Kapitel 30

                                                                  Anna

Die Wut, die ich in dieser Sekunde auf Alex habe, lässt mich fast durchdrehen. Ich möchte ihn so gerne hassen. Aber ich kann nicht. Dieses Gefühl, dass mein verräterischer Körper und mein Herz dass nicht vollkommen zulassen können, ist dass Schlimmste von allen.
Er hat mir gerade zum gefühlt hundertsten Mal mein Herz gebrochen und ich frage mich, in meinem dämlichen Kopf noch nach einem Wieso?
Den Ganzen Weg über, zu Luna`s Haus habe ich über dieses verdammte Wieso nachgedacht.
Und jetzt stehe ich hier, vor einer dunklen Holztür und überlege, wie ich meine Fingerknöchel dazu bringen soll, anzuklopfen. Was soll ich Luna sagen? Um vier Uhr Morgens? Sie wird denken, dass ich vollkommen abgedreht bin. Wie soll ich ihr erklären, wieso ich hier bin? Sie wird sofort merken, dass es mit Alex zu tun hat. Und was dann?
Ich kann es ihr nicht sagen. Genauso wenig wie ich an diese Tür klopfen kann. Was habe ich mir nur dabei gedacht?
Langsam aber Sicher füllen sich meine Augen mit der verräterischen Tränenflüssigkeit, die ich so hasse. Die Erkenntniss, dass ich um vier Uhr Morgens alleine bin und gerade von zwei Menschen hintergangen wurde, die in meinem Herzen einen Platz hatten, lässt mich einen noch nie dagewesenen Schmerz spüren. Anders als bei dem Tod meiner Mutter. Dieser Schmerz der gerade in mir wütet, fühlt sich an, als wäre ich wirklich vollkommen alleine. Als hätten mir Alex und Peter ein Messer in den Rücken gebohrt und auch noch darüber gelacht.
Vorallem von Peter bin ich so sehr enttäuscht. Für ihn hätte ich meine Hand ins Feuer gelegt. Und was macht er? Er schubst mich auch noch in das Feuer und sieht mir zu, wie ich verbrenne.
Auch Alex`s Worte haben mich verletzt. Aber ich hätte es wissen müssen. Er hat mich schon zu oft verletzt.
Um mich zu beruhigen bewege ich meine Füße und dränge mich durch den Rosenbogen, der weiter in Luna`s Garten führt. Meine Augen kämpfen mit der Dunkelheit und ich kann nur grob die Umrisse der Bäume und Sträucher erkennen. Als die Silhouette der alten Weide vor mir auftaucht, spüre ich Erleichterung. Ich lasse den Rucksack von meiner Schulter gleiten und lasse mich, mit dem Rücken an die Rinde gelehnt, zu Boden.
Der Boden unter meinen Beinen fühlt sich besser an, als ich gedacht habe. Eigentlich hätte ich mit einem kalten Boden gerechnet. Doch zu meiner Überraschung ist es hier, den Umständen entsprechend, gemütlich. Weil meine Augen von der Überbeanspruchung meiner Tränendrüsen brennen, schließe ich meine Lider und lege meinen Kopf auf dem Rucksack ab. Meine Knie ziehe ich an meine Brust um mich so vor der trügerischen Dunkelheit zu schützen.
Und auch wenn ich nicht daran geglaubt habe, falle ich in einen tiefen Schlaf.

Die Sonne blitzt bereits über die Baumspitzen, in dem Moment wo ich meine Lider wieder öffne. Die Dunkelheit ist verschwunden und ein kleiner Lichstrahl trifft genau auf meine Augen. Aber die Schönheit trügt. Denn irgendetwas stimmt hier nicht.
Kein Vogelgezwitscher. Keine Blätter die sich im Wind bewegen. Keine Geräusche und alles ist so still. Fast schon unheimlich. Ich versuche aufzustehen, doch es fällt mir wirklich schwer. Meine Knochen schmerzen und ich muss wirklich meine ganze Kraft zusammennehmen um auf die Beine zu kommen. Doch im nächsten Moment erstarre ich, bei dem Anblick eines riesigen Wolfes, der nur wenige Meter vor mir steht und mich mit seinen roten leuchtenden Augen anblickt. Das graue Fell versilbert sich an den Stellen wo das Sonnenlicht darauf trifft.
Er wirkt größer als Alex in seiner Wolfsgestalt. Im ersten Moment habe ich ein Angst, doch dann sehe ich in diese Augen und irgendwie vertraue ich diesen Augen. Obwohl mir mein Verstand etwas völlig anderes sagt, spüre ich, dass ich eine Verbindung habe zu ihm. Es fühlt sich so seltsam an. Anders als bei allen Menschen und übernatürlichen Wesen denen ich jetzt begegnet bin. Die Aura des Wolfes ist weiß und ich kann nicht anders, als ihm zu vertrauen. Als wäre dieses Vertrauen zu ihm in meinen Genen abgespeichert.

Ich stehe noch immer vollkommen erstarrt vor ihm, auch wenn meine Knochen schmerzen und ich nichts lieber täte, als mich wieder auf den weichen Boden niederzulassen.
Aber ich versuche durchzuhalten und auch den Blick von seinen Augen nicht abzuwenden.
Was mich jedoch etwas schwanken lässt, ist die tiefe männliche Stimme, die ich plötzlich in meinem Kopf wahrnehme und irgendetwas in mir sagt, dass es die Stimme dieses Wolfes ist.

„Du bist es wirklich? Ich dachte zuerst ich habe geträumt aber du lebst wirklich noch?“

Ich verstehe ihn nicht. Wieso sollte ich nicht leben?

„Ich habe vor ein paar Wochen aufgehört dich zu spüren. Du musst irgendeinen Zauber angewendet haben. Ich dachte ich müsste sterben, als ich dich nicht mehr gespürt habe. Du bist doch mein Anker. Fast hätte ich meinen Verstand verloren.“

Ich denke er kann meine Gedanken hören. Oder auch nicht. Ich weiß nicht was das hier alles zu bedeuten hat. Diese Welt kotzt mich echt manches mal an. Wieso muss alles so geheimnisvoll und so schwierig sein?

„Anna, weil es nun mal so ist. Diese Welt ist unsere Welt und du bist diese Welt. Bitte verzweifle nicht ich bin bald bei dir.“

Ich kann nicht anders als mit ihm zu sprechen und meinen Mund zu öffnen. Diese Gedankensache fällt mir nicht leicht.

„Wer bist du und was machst du hier?“

Ich höre eine Freude in dem nächsten Satz und irgendwie ist mein Herz drauf und dran ihn vor Freude zu umarmen obwohl ich nicht mal weiß wer es ist. Aber ich habe so ein unglaublich vertrautes Gefühl. Es ist einfach zum verrückt werden.

„Du kennst mich nicht. Also du kanntest mich, aber Mum hat die Erinnerungen die du an mich hattest, gelöscht. Sie hat sie so zusagen weggesperrt. Sie wollte dich vor dieser Welt beschützen. Solange bist du bereit dafür bist. Ich denke du bist jetzt mehr als nur bereit.“

Ich verstehe jetzt gar nichts mehr. Welche Mutter? Was für Erinnerungen? Wieso spielt nur jeder mit mir herum. Ich will ich sein und nicht immer manipuliert und beschützt werden.

„Ich weiß das es vielleicht nicht ganz richtig war, dich erst so spät damit bekannt zu machen. Aber es musste so sein. Sonst wärst du jetzt nicht die Persönlichkeit die du jetzt bist. Anna ich habe dich so vermisst.“

„Bitte, sag mir wer du bist. Ich bin es so satt von nichts zu wissen und immer hin und her geschoben zu werden.“

„Erinnerst du dich an den Namen David?“

„Irgendwie schon. Aber ich weiß nicht wie ich diesen Namen zuordnen soll. Ich denke Mum hat den Namen öfters erwähnt als ich noch ein klein war. Aber ich weiß nicht viel mehr.“

„Anna, ich habe nicht mehr viel Zeit, ich muss mich wieder auf den Weg zu dir machen. Du bist in großer Gefahr. Ich verspreche dir, du wirst bis dahin herausfinden wer ich bin. Du warst schon immer zu neugierig. Du musst nur deine Vergangenheit zulassen. Ich freue mich auf dich. Bald werden wir uns sehen. Ich verspreche es. Bis dahin, pass gut auf dich auf.“

Und bevor ich noch etwas sagen kann, verschwindet die Gestalt vor meinen Augen und ich stehe wieder alleine hier vor dieser Weide. Die Bäume fangen sich wieder an zu bewegen und ich höre auch die Vögel wieder zwitschern. Was war das eben? Ein Traum? Nein, es kann kein Traum gewesen sein. Es hat sich so echt angefühlt. Sowie das unendliche Vertrauen, dass ich in seiner Gegenwart gespürt habe. Es war als würde ich einen alten Freund wieder sehen. Doch wer ist er?

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