Kapitel 4

Die Hitze brannte vom wolkenlosen Himmel, dass der schwarze Asphalt vor dem Terminal des Flughafens Schwerin-Parchim Blasen warf. Am Horizont zogen dunkle Wolkenbänke herauf, Blitze wetterleuchteten zwischen ihnen und nicht mehr lange, dann würde sich ein Gewitter über den Start- und Landebahnen entladen.
Vor einigen Jahren hatte NordicSF den Airport von den Chinesen gekauft, das Personal komplett ausgetauscht, die roten Farben durch das Orange-Blau der Firma ersetzt und ihn mit sehr viel Geld ausgebaut. Zwar war er immer noch nur ein kleiner Flughafen, aber täglich landeten und starteten neben den vielen Frachtflugzeugen der Firma wenigstens eine Passagiermaschine. Die Landung einer solchen stand bevor und Zollbeamte marschierten zu ihren Arbeitsplätzen, Empfangskomitees brachten ihre Namensschilder in Stellung und die Stimmen der Wartenden und Lautsprecherdurchsagen in Deutsch, Englisch und Arabisch brandeten durch die große Halle und ergaben die typische Geräuschkulisse eines Airports.
Unweit der großen Türen für die Passagiere mit ihrem Gepäck stand Christian Svensson. Er hatte die Arme vor der Brust gekreuzt, lehnte seine breiten Schultern an einen der riesigen Pfeiler aus Stahl und Titan, die das gläserne Deckengewölbe trugen und beobachtete die hin und her eilenden Menschen. In dem Licht, das durch die riesige Glaskuppel der Halle hereinfiel, schimmerten seine kurz geschnittenen Haare wie das silbergraue Fell eines Grizzlybären und er trug ein dunkelblaues Langarmshirt, eine schwarze Five-Pocket-Jeans, die an vielen Stellen schon hell wurde und braune Sneakers aus Wildleder mit flachen Sohlen. Er hatte die Lider halb gesenkt und sein viereckiges Gesicht mit dem markanten Kinn sah fast aus, als schliefe er im Stehen.
Er überlegte gerade, welche Droge der Firmendesigner sich eingeworfen haben mochte, als er das grässliche Farbenset von NordicSF entworfen hatte, da traf ihn ein Schwall heißer Luft im Nacken. Er blickte zur Seite und der Anblick des Mannes, der in einer verblichenen Cordhose und einer schwarz-weiß karierten Schirmmütze durch die Drehtür hinkte, ließ ihn leise seufzen: „Herr, lass Hirn auch für die Armen regnen.“
Der Hinkefuß hieß Schmidtke. Er fristete sein Leben als Kriegsinvalide, verhungerte auf Raten und versuchte verzweifelt, irgendwie zwei heranwachsende Töchter durchzubringen. Die zerknautschte Form seiner Kopfbedeckung stammte von den vielen Behördengängen, während derer er sie als Bittsteller voller Unbehagen und Verlegenheit in seinen kraftlosen Händen gedreht hatte.
Die Schwingtüren an der Zoll- und Passkontrolle spuckten Passagiere mit Trolleys und Taschen aus. Schmidtke setzte sich in diese Richtung in Bewegung und wie von Geisterhand gelenkt, bewegte sich plötzlich ein großer Koffer hinter einer Wasserstoffblondine, die heftig auf einen Mann einredete und ihrem Gepäck den Rücken zudrehte. Es dauerte einen Moment, bis sie mitbekam, wie ihr Koffer in Richtung Ausgang rollte, doch dann übertönte ihr Kreischen mühelos den Lärm in der Halle und der Mann neben ihr setzte einen Spurt an.
Schmidtke ließ das Gepäck fahren. So schnell er konnte, hinkte er zum Ausgang, kam dabei dem Pfeiler, an dem Christian lehnte, zu nahe und zappelte plötzlich in Christians Griff wie ein Lachs in den Pranken eines Bären.
Christian brummte: „Ich habe dich doch schon das letzte Mal verwarnt! Hör auf, dich abzustrampeln, sonst tust du dir noch weh!“ Er stellte Schmidtke auf den Boden. „Was sollte denn das da eben werden?“
Schmidtke nahm die Schirmmütze ab und knetete sie mit den Händen. „Ich ... ich wollte ihnen nur bei ihrem großen Koffer helfen und mir ein Trinkgeld verdienen.“
„Irgendwo habe ich mal gelesen, dass man seine Kunden erst fragt, bevor man mit ihrem Gepäck abhaut. Hast du da gerade in der Gepäckträgerausbildung gefehlt?“
Der kleine Mann trampelte von einem Fuß auf den anderen und bearbeitete weiter seine Mütze mit feuchten Händen.
Christian knurrte: „Schwirr ab, und wenn ich dich noch einmal hier sehe, wanderst du wirklich in den Bau. Das ist meine letzte Warnung. Hast du das jetzt endlich kapiert?“
Schmidtkes Augen wurden groß wie Autoscheinwerfer. „Sie lassen mich wieder gehen?“
„Wenn du noch lange fragst, überleg ich es mir vielleicht noch anders!“
Christian öffnete seine Pranken und Schmidtke stolperte davon, blickte sich einmal zu viel um – vielleicht wollte er sicher sein, dass Christian ihm nicht folgte – und rannte gegen einen Kofferwagen. Er rappelte sich wieder auf, ignorierte das Geschimpfe des Gepäckbesitzers und machte sich aus dem Staub.
Christian schüttelte den Kopf. Die Stadt, ach was, das ganze Land schwamm in dem Geld, das die Norweger hier verdienten, und trotzdem fristeten hier viele solcher Leute wie dieser Mann ihr Dasein, der alles riskierte, um seine Familie irgendwie ernähren zu können. Vor Jahren hatte NordicSF begonnen, sich in Mecklenburg-Vorpommern breitzumachen und pumpte seitdem zweistellige Millionensummen in die Entwicklung der Infrastruktur. Zuerst waren die Arbeitssuchenden in Massen hierher geströmt, dann waren andere große Firmen gekommen und zum Schluss die Banken. Wo das große Geld war, ließen auch Kriminalität, Prostitution und Armut nicht lange auf sich warten. Für Leute wie Schmidtke hatte es früher ein soziales Netz gegeben, doch es war ausgeraubt worden von Menschen, die nie auch nur einen Cent hineingetan hatten. Man hatte es so lange verharmlost und verheimlicht, bis es unrettbar zusammengebrochen war.
„Ich will Sie in meinem Büro sehen, und zwar sofort!“
Die Stimme quietschte in seinem Ohrhörer und er biss die Zähne zusammen. Mettler war der Chef der Flughafensicherheit und ließ jeden über die Klinge springen, der es wagte, ohne seine Erlaubnis auch nur auf einer Bananenschale auszurutschen.
Christian ließ sich Zeit und nickte auf seinem Weg in Mettlers Büro noch Mannwald und Häcker zu, zwei Gepäckarbeitern in den Uniformen von NordicSF, mit denen er sich ganz gut verstand und die gelangweilt hinter der Passkontrolle herumstanden. Zwei Minuten und eine Rolltreppe später öffnete ihm der RFID-Chip in seinem linken Unterarm eine Sicherheitstür, hinter der das Herz des Flughafens schlug. Nur über diesen hell erleuchteten, knapp fünfzig Meter langen Gang war es möglich, den Tower zu erreichen. Davor lagen die Räume der Verwaltung, der Flughafensicherheit und, unmittelbar vor dem Zugang zum Flugleitzentrum, der Bereich der diensthabenden Antiterroreinheit von NordicSF. Christian ging bis zu Mettlers Büro, klopfte und trat ein, ohne eine Antwort abzuwarten.
Durch eine geöffnete Seitentür rief jemand: „Herr Mettler kommt gleich. Er ist noch in der Videoüberwachung. Warten Sie so lange und fassen Sie nichts an!“, dann wurde die Tür zugeknallt.
Viel machte Mettlers Büro nicht her. Papierstapel lagen sauber auf Kante auf einem Schreibtisch mit kratzfester, grauer Plastikoberfläche zwischen zwei Computerterminals und an der linken Kante stand das goldgerahmte Bild einer Frau; davor ein Besucherstuhl und dahinter ein protziger Chefsessel aus weißem Leder. Links und rechts des breiten Fensters mit Ausblick auf das Rollfeld hingen alle möglichen Flaggen und die Wände waren dekoriert mit jeder Menge gerahmten Urkunden und Fotos, auf denen immer Andreas Mettler die Hauptperson war.
Christian zog den Stuhl vor, ließ sich auf den Sitz fallen, und griff nach dem Schwarzweißfoto auf Mettlers Schreibtisch. Es zeigte eine Frau mit großen, leicht schräggestellten Augen in einem runden Gesicht mit hohen Wangenknochen und einer geraden, ein wenig zu breiten Nase, die kühl und professionell in die Kamera gelächelt hatte.
„Ich habe nicht gesagt, dass Sie sich setzen sollen!“ Mettler rauschte herein und riss Christian das Foto aus der Hand. Er betrachtete es einen Moment und platzierte es dann millimetergenau wieder dort, wo es vorher gestanden hatte.
Er hätte ein schöner Mann sein können mit seiner breiten Brust und den blonden, in perfekten Locken bis in den Nacken fallenden Haaren. Doch die Natur hatte ihm kleine, eng beieinanderliegende Augen gegeben und sein protziger Bürostuhl, aus dem er seinen dicken Hintern nur selten hochbekam, hatte für teigige Wangen darunter gesorgt.
Am Revers seines maßgeschneiderten Flanellanzug prangte das Abzeichen eines Bundesadlers, der eine Wahlurne in seinen Krallen hält. Mettler gehörte zu den elf Prozent der Deutschen, die im letzten Jahr zur Bundestagswahl gegangen waren, brav ihr Kreuzchen gemacht und eine dicke Prämie dafür eingestrichen hatten. Das Geld hätte er nicht gebraucht, sein Karrierepfad zielte in Richtung Ministerium und dafür war eine blitzsaubere Personalakte wichtiger als das Bankkonto. Das füllte sich da von ganz alleine.
Er stützte die Hände in die Hüften und stieß seine Geiernase in Christians Richtung. „Wenn alle meine Angestellten ihre Arbeit so machen würden wie ein gewisser Herr Svensson, wäre dieser Flughafen ein Hort der ausufernden Kleinkriminalität und die berechtigte Ursache für niemals endende Beschwerden und Klagen bestohlener Reisender.“
„Haben Sie lange an dem Satz geübt?“
„Passen Sie auf ihren Ton auf! Zivilstreife heißt nicht, dass Sie sich auch wie der Pöbel benehmen sollen und schon gar nicht mir gegenüber. Den Satz musste ich lernen, als Sie bei mir angefangen haben. Auf meinem Flughafen ist kein Platz für solche Typen wie diesen Schmidtke.“
„Ich habe nicht bei Ihnen angefangen, sondern bei einem privaten Sicherheitsdienst, ohne dessen Hilfe Sie hier nicht genug Leute hätten. Schmidtke ist ein Mensch und er tut alles für seine Kinder. Das ist selten genug in dieser Welt.“
Mettler wippte auf den Fußsohlen hin und her. „Interessiert mich nicht. Er ist reif und Sie halten den Mund. Denken Sie, ich weiß nicht, dass Sie die Hälfte der Leute laufen lassen, die Sie schnappen? Und dass Sie sich jeden Tag nach der Arbeit im Bistro betrinken, weil Sie Gewissensbisse deswegen haben?“
Christian kniff die Lippen zusammen. Mettler drückte einen Knopf auf seinem Schreibtisch, einen Moment später trat ein Mann in der Uniform der Flughafenpolizei ein und Mettler bellte: „Rauhut, machen Sie mir die Akte Schmidtke fertig. Eine Kopie der Videosequenz, wie er den Koffer stehlen wollte, kommt noch dazu. Dann geht das Ganze an die Staatsanwaltschaft in Schwerin. Er ist Wiederholungstäter und damit reif für den Knast. Sollen die ihn für eine Weile aus dem Verkehr ziehen. Und für Svensson einen Verweis in seine Akte wegen Nichterfüllung seiner Dienstpflichten.“
Der Mann nickte nur, ging wieder hinaus und Mettler schnarrte Christian an: „Sie machen weiter Ihren Dienst hier Svensson. Mit Ihren über fünfzig Jahren können Sie sich die Kugel geben, wenn ich Sie rausschmeiße. Also reißen Sie sich zusammen oder ich lasse Sie vor die Hunde gehen.“
Er lachte süffisant: „Die hübsche Ladendiebin, die Sie neulich aufgegriffen haben, hatte keine Gewissensbisse. Sie hat sich zwar erst ein bisschen gewehrt und dann auch noch verschluckt am Samen der Erkenntnis, den ich in ihr gepflanzt habe, aber doch begriffen, was gut für sie ist und wie man in dieser Welt vorankommt.“
Es dauerte einen Moment, bis Christian verstand. Er fragte ungläubig: „Sie haben ...?“
„Gar nichts habe ich!“, fiel im Mettler ins Wort,
„Du bist ein Arschloch, Mettler!“
„Ja und? Es sind Arschlöcher wie ich, die die Karriereleiter raufklettern, und solche Nieten wie Sie dafür benutzen. So funktioniert die Welt. Und jetzt raus aus meinem Dienstzimmer!“ Die Augen des Flughafenchefs funkelten vor Wut.
Einen Moment starrte Christian ihm noch in seine kalten Fischaugen, dann ging er hinaus.

*

„Ich bin Ryland Mikkelsen“, sagte der Mann am Telefon und seine Überzeugung, dass sie den Namen kennen musste, schwappte aus dem Hörer.
Natürlich wusste Marianna Mettler, wen sie da in der Leitung hatte und war beeindruckt, auch wenn sie sich hütete, es aus ihrer Stimme klingen zu lassen. Es gab den Oberbürgermeister von Schwerin, es gab Ryland Mikkelsen und alle Welt wusste, wer bei wem anklopfen anzuklopfen hatte. Jetzt klingelte der mächtigste Mann der Stadt bei ihr und sie hätte sich geschmeichelt fühlen müssen. Aber er war es, der etwas von ihr wollte und so antwortete sie: „Meine Anrufer legen normalerweise Wert auf Anonymität.“
„Exakt das erwarte ich auch von Ihnen und meine Erwartungen in dieser Hinsicht enttäuscht niemand.“
Sie lachte, voll und fraulich, die Untertöne voller dunklem Rauch: „Es gibt immer ein erstes Mal und für Drohungen bin ich zuständig. Gewöhnlich lege ich an dieser Stelle auf.“
Er schnaufte und antwortete: „Kennen Sie Schwerelosigkeit?“
„Was hat das mit mir zu tun?“
„Vielleicht nichts, wenn Sie damit ein Problem haben. Vielleicht sehr viel, wenn es Ihnen Spaß macht. Sind Sie interessiert, lade ich Sie zu einem Rundflug über Schwerin ein. Dabei sprechen wir darüber, inwieweit Ihre Fähigkeiten meinen Interessen nützlich sein könnten. Selbstverständlich übernehme ich Ihre Unkosten.“
„Welche Sicherheit habe ich?“
„Bitte? Meinen Namen natürlich!“
„Sie bringen mich zum Lachen. Jeder hat einen Namen. Mehr haben Sie nicht zu bieten?“
Wieder schnaufte er und es klang für sie nach aus den Ohren schießendem Dampf: „Zweitausend Euro.“
„Das hört sich schon besser an. Was hat Ihnen jetzt mehr weh getan - das Geld oder dass ich bei Ihrem Namen nicht in Ohnmacht gefallen bin?“
„So redet man nicht mir!“
„Es gibt immer ein erstes Mal. Sie sollten sich besser schon daran gewöhnen, sonst wird der Rundflug eine Enttäuschung für Sie. Rufen Sie mich in zwei Tagen wieder an!“
„Was bilden ...“
Mitten in seinen Wutausbruch hinein legte sie auf. Ein Blick auf die Cartier an ihrem Handgelenk sagte ihr, dass es noch früh genug war, Mettler einen Besuch abzustatten und ihm ein paar Informationen aus seiner großen Nase zu ziehen. Sie bestellte sich ein Taxi.
Eine halbe Stunde später öffnete sich auch vor ihr die Sicherheitstür zum Flur, auf dem das Büro des Sicherheitschefs lag. Christian gerade herausgekommen, ging an ihr vorbei und sie fragte: „Ist Mettler da?“
Christian knurrte: „Ganz sicher!“
Sie schaffte noch zwei Schritte - exakt die Zeit, die ihre Ohren benötigten, seine Antwort aufzunehmen; ihr Gehirn, um sie zu verstehen und ihr Gedächtnis, sie mit einer uralten Erinnerung zu verknüpfen - dann fuhr sie herum und rief: „Bleiben! Sie! Stehen!“
Er stoppte so plötzlich, als wäre er gegen eine Wand gelaufen. Ihre Worte hatten etwas in seinem Gehirn angesprochen, gegen das er machtlos war, hatten sich von da durch sein Rückgrat gebrannt und seine Beinmuskeln einfach erstarren lassen. Erstaunt drehte er sich zu ihr um.
Als wandelte sie über brüchiges Eis, machte sie einen Schritt auf ihn zu. Der Zweite brachte sie bis auf Armlänge an ihn heran und nach dem Dritten berührten die Gläser ihrer Sonnenbrille fast seine Nase.
Ihre Augen dahinter sah er nicht - ihren brennenden Blick spürte er sehr wohl auf seinem Gesicht, genau wie ihren schnellen, warmen Atem und er fand, dass sie ihm zu nah war, viel zu nah.
Sekunde um Sekunde verrann. Sie schaute ihm in die Augen und gerade wollte er sich umdrehen und weitergehen, da brach ein Wort aus ihr heraus: „Du!“
Nur dieses eine Wort, nichts weiter, nur dieses grenzenlose Erstaunen. Sie stützte sich mit einer Hand an der Wand ab, dann stolperte sie Schritt für Schritt rückwärts und entließ ihn dabei keine Sekunde aus ihrem Blick, so lange, bis sie die Tür zu Mettlers Büro ertastet hatte und darin verschwand.
Christian schaute ihr hinterher, zuckte dann die Schultern und wandte sich zum Ausgang. Er hatte diese Frau noch nie gesehen.

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