Kapitel 4

Von Stolz und Würde



 

Xander



Keuchend kommt er zum Stillstand. Was zur Hölle war das? Scheiße, scheiße, scheiße…. Er dreht durch. Er weiß nicht einmal genau weshalb, aber er dreht durch. Er hört sein Blut in den Ohren rauschen, spürt das Brennen der kalten Luft in seiner Lunge und weiß einfach, dass er durchdreht. Er hat keinen blassen Schimmer in welche Richtung Angel gelaufen ist, aber eigentlich interessiert es ihn auch nicht. Stattdessen versucht er herauszufinden, wo er eigentlich selbst gerade ist. Das kommt davon, wenn man kopflos durch die Nacht rennt. Er hat die Orientierung verloren.

Oder? Doch… Maynard Park. Eindeutig nicht seine Gegend. Viel zu fein. Hier sieht man nachts nicht einmal die Penner auf den Bänken übernachten. Alles nur wegen… wegen… er kennt ja nicht einmal seinen Namen. Trotzdem hat er ihn genau vor Augen. Das kurze, gegelte rot-blonde Haar, die dunkelgrünen Augen und die Brille mit den dicken schwarzen Rändern - die im grellen Licht der Taschenlampe merkwürdig gefunkelt haben - auf der Nase. Sein Laden, hat er immer wieder gesagt, vielleicht ist er mit dem alten King verwandt? Oder hat den Laden einfach nur gekauft? Aber warum hat er Xander einfach gehen lassen?

Er gibt’s ja nur echt ungern zu, doch er hatte echt Panik, dass der Typ gleich die Polizei ruft. Er wäre fällig gewesen. Die hätten ihn wahrscheinlich ins nächste Fürsorgeheim gesteckt oder noch schlimmer, zurück zu seinem Vater geschickt. Danke, aber darauf kann er gut und gerne verzichten. Ach verdammt, er versucht irgendwie runter zu kommen, stattdessen wandern seine Gedanken zu diesem Kerl. Er hat ihn gemustert. Das hat Xander sich sicher nicht nur eingebildet. Gemustert. Wie den letzten Dreck. Er fühlt sich ehrlich gesagt, auch wie der letzte Dreck. Wie man sich eben fühlt, wenn man das ist. Um sich zu beruhigen, läuft er auf und ab, hört das Knirschen des Sandweges unter seinen Fußsohlen und versucht sich ausschließlich darauf zu konzentrieren. Jedenfalls ist die Aktion absolut nach hinten losgegangen. Nicht, dass sie in dem Supermarkt eine Goldgrube erwartet hätten, aber irgendetwas hätte man sicher zu Geld machen können, so steht er nun mit leeren Händen da. Ohne einen Cent in der Tasche. Abgesehen davon, ist es arschkalt. Er überlegt kurz, wie weit es von hier bis zum Bahnhof ist. Eine gute halbe Stunde? Eine Dreiviertelstunde, oder noch länger? Egal wie weit, er muss da jetzt hin, es ist die einzige Möglichkeit, an Geld zu kommen und er braucht dringend welches. Was zu essen wäre auch nicht schlecht, sein Magen rebelliert schon seit Tagen, aber vor allem Geld. Denn ohne Geld kriegt er ja auch keinen Stoff. Allein bei dem Gedanken an das Zeug, wird er unruhig. Unruhe, diese verdammte, allgegenwärtige Unruhe. Er nimmt einen kräftigen Zug der kalten Nachtluft, um etwas runter zu kommen und das klappt auch. Zum Glück! Und jetzt nichts wie weg hier.

Das silberne Tor, welches aus dem Park heraus führt, ist geschlossen. Verwirrt sieht er sich um. Ist er woanders rein? Nein, oder? Ist er da etwa ernsthaft drüber geklettert, ohne sich jetzt daran zu erinnern? Mist, er ist in Panik. Ob er da jetzt nochmal rüber kommt? Muss er ja eigentlich. Ist er vorhin augenscheinlich auch. Bedächtig streicht er über das verschnörkelte Muster des Tores. Hätte er in der Schule aufgepasst, könnte er es jetzt vielleicht einer Epoche, oder wie man das auch nennt, zuordnen. Barock oder so. Aber er hat nicht aufgepasst, zumindest am Ende nicht mehr. Er hatte echt Besseres zu tun, daher spielt es auch keine Rolle. Er streckt sich, um an das obere Ende des Tores zu gelangen. Es geht nicht. Er ist einfach zu klein, ganz gleich, ob er sich auf die Zehenspitzen stellt oder nicht. Gut, mit etwa einen-Meter-fünfundsechzig, ist er auch alles andere als groß, obgleich er schon glaubt in den letzten beiden Jahren, die er auf der Straße verbracht hat, gewachsen zu sein. Und nein, er meint nicht geistig oder seelisch, bevor ihm jetzt jemand irgendeinen poetischen Scheiß andichten möchte. Früher war er wirklich klein. Der Arzt meinte, zu wenig Calcium oder sowas. Es war einer der Gründe, weshalb sich seine Mitschüler über ihn lustig gemacht haben. Ein anderer Faktor war seine Mutter - mittlerweile konnte er sie gut verstehen - und wieder ein anderer die Tatsache, dass er weder so war, noch so sein wollte wie alle anderen, doch darüber möchte er garantiert nicht weiter nachdenken. Egal, da hier keine Zollstöcke aus dem Boden sprießen, kann er nur schätzen. Deshalb glaubt er, ein-Meter-fünfundsechzig kommt gut hin. Zu klein eben. Alles beim Alten. Manche Dinge ändern sich wohl nie. Er wünschte, manche Dinge hätten sich nie geändert ….

Sein Versuch, über das Rundtor zu greifen, hat zwar nicht funktioniert, aber dafür findet er mit Händen und Füßen in dem Gestänge halt, das zur Verzierung dienen soll. Dann zieht er sich hoch und kann seine linke Hand am oberen Ende des Bogens ablegen. Die Rechte folgt und er zieht sich komplett hoch. Es ist – zugegeben - ein ganz schöner Kraftakt und kurz droht er abzurutschen, doch es gelingt ihm. Jetzt, wo er oben auf dem Tor sitzt, kommt es ihm noch ein bisschen höher vor, was aber nur halb so schlimm ist. Kurz kneift er seine Augen zu. Es ist doch nicht hoch, versucht er sich zu beruhigen. Vielleicht zwei Meter zehn. Trotzdem spürt er, wie ihm schwindelig wird. Höhenangst. Um es hinter sich zu bringen, springt er, jedoch geht das schief. Irgendwo ist er für einen Sekundenbruchteil hängen geblieben, weshalb er schmerzhaft auf den Boden aufprallt und sich den Fuß leicht verdreht. Ein brennender Schmerz durchzuckt sein rechtes Bein. Fuck. Vorsichtig richtet er sich auf, es tut höllisch weh. Reiß dich zusammen, bläut er sich ein. Ein Blick nach links und rechts sagt ihm, dass er zumindest alleine ist und niemand die kleine Stunt-Show gesehen hat. Als erneut eine Schmerzenswelle sein Bein durchfährt, er hat versucht aufzutreten, und beißt er die Zähne zusammen. Er muss hier jetzt weg.

Die Bahnhofsuhr schlägt ein Uhr, als er endlich ankommt. Es ist ein schöner Bahnhof, soweit er das mit seinen unästhetischen Augen beurteilen kann. Das Gemäuer ist schon alt, aber gerade das macht seinen Charme aus. Die Uhr ist an einem hohen Turm befestigt und hat goldene Ziffern. Es sind römische Zahlen. Er mag sie jedenfalls. Fast schon schade, dass sie den Bahnhof so zweckentfremden. Sie, die Stricher und Huren dieser Stadt. Natürlich fragt niemand, wie sie sich bei all dem fühlen. Und die Freier, die zu ihnen kommen, sind natürlich auch in keinster Weise an alle dem Schuld. Alles ihre Schuld. Typisch Erwachsene. Fehler immer nur bei den anderen suchen. Vor ein paar Jahren gab es mal eine Bürgerinitiative deswegen, schließlich ist Prostitution ja illegal und da gab es hier dann ne Menge Polizeistreifen, die regelmäßig vorbei gefahren sind. Danach haben sie sich etwas verlagert. Aber desto später die Stunde, desto mehr Kundschaft gibt es auch hier.

Er beißt sich auf die Lippen, bei den Gedanken an das, was ihm jetzt noch bevorsteht. Die braven Familienväter, die fleißigen Geschäftsmänner und all die anderen Heuchler. Sein Leben mag zwar noch so verkorkst sein, aber zumindest versucht er nicht etwas zu sein, was er absolut nicht ist. Nein, er kann einfach nicht so ein pseudo-glückliches Leben führen. Ein paar der Laternen brennen nicht, andere flackern ein wenig, aber eines haben sie alle gemeinsam.
Jugendliche haben sich in Reih und Glied an ihrer Seite aufgestellt. Abwartend. Die vorbeifahrenden Autos beobachtend, sich bestmöglich präsentierend. Hat er noch nie gemacht, wird er vermutlich auch nie machen. Nicht die Sache mit den Freiern. Aber dieses sich auf den Präsentierteller setzen. Bitte, er will zwar das Geld, aber eigentlich erwarten die ja was von ihm. Also sollen sie auch gefälligst kommen. In seiner Situation eine ziemlich dämliche Einstellung, das ist ihm klar. Mittlerweile hat er es sich auf der niedrigen Bahnhofsmauer bequem gemacht, - vermutlich auch deshalb, weil sein Fuß beim Stehen immer noch extrem schmerzt - zugegeben, unweit einer Laterne entfernt. Ihm bleibt jetzt nichts anderes übrig, als zu warten. Sein Atem hinterlässt kleine Wolken in der kalten Nachtluft. Gott, bitte lass es in den nächsten Tagen nicht noch weiter abkühlen. Er zittert jetzt schon wie Espenlaub und weiß dieses Jahr auch absolut nicht, wo er den Winter verbringen soll. Letztes Jahr konnte er zumindest den Dezember bei Angel verbringen. Aber da hat sie auch noch bei ihren Eltern gelebt und die waren auf irgendeiner Geschäftsreise gewesen. Keine Ahnung wo. Es war auch die Zeit, in der sie das erste Mal Heroin anschleppte, doch damals hat er keines genommen. Nun lebt sie allerdings in ihrer eigenen Wohnung. Kling ja erst gut, der Haken ist nur leider, dass ihre Eltern zwar den Unterhalt zahlen, aber die Fürsorge andauernd bei ihr vorbeischaut. Die haben ihr die Wohnung überhaupt erst besorgt und da ist übernachten einfach nicht drin.

Er schaut sich nach bekannten Gesichtern um und entdeckt auch ein paar. Ihre Namen kennt er allerdings nicht. Hier nennt sowieso niemand seinen richtigen Namen, wenn er einen nennt. Angel ist die einzige, die seinen kennt. Gut, stimmt nicht ganz, er heißt Alexander. Doch das Xander eine Abkürzung ist, kann man sich wohl denken. Sein Blick bleibt an einem Mädchen mit langen schwarzen Haaren hängen. Er schätzt sie ein paar Jahre jünger, als sich, vierzehn vielleicht. Ob Nikki auch so aussehen würde? Er schüttelt über seinen eigenen Gedanken den Kopf, Nikki wäre jetzt erst neun.

Sie ist jedenfalls hübsch, ihr Outfit ist es allerdings nicht. Ein hautenges rotes Top, das wenig der Fantasie überlässt und nicht annähernd bis zum Bauchnabel reicht, schwarze Hot-Pants, eine Netzstrumpfhose und fürchterliche, knielange und ebenfalls schwarze Absatzstiefel. Dazu ein kleines, weißes Lackhandtäschchen. Wie schafft man es bitte, in dem Outfit nicht zu erfrieren? Er weiß es nicht. In der Annahme, dass sie sicher Eyeliner und Kajal hat, geht er auf sie zu und fragt sie danach. Tatsächlich hat er Recht und sie reicht ihm beides, samt Schminkspiegel. Das Licht der Straßenlaternen ist zwar schlecht, doch dafür reicht es noch. Er fühlt sich, wie jedes Mal, in eine andere Zeit zurückversetzt. Die Augen hat er sich auch damals geschminkt, es war ihm egal, ob ihn das noch mehr zum Außenseiter gemacht hat, - und seinen Vater hat es ordentlich provoziert, darum ging es ihm vermutlich, wenn er ehrlich ist - doch damals hatte er vielleicht noch so etwas wie eine Familie. Wenn er damals im Bad vor dem Spiegel stand, hat das seinen Vater zur Weißglut gebracht.  Der Side-Cut, der Pony, der ihm lang ins Gesicht fiel, das Gel im Rest seiner Haare und eben die geschminkten Augen. Vor allem die. Sein Vater hat alles an seinem Aussehen gehasst. Egal, egal, egal. Er ist fertig und gibt dem Mädchen ihre Schminkutensilien zurück, danach läuft - oder besser gesagt humpelt - er zurück zur Mauer. Allein sein und warten, mehr will er nicht.

Nach gut einer Stunde ist er soweit aufzugeben, es ist einfach viel zu kalt, um hier blöd herumzusitzen, aber in diesem Moment kommt ein dunkelblauer, teuer wirkender Wagen die Straße herunter gefahren. Keine Ahnung, welche Sorte von Auto, mit so was kennt er sich nicht aus, doch es ist einer dieser Schlitten, bei denen du gleich siehst, dass der Fahrer Geld hat. Er fährt so langsam, dass Xander das Gesicht des beleibten Mannes mit dem schütteren Haar deutlich erkennen kann. Wenn er richtig sieht, trägt er einen dunklen, geschmacklosen Nadelstreifenanzug. Ein pink leuchtender Kindersitz ist auf der Rückbank befestigt. Er steht schräg zum Wagen, als der an ihm vorbeifährt und ist schon im Gehen, als er hört wie eine Fensterscheibe herunter gefahren wird. Die Stimme ist dunkel und kratzig, durchweg unsympathisch. „Willst du schon gehen, Kleiner?“

Es durchzuckt ihn eiskalt und ihm wird schlecht. Eine Gänsehaut breitet sich über seine Arme, über seinen ganzen Körper aus. Komm schon, stell dich nicht so an, ermahnt er sich selbst. Dann dreht er sich um. Der Mann lässt einen Arm lässig aus dem Fenster hängen, was in seinem Aufzug echt mehr als lächerlich wirkt. Natürlich könnte er ihn jetzt nett anlächeln und ihm Honig ums Maul schmieren, er weiß ja, dass das bei den Freiern besser ankommt, allerdings bringt er das absolut nicht übers Herz. Wie gesagt, er ist kein Heuchler. Langsamen Schrittes geht er auf ihn zu, der Mistkerl beginnt daraufhin zu grinsen. Seine Zähne sind gelb, vermutlich ist er Raucher. Als er bei ihm ankommt, schlägt ihm die Duftwelle eines furchtbar grässlichen und aufdringlichen Rasierwassers entgegen. Wieso macht er das? Rhetorische Frage, er will nur eigentlich nicht. Wieso ist er bloß nicht mehr high genug? Vor dem Fenster bleibt er stehen. Der Mann mustert Xander kurz und nickt dann. „Also, gesprächig bist du nicht, was? Wie viel willst du denn?“ Er widert ihn an. Schlimmer ist nur, dass er sich selbst noch viel mehr anwidert.

„Kommt darauf an, was Sie wollen…“ Eine Sekunde lang sieht der Mann ihn überrascht an, zieht sogar eine Augenbraue in die Höhe, dann bricht er in brüllendes Lachen aus und Xander versteht nicht, wieso. Nach seinem nächsten Satz ist es ihm allerdings klar. „Wieso denn so förmlich, mein Junge?“ Es gibt nur eines, das schlimmer ist, als ,Kleiner’ und das ist ‚mein Junge’. Tja, er hat keine Ahnung. Vielleicht, weil er’s als Kind so beigebracht bekommen hat, obwohl er ja nicht sonderlich viel auf die Meinungen und Regeln Erwachsener gibt. Ironisch, ein Kind ist er ja auch nicht mehr, aber erwachsen? An diesem Wort hängt so viel. Der Typ reißt ihn aus seinen Gedanken und er ist ihm zwar nicht dankbar dafür, trotzdem ist es wohl besser so. „Einen Blowjob, was sagst du?“

„15 Dollar, zu meinen Bedingungen“

Der widerliche Typ lächelt. Kein schönes Lächeln, es ist mehr ein Verziehen der Mundwinkel. Schmierig. „Und zu meinen Bedingungen?“ Er will gar nicht wissen, was seine Bedingungen sind und ist drauf und dran ihm zu sagen, dass es nur seine Bedingungen gibt, doch das würde bedeuten sich Geld durch die Lappen gehen zu lassen und er braucht das Geld einfach. „Das Doppelte.“ Ein Nicken folgt und er steigt in den dunkelblauen Wagen.

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