Kapitel 4 - Orange

4. Orange

„Was ist denn hier los?"

Dennis kam herein, bewegte sich erst weitläufig im Atelier, ehe er vor mir stehen blieb. Wohl oder übel musste ich nun meine Augen öffnen und stellte mich schon mental auf das helle Licht und die Tatsache, gleich aufstehen zu müssen, ein. Langsam und zögerlich öffnete ich sie und erschrack beinahe, als ich sah, dass Dennis' Gesicht nur wenige Zentimeter über dem meinen schwebte. Für einen Moment blickten wir uns nur in die Augen. Seine Augen waren ein Gemisch aus braun und grün.

Manchmal sahen sie mehr nach einem dunklen Braun aus, meistens wenn er seiner Beute auflauerte und Lust sich in seinen Augen wiederspiegelte, was keine Seltenheit war. Dennis war wohl die Verkörperung des Begriffs der Geilheit. In vielerlei Hinsicht.

Das Grün hingegen, das jetzt viel mehr heraustrat, wirkte viel kälter. Herabschauend. Dass die Augen, der Spiegel der Seele sind, ließ sich am Beispiel von Dennis nur bestätigen, denn sie drückten alles aus, was ihn ausmachte. Geilheit und Arroganz.

Ich schaute ihn weiterhin an, während sich auf seiner Stirn langsam Falten bildeten. Sorgenfalten? Ne, Dennis machte sich um niemanden Sorgen, außer um sich selbst. Aber um noch mal auf Nummer sicher zu gehen, durchbrach ich das Schweigen:

„Hi."

„Du bist doch bescheuert."

Er richtete sich ein wenig auf, blieb aber neben mir hocken und sah sich um. Ich folgte seinem Blick und schaute mich ebenfalls um. Vom Boden aus gesehen, wirkte das Chaos gar nicht mal so groß. Vielleicht sollte ich ihm anbieten, sich zu mir zu legen, dann würde er auch erkennen, dass da nicht viel dabei war. Die Wahrscheinlichkeit, dass er mich für diese Frage schlagen würde, war allerdings um einiges höher.

„Vollziehst du eine Metamorphose zur Leinwand oder was hast du auf dem Boden zu suchen?"

„Eine Leinwand liegt für gewöhnlich nicht auf dem Boden."

„Ein Mensch liegt für gewöhnlich auch nicht in und zwischen Farbe und Pinseln."

„Touché."

Ihm entkam ein Seufzen, dann sah er wieder zu mir herab. Kopfschüttelnd richtete er sich auf und hielt mir seine Hand entgegen.

„Komm, steh auf."

Gerade als ich mich ein wenig aufrichtete und seine Hand nehmen wollte, zog er seine plötzlich zurück. Fragend schaute ich ihn an. Was hatte der denn jetzt für Probleme?

„Lass mal. Deine Hände sind voll mit Farbe. Hab keine Lust noch mehr abzubekommen." Er schüttelt sich kurz und betrachtet seine Schuhe, das Gesicht schmerzlich verziehend.

„Siehst du, meine Schuhe sind schon hin."

Noch immer auf dem Boden sitzend begutachtete ich seine Schuhe. Er übertrieb. Maßlos. Da hing nur ein wenig Farbe am Rand seiner Sohle.

„Das wirst du überleben, Schatz", erwiderte ich und stand auf, die Arme ausbreitend und im Begriff ihn zu umarmen. Schnell suchte er ein paar Meter Abstand.

„Alter, mach keinen Scheiß. Geh duschen und zieh dir was Sauberes an. Dann können wir auch gleich los."

„Haben wir etwas vor?", fragte ich ihn verwundert und kramte im Hinterstübchen, ob da irgendwas Bestimmtes gewesen war, das ich wohlmöglich vergessen hatte.

„Ja, sonst wäre ich wohl kaum hier."

„Mann, heute sind wir ja mal wieder die Nettigkeit in Person. Und was hast du vor?"

„Du brauchst mal wieder ein wenig frische Luft", antwortete er und deutete mit ausgebreiteten Armen auf meine Kulisse bestehend aus verschütteten Farben, quer durch den Raum verteilten Pinsel und eine auf dem Boden liegende Staffelei mit Leinwand.

„Du übertreibst mal wieder maßlos."

Ich wollte gerade Einspruch erheben, da er ja offensichtlich der große Übertreiber von uns beiden war, als er fortffuhr.

„Roman, du weißt, ich liebe dich und du weißt, dass ich dich für das alles ziemlich bewundere."

Ach echt?

„Aber du treibst es mal wieder zu weit. Erstens bist du nie erreichbar. Wofür hast du Horst bitte ein Handy? Zweitens haben wir alle dich seit fast zwei Wochen nicht mehr gesehen, ich meine, Ausstellung hin oder her, aber wir haben uns hin und wieder gefragt, ob du noch lebst. Und drittens gibst du uns gerade echt Anlass zur Sorge, weil du mal wieder ein nervliches Wrack bist. Wie oft willst du dein Atelier noch halb zerstören? Wann ist die beschissene Ausstellung?"

Er rieb sich am Ende seines Vortrags die Schläfe, sah mich jedoch weiter starr an.

„Das waren keine zehn Tage und außerdem ist das jetzt nicht fair, gestern warst du zum Beispiel nicht da und die anderen auch nicht, da war ich im Vibe und-"

„Du weißt, dass ich so gut wie jeden Samstag arbeite. Und die anderen hättest du anrufen können. Leonard hätte sicher nicht nein gesagt, also hör auf dich rauszureden und antworte."

Ich ergab mich mit einem Seufzen.

„Samstag in zwei Wochen."

„Und was versuchst du dann noch zu schaffen? Ich meine das wirklich nicht böse, Roman, aber du musst echt mal wieder eine Pause machen. Du zwingst dich doch nur noch. Für was? Du hast doch schon alles fertig oder? Glaubst du wirklich, dass du bis dahin noch ein derartiges Meisterwerk schaffst? Schau dich doch um. Das grenzt doch an Wahnsinn."

„Wow, danke..."

Ich wollte ihn nicht weiter ansehen, deswegen wandte ich mich von ihm ab. Was verstand der denn bitte davon? Er hatte doch keine Ahnung, die hatten alle keine Ahnung.

Stur ging ich die Treppe nach unten, auch wenn Dennis mir ein wenig die Lust, auszugehen, verdorben hatte. Er folgte mir und ging schließlich Richtung Wohnzimmer, als ich das Badezimmer betrat. Kaum dass ich drin war, zog ich mich auch schon aus und ließ die Kleidung achtlos an Ort und Stelle zu Boden gleiten. Die weißen Fliesen würden sich bestimmt verfärben, wenn ich die nasse Farbe nicht wegwischen würde, aber das war mir eigentlich egal. Viel mehr beschäftigte mich das, was Dennis gesagt hatte.

Ich drehte das heiße Wasser auf und stieg in die Dusche. Das Wasser prasselte auf mich nieder, doch bekam ich den Kopf einfach nicht frei. Natürlich war es derzeit ziemlich stressig und vielleicht arbeitete ich doch ein wenig zu viel, aber von Dennis gesagt zu bekommen, dass man einen Gang zurückschalten solle, fühlte sich einfach nur falsch an. Was heißt das überhaupt? Es war zwar viel geworden, aber ich hatte mich nicht völlig überarbeitet. Oder?

Ich war schon immer recht aufbrausend gewesen, insbesondere, wenn etwas nicht so gelang, wie ich es wollte aber das hieß nicht, dass ich ein „nervliches Wrack" war. Oder?

Nein.

Ich liebe das Malen.

Nein, ich lebe das Malen.

Aber das verstand er nicht, das verstand keiner von ihnen. Aber eigentlich wollte ich ihnen das auch nicht zum Vorwurf machen. Ich liebte sie alle. Und eigentlich war es doch ganz süß, dass sie sich sorgten. Vielleicht war ich jetzt auch ein wenig unfair Dennis gegenüber gewesen, schließlich kam er extra vorbei, um mich abzuholen, damit wir wieder etwas unternehmen können...

Das Problem war nur, dass er mir diesen Ausraster von heute, wie die anderen, wieder eine Weile vorhalten wird.

„Ist halt nicht jeder so unfehlbar wie er", dachte ich zynisch, musste dabei allerdings auch schmunzeln und begann mich endlich zu waschen.

Leben und Malen ließ sich bei mir nicht einfach voneinander trennen. Ich brauchte es. Ich musste es tun. Und egal worin es endete, wenn ich malte, dann fühlte ich mich völlig lebendig. Es gab mir das, was ich sonst nicht hatte. Diese Gewissheit am Leben zu sein. Die Leidenschaft zu leben. Und da das Leben nicht starr war, blieb auch das Malen nicht starr. Wenn ich malte, dann malte ich alles. All meine Gefühle, meine Gedanken. Und wenn mich etwas wütend machte, dann machte es mich nun mal wütend. Aber das war gut so. Das war mein Ventil. Wenn ich das Malen nicht hätte, dann wäre ich ein „nervliches Wrack."

Oder?

Ich spülte den Schaum von meinem Körper und aus meinen Haaren, ehe ich aus der Dusche stieg und nach dem blauen Frotteehandtuch griff, um mich abzutrocknen. Dieses wickelte ich schließlich kurzerhand um meine Hüfte und verließ das Bad. Auf meinem Bett sitzend wartete Dennis bereits auf mich.

Mit einem schelmischen Grinsen blickte er mich an.

„Das hat ja gedauert. Du hättest Bescheid sagen sollen, dass du dir einen runterholst, dann wär ich mitgekommen."

Mit diesen Worten stand er auf und ging- noch immer grinsend - zu mir. Nun musste ich auch anfangen zu Grinsen. Meine schlechte Laune iwar wie weggeblasen - den hab ich nun wirklich nicht beabsichtigt -, denn es schien, dass zwischen uns noch alles gut war. Gott, falls es einen gab, sei Dank, denn ich hätte mich deswegen nun wirklich nicht mit Dennis zerstreiten wollen.

„Bin mir aber nicht so sicher, ob ich dann auch gekommen wäre", erwiderte ich trocken.

„Also ich kann mich noch recht gut erinnern, wie du bei mir kommst."

Er drückte mir kurz und fest seine Lippen auf meine, entfernte sich allerdings wieder von mir, ehe ich seinen Kuss erwidern konnte.

„Und jetzt zieh dich an. Wir sind spät dran."

„Also in meiner Erinnerung hab ich das sonst immer gesagt."

Damit ging ich schnell zum Schrank, um mich einerseits endlich anzuziehen und andererseits aus Dennis' Reichweite herauszukommen, um in Sicherheit von eventuellen Schlägen zu sein.

Dennis und ich kannten uns nun schon seit fast fünf Jahren. Was mit ein paar unverbindlichen Ficks begonnen hatte, hatte sich zu einer guten Freundschaft entwickelt. Allerdings hatten wir keinen Sex mehr seitdem wir uns so gut miteinander angefreundet haben. Nicht, dass ich ihn nicht heiß fand. Er sah verdammt heiß aus! Allerdings war ich auf der Suche nach etwas Festem, während er am liebsten so viele verschiedene Männer haben wollte, wie nur eben möglich und dabei würden wir uns nur im Weg stehen, wenn wir das Verhältnis weiter geführt hätten. Nichtsdestotrotz kam es vor, dass wir uns manchmal zusammen in seinem oder meinem Bett wiederfanden. Wobei es bei uns dort nie über Küssen und Fummeln hinausging, da ich das meistens unterband mit dem von Dennis eben genanntem Satz oder damit, dass ich vorgab, müde zu sein.

Natürlich, machte ich das mit einer großen Portion Schalk im Nacken, denn damit gab ich Dennis quasi einen Korb. Was sehr amüsant war. Denn Dennis' Ego war zwar groß, bot jedoch auch dadurch eine große Angriffsfläche. Allein der Hauch einer Abfuhr konnte ihn innerlich zum Rasen bringen. Aber natürlich zeigte er das nicht. Schließlich war er perfekt. Nein, das war er wirklich.

Während ich mich anzog - eine schwarze, recht enggeschnittene Hose und ein dunkelblaues Hemd, welches mir sehr schmeichelte - beobachtete ich Dennis durch den Spiegel. Er saß mittlerweile wieder auf meinem Bett und schaute ein wenig durch das Zimmer. Hin und wieder auf meinen Arsch. Und schließlich in mein Gesicht. Beziehungsweise in das Gesicht meines Spiegelbildes.

„Da fällt mir wieder ein, wer hat heute eigentlich bei dir übernachtet?"

„Huh?"

Für einen Moment stockte meine Bewegung und meine Hand verharrte in meinem Haar, das ich gerade versucht hatte, zu bändigen. Woher wusste er denn das?

„Auf der Couch liegt Bettzeug", antwortete er als kenne er meine Frage. Stimmt, ich hatte die noch gar nicht weggeräumt.

Wieso reagierte ich überhaupt so bescheuert? Aus irgendeinem Grund wollte ich nicht mit ihm über Gero reden. Dabei redeten wir sonst über alles und sei es der kranke, masochistische Twink, der Dennis wollte und den Dennis wollte, wobei besagter Twink erst ein neues Intimpiercing bekommen hatte. Weitere Details ersparte ich mir für den Rückblick, denn es war schlimm genug, dass ich diese Geschichte kannte.

„Ach Julian hatte Stress mit unseren Eltern, deswegen hatte er keinen Bock mehr rüber zu gehen", log ich schließlich.

Indirekt war es auch Julians Schuld gewesen, denn wenn ich ihn nicht wegfahren müsste, hätte ich wohl die Nacht durchgemalt und keinen Chucks-tragenden, 17 Jahre alten Abiturienten mit schwarzgefärbten Haaren, der gerne grünen Tee trinkt und mich intellektuell um Längen schlug, da er Mathe konnte und ich eben nicht, von der Straße aufgegabelt, nachdem ich ihn beinahe überfahren hatte.

Die Tatsache, dass er geweint hatte, versuchte ich so gut wie möglich auszublenden, zu verdrängen. Ich hatte einfach nicht gewusst, was ich tun soll. Ein heftiges Ziehen breitete sich in meiner Magengegend aus. Scheiße, was soll denn das jetzt? Gewissen, bitte, nicht jetzt. Ich verschränkte meine Arme vor meinen Körper und atmete tief durch.

„Alles okay?" Dennis wandte sich mit gerunzelter Stirn mir zu und legt eine Hand auf meine Schulter.

„Jaja. Alles gut." Ich mühte mir ein Lächeln ab. „Hab nur seit dem Frühstück nichts mehr gegessen und mein Magen rächt sich jetzt."

Seufzend fuhr er mit seiner Hand von meiner Schulter zu meinem Nacken und ein wenig durch die Haare. Streichelte mich ein wenig.

„Du bist ein vollkommener Idiot."

Immerhin bin war ich ein perfekter Idiot.

„Dann lass uns, bevor wir zu Paul gehen, noch irgendwas essen. Was magst du denn?"

„Ach wir gehen zu Paul? Dann sollte ich echt noch etwas essen, sonst bin ich nach dem ersten Drink breit."

„Eben darum. Lass uns Pizza essen gehen. Marios liegt ja auf dem Weg."

Nickend stimmte ich ihm zu und schaute mich ein letztes Mal im Spiegel an, beschloss, meine Haare heute offen zu tragen.

Und nachdem ich meine Schuhe und Jacke angezogen hatten, fuhren wir auch schon mit seinem Auto los.

***

Mit gefülltem Magen machten wir uns dann zu Fuß auf den Weg zur Tiny Pink Bar von Paul. Von den meisten schlicht Pink genannt, denn pink war genau das, was Paul am besten beschrieb. Genauso wie plüschig. Oder putzig. Generell passten viele Wörter mit P perfekt auf Paul.

Wir betraten die Bar, in der allerdings noch nicht viel los war. Das hing allerdings damit zusammen, dass es noch sehr früh war. In der Ecke saßen allerdings schon ein paar Leute auf den weißen Ledercouches, ebenso wie an den kleinen Tischchen hatten sich ein paar Personen zusammengefunden. Sie unterhiellten sich, lachten ein wenig. Die Musik, zumeist Hits aus den 80ern und 90ern, übermalten die Wörter, sodass nur die Stimmen zu hören sind, nicht die Worte, die gesagt wurden. Alles in allem ergab es eine angenehme und entspannte, wenn auch ein wenig peinliche Atmosphäre mit den Klängen von ‚I was born to love you' von Freddie Mercury. Im Rhythmus ein wenig tänzelnd stand Paul hinter der Theke, gerade am Einschenken von einem Getränk. Schmunzelnd gingen wir auf den Tresen zu. Er liebte Freddie Mercury.  Wobei vergöttern traf es wohl eher.

„Hallo, ihr Süßen!", begrüßte er uns sogleich trällernd. „Schön, dass ihr da seid. Ihr trinkt doch bestimmt beide einen Paulchens Panther, oder?"

Ebenso originell war auch der Name des mutmaßlichen Cocktail des Hauses. Paul war überaus stolz auf seine Kreation und dessen Name, allerdings war das rosafarbene Teufelsgebräu zu viel für mich. Die extreme Süße und der extreme Erdbeergeschmack, der das Hochprozentige derart überdeckte, sorgten dafür, dass man sich den Kopf in Null Komma nix wegschoss. Es war pures Gift für mein Hirn. Zwei Gläser dieses Gemisches und man fand mich nackt tanzend unter einer Straßenlaterne, vielleicht auch mit einem Schirm (obwohl es nicht regnet und dessen Herkunft ungeklärt und völlig irrelevant für die Szenerie ist), willig mit jedem mitzugehen und mich von jedem flachlegen zu lassen. Nicht, dass sowas oder ähnliches schon passiert war.

„Nein, danke, ich verzichte", antwortete ich mit einem leichten Grinsen auf den Lippen.

Dennis schloss sich kopfschüttelnd meiner Ablehnung an.

„Aber ein Bier nehmen wir beide gern."

„Alles klar." Er ging zum Kühlschrank und holte uns beiden eine Flasche heraus. Als er sie uns hinstellte, hielt er meine allerdings noch fest. Ich schaute fragend zu ihm auf. „Alles gut bei dir?"

„Alles gut." Ich lächelte ihm beruhigend zu. „Und bei dir?"

„Na immer." Er lachte, ließ schließlich die Flasche los und sang den letzten Refrain mit. Kopfschüttelnd nippte ich an der Flasche und blickte mich ein wenig, mehr oder weniger anwesend, in der Bar um, bis mich jemand neben mir ansprach.

„Roman! Schön dich mal wieder zu sehen!" Leonard und Tim waren dazu gekommen und grinsten gleichermaßen breit.

„Hey", begrüßte ich sie schlicht, aber ich freute mich wirklich sie zu sehen. Obwohl das letzte Mal wirklich nur ein paar Tage her war, hatten sie mir ein wenig gefehlt, bemerkte ich jetzt. Sie strahlten einfach beide so eine positive Energie aus.

„Wie hast du ihn denn hierher bringen können? Hast du ihn aus seinem Atelier geprügelt?", fragte Leonard nun Dennis.

„Du weißt doch, dass mir niemand widerstehen kann. Er ist mir nachgelaufen wie ein Hündchen."

„Also dieser Vergleich hinkt dann doch sehr, dann müsste ich dich ja mögen", neckte ich ihn und nahm einen weiteren Schluck.

„Und außerdem müsstest du dann seinem Arsch hinterherlaufen, das ist doch wohl eher andersrum", fügte Leonard hinzu.

Für einen Moment musste ich aufhören zu trinken, um nicht wieder alles auszuspucken.

„Jetzt passt gar nichts mehr. Dann müsste Dennis doch Leonards Hund sein, schließlich läuft er ja seinem Arsch hinterher", ergänzte schließlich auch Tim.

Nun konnte ich mich aber wirklich nicht halten und lachte laut auf.

Ironischerweise knurrte Dennis weniger amüsiert zurück: „Als würde ich diesen Arsch wollen!"

„Welchen Arsch? Leonard oder Leonards Arsch?"

„Vergesst es einfach, okay?" Schwer seufzend ergab er sich; Tim, Leonard und ich grinsten uns derweil nur zu.

Dann wendete ich mich allerdings wieder meinem Bier zu. Es tat gut hier zu sein, ich konnte Dennis nun wirklich nicht mehr wegen der Auseinandersetzung sauer sein. Vielmehr sollte ich ihm dankbar sein. Kaum aus der Wohnung, aus dem Atelier, raus, merkte ich, wie gut es mir in der Anwesenheit meiner Freunde ging. Jede Zelle meines Körpers schien, sich zu entspannen.

Zufrieden trank ich einen weiteren Schluck des kühlen Bieres. Spürte, wie es mich erfrischte, während es meinem Hals langsam hinabfloß. Lauschte den Klängen des nächsten Liedes, das nur im Hintergrund und nicht zu aufdringlich vor sich hin plätscherte. Beobachtete Paul, wie er gerade dabei war, einem seiner Kellner Anweisungen zu geben, etwas aus dem Lager zu holen. Schließlich bemerkte er meinen Blick und wandte sich mir wieder zu.

„Wie gefällt dir eigentlich mein neues Hemd?", fragte er mich sogleich, drehte sich ein wenig, damit ich jede Seite dabei ausführlich begutachten konnte. Er strahlte förmlich in diesem Hemd. Das Orange war kräftig und satt, die Ärmel weit und nahezu pompös. Der größte Hingucker stellte der tiefe Ausschnitt des Hemdes dar, der mit vielen goldenen Pailletten, die bei jeder kleinen Bewegung durch das Licht begannen zu glitzern, verziert war.

Trotz seiner roten Haare biss sich das Hemd überhaupt nicht mit seinem Typ. Nein, vielmehr unterstrich es ihn noch mehr. Es passte einfach perfekt zu ihm. Wärme und Lebensfreude, das war das, was dieses Orange und das Gold ausstrahlte und das ist auch genau das, was Paul ausmachte. Man könnte meinen, er sei die Sonne. Nein, er ist die Sonne.

„Es steht dir ausgezeichnet", antwortete ich ihm lächelnd. Er quietschte leise vor Freude und stellte sich direkt vor mich.

„Danke, du weißt, deine Meinung ist mir enorm wichtig", säuselte er und legte seine Hände auf meine, die noch immer die Flasche Bier umschlingen.

„Aber erzähl mal, wie ist es dir die letzten Tage so ergangen? Wir haben so wenig von dir gehört und hatten schon Angst, dass du dich wieder in etwas verrennst."

Seufzend nahm ich meine Hände von der Flasche und legte sie in meinen Schoß, dachte über die letzten Tage nach, kam jedoch bei der gestrigen Nacht ins Stocken. Wieder verspürte ich ein heißes Ziehen im Magen, wenn ich an Gero dachte. Irgendwie schaffte ich es nicht, sein verweintes Gesicht zu vergessen, die zuckenden Bewegungen an meiner Brust, immer wenn er geschluchzt hatte. Trotz dass er heute früh nicht mehr so verstört gewirkt hatte, fühlte ich mich schlecht. Verdammt, ich habe den Jungen beinahe überfahren. Was ist, wenn er darüber doch nicht so hinweg gekommen war, wie er heute Morgen oberflächlich gewirkt hatte? Wenn das alles nur so eine Farce gewesen ist?

Ich sah mich wieder vor der Leinwand von heute Mittag stehen, starrend auf die blassblaue Mitte. Die Farbe war so fahl, unpassend zu den Farben darum runterherum.


Bleich.

Leer.

Unvollkommen.

Unvollständig.

Mich überfiel erneut diese Rage, die ich heute Mittag erfahren hatte. Die mich dazu gebracht hatte, die Pinsel zur Seite zu werfen. Die mich dazu gebracht hatte, den großen Tisch, auf dem ich Gläser mit Pinseln, meine Farben, Schalen und Schwämme, Spachteln liegen habe, zur Seite zu stoßen und alles, was darauf stand, auf dem Boden zu verteilen. Die mich dazu gebracht hatte, die Leinwand zu Boden schmeißen, den Rahmen zu zertreten, das Tuch der Leinwand zu zerreißen. Die mich wutentbrannt schreien lassen hatte, jeden Muskel in mir zum Zittern gebracht hatte.

Die Farben hatten sich überall verteilt, auf mir, auf den Boden, an den Wänden.

Bis ich mich schließlich auf dem Boden wieder gefunden hatte. Inmitten des Chaos. Inmitten der Ausgeburt meines Innerem. Meines schlechten Gewissens. Meiner Unzufriedenheit. Meiner Unvollkommenheit.

Ich blickte auf zu Paul, der mittlerweile mit besorgter Miene neben mir stand und mich anschaute, ebenso die anderen standen rings um mich herum und sahen mich an.

„Roman, alles okay?", fragte Tim leise.

Leicht nickend stand ich auf.

„Ja", sagte ich schließlich. „Ich bin vielleicht doch etwas erschöpft, ich glaube, ich geh doch schon Heim und ruhe mich etwas aus."

Dennis beobachtete mich aus seinen forschenden Augen, nickte jedoch schließlich.

„Aber melde dich. Ich komm die Tage nochmal vorbei, okay?"

Abermals nickte ich, verabschiedete mich kurz von den vieren und ging dann zur Tür. Das altmodische Glöckchen an ihrem Rahmen klingelte, als ich die Tür öffnete und die Bar verließ. Sanfter, milder Frühlingswind strömte mir entgegen und ich ging zu Fuß nachhause, da ich mit Dennis und seinem Auto hierhergekommen war.

Allerdings wollte ich das auch so.

Die Bewegung und die frische Luft taten mir gut. Ließen das Blut in meinem Körper besser zirkulieren. Sorgten dafür, dass ich meine Gedanken freier entfalten konnte. Sorgten dafür, dass ich mir über einiges mehr klar wurde.

Meine Beine trugen mich weiter und weiter und langsam hatte ich die Stadt verlassen. Ich wusste nicht, wie lange ich schon durch die Gegend lief, wie viele Kilometer ich jetzt schon bereits hinter mir gelassen hatte. Sah durch die Dunkelheit auch nicht viel von dem Weg, den ich gerade gehe.

Spürte nur den unebenen Feldweg, hörte das Knirschen der kleinen Steine unter meinen Schuhen, den Wind, der über die Felder zog. Bis ich schließlich mein Ziel erreicht hatte.

Am Wegesrand, eine kleine und schon alte Bank. Meine Finger glitten über das schon leicht verkommene Holz, fuhren über die vielen kleinen Fugen und Einkerbungen, nachdem ich mich gesetzt hatte.

Vor mir sah ich das Nichts. Nur die Dunkelheit, die die Felder, den Weg, die Bäume, den angrenzenden Wald, durch ihren Mantel verdeckt und vor mir versteckt. Doch als ich den Kopf in den Nacken legte und in den Himmel blict, dann sehe ich die Unendlichkeit. Abertausende Sterne, die vom Himmel zu mir herunter strahlen. Für einen Moment stockt mir der Atem bei diesem Anblick.

Ich schaffte es gar nicht mehr, meine Augen davon abzuwenden. Es war so als würden meine Gedanken nun direkt vor mir ausgebreitet sein. Die ganzen Lasten von meinen Schultern weichen.


Sie hatten alle Recht. Es iwar zu viel.

Ich musst damit aufhören.

Ich hatte doch heute wieder genau erfahren, wie es mir im Moment damit ging.

Ich fühlte mich nur noch eingeengt. Eingesperrt.

Im Atelier.

Vor der Leinwand.

Von den Farben.

Von mir selbst.

Ich konnte so nicht mehr weitermachen.

Der Drang zerstörte mich.

Nein, es war ein Zwang geworden.

Der Zwang zum Malen machte mich zu einem Wrack.

Ich hatte mich geirrt. Ich hatte nicht frei gelebt. War nicht frei gewesen, wenn ich gemalt hatte. Vielmehr hatte ich mich selbst durch das Malen eingeschlossen. Mich mir selbst gegenüber versklavt. Gemalt um des Malens Willen. Und damit eingesperrt. In meinen Gedanken, in meiner Welt. Immer. Bis sie durch eine fehlende Kleinigkeit ins Wanken gekommen ist und zu Boden gefallen ist, gesplittert in tausend Teile. Wie aus Glas. Die Kleinigkeit, die nur ein fehlendes Teil in mir darstellte. Die der Schlüssel der Ketten war.

Der das Unperfekte endlich perfekt machte.

Und erst wenn ich das gefunden hatte, konnte ich weitermachen. Erst dann wird mich die Kunst wieder erfüllen können, mich frei machen.

Erst dann werde ich wieder malen.



Am Horizont sind die ersten Lichtstrahlen der aufgehenden Sonne zu sehen. Sie tränken den Himmel in ein zartes Orange.

Ich habe selten ein traurigeres Orange gesehen.



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beta
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