Kapitel 4


Wütend kreischten die zwei Schemen unentwegt, während sie wie blasse Geister hektisch auf- und abschossen. Die Pein, welche die entrissene Seele in ihrem Innersten verursacht hatte, machte sie nahezu wahnsinnig und sie konnten es kaum noch erwarten, endlich in die irdische Welt übertreten zu dürfen, um sich zurückzuholen, was ihnen gehörte. Die Intensität des Kreischens nahm beständig zu und war bald schon ohrenbetäubend laut. Das angsteinflößende Echo hallte donnernd in dem leeren Raum zwischen den Welten wider und die große Macht, die hinter der Seelendimension stand, hatte Schwierigkeiten, die Schemen zu bändigen.

Die Wesenheit ärgerte sich über ihre ungestümen Kinder und wollte sie keinesfalls aus dem Nichts heraus in die irdische Welt schicken, bevor sie sich nicht beruhigt hatten. Der Verrat ihres Wächters saß tief und der Stachel bohrte sich immer weiter in sie hinein. Corvin war nicht der erste Seelenwächter, den sie geschaffen hatte, doch seit ewigen Zeiten war er ihr nun schon treu ergeben. Noch nie zuvor war es geschehen, dass unter seiner Obhut eine Seele ihren Pfad verlassen hatte und zurück ins Leben geschickt worden war.

Vor langer Zeit, als die Wächter vor Corvin noch wussten, was die große Macht wirklich zu verrichten vermochte, wozu die Seelen tatsächlich in dieser Dimension gehalten wurden, da war es des Öfteren vorgekommen, dass einer der Wächter zu forsch geworden war und sich selbst an der Seelenenergie gelabt hatte. Seit jenen Tagen war es ihnen untersagt, sich an vergangenem Leben zu vergreifen oder gar eine Seele zurückzuschicken. Sie gehörten ihr allein. Ohne die Energie der Seelen wäre die große Macht nicht fähig, diese Dimension aufrecht zu halten. Und auch das große Geheimnis, welches sie seit Anbeginn der Zeit hütete, schien nun in Gefahr zu sein. Niemals durfte ein Wächter dahinterkommen.


*


Der Flur des Krankenhauses lag um diese nachtschlafende Zeit still und verlassen da. Keine Patienten, die langsam über den Boden schlurften und keine lärmenden Stimmen oder Geräusche von Besuchern waren zu vernehmen. Die Nachtschwestern machten gerade eine kurze Pause und unterhielten sich leise im Personalraum. Der dunkle Schatten huschte lautlos über den Gang, registrierte zufrieden, dass die Schwestern ihn nicht weiter bemerkten, und führte seine Suche fort. Völlig geräuschlos bewegte sich die Silhouette unaufhörlich auf ihr Ziel zu: Das Zimmer am Ende des Ganges, in dem sie lag.

Vorsichtig wurde die Türklinke heruntergedrückt und die Gestalt schob sich mit einer raschen Bewegung in das Innere des Krankenzimmers. Sein Blick schnellte zu dem Bett, in dem die Frau lag und selig schlief. Langsam ging er zu ihr und das fahle Mondlicht, welches durch das Fenster schien, ließ seinen Schatten dunkel und bedrohlich über ihrem Bett aufragen. Zögerlich hob er eine Hand und hielt sie über ihr Herz, jedoch ohne sie zu berühren. Es würde ganz schnell gehen, ohne dass sie etwas mitbekam. Dann holte er tief Luft und unter seiner Hand begann es auf einmal zu leuchten.

Corvin versuchte, der irdischen Frau mehr von seiner Lebensenergie abzugeben, damit ihre Verletzungen umgehend heilten. Sie hatten einfach keine Zeit, so lange abzuwarten, bis sich ihr verletzlicher Körper regeneriert hatte. Doch während er all seine Energie in sie überfließen ließ, wurde ihm bewusst, dass dies nicht ausreichen würde. Sie hatte zu viele, zu schwere Wunden davongetragen und um diese heilen zu können, würde er direkten körperlichen Kontakt mit ihr aufnehmen müssen. Er biss die Zähne zusammen und blickte auf die Frau hinab. Sie wirkte so friedlich, ihre Haare lagen wie ein Heiligenschein um ihren Kopf und ihr zartes Gesicht war völlig entspannt. Aus der Nähe betrachtet sah sie noch viel schöner aus, als ihre Aura es hatte vermuten lassen. Unsicher ließ er seinen Blick über ihren verwundeten Körper schweifen und atmete tief durch. Er war ein Seelenwächter, der Seelenwächter. Er war dafür geschaffen worden, dieses kostbare Gut zu schützen und zu bewachen. Corvin hatte seine Dimension in der Vergangenheit lediglich verlassen, um eine Seele selbst überzuleiten oder seine Seelensammler zu kontrollieren. Doch niemals, noch nie zuvor, hatte er körperlichen Kontakt zu einer Frau gehabt.

Wieder sah er auf sie hinab und sein Blick schweifte zu ihren vollen Lippen, die im Schlaf leicht geöffnet waren. In diesem Moment wurde er erneut von diesen seltsamen Magenbeschwerden heimgesucht und unterdrückte den Fluch, der ihm bereits auf den Lippen lag, ballte seine Hände zu Fäusten und gab sich einen Ruck. Die irdische Frau zu berühren war ein kleines Opfer, das er gewillt war für das große Ganze zu geben. Entweder er überwand sich, oder die Seelenjäger fanden sie und dann wäre seine törichte Tat vergeblich gewesen.

Langsam neigte er sich über sie und umfasste ihr Gesicht mit beiden Händen. Bei der ersten Berührung zuckte er unwillkürlich zusammen, als ein kleiner Stromstoß ihn durchfuhr. Anschließend schloss er die Augen und begann von Neuem, seine Energie in sie fließen zu lassen. Doch er spürte, dass auch dies nicht genügte und aus einem ihm unerklärlichen Impuls heraus beugte er sich noch etwas tiefer, bis seine Lippen schließlich auf ihren lagen. Corvin schauderte es bei dieser Berührung und sein Herz schlug aus unerfindlichen Gründen plötzlich schneller. Auf einmal bewegten sich die Lippen der Frau sachte unter ihm, pressten sich zart auf seine und erschrocken musste er dem übermächtigen Impuls widerstehen, diesen Druck zu erwidern oder gar zurückzuweichen. Corvin überzeugte sich, dass sie weiterhin schlief und fuhr mit dem Austausch fort.

Er hatte ihr etwas von seiner Lebensenergie abgeben wollen, doch stattdessen fand er sich inmitten seines ersten, versehentlichen Kusses wieder, der ihn überwältigte. Und während er sich für einen kurzen Augenblick von den vielen plötzlich auftretenden Emotionen übermannen ließ, strömte die Energie nur so aus ihm hinaus und jagte durch Avas Körper hindurch, die von alldem nichts mitbekam.


*


Ava blinzelte, als sie verschlafen ihre Augen öffnete und von der hereinscheinenden Sonne geblendet wurde. Unerklärlicherweise fühlte sie sich glücklich und zufrieden und so streckte sie sich ausgiebig. Im selben Moment wurde sie sich ihrer ramponierten Schulter bewusst. Mit zusammengebissenen Zähnen wartete sie auf die Schmerzen, die zu ihrer Überraschung jedoch ausblieben. Ava runzelte die Stirn und hob vorsichtig erneut ihren Arm, doch sie spürte nichts. Erschrocken hielt sie die Luft an. Wie war das möglich? Dann fiel ihr auf, dass ihre Lunge bei dieser Aktion nicht protestierte und keuchend atmete sie wieder aus. Nichts. Kein Schmerz fuhr ihr in die Rippen und die Atembeschwerden waren wie weggeblasen. Ava hielt sich die zitternde Hand vor den Mund. Etwas ging hier nicht mit rechten Dingen zu. Panisch begann sie, wie wild auf den Notfallknopf neben ihrem Bett zu drücken.


Viele Stunden später saß sie nach einem Untersuchungsmarathon erschöpft wieder in ihrem Krankenbett und sah sich ihrem ungläubigen Chefarzt gegenüber, der immer wieder nur den Kopf schüttelte. Es war bereits früher Abend und sie war den gesamten Tag über von ihrem Team auseinandergenommen worden. Man hatte sie geröntgt, wieder und wieder, ihre Organe waren von verschiedenen Ärzten mit einem Ultraschallgerät kontrolliert worden, welches ungläubig mehrfach ausgewechselt worden war. Doch auch die wiederholte Untersuchung des Computertomographen zeigte stets dasselbe Ergebnis.

»Sie sind geheilt Dr. Gardener, völlig geheilt!« Dr. Kalen sah sie an, als sei sie ein Gespenst, während er ihr immer wieder ungläubig die Diagnose mitteilte. Ava konnte es sich selbst nicht erklären, was sollte sie daraufhin also erwidern?

»So etwas habe ich in all den Jahren noch nie erlebt. Es ist völlig unmöglich, Sie haben sämtliche Gesetze der Medizin außer Kraft gesetzt.« Wieder schüttelte er fassungslos den Kopf. Ava musste schwer schlucken und ihr Blick schweifte zum Fenster, die einbrechende Dämmerung ließ sie aus irgendeinem Grund frösteln. Sie lächelte kurz, als sie einen großen, wunderschönen Raben auf dem Vorsprung sitzen sah. Ava gefielen diese Tiere schon seit ihrer Kindheit, sie waren so anmutig und stolz, und sie beugten sich niemandem.

»Ihre Organe weisen keinerlei Verletzungen mehr auf und Ihre Knochen sind vollständig geheilt. Selbst Ihre Tibiafraktur ist auf dem Röntgenbild nicht einmal mehr als alte Verletzung erkennbar«, fuhr Dr. Kalen sichtlich aus der Fassung gebracht fort.

Avas Gedanken spielten verrückt. Sie hatte es selbst nicht glauben können, als man ihr die Röntgenbilder gezeigt hatte. Ein komplizierter Bruch wie der ihre benötigte viele Monate der Heilung und selbst dann gab es noch eine Vielzahl an Problemen. Doch sie hatten ihr am Vormittag ungläubig unter einer kurzen Narkose den externen Fixateur entfernt, nur um noch fassungsloser festzustellen, dass nicht einmal mehr die Einkerbungen der Schrauben im Knochen auf den Bildern zu sehen waren.

Im Laufe des Tages war Ava zu einer kleinen Sensation in ihrem Krankenhaus geworden. Sie war die Frau, die einen Unfall überlebt hatte, der nicht zu überleben gewesen war und die über Nacht von allen Verletzungen geheilt worden war. Ava war müde und abgekämpft von den vielen Untersuchungen und Fragen. Sie sehnte sich so sehr nach Ruhe und Schlaf, dass sie den Worten ihres Chefarztes nur noch mit halbem Ohr lauschte. Erneut sah sie zu dem Fenster und blickte nachdenklich den Raben an, der noch immer dort saß. Fast hatte es den Anschein, als würde er sie ansehen. Bald verlor sie noch ihren Verstand. Irgendwann an diesem langen und verrückten Tag hatte sie aufgehört, sich zu fragen, wie das alles nur möglich sein konnte. Es gab schlichtweg keine plausible Erklärung hierfür. Ihre Kollegen sprachen fortwährend von einem Wunder, doch Ava glaubte nicht an Wunder. Zumindest bis heute nicht. Man hatte ihr nun mitgeteilt, dass sie das Krankenhaus am nächsten Tag würde verlassen können und sie sich, trotz völliger Heilung, ein paar Tage zu Hause erholen sollte. Ava freute sich schon sehr auf diese freien ruhigen Tage, in denen sie sich mit Spike auf ihre bequeme Couch kuscheln und nichts anderes machen würde, als einen alten Film nach dem anderen anzuschauen.

Inzwischen hatte Dr. Kalen sie allein gelassen und es war ihr bis eben nicht einmal aufgefallen. Sie ließ sich angestrengt auf das weiche Kissen ihres Krankenbettes zurückfallen. Es war ein langer, ereignisreicher Tag gewesen und sie spürte die Erschöpfung in all ihren frisch geheilten Gliedern, sie wollte nur noch schlafen. Langsam fielen ihre Augen zu und sofort entstand der Traum von heute Nacht wieder vor ihrem geistigen Auge. Ava lächelte versonnen. Ihr geheimnisvoller Traummann hatte sie wieder im Schlaf aufgesucht und allein der Gedanke an seinen elektrisierenden Kuss hatte sie diesen verrückten Tag überstehen und ein ums andere Mal ihren Magen verrückt spielen lassen. Unbewusst berührten ihre Finger ihre Lippen, während sie langsam in den erlösenden Schlaf hinüberglitt.


Unsanft wurde Ava kurze Zeit später aus dem Schlaf gerissen, als jemand grob an ihr rüttelte. Erschrocken riss sie die Augen auf und starrte irritiert auf den Mann aus ihren Träumen.

»Du musst mit mir kommen, Frau, wenn du leben willst!«, sagte er und seine tiefe Stimme vibrierte in ihrem Körper. Ava wähnte sich noch im Schlaf und ihr Verstand vermochte Realität und Traumwelt in diesem Moment nicht auseinanderzuhalten. Völlig geblendet von seiner umwerfenden Erscheinung war sie nicht fähig etwas anderes zu tun, als ihn wortlos anzustarren.

»Die Jäger werden dich bald finden«, fuhr er unbeirrt fort und sah sie eindringlich an. »Ich bin alles, was zwischen dir und einer Ewigkeit voller Qualen steht!«

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