Kapitel 4 - Das Eklat

45 Kilo mit braunen Locken und großen Rehaugen schienen es sich zur Aufgabe gemacht haben, "Ann" jeden Abend über die Arbeit an der Grundschule in Würzburg und die neue Vertretung Herrn Meyer zu informieren. Wie es das Schicksal wollte, war besagter Lehrer nicht nur single, sondern auch noch gutaussehend, was natürlich für zusätzlichen Gesprächsstoff sorgte.

Linda war sich sicher, dass ihre Freundin unter dem sorgfältig mit Makeup bedeckten Gesicht ein Paar sehenswerter Augenringe versteckte.

"Was hat sie denn nun schon wieder gewusst?" Sie sah ihre Freundin mit einem wissenden Blick an.

Annie fuhr sich durchs Haar. "Die bessere Frage wäre gewesen was nicht. Sagen wir es so, sie kommt noch immer nicht mit den Kleinen klar. Außerdem gab es ein kleines "Eklat", was die Sache nicht unbedingt besser gemacht hat."

"Warum hat sie sich denn überhaupt dazu entschlossen Lehrerin zu werden, wenn sie nicht mit Kindern zu Recht kommt? Nach allem, was du mir schon erzählt hast, stellt sie sich an wie eine Katze auf Skiern. Erzähl mir doch von diesem "Eklat", dann erzähle ich dir auch von meinem, das gerade zu Hause im Bett liegt und Trübsal bläst..."

„Oh, na das klingt ja spannend!“ Der Katzenpulli bebte leicht, als Annie ihr glockenhelles Lachen lachte. „Ich bin schon neugierig. Was die chronische Berufsverfehlung betrifft, kann ich nur sagen, sie ist selbst schuld. Schon damals habe ich ihr davon abgeraten Lehramt zu studieren, aber sie wollte ja nicht hören. Meinte, sie wolle sich was beweisen, über sich hinaus wachsen….Du kennst das ja. Am Anfang steckt man sich hohe Ziele und ist optimistisch, aber wenn es dann ans Eingemachte geht, sieht die Situation oft ganz anders aus als erwartet. Und…“ Sie kicherte. „…im Falle des „Eklats war die Aussicht besonders verheerend, zumindest für unser kleines Irmlein.“

„Nun hast du mich aber neugierig gemacht!“ Linda sah ihre Freundin mit einem wissbegierigen Funkeln in den Augen an. „Was ist denn geschehen?!“

„Der Klassenteufel Kevin war wieder am Werk.“ Annie zwinkerte.

„Was? War das nicht der, der sie letztes Mal…?!“

„Ja, genau der. Diesmal hat er sich noch abscheulicher verhalten als sonst. Ich habe sogar fast ein wenig Mitleid mit ihr. Er hat ihr ein ganz besonderes Geschenk in die Handtasche gelegt…“ Sie wischte sich die Lachtränen aus den Augen.

„Also bisher hört sich das Ganze ja recht harmlos an.“

„Noch. Als Irmi ihre Handtasche geöffnet hat, war es das nicht mehr.“

„Nun sprich schon!“ Linda bewunderte ihre Freundin wirklich dafür, dass sie so spannend erzählen konnte. Aber im Moment, saß sie wie auf Kohlen.

„Okay, okay, ich mach ja schon!“ Annie musste ein wenig über die Ungeduld ihrer Freundin schmunzeln. Die meiste Zeit über verhielt sich Linda eigentlich recht vernünftig und ihres Alters entsprechend reif. Wenn es jedoch um den neusten Klatsch ging, war ihre Neugier mit der eines kleinen Kindes zu vergleichen. Wie auch jetzt. „Weißt du noch, als ich dir davon erzählt habe, wie ich die kleine Irmi kennen gelernt habe?“

„War das nicht vor der Eisdiele?“ Linda runzelte die Stirn, legte ihre kleinen Hände an die Schläfe und machte langsame Kreisbewegungen mit den Fingern, wie immer wenn sie angestrengt nachdachte. Nach einigen weiteren Augenblicken und intensiver Kopfmassage, fiel der Groschen, zwei kleine Fäuste knallten auf die Tischplatte und ein wenig lauter als beabsichtigt, gab Linda die Früchte ihrer Überlegungen preis: „Die Wespe!!!“

Der unheimliche Mann und das Muskelwunder sahen kurz von ihren Getränken auf und in Richtung Schreihals. „Hatte sie nicht diese Ente….Enter….Entar…“ Linda versuchte verzweifelt sich an das Wort zu erinnern. „Entor?“

„Entomophobie, die Angst vor so ziemlich jedem Lebewesen mit mehr als vier Beinen!“ Annie beschloss der aussichtslosen Raterei ein Ende zu setzen.

„Ja genau, beinahe hätte ich es gehabt!“

„Aber sicher doch, Lin.“

„Du hast ihr damals das Leben gerettet, nicht wahr?“

„Ach, naja. Ich habe nur das getan, was wohl jeder in dem Moment getan hätte.“

„Sei doch nicht so bescheiden. Es hätte schlimm ausgehen können.“ Linda machte ein ernstes Gesicht. „Für euch beide“, fügte sie hinzu.

„Zugegeben, es war ganz schön knapp. Aber… Wie soll ich sagen? Als ich sie so gesehen habe, musste ich an meine kleine Schwester denken. Nenn es, wie du willst, Beschützerinstinkt oder Kurzschlussreaktion, aber wenn ich ihr nicht geholfen hätte, würde ich es heute bereuen.“

Linda wusste nicht, ob sie in diesem Moment dasselbe getan hätte. Um ehrlich zu sein, war sie sich sogar ziemlich sicher, dass ihr das Risiko zu hoch gewesen wäre. Sie liebte ihre Kinder über alles und mochte sich gar nicht ausmalen, was passieren würde, wenn sie ohne ihre Mutter aufwachsen würden. Außerdem sollte „Er“ sie niemals bekommen.

All das ging Linda gerade durch den Kopf, aber anstatt es laut auszusprechen, widmete sie sich weiter der Heldentat ihrer Freundin. „Und deshalb bist du vor den Jeep gerannt und hast die Kleine zur Seite gestoßen. Ich finde deinen Mut wirklich bewundernswert.“

„Es war eigentlich mehr impulsiv als mutig.“ Verlegen strich sich Annie eine Strähne ihres blonden Haars zurück.

„Komplimente sind nicht giftig, Ann…“

„Also schön, ich nehme es an. Nun zufrieden?“

„Ja, sehr sogar.“ Linda zwinkerte ihrer Freundin zu. „Und das alles nur wegen dieses einen kleinen Insekts. Mit so einer Phobie lebt es sich wirklich gefährlich.“

„Oh ja, vor allem mit einer Tüte Eis in der Hand. Die Wespe schien wie verrückt auf Erdbeereis zu sein.“

„Warum hat sie es damals nicht einfach weggeworfen? Und woher weißt du, dass es Erdbeereis war?“

„Vermutlich war sie so in Panik, dass sie nicht mehr klar denken konnte. Wärst du damals dabei gewesen, hättest du ihre lauten Schreie gehört und gesehen wie sie verzweifelt mit der eisfreien Hand in der Luft gewedelt hat. Sie war wohl zu beschäftigt zum denken. Das mit dem Erdbeereis weiß ich, weil bei der Rettungsaktion das gesamte klebrige Zeug in meinen Haaren gelandet ist. Ich habe mich kurzzeitig gefühlt wie Paulchen Panda, nur dass ich zum Glück nicht komplett bekleckert war.“

"Ach Annie, was ist schon eine verklebte Frisur gegen einen tödlichen Unfall?", meinte Linda grinsend. "Aber ich wundere mich doch, dass sie es bis zu eurem ersten Zusammentreffen so heil durchs Leben geschafft hat. Es ist fast schon mutig von ihr, in diesem Zustand überhaupt das Haus zu verlassen. Ich würde ihr dringend raten eine Therapie zu beginnen."

"Oh, sie ist bereits seit 5 Jahren in Theraphie. Ihr "Fast-Unfall" hat ihr die Augen geöffnet.", entgegnete Annie. "Aber..." Sie spielte mit ihrer blonden Schmalzlocke. "...wenn ich mir so anhöre, wie sie letzte Woche in der Grundschule abgegangen ist, würde ich an ihrer Stelle unbedingt den Therapeuten wechseln.", fügte sie mit einem wissenden Lächeln hinzu und erinnerte Linda damit wieder an das "Eklat".

"Also los! Erzähl doch endlich, was passiert ist! Wenn du so lange um den heißen Brei herumredest, muss es ja wirklich spannend sein!" Linda lehnte sich ginsend nach vorne. "Ich höre."

"Na gut, du hast es so gewollt. Wo waren wir? Ach ja, genau. Kevin hat ihr diesmal übel zugesetzt. Das eine Mal davor waren es noch Regenwürmer, die er ihr in die Handtasche gekippt hat. Und im Falle des Eklats handelte es sich um Kriechtiere... Viele kleine Spinnen und Käfer."

"Oje... Arme Irmi!" Linda machte ein betroffenes Gesicht.

Annie säufzte. "Ich denke, du kannst dir vorstellten, was ungefähr passiert ist. Falls du Einzelheiten willst, frag ruhig nach. Ich weiß alles... seit letzter Nacht." Sie gähnte laut und warf einen müden Blick zur gegenüberliegenden Tischseite. "Ähm... Lin?"

Linda konnte gerade nicht antworten. Sie war zu sehr damit beschäftigt diskret in Richtung Theke zu schauen und strich sich dabei eine widerspenstige, dunkle Sträne hinter ihr kleines Ohr. Annie folgte dem verträumten Blick ihrer Freundin und sah gerade noch den muskulösen, männlichen Rücken, der einen Moment später in der Küche verschwand. Sie konnte sich das Grinsen kaum verkneifen, bemühte sich dann jedoch um einen ernsteren Gesichtsausdruck, als sie ihre Freundin kurz mit dem schwarzlackierten Nagel ihres Zeigefingers in den Unterarm piekste.

"Hmm?", machte Linda nur und starrte weiterhin in Richtung Küche. Wahrscheinlich in der Hoffnung, dass der Rücken und der dazugehörende Mensch wieder in ihr Sichtfeld rückten.

"Linda, du sabberst!!!"

"Hm, was?" Linda's Blick war immer noch ziemlich benebelt.

Annie säufzte. Dann musste sie eben größere Geschütze auffahren... Sie lehnte sich nach vorne. "Eine riesige Speichelpfütze hat sich auf deinem Tischende gebildet und es sieht so aus, als würde sie noch größer werden...", raunte Annie ihrer Freundin ins Ohr.

"Was?!" Mit einem Sprung war Linda wieder in der Realität angekommen und wischte sich mit dem Handrücken über den Mund.

"Hey, ich hab gar nicht gesabbert!", Linda warf iherer Freundin einen vernichtenden Blick zu.

"Hättest du aber bestimmt noch, wenn ich dich nicht beim Schmachten unterbrochen hätte.", meinte Annie grinsend. "Emilio ist aber auch ein Prachtexemplar. Und sei ehrlich..." Sie stubste Linda mit dem Ellbogen an und warf ihr einen vielsagenden Blick zu. "...zwischen euch ist doch was, oder?"

Linda's Wangen nahmen einen verräterischen Farbton an und sie sprach schnell und stotternd: "Wir kennen uns doch fast gar nicht! Ich habe mit ihm so gut wie nie über irgendetwas geredet, das über die Bestellung einer Tasse Kaffee hinausging. Außerdem b..bin ich nicht an ihm interessiert." Sie holte einmal tief Luft, bevor sie weiterblabberte. "Ganz zu schweigen davon, bin ich noch nicht bereit für eine neue Beziehung. Und jetzt lass uns über wichtigere Dinge reden. Ah, ich weiß! Was ist passiert, nachdem Irmlein die Handtasche geöffnet hat?"

Annie sah wenig überzeugt aus und meinte nur:"Du könntest ihn doch nach seiner Nummer fragen..." Sie lächelte zuckersüß. "Dann könntet ihr zwei..."

"Ann!", Linda klang ein bisschen wütend.

"Sorry, aber ich konnte es einfach nicht lassen.", meinte Annie zerknirscht. Sie fummelte an ihrer Totenkopf-Kette herum. "Aber mal davon abgesehen, was hast du gegen die Idee? Um sein Sex-Appeal und seinen Charme zu übersehen, müsste man entweder blind oder ziemlich dumm sein. Du bist nichts von beidem. Außerdem glaube ich, dass er dich mag. Und so wie es scheint, findest du ihn doch auch nicht übel, oder?" Die grellroten Lippen lächelten spitzbübisch und die blauen Augen blitzten herausfordernd.

Linda war erst ein wenig sprachlos und durchforstete ihr Gehirn nach einer passenden Antwort. Nach einem langgezogenem Seufzer und leiser Tischtrommlerei sah sie Annie in die Augen und entgegnete ihr: "Ann, die Situation bei uns zuhause ist immer noch schwierig. Seit Phillip weg ist, muss ich mich allein um den Laden kümmern und meine restliche Zeit wird von den Kindern beansprucht. Da ist im Moment kein Platz für eine Beziehung. Außerdem brauche ich noch etwas Zeit für mich allein. Ich weiß nicht, ob ich jetzt schon wieder einen Mann an mich heranlassen kann. Deshalb will ich niemandem falsche Hoffnungen machen."

"Ach, Lin. Das sollte nicht böse gemeint sein. Ich denke mir nur, dass eine so wundervolle Frau wie du es verdient hat glücklich zu sein. Das mit Phillip ist jetzt fast schon zwei Jahre her und ich glaube, dass die Wahrscheinlichkeit ziemlich gering ist nocheinmal jemandem wie ihm über den Weg zu laufen. Gib dir einen Ruck und versuch es doch mal mit dem flotten Italiener. Als ich euch vorhin zusammen gesehen habe, sahst du so glücklich aus." In Annies Augen lag ein hoffnungsvoller Blick. "Aber ich weiß natürlich, dass ich dir nichts vorschreiben kann, Lin. Die Entscheidung liegt schließlich bei dir."

Linda lächelte ihre Freundin an. Es berührte sie sehr, dass Annie sich so um sie sorgte. "Selbst wenn es klappen sollte.", meinte sie zum Spaß. "Ich glaube nicht, dass alte Frauen mit einer Kinderschar im Handgepäck bei Männern sehr gefragt sind."

Annie verdrehte die Augen. "Lin, du bist doch nicht alt!"
Sie wollte gerade fortfahren, als eine tiefe, angenehme Stimme neben ihr erklang.

"Ich muss ihrer Freundin zustimmen, Signora. Sie sind eindeutig viel zu früh dran, um sich selbst als "alt" zu bezeichnen. Jede Frau ist wie eine Weintraube. Je reifer die Frucht, desto süßer der Wein."

Niemand hatte ihn kommen sehen. Aber als Linda ihren Kopf nach rechts drehte, stand er wirklich vor ihr. Die dunklen Locken fielen ihm lässig in die Stirn, das breite Grinsen bot Aussicht auf zwei Reihen strahlend weißer Zähne und erreichte ein Paar schokoladiger Augen, die geradewegs in ihre blickten und wie immer, wenn sie in diese Augen sah, war ihr, als könnte Emilio geradewegs in ihre Seele blicken.

"Darf ich ihre Bestellung aufnehmen, Signora?" Die Zähne blitzten.

Linda war ein wenig paralysiert, weshalb ihr das Antworten kurzzeitig schwer fiel. "Bi...bitte?"

Etwas Schweres traf sie am Schienbein. Annie knurrte leise und der Tritt zurück in die Wirklichkeit tat endlich seine Wirkung.

"Ein Kaffee Latte mit extra Sahne bitte!" Linda grinste.

"Ihr Wunsch ist mir Befehl! Darf es sonst noch etwas sein?" Emilio grinste zurück.

"Nein, das war es soweit", meinte Linda immer noch grinsend.

"Naja, fast.. Ein Stück Apfelkuchen bitte noch. Sie wissen schon, den mit den Sträuseln drauf, der da vorne so schön in der Theke steht. Und daneben bitte einen Klecks Sahne. Und wenn wir schon dabei sind, mein Tee ist leer. Ich hätte gern ein Kännchen Roibusch-Vanille." Annie lehnte sich zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. "Das war alles, danke!"

Emilio wirkte zuerst leicht irritiert, fing sich dann aber wieder und zauberte sein strahlendes Lächeln zurück auf sein Gesicht. "Wie sie wünschen, Signora."

"Bis gleich!", meinte er noch zu Linda gewandt, drehte sich um und lief mit schnellen, eleganten Schritten davon.

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