Kapitel 32

Sebastian schlug das staubige Buch wieder zu und wirbelte damit einen Haufen Dreck auf, der den Grafen erschreckend an tote Spinnen und Fliegen erinnerte. Angewidert machte er einen Schritt zurück und blickte dann seinem Diener ins Gesicht.

»Ich ... ich hatte es für eine sonderliche Marotte gehalten, dieses Herumknabbern an meiner Haut, doch ...«, unbewusst kratzte Viktor sich an der Schulter, die noch immer den am deutlichsten zurückgebliebenen blauen Fleck zeigte.

»Darf ich noch mal sehen? Ich hatte die Stellen mit Salbe eingerieben, während Ihr im Fieber gelegen habt und die meisten sind gut verheilt. Aber ich würde trotzdem gern noch mal schauen.«

Der Adlige nickte nur und knöpfte das einfache Hemd auf, um es etwas über die Schulter gleiten zu lassen. Sebastian zog seinen Herrn an eine der Kerzen heran und musterte den Bluterguss genau.

»Hm ...«, er strich mit den Fingern darüber, »die Haut fühlt sich kühler an als der Rest drumherum. Doch das mag Eurer neuen ... Existenz geschuldet sein. Ihr seid auch blasser als vorher und Eure Augen ... nun.«

»Was ist damit?«, keuchte der junge Graf und hob die Hand ans Gesicht.

»Nichts. Sie sind nur ... roter als früher. Das Rot durchdringt Euer übliches Braun. Das wird kaum auffallen, glaubt mir. So nah kommt niemand an Euch heran außer mir.«

Viktor stieß einen sehr unflätigen Fluch aus, der seinen Diener überrascht lachen ließ, während er weiter auf dem Hämatom herumdrückte.

»Das ist die Strafe, ich sag es dir, Sebastian. Der endgültige Schlag Gottes gegen meine Verderbtheit. Ich bin schwach geworden gegenüber allem, was ich mir geschworen habe, niemals wieder zu tun und nun sieh’ mich an. Zu diesem Ding geworden, ohne die letzte Hoffnung, irgendwann Erlösung zu finden, wenn ich endlich sterben darf ...«

»Redet nicht so daher, mein Herr. Ihr seid kein Ding und auch kein Monster. Derjenige, der Euch dies angetan hat, der ist es. Ihr seid ein Opfer.«

Der Diener zog eine Lupe an sich heran und untersuchte die Haut damit genauer, während Viktor dieses Werkzeug verwundert betrachtete.

»Was ist das für eine Teufelei?«

»Das ist ein Vergrößerungsglas, Herr. Aus Persien. Dies hier gehörte bereits Eurem Großvater, doch ich habe einmal einen Fahrenden Händler getroffen, der solche Geräte verkaufte. Es ist praktisch. Denn ich kann hier zwei Punkte erkennen, die sicher nicht zu Eurer Haut gehören. Sie sehen wie ... Einstiche aus. Wenn das stimmt, hat dieser englische Sauhund Euch tatsächlich gebissen. Ich wusste von Anfang an, dass mit dem etwas nicht in Ordnung ist. Er hat Euch angesehen wie ein besonders köstliches Stück Fleisch.«

Verlegenheit und Scham spülte durch des Grafen Körper wie eine Welle heißes Badewasser. Und er hatte sich blindlings und kopfüber diesem Mann ergeben und die sündigsten Dinge mit seinem Leib anstellen lassen, ohne die geringste Vorsicht vor dem, was ihm alles hätte passieren können. Und war dies nicht das Schlimmste? Verdammt, verflucht zu diesem Dasein? Unfähig, durch die eigene Hand oder die Zeit zu sterben, immer hungrig und auf der Suche nach lebendigen Kehlen, die er aufreißen konnte?

Der junge Adlige begann, spürbar zu zittern und verkniff das Gesicht.

»Herr?«

»Ich ... bin hungrig ...«, flüsterte er und richtete seine roten Augen, die feucht glitzerten, auf seinen Diener, »und mein Kopf tut weh.«

Sebastian legte die Utensilien wieder zur Seite und löschte die Kerzen. »Nun, ich denke, wir haben alles, was wir wissen wollen. Lasst uns wieder hinauf gehen. Ich werde sehen, dass ich etwas finde, was Euren ... Hunger stillen kann ...«

»Ich will zu Sandringham«, knurrte Viktor dunkel, während sein Diener in dem schaurigen Zimmer die restlichen Lichter löschte, bis nur noch die Laterne brannte, die sie mitgebracht hatten.

»Ich verstehe Euch nur zu gut. Doch zuerst müsst Ihr zu Kräften kommen. Ich denke, diese ... Veränderung hat Euch viel abverlangt.«

»Ich hatte noch nie in meinem Leben solche Schmerzen. Du weißt, dass ich einiges aushalten kann, dafür haben du und meine Vettern früher gesorgt, während der Leibesübungen ... doch das ... das ...«, Viktors Stimme versagte und er trat vor Sebastian aus dem geheimen Zimmer in den verborgenen Gang, in dem man es huschen und piepsen hören konnte.

»Ihr müsst es nicht erklären. Ich denke, ich kann ... vielleicht sogar besser als Ihr denkt ... nachempfinden, was Ihr gefühlt haben müsst.«

Der Graf zog die Augenbraue angesichts der kryptischen Aussage seines Dieners hoch, doch fragte nicht weiter nach. Er hatte das Gefühl, es wäre unpassend, ausgerechnet in diesem Moment, in einem zugigen und eiskalten Geheimgang, nach Sebastians Vergangenheit zu fragen und nach den sündhaften Dingen, die er bereits begangen hatte, seit er in Kenntnis dieses scheußlichen Zimmers gelangt war. Und das war, wie Viktor wusste, einige Jahre, bevor er selbst erfuhr, dass es diesen Raum gab, gewesen. Sehr viel früher.

»Gehen wir erst einmal wieder hinauf, wir holen uns hier noch den Tod«, Sebastian verschloss die Tür, die sich im Licht der Laterne nahtlos in die Wand einfügte und nicht mehr zu sehen war.

»Ich bewunderte meine Familie für diese Baukunst«, murmelte der Graf und strich mit den Händen über die rauen Mauern. »Sag, du kennst doch all diese Geheimgänge, oder?«

Der Leibdiener nickte. »Die meisten. Ich dachte, Ihr würdet zumindest einige kennen, weil einige praktischerweise in die Küche führen.« Er lachte und der junge Adlige schüttelte den Kopf. Ihn hatten als Jungen die verborgenen Korridore im Schloss nicht interessiert, er hatte sich lieber draußen aufgehalten und war mit seinem Vetter und bestem Freund Caius durch die Wälder geritten.

»Nun, es sieht so aus, als hätten wir nun genug Zeit, sie alle zu erkunden«, schmunzelte Sebastian, »denn das Schloss ist groß und ich denke, ich kenne noch nicht einmal annähernd alle.«

»Fürchtest du dich nicht, dass du dich verirren könntest?«

Lächelnd schüttelte der Leibdiener den Kopf und leuchtete seinem Herrn den Weg durch den spinnwebenverhangenen Tunnel. »Nein, Herr. Ich mache es wie Theseus im Labyrinth. Ich habe immer einen starken Faden dabei.«

»Ich frage mich, ob es wohl Pläne der Burganlage in der Bibliothek gibt, die diese Wege anzeigen.«

»Das bezweifle ich, mein Herr. Ist es nicht so, dass geheime Gänge vor allem deswegen eingebaut werden, damit sich die Bewohner in Sicherheit bringen können, sollte etwas geschehen? Wäre es da nicht unklug, wenn man sie in Pläne einzeichnen würde?«

»Vermutlich hast du Recht.«

Der Himmel vor den Fenstern war noch immer tintenschwarz und es war eisig kalt in den Korridoren. Wind ließ die bleiverglasten Scheiben wackeln und irgendwo pfiff es, als wäre etwas undicht.

»Gehen wir wieder hinauf. Der Morgen wird bald anbrechen und Ihr braucht Ruhe ... ich weiß nicht, wie Ihr auf ... Sonne reagieren werdet, also riskieren wir lieber nichts.«

»Denkst du daran, dass du ... mir etwas besorgen wolltest?«

»Natürlich, mein Herr. Ich denke, es wird nicht auffallen, wenn ich ein weiteres totes Huhn zum Rupfen in die Küche lege. Es wird eh alles aufgegessen werden. Und dann schaffe ich Agneska fort. Ich kenne glücklicherweise einen Gang, der in den Wald führt.«

»Ich hasse mich dafür«, murmelte der Graf mit blassem Gesicht und angespannten Muskeln.

»Ich weiß. Grämt Euch nicht.«

Im gräflichen Gemach angekommen, entledigte sich Viktor seiner staubigen Stiefel und setzte sich wieder auf das Bett, die Beine an die Brust angezogen. Er beobachtete Sebastian, der das Feuer mit neuem Holz versorgte und die Balkontür schloss, durch die der Wind Schnee auf den Teppich getrieben hatte.

»Ruht Euch etwas aus. Ich werde Euch etwas richtiges zu essen bringen und das, was Ihr noch wünscht. Versucht, ob Ihr normale Nahrung vertragen könnt.«

Viktor nickte und legte seine Wange auf die auf den Knien abgelegten Arme. Der Leibdiener verließ das Zimmer und bevor er die Türe schließen konnte, schlängelte sich der geschmeidige Körper des großen schwarzen Katers Rasputin durch seine Beine.

»Ah ... kommst du wohl ...«

»Ist schon gut, Sebastian. Lass ihn hier. Ich werd ihn schon nicht auffressen ...«

Der Leibdiener gluckste auf eine Art, die dem Grafen spöttisch vorkam, doch er konnte nicht sagen, warum.

Die Katze kam auf das Bett gesprungen, setzte sich beinahe demonstrativ vor den jungen Adligen, verengte seine gelben Augen und schnurrte so laut wie ein Bienenschwarm.

»Was ist denn?«, fragte der Mann das Tier leise und dieses hob die gewaltige Vorderpfote und tippte ihn vertraulich an. Viktor streichelte den Kater, der noch lauter, wenn das möglich war, brummte.

»Du bist ein komischer Kauz. Heißt es nicht, Tiere spüren, wenn etwas Böses in der Nähe ist und halten Abstand? Bist du nun besonders weise oder ziemlich doof?«

Rasputin antwortete ihm mit einem Mauzen, das seine massige Gestalt Lügen strafte, da das Stimmchen des Katers niedlich und piepsig war. Viktor betrachtete ihn genau und ihm fiel auch der Geruch auf, den das Tier verströmte. Es roch wie Sebastian.

»Du bist auch keine normale Katze, hab ich Recht? Wie Sebastian kein normaler Mensch ist ... Gott, was ist mir noch entgangen?«

Rasputin miaute wieder und drängelte sich mit Bestimmtheit zwischen Viktors Brust und seine angewinkelten Beine, sodass dieser sie lang machte. Schnurrend und deutlich zufrieden begann der Kater, seine Liebeskrallen auf dem Bauch des Grafen zu machen, der das sicher schmerzhaft gefunden hätte, wenn er noch menschlich gewesen wäre.

Er war unter dem beruhigenden Schnurren Rasputins und der anheimelnden Wärme, die das Zimmer wieder durchflutete, beinahe eingenickt, als die Tür des Gemaches sich leise öffnete. Sebastian hatte ein kleines Tablett auf dem Arm, auf dem eine Teekanne samt Tasse stand, ein paar Stücke Brot, ein kleines Stück Käse und ein paar Reste kalten Hühnchens. Außerdem ein silberner Kelch, der leicht dampfte und dessen Inhalt Viktor riechen konnte, als hätte er diesen direkt vor der Nase.

»Herr? Ich wollte Euch nicht wecken.«

»Nein, schon gut, gib den Becher«, knurrte der Graf gierig und setzte sich, ohne den Kater zu verscheuchen, etwas aufrechter hin.

Der Leibdiener reichte ihm das Gewünschte und mit zwei großen Schlucken hatte Viktor das Gefäß geleert. So schnell, dass er nicht an seinen Lippen, sondern erst an seinen Händen spürte, dass der Kelch sich so heiß anfühlte, als hätte er in eine Flamme gefasst.

»Ah ...«, stieß der Graf aus und ließ ihn fallen, schockiert auf seine Finger starrend, »was ist das für ein Zauber?«

Sebastian, der das Tablett abgestellt hatte, hob den Becher auf und betrachtete ihn. »Ich habe nichts damit gemacht. Ich habe ein Huhn geschlachtet und es darin ausbluten lassen ... Vielleicht ...« Der Diener stellte den Kelch ab und wandte sich zu Viktors Kommode, zog einen Kasten auf und nahm ein Schmuckstück - eine silberne Brosche mit einem glutroten Stein drin - heraus.

»Nehmt das in die Hand«, forderte er seinen Herrn auf und dieser nahm es. Bereits nach wenigen Sekunden ließ er auch dieses fallen und rieb sich schmerzverzerrt die Finger, die glänzten, als hätte er sich verbrannt.

»Ich vermute ... es ist das Silber. Sonderbar, ich dachte, das funktioniert nur bei Werwölfen ...«, Sebastian murmelte vor sich hin, nicht recht bemerkend, dass sein Herr ihn anstarrte, als sei er verrückt geworden.

»Wer ... Werwölfe? So etwas gibt es auch?«, keuchte er entgeistert.

»Nun, Herr ... Ihr seid ganz offensichtlich ein Strigoi, denn kein Mensch springt aus dem fünften Stock eines Schlosses in die Tiefe und überlebt das. Und Ihr wart bis dato auch nicht allergisch gegen irgendwelche Edelmetalle. Wundert Ihr Euch da tatsächlich, dass auch alle anderen Schauergeschichten Eurer Kindheit wahr sind?«

»Willst du mir sagen, du hast von Anfang an daran geglaubt, dass es das alles wirklich gibt?«

»Nein ... doch nun, wo dies mit Euch passiert ist, nehme ich es an.«

Viktor lehnte sich wieder an das Kopfteil und kraulte den massigen Kopf des Katers, der nur leicht die Augen geöffnet und den beiden Männer desinteressiert zugesehen hatte.

»Das sind keine schönen Aussichten. Wenn ich jedes Mal, wenn in den Wäldern ein Wolf heult, daran denken muss, dass es mehr als das sein könnte.«

»Das habt Ihr schon getan, als Ihr noch ein Junge wart. Erinnert Ihr Euch, wie oft ich nachsehen musste, ob auch wirklich nichts da draußen ist? Also im Grunde ändert sich nichts. Und ich bin kein Experte, doch nach den Büchern Eures Großvaters zu schließen, kann ein Werwolf einem Strigoi nicht gefährlich werden. Andersherum allerdings auch nicht. Sie sind nicht giftig oder stärker. Sagen zumindest die Bücher … «

Der Blick des Grafen flackerte zu seinem Diener hoch. »Du weißt genau, warum ich das damals getan habe. Alles, was wie ein Hund aussah ...«

»Ich weiß«, schmunzelte Sebastian, der nur zu genau wusste, dass sein Herr sich fürchterlich vor den Vierbeinern ängstigte. Er brach ihm ein kleines Stück Brot ab und reichte es ihm. »Versucht, ob Ihr das essen könnt.«

Der Graf schlug seine ebenmäßigen Zähne in die Speise und kaute, spürte deutlich, wie sich ein großes Loch in seinem Magen auftat, der plötzlich zu knurren begann. Er keuchte und Sebastian glaubte schon, dass ihm das Menschenessen nicht bekommen würde, doch Viktor griff nach einem weiteren Brotstück und einem Stück Hühnerbrust. Schlingend, ohne auf Etikette oder Manieren zu achten, stopfte er so viel davon in seinen Mund, wie er konnte und kaute, mit einem Ausdruck unglaublichen Genusses auf seinem Gesicht. Sein einstmals dunkelhäutiges, nun viel blasseres Antlitz hatte sich rot gefärbt, als er krampfhaft den großen Bissen heruntergeschluckt hatte.

»Grundgütiger, ich könnte ein ganzes Schwein verdrücken«, murmelte er, deutlich peinlich berührt über diesen Verlust seiner Zurückhaltung. Sebastian lächelte.

»Ihr habt vier Tage keinen Bissen gegessen. Offensichtlich bringt auch normale Nahrung den gewünschten Erfolg. Soll ich Euch noch mehr holen?«

Rasputin, der laut mauzend seinen Anteil am Hühnerfleisch gefordert hatte, nagte nun genüsslich vor sich hin, während Viktor den Kopf schüttelte.

»Nein. Erst kümmere dich um das arme Mädchen, bitte. Das hier wird für den Anfang reichen. Und wenn nicht ... ich weiß auch, wo die Küche ist.«

Der Diener verneigte sich. »Wie Ihr wünscht. Ich werde dann für eine Weile verschwinden. Schlaft etwas, wenn Ihr mit dem Essen fertig seid.«

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