Kapitel 31

                                                   ANNA

Nach diesem seltsamen Erlebnis, starre ich weiter auf den Platz wo gerade noch dieser David gestanden hat und in meinem Kopf kommen die Erinnerungen an Gestern Abend wieder hoch.
Auch wenn ich es nicht erwartet hätte, enttäuscht es mich dennoch, dass Alex nicht einmal den Versuch gemacht hat, mir zu folgen. Bei dem Gedanken an die Worte, die er mir gestern kalt und gefühllos entgegengeschmettert hat, spüre ich dieses allzu bekannte Stechen in meinem Herzen. Als würde sich ein langer spitzer Gegenstand in mein Herz bohren.
Aber vielleicht habe ich es ja auch nicht anders verdient. Ich habe zuerst mit Nathan geschlafen und dann mit ihm. Wer bin ich? Und wann habe ich mich zu diesem Menschen entwickelt? Es ist einfach alles so eigenartig. Zuerst verknalle ich mich in Alex. Dann werde ich von Alex enttäuscht und belogen und dann habe ich plötzlich Gefühle für Nathan. Also ich denke ich hatte Gefühle für ihn. Irgendwie habe ich keine Ahnung wie es wirklich ist, da ich nichts mehr für ihn empfinde, wenn ich an ihn denke.

Immer wieder lasse ich mich von meinen Gefühlen leiten und ich habe keine Ahnung, wann sich mein Verstand zurückgezogen hat und ihnen den Vortritt gelassen hat. Aber es wird definitv Zeit meinen Verstand wieder einzuschalten. Was mir dabei sehr gelegen kommt, ist dieses Erlebnis gerade eben. Wer war er? Und wieso habe ich mich in seiner Gegenwart so wohl gefühlt? Als würde ich ihn kennen.

Meine Gedanken jedoch werden von einer bekannten weiblichen Stimme unterbrochen.

„Guten Morgen Anna."

Neben mir steht Luna, mit einer großen dampfenden Tasse, die sie mir mit beiden Händen entgegenhält. Für einen kurzen Moment zögere ich, bevor ich die heiße Flüssigkeit, in der Hoffnung darauf, dass es Tee ist, willkommen heiße. Die Tasse wärmt meine Finger und für einen Augenblick schließe ich die Augen. So als würde es mir helfen, mich nicht mit dem mitleidigen Blick von Luna auseinandersetzen zu müssen. Ich denke sie weiß was los ist.
Es ist auch kaum zu verheimlichen, dass ich die Nacht hier verbracht habe. Mein Rucksack liegt noch immer neben dem Baum und meine Bewegungen wirken müde.
Doch sie lächelt mich nur an und ich bin froh, dass sie mich nicht auf diese Nacht oder Alex anspricht und ich in Ruhe einen Schluck von dem wirklich ausgezeichneten Tee nehme.
Ich kann mich nicht erinnern jemals solchen Tee getrunken zu haben. Er schmeckt irgendwie einzigartig und je länger ich die Tasse in den Händen halte und noch einen weiteren Schluck nehme, desto belebter fühle ich mich. Und irgendwie kann ich wieder Lächeln. Auch wenn es nur ein sehr kleines Lächeln ist.

„Ich wusste doch der Tee würde helfen.“

Luna lächelt mich wieder an.

„Danke, ich fühle mich schon viel besser. Also was machen wir heute?“

Ohne dass sie auch nur ein Wort sagt, gibt sie mir mit einer Handbewegung zu verstehen, dass ich ihr folgen soll. Ohne zu überlegen tue ich es. Ich stelle die Tasse auf dem kleinen morschen Baumstumpf ab, die sich neben dem Baum befindet. Dann folge ich Luna, die bereits einige Meter vor mir ist. Ich versuche etwas aufzuholen und meine Schritte werden automatisch schneller. Ich bin froh darüber, mich heute ablenken zu können. Ich brauche die Ablenkung so dringend. Ich würde sonst den ganzen Tag damit verbringen über Alex, aber auch über meine seltsame Begegnung nachzudenken.

Als wir den Waldrand erreichen, hält Luna an und legt ihre Hand auf die Rinde eines Baumes. Dann nimmt sie ihren Zeigefinger und malt irgendein Zeichen in die Erde zu unseren Füßen. Ich beobachte sie mit etwas verwirrter Miene. Doch dann scheint es, als würden die Efeuranken einen einladenden Bogen bilden, durch den Luna ohne zu zögern hindurch geht. Auch wenn ich ansonsten zögern würde, so ist die Neugierde zu groß und so folge ich Luna.

Als ich sehe was sich vor meinen Augen auftut, bleibe ich fasziniert stehen und lasse diese ganzen Eindrücke auf mich wirken. Ich habe so etwas in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen. Eigentlich sollte ich Angst haben. Aber die habe ich nicht. Ich bin nur überfordert von den ganzen Einflüssen. Es ist nicht mehr der Wald in dem wir stehen.
Es sieht eher aus wie eine riesige Halle, die sich über hunderte von Metern erstreckt.
Die Menschen, vorrausgesetzt es sind welche, schwirren herum wie ein Haufen aufgescheuchter Ameisen. Rechts und Links von uns befinden sich aneinandergereiht kleine Holzhütten und Tische, die Aussehen, als würden wir hier auf einem Markt sein. Was wiederrum, das rege Treiben erkären würde.

Erst als ich Blicke auf mir spüre, versuche ich den Ameisenhaufen genauer zu betrachten und erkenne, dass es sich hier definitv nicht um Menschen handelt. Ihre Augen verraten sie alle. Vampire, Werwölfe, Hexen und auch noch andere Wesen, von denen ich bis jetzt nichts wusste und auch nicht weiß, wo ich sie zuordnen sollte.

Mein Blick wandert die Stände entlang, wo ich Kräuterbündel, Ketten und zu meinem Bedauern auch Knochen sehen kann. Auch die Menschen hinter den Ständen sehen aus, als würde die Zeit an ihnen vorbeigelaufen sein. Die weiten Leinenkleider mit den Verzierungen, die aussehen wie Metatt, lassen dies jedenfalls vermuten.
Erst als mein Blick die Wände zu meiner Seite hochwandert, erkenne ich so etwas wie eine weitere Ebene, die durch eine Art Brücken verbunden sind. Dieser Anblick fasziniert mich jedoch nicht so sehr, wie die Zeichen auf der Decke, dieses Gebäudes. Sie sehen aus, wie die Zeichen auf Alex`s Körper.

In meiner Faszinierung über diesen Ort, verharre ich noch immer, wie festgenagelt auf der Stelle und versuche mir die Frage zu beantworten, wo wier hier gelandet sind.
Doch Luna unterbricht meine Gedanken indem sie ihre Handfläche auf meine Schulter legt und mich mit diesem warmen, freundlichen Lächeln ansieht, wie sie es jedes Mal tut, wenn ich unsicher bin.

„Was ist das hier?“

„Das hier.“ Sie macht eine ausladende Geste mit ihrer Hand. „Ist die versteckte Welt. Unsere Welt. Die Welt der Übernatürlichen Wesen. Hier können wir unsere wahre Gestalt zeigen und uns mir unseren Gaben beschäftigen. Manche leben hier und manche kommen nur hier her um etwas zu erledigen. Wie ich zum Beispiel.“

„Was willst du denn erledigen?“

Wieder dieses Lächeln, mit dem sie dieses Mal meine Neugierde noch größer werden lässt. Ich will alles wissen. Es fühlt sich gerade so an als würde ich Träumen. Es wirkt alles so unreal. Denn dieser Ort übertrifft all mein Vorstellungsvermögen.

„Wir werden dir heute einen Talisman besorgen. Du wirst sicherlich einen brauchen, damit du dich besser auf deine Kräfte konzentrieren kannst. Und außerdem dachte ich, dass dir ein wenig Ablenkung und Vergnügen nicht schaden könnte.“

Der Ausdruck auf ihren Zügen, lässt mich vermuten, dass sie über den Streit mit Alex bescheid weiß und sie mich deswegen hier her bringt. Auch wenn sie es weiß, lässt sie mich nicht spüren, dass sie mich deswegen bemitleidet. Und ich bin froh über diese Ablenkung.

„Komm. Wir gehen zu meinem Geschäft des Vertrauens.“

Dass Lächeln auf ihren Lippen wird breiter und als sie den Arm unter meinen schiebt um sich einzuhaken, kann ich nicht anders, als auch ein kleines Lächeln auf meine Lippen zu legen.

Langsam wandern wir an den Ständen entlang und die Faszination über die angebotenen Dinge, die sich dort befinden, lässt mich nochmals inne halten um es genau zu betrachten.
Luna lächelt jedes mal wenn ich das tue und bleibt geduldig mit mir vor den Ständen stehen. Sie erklärt mir auch einige Sachen. Zum Beispiel wie man gewisse Kräuter gegen verschiedenste Probleme einsetzen kann. Gegen Krankheit, böse Geister und noch so vieles mehr. Ich bin noch immer überfordert. So viele Informationen. Doch ich bin so froh, dass ich endlich Informationen bekomme und nicht, wie so oft, im Dunkel tappen muss. Und als ich schon das achte Mal ein Zeichen in dieser Halle gesehen habe, dass wie die Zeichen auf Alex's Haut aussehen, muss ich Luna einfach fragen.

„Kannst du mir sagen,was diese Zeichen zu bedeuten haben?“

Für einen Moment scheint sich erneut Belustigung über ihr Gesicht zu legen, bevor sie mit ihrem Finger auf eines der Zeichen deutet.

„Das hier zum Beispiel ist das Zeichen für das Leben. Es gibt für die verschiedensten Sachen ein Zeichen. Wenn du einen geliebten Menschen verlierst, trägst du dieses Zeichen.“

Sie zeigt wieder auf ein Zeichen, gleich neben einem Stand. Und ich erkenne es wieder. Es ist das Zeichen, dass Alex auf seinem Schulterblatt trägt.

„Aber wieso haben es nicht alle? Also ich meine, ich sehe an dir keine Zeichen und habe diese auch nicht bei Nathan entdeckt.“

„Weil sie nicht alle sichtbar tragen. Manche tragen sie versteckt. Aber alle Übernatürlichen Wesen tragen diese Zeichen. Es ist so eine Art Band, dass alles miteinander verbindet. Alles in unserer übernatürlichen Welt, wird durch diese Zeichen verbunden und bildet trotz gewisser Differenzen eine Einheit.“

Ich bin wie immer vollkommen überwältigt und wieder wird mir klare, dass es noch so viel mehr gibt. Diese Welt macht mich neugierig, obwohl ich nicht darauf vorbereitet war. In mir kämpfen gerade Begeisterung, Neugier und gesunder Menschenverstand um den ersten Platz. Aber ich bin davon überzeugt, dass mein Menschenverstand hier nicht gewinnen wird.

Wir lassen die Stände hinter uns und halten vor einer großen, schwarzen Eisentür, an der sich Luna`s Fingerknöchel anhören, wie ein dumpfes Trommeln.

Wie von Geiserhand öffnet sich nun die Tür und die Welt dahinter begrüßt und mit lauten Schreien und Stimmen. Sofort kriecht ein Geruch in meine Nase, den ich nicht definieren kann. Es kommt mir irgendwie bekannt vor und dennoch weiß ich nicht was es ist.
Erst als ich meinen Blick umher schweifen lasse, erblicke ich, etwas überrascht, so etwas wie eine Bar. Auch die bizarre Szene, der Wesen, die sich im hinteren Teil der Bar aufhalten, wirkt irgendwie menschlich.
Sie stehen um etwas herum und scheinen irgendjemanden anzufeuern. Luna scheint zu bemerken, dass sich meine Konzentration darauf richtet und um meine Neugier zu stillen, hakt sie sich wieder bei meinem Arm unter, um mit mir auf die Ansammlung zu zugehen.
Wir drängen uns an den Leuten vorbei und ich bemerke plötzlich die brennenden Blicke, die sich in meine Haut einzubrennen scheinen. Zu meinem eigenen Schutz, senke ich meinen Blick. Ich kann es nicht ausstehen angestarrt zu werden und schon garnicht in einer Welt die ich nicht kenne, von Wesen, deren Absicht ich nicht kenne.

Wir halten in der ersten Reihe an und nun kann ich nicht anders, als meinen Blick wieder zu heben und auf dass bizarre Schauspiel vor mir zu richten.

In irrsinniger Geschwindigkeit wirbeln zwei Wölfe hin und her. Dass Geräusch der Zähne, die sich in dass Fleisch des silbernen Wolfes bohren, lässt mich zusammenzucken.
Für einen kurzen Moment wende ich meinen Blick wieder ab und blicke auf die bereits eingetrockneten, dunkelroten Blutflecken auf dem alten Dielenboden.
Dieser Anblick ist ebenfalls nicht besser. Also blicke ich wieder auf die beiden Wölfe, wo mittlerweile der braune von den Beiden, den silberenen mit seiner Pfote zu Boden drückt. Schon glaube ich, dass nun der Kampf zu Ende ist. Doch als sie die Augenfarbe des silbernen Wolfes in ein leuchtendes weiß verändert, ist so etwas wie ein Grinsen auf seinem Gesicht zu erkennen. Jedenfalls sieht es so aus und passt auch zu dem, was nun passiert. Denn mit einer Blitzschnellen Bewegung befreit sich der silberne Wolf und schneller als meine Augen folgen können, wird der Braune zu Boden gedrückt und die Zähne des anderen bohren sich nun in seine Kehle.

Dann höre ich ein applaudieren und laute Rufe von den Leuten, die um mich herum stehen. Ohne zu zögern lässt der silberne Wolf von dem anderen ab und dreht sich, mit dem Blick auf uns gerichtet um. Ich sehe den braunen Wolf an und gerade als ich denke, dass er tot ist, fängt er an sich zu verwandeln und zwar in einen älteren stattlichen Mann. An seiner Kehle ist noch Blut, so wie auch am Rest seines Körpers. Doch er scheint nicht wirklich ernsthaft verletzt zu sein. Er steht ohne zu zögern auf, fasst sich kurz an seine Kehle und streicht dann mit seinen Fingern über den grauen Vollbart.
Als ich meinen Blick wieder von ihm abwende und auf den silbernen Wolf blicke, verwandelt auch er sich. Doch zu meiner Überraschung ist es nicht der gewohnte Anblick. Es ist eine Frau. Sie hat lange schwarze Haare und ihre Augen sind ebenfalls schwarz, als sie in Menschengestalt vor uns steht. Auch ihre Kleidung hat die gleiche Farbe, wie ihre Haare und Augen. Sie scheint die Zeichen wohl sichtbar zu tragen, da sie fast auf jedem Zentimeter ihrer Haut zu sehen sind.

Sie fesselt mich noch einmal mit ihrem Blick und lächelt mich an. Dann dreht sie sich um und geht zu dem Mann, der noch vor wenigen Minuten gegen sie gekämpft hat. Sie streckt ihm die rechte Hand entgegen und der Mann ergreift sie. Sie schütteln sich die Hände und lächeln sich an. Was ist das für eine verkehrte Welt?

Als sie sich von den Leuten mit einem selbstbewussten, ironischen Knicks verabschiedet und dafür nochmals laute Rufe erntet, steuert sie direkt auf uns zu. Da ich nicht weiß, ob sie gut oder böse ist, trete ich nervös von einem Fuß auf den anderen. Bis sie vor uns steht und zuerst mich ansieht und dann ihren Blick auf Luna richtet.

„Luna, was führt dich nach so langer Zeit wieder hier her? Ich habe dich schon eine Ewigkeit nicht mehr gesehen.“

Luna und diese Frau scheinen sich besser zu kennen, denn Luna und sie umarmen sich innig vor meinen Augen. Als die beiden fertig sind, richtet sie den Blick wieder auf mich. Bei ihren Gesichtszügen glaube ich, dass sie ungefähr in meinem Alter sein müsste.

„Wen hast du mir den heute mitgebracht, Luna?“

Sie grinst mich wieder an und irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dieses Grinsen schon einmal gesehen zu haben. Dann sieht mich Luna an und lächelt ihr zu. Luna legt stolz die Hand auf meine Schulter.

„Das ist Anna. Sie ist erst vor kurzem in unsere Welt gestolpert. Und wir sind hier, weil ich denke, dass sie bereit für einen Talisman ist.“

Dann blickt Luna wieder zu mir und spricht weiter.

„Anna, das ist Lexa. Sie wird uns helfen deinen Talisman zu finden.“

Lexa lächelt mich vertraut an und reicht mir ihre Hand. Ich zögere kurz, doch dann lege ich auch meine Hand in ihre und schüttle sie.

„Also dann ihr zwei, folgt mir unauffällig.“

Sie wirkt irgendwie so locker, als sie sich umdreht und uns auffordert ihr zu folgen.
Was wir auch machen und durch die Menschenmenge in den hinteren Teil der Bar gehen, wo wir ihr durch eine alte Holztür folgen und mich auf der anderen Seite, erneut die Fasziniation erfasst.

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