf den Weg in ihre Klassen. Eilig schlüpfte auch sie hinaus und mischte sich unter die Mitschüler. Das Kreischen Anjas ging im Lärm der Anderen unter. Das erste Mal in Swetas Leben verspürte sie ein merkwürdiges Gefühl, eine Empfindung, die sie sonst immer bei anderen auslöste. Schadenfreude. Mit zufriedenem Lächeln lief sie in ihre Klasse und setze sich auf ihren Platz.
»Wo ist denn Anja?«, fragte die Lehrerin, als sie ihre Kinder zählte.
Alle schwiegen und schauten sich ratlos um, ob einer von den anderen etwas wusste. Wenn Sweta eines durch ihren Vater gelernt hatte, dann wie man schauspielerte. Sie setzte einen genau so ahnungslosen Gesichtsausdruck wie die anderen auf und schaute sich um. Innerlich lächelte sie, breit und zufrieden, während sie an die keifende und zeternde Anja dachte, danke, Mica.
»Kinder, holt die Leseschule raus und übt das große B. Ich bin gleich wieder zurück.« Mit den Worten verschwand die beunruhigte Frau Jablonski aus der Klasse.
Keine zehn Minuten später ging die Tür wieder auf und die Klassenlehrerin kam mit der aufgelösten und heulenden Anja wieder rein. Ihr Gesicht drückte Ratlosigkeit aus. »Beruhige dich doch wieder, Liebes, die Toilettentür hat nur geklemmt, man kann sie nicht von außen abschließen.«
»Nein Frau Jablonski, ich habe genau gehört, wie mich jemand ausgelacht hat, da war noch jemand anderes mit mir in der Toilette. Ich glaube, es war ein Junge, aber ich bin nicht sicher.«
Nachdenklich zog die ältere Frau die Augenbrauen zusammen und schaute Swetlana an. Der Puls des Mädchens erhöhte sich und sie schaute verlegen aus dem Fenster. »Setz dich hin, Anja, ich kläre das nach der Schule.«

Die Glocke, die den Unterricht beendete, schrillte laut und unangenehm durch das Schulgebäude, aber für die Kinder war es das schönste Geräusch, besonders für Sweta. Erfreut packte sie ihre Sachen zusammen und rückte den Stuhl an ihren Tisch zurück.
»Swetlana, kannst du bitte noch einen Moment warten? Ich möchte dich was fragen.« Die Lehrerin kam langsam auf sie zu und versperrte ihr somit als Einzige den Weg nach draußen.
Sweta schaute Frau Jablonski mit großen Augen an, sie spürte, dass ihr das schlechte Gewissen deutlich im Gesicht geschrieben stand.
»Du weißt doch etwas über das, was Anja passiert ist, nicht wahr?«
Sweta starrte auf den Boden und schwieg. Sie konnte keinen Erwachsenen anlügen, dass stand gegen ihre Erziehung.
»Swetlana, bitte. Sag mir, was du weißt.«
Dem Mädchen traten Tränen in die Augen und sie schluchzte: »Ich habe gar nichts gemacht, es ist nicht meine Schuld, dass sie Tür nicht aufging. Ich hab solche Angst vor ihr. Wenn ich gesagt hätte, dass ich auch im Raum bin, hätte sie mir weh getan, sie hätte mir wieder an den Zöpfen gezogen und meine Haare ausgerissen. Deswegen bin ich weggerannt.«
»Ok«, sagte die Lehrerin sanft und legte ihr beruhigend eine Hand auf den Arm. »Aber warum hast du dann eben nichts gesagt, als ich fragte, ob jemand weiß, wo sie ist? Anja hatte furchtbare Angst, so ganz alleine auf der Toilette.«
»Jetzt weiß sie, wie ich mich jeden Tag fühle.«
Frau Jablonski schwieg und schaute nachdenklich aus dem Fenster. »Du kannst gehen, aber Sweta, das darf nicht noch mal passieren. Das versprichst du mir, nicht wahr?«
Swetlana nickte betreten, schaute aber nicht hoch und trippelte niedergeschlagen aus der Klasse.

Niemand war da, der sie abholte, ihr Vater und ihre Tante mussten arbeiten und ihre Mutter war wohl noch zu krank, um aufzustehen. Gedankenversunken schlenderte sie den steilen Weg in Richtung Wald, den sich täglich auf ihrem Schulweg durchqueren musste. Der schwere Schulranzen zerrte an ihren Schultern und immer wieder schulterte sie ihn neu, um das Gewicht besser zu verteilen.
Sie hatte die Kinder nicht gehört. Erschrocken fiel sie auf den Hintern, als ihr jemand mit aller Gewalt die Tasche vom Rücken riss. Keuchend starrte sie in den grauen Herbstmittagshimmel und wusste noch immer nicht, wie ihr gerade geschah.
»Du hast was damit zutun, gib es zu, du Ziege.«
Anja stand breitbeinig hinter ihr und betrachtete sie hochmütig von oben herab.
»Was?«, stotterte Sweta erschrocken.
»Tu nicht so!« Wütend trat Anja gegen ihren Schulranzen, der die Heftigkeit zwar teilweise abfing, aber die Wucht war dennoch im Rücken zu spüren. Schmerzerfüllt stöhnte Sweta auf. »Lass das! Warum bist du nur so gemein zu mir? Was habe ich die getan?«
»Was du getan hast? Was du getan hast?! Du bist da, du bist hässlich, du kannst nicht mal richtig reden. Du sprichst so komisch, dass ich dich nicht mal richtig verstehn kann. Niemand kann das. Kein Mensch mag dich. Du bist doof. Und keiner kann dich leiden. Und als Frau Jablonski dich zurückgehalten hat, wusste ich, es ist wegen mir. Du hast mich eingesperrt, gib es zu!« Erneut trat sie heftig gegen den Ranzen und Sweta fing an zu weinen.
»Lass das! Bitte! Lass mich doch einfach in Ruhe!«
Zwei andere Mädchen aus ihrer Klasse, Nele und Kristina, standen Anja beiseite und lachten Sweta höhnisch aus.
»Swetlana, die dumme Hanna. Swetlana, die dumme Hanna«, begannen sie den Sprechgesang und traten ebenfalls abwechselnd gegen die Schultasche. Sweta gab auf, sie schlug die Hände vors Gesicht und weinte bitter. Anstatt aufzuhören, animierte das die drei Kinder, sie wurden lauter und ihre Tritte heftiger.
Niemand kam ihr zur Hilfe, kein Einziger stand ihr zur Seite.
Erst als eines der Mädchen erschrocken aufkreischte und Bremsen fürchterlich quietschten, hörte der Sprechgesang auf. Das Geräusch, ein dumpfer Aufprall, lies Swetlana aufschauen. Nele und Kristina starrten mit offenem Mund auf die Straße, die entsetzten Gesichter zu Grimassen verzogen.
Ein älterer Mann stieg aschfahl aus seinem Auto. »Sie war plötzlich auf der Straße. Ich konnte nicht mehr bremsen.«
Erst da begriff Swetlana, was geschehen war. Der Mann hatte Anja angefahren. Ihr Körper lag völlig verdreht auf der Fahrbahn, der leere Blick ins Nichts gerichtet.
Sweta schrie, sie schrie so laut, dass es ihr selber in den Ohren weh tat, aber sie konnte einfach nicht aufhören. Die anderen Mädchen stimmten mit ein, sie schrien und schluchzten und weinten, eine lauter als die andere.
Sweta wollte nicht sehen, wie die toten Augen über sie hinwegstarrten. Verängstigt rappelte sie sich auf und fing an zu laufen. Hinter hier hörte sie den Mann rufen. »Hey, du kannst doch nicht einfach weglaufen, wir müssen auf die Polizei warten.«
Nein, Sweta hatte genug von der Polizei, sie hatte genug von dem Bild der toten Anja, die völlig verrenkt auf dem Asphalt lag. Sie rannte, als wäre der Teufel persönlich hinter ihr her und wer weiß, vielleicht war er das auch. Mica, ging es ihr immer wieder durch den Kopf. Mica, warst du das? Doch von ihrem heimlichen Freund war weit und breit nichts zu sehen und zu hören. Drei Kilometer, davon zwei durch den dunklen Wald, nie war sie diese Strecke schneller gelaufen. Atemlos schloss sie die Wohnungstür hinter sich, rannte in ihr Zimmer und warf sich weinend aufs Bett. Was für ein fürchterlicher Tag. Egal was sie tat, sie sah ständig die leeren Augen Anjas in ihrem Geiste. Wie hatte das nur passieren können? Ja, Anja war gemein und fies, aber sie hatte ihr nicht den Tod gewünscht … oder doch? Eine ganz leise Stimme in ihr flüsterte ihr zu, dass ihre Klassenkameradin nur bekommen hatte, was sie verdiente. Sweta schüttelte den Kopf, nein, das war ein zu grausamer Gedanke.
Swetlanas Mutter schien sich noch immer im Schlafzimmer zu verschanzen, sonst hätte sie sicher lange nach ihr gesehen. Heute war es Swetlana nur recht, dass sich ihre Mutter nicht um sie scherte. Sie wollte alleine sein und ihre Gedanken sortieren.
»Bist du traurig?«, flüsterte es aus dem Schatten. »Sie hat mich so wütend gemacht, da habe ich sie geschubst. Ich habe das Gefährt nicht gesehen.«
»Das Gefährt? Ach du meinst das Auto. Mica. Ich glaube, sie ist tot!«
Micas Stimme klang trotzig. »Mir egal, sie war ein furchtbares Kind. Wie kannst du wegen ihr nur so weinen? Sie war kein nettes Mädchen.«
»Ich weiß nicht warum ich weine, ich habe Angst, ich fürchte mich davor, dass sie mir die Schuld geben.«
»Blödsinn, alle werden sagen, es war ein Unfall. Niemand kann dir die Schuld daran geben. Und wenn doch, sagst du einfach die Wahrheit. Du sagst, ich war es.«
»Zeig dich doch endlich, Mica.« Swetlana wischte sich über die feuchten Augen und die tropfende Nase.
»Willst du mich wirklich sehen?« Beinahe schüchtern klang der Junge in den Schatten.
Sweta beruhigte sich langsam und nickte bejahend. »Ja, sehr gerne. Du bist mein einziger Freund, der einzige Mensch, der mich mag.«
»Also gut, aber ich bin kein Me-«
Die Kinderzimmer Tür wurde aufgerissen und Swetlanas Mutter schaute sie mit gerunzelter Stirn an. »Mit wem redest du?«
»Mit niemandem, Mama«, beeilte sich Sweta zu sagen. »Ich habe geweint.«
»Was hast du getan?« die Mutter klang fürchterlich erschöpft und erst jetzt sah Sweta die Blessuren in ihrem Gesicht. Ihr Vater hatte sich heftig an ihr ausgelassen. Swetlana schluckte.
»Ich habe gar nichts getan.«
»Und warum steht dann die Polizei vor der Tür und will mit dir reden?«
Der entsetzte Gesichtsausdruck Swetlanas war der Mutter Antwort genug.
»Geh nach oben, sie warten im Wohnzimmer auf dich.«
Mit kleinen trippelnden Schritten setzte sich das Mädchen in Bewegung, in der Hoffnung, das unvermeidliche herauszuzögern.
»Geh schneller!« Ihre Mutter stieß sie unsanft vorwärts.

Es waren nicht die gleichen Polizisten wie vor zwei Tagen, diesmal waren es eine junge Frau und ein älterer Mann, aber der hier hatte keinen Bart.
Die junge Polizistin beugte sich zu ihr herunter und stellte sich und ihren Kollegen vor. Stumm nahm Sweta die ihr angebotene Hand an und schüttelte sie.
»Magst du uns erzählen, was auf dem Heimweg passiert ist?«
Es half nichts zu schweigen, also erzählte sie stockend, was geschehen war. Die Polizistin schaute kurz zu ihrem Kollegen hoch und setzte nach. »Aber weißt du? Die anderen Mädchen, die dabei waren, erzählen es etwas anders. Sie sagen, du wärest ihnen nachgelaufen und hättest Anja geneckt. Daraufhin hättet ihr euch angeschrien und du hast sie auf die Straße geschubst.
Swetlana riss die Augen auf. Ich saß auf dem Boden, weil Anja mich am Ranzen nach hinten gezogen hat, ich hätte niemanden schubsen können, selbst wenn ich gewollt hätte.« Tränen der Wut rollten über ihr Gesicht, unwirsch wischte sie diese weg. Sie wollte nicht weinen, nicht schon wieder. Selbst jetzt schaffte Anja es, sie schlecht aussehen zu lassen. »Ich habe doch nichts gemacht, die Drei sind auf mich losgegangen, sie haben meinen Ranzen getreten, immer und immer wieder.«
»Darf ich denn deine Schultasche mal sehen?«
Sweta nickte, rannte hinunter und brachte ihn zu der Polizistin. Die Tasche war völlig verdreckt, verschiedene Schuhabdrücke bedeckten beinahe den ganzen Ranzen. »Ich lüge nicht, ich verspreche, dass ich die Wahrheit sage, ich will doch nicht in die Hölle kommen. Ich sage die Wahrheit.« Noch immer versuchte sie sich zu verteidigen, aus Angst, man würde ihr nicht glauben.
Die Polizistin legte überrascht die Stirn in Falten. »In die Hölle? Natürlich kommst du nicht in die Hölle.«
Der ältere Mann machte sich unterdessen weitere Notizen. Er meldete sich zum ersten Mal zu Wort. »Ich denke, wir sind hier fertig. Ich hab alles, was ich wollte.«
Die Polizistin nickte und erhob sich wieder. »Wenn dir noch etwas einfallen sollte, sag es deinen Eltern, sie werden uns anrufen und es uns weiter sagen, alles klar?«
Sweta nickte. Dieser ganze Tag war ein Abtraum.
»Ist sie …«, sie schluckte. »Ist Anja tot?«
Die Polizistin schaute mit ernstem Gesichtsausdruck zu dem kleinen Mädchen herunter. »Nein, aber sie wurde sehr schwer verletzt. Sie liegt jetzt im Krankenhaus.«
Erleichtert schloss Sweta die Augen.

Sweta wollte am nächsten Tag nicht zur Schule, sie wollte am liebsten nie mehr zur Schule, aber sie musste, wie jeden Schultag. Kaum auf dem Schulhof angelangt, lagen die Blicke aller Kinder auf ihr. Nicht nur, dass Mica seit der Unterbrechung durch die Mutter nicht mehr aufgetaucht war, nun wurde sie von allen angestarrt, als würde sie aus dem Weltall kommen.
Hinter vorgehaltener Hand flüsterten sie, doch sobald sie sich umdrehte, schauten alle weg und taten, als würden sie etwas anderes tun. Es war ein Spießrutenlauf, die Hölle auf Erden. Alle hassten sie, dabei war Anja doch die Gemeine gewesen.
Wenn sie genau hinhörte, verstand sie das Flüstern der Kinder.
»Vorsicht, sie kann zaubern.«
»Pass auf, sonst tötet sie dich.«
»Komm ihr nicht zu nahe, sie ist eine Hexe.«
Swetlana versteckte sich hinter dem großen Baum auf dem Schulhof. Jedes Mal, wenn ihr einer zu nahe kam, rutschte sie ein Stück um den Baum herum.
Es klingelte. Nervös lief sie hinter den anderen her und setzte sich geduckt auf ihren Platz. Die Blicke brannten sich in sie hinein. Wie einen Dolchstich spürte sie es, wenn sie jemand anstarrte. Sie sah nicht hoch, währen der ganzen Stunden nicht. Sie saß da und wartete auf das erlösende Klingeln. Selbst die Lehrerin benahm sich merkwürdig ihr gegenüber und ignorierte sie in jeder Stunde. Swetlana war das nur recht.
Keiner ärgerte sie mehr, dafür fürchteten sich die Kinder viel zu sehr vor ihr. Nele und Kristina erzählten abenteuerliche Geschichten, jeden Morgen eine andere und jedes Mal wurde Swetlana etwas blutrünstiger dargestellt.
Mica war seit jenem Tag verschwunden. Sweta verschloss sich immer mehr, niemand drang noch zu ihr durch. Zu groß war ihre Furcht, das andere sie erneut verletzten.

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beta
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