Kapitel 5


Glaubst du an Schicksal?

Jesse


Es ist Ende November, als der Brief mit dem unübersehbaren Universitäts-Emblem im sonst gähnend leeren Briefkasten liegt. Es ist Ende November und seit Tagen hört es gar nicht mehr auf zu regnen. Eine unbestimmte Melancholie hat ihn in den letzten Stunden befallen und das Erste,  woran er denkt, als er den Brief sieht ist: Exmatrikulation. In seinem ersten Semester an der University of New York hat er einmal fälschlicherweise einen solchen Brief bekommen, seit dem lässt ihn  der Gedanke nicht mehr los, obwohl er weiß, dass dem nicht sein kann. Langsam entnimmt er dem Briefkasten das Stück Papier und sieht dabei, dass es an Cassie adressiert ist, an wen auch sonst. Das werden wohl ihre Ergebnisse sein. Sie wartet schon gespannt darauf und sitzt wie auf glühenden Kohlen. Ohne zu wissen weshalb, dreht er sich noch einmal um, betrachtet das auf die Erde nieder fallende Wasser, bevor er mit dem Brief in der Hand die Treppen nach oben in ihre Wohnung geht. An der Wohnungstür angelangt, denkt er darüber nach, welches beruhigende Gefühl es ist, bei einem solchen Wetter in der trockenen Wohnung sitzen zu können und große, braune Augen schieben sich ihm in den Sinn. Er schüttelt, wie so oft in den vergangenen Tagen, über sich selbst den Kopf und seine ihm entgegen laufende Freundin sieht ihn verwirrt an, als er die Wohnung betritt.

Sie schaut erst zu ihm und dann zu dem Brief in seinen Händen. Auch sie scheint sofort das Emblem der Universität zu erkennen und hält sogleich den Atem an. Er kann sie gut verstehen, von diesen Zeilen hängt wohl ihre gesamte Zukunft ab, es muss ein unsagbar furchtbares Gefühl sein. Er bemüht sich, sie ermutigend anzulächeln, glaubt aber nicht so recht daran, dass es funktioniert hat. Als er ihr den Brief übergibt, sieht er ihr direkt ins Gesicht und versucht sich auf ihre tief blauen Augen zu konzentrieren. Es will nicht wirklich funktionieren. Was ist bloß los mit ihm?

Mit zittriger Hand nimmt sie ihn entgegen. Er wünschte, er könnte ihr helfen, denn von der Selbstsicherheit die sie sonst ihr Eigen nennt, ist nichts mehr zu sehen, doch da muss sie jetzt nun einmal durch. Außerdem, wenn er ganz ehrlich ist, kann er sich wirklich nicht vorstellen, dass sie es nicht geschafft hat. Sie hat sich auf alles bestens vorbereitet, um ihren Traum zum Beruf zu machen und, mit Verlaub, wenn Cassie etwas will, dann bekommt sie es auch. Da ist er sich hundertprozentig sicher. Nun ja und wer Jesse kennt, der weiß, er ist sich nicht bei vielen Dingen so sicher. Obgleich er ausgerechnet in den letzten Tagen diese Tatsache über Bord geworfen hat. Denn es gibt noch etwas, bei dem er sich zu hundert Prozent sicher ist und dieses Etwas ist es, weshalb ein kleiner silberner Ring mit einem hübschen, aber zugegeben wirklich überteuerten Swarovski-Stein in der Tasche seines Jacketts ruht.

Cassies meerblaue Augen suchen seinen Blick, als er ihr ermutigend zunickt, während sie den Brief in ihren Händen nervös knetet. Wenn sie so weiter macht, bezweifle er sehr stark, dass er gleich noch besonders gut zu lesen sein wird.

„Hey, wovor hast du eigentlich Angst? Es kann doch gar nichts Negatives in dem Brief stehen, oder hab’ ich irgendwas verpasst?“, schenke er ihr erneut ein Lächeln und versuche sie dazu zu bringen, den Brief zu öffnen.

„Ja, klar … Ich wollte ja auch nur Spannung aufbauen“, erwidert sie mit einem gequält klingenden Lachen und wirkt dabei alles andere, als überzeugt.

„Ach so, na dann, los geht’s!“, mit diesen Worten geht er auf sie zu, legt seine Hände von hinten an ihre Schultern und deutet ihr mit einer leichten Geste an, mit dem Öffnen des Kuverts zu beginnen. Und genau das tut sie dann auch, wenn ihre Hände auch stark zittern. Erst will es nicht so recht gelingen, der Brief reißt an einer Ecke ein und er kann ihr genervtes Aufstöhnen an seinem Ohr allzu deutlich vernehmen, doch gleich fängt sie sich wieder, atmet einmal tief durch und öffnet ihn mit einem Ruck. Dann zieht sie vorsichtig ein lädiertes – genau so, wie er es erwartet hatte - Stück Papier hervor. Sie faltet es auf und ihre langen, braunen Locken verdecken ihm die Sicht, auf das Geschriebene. Dennoch erkennt er, dass sie mit dem Zeigefinger einen Satz des Geschriebenen nachfährt, so als könne sie es nicht glauben und ihm kommt der beängstigende Gedanke, dass sie es vielleicht doch nicht geschafft hat. Dass sie die Masterarbeit vor Nervosität vielleicht versaut hat, doch dann reißt ihn ein freudiger Aufschrei aus seinen Gedanken, sie dreht sich zu ihm um und im nächsten Augenblick liegen ihre Lippen auf dem seinen und er spürt einen wohligen Schauer über seinen Rücken laufen. Ihm wird mit einem Mal klar, dass hier und jetzt genau der richtige Moment ist.

Er löst ihren Kuss und tritt einen Schritt zurück. Als er sich vor ihr auf die Knie sinken lässt, werden ihre Augen groß und er kann deutlich sehen, wie ihre Lippen beben. Dabei ist er es doch, dessen Herz bis zum Hals schlägt. Für den Bruchteil einer Sekunde fürchtet er, kein Wort heraus zubringen, doch nach einen weiteren Blick in Cassies, nun vor Aufregung und Vorfreude glänzenden Augen, löst sich der Kloß in seinem Hals langsam wieder. Fast zögerlich nimmt er den Ring aus seiner Tasche, er wird nun von seiner Faust umschlossen, holt noch einmal tief Luft und beginnt:

„Cassandra Hastings, ich würde gerne sagen wir kennen uns schon ewig, die Wahrheit ist, wir sind seit gut sechs Jahren ein Paar. Doch, es fühlt sich immerhin schon an, wie eine kleine Ewigkeit, jedenfalls…“, er kommt raus, verhaspelt sich und streiche sich nervös wie er ist, durch die Haare. Dann lächelt sie ihn vorsichtig an und er setze erneut an:

„Was ich sagen will ist, ich will meine Ewigkeit mit dir verbringen. Ich will, dass es unsere Ewigkeit wird. Deshalb frage ich dich, willst du meine Frau werden?"

Sie wirkt viel ruhiger, als er erwartet hat und er bekommt jetzt doch Angst, sie ‚ könnte Nein’ sagen. Aber dann strahlt sie ihn an, legt ihre zarte Hand auf seine Schulter, beugt sich zu ihm herunter und flüstert ihm mit zarter Stimme ins Ohr:

„Ich liebe dich. Und ja, ich will!“
Er zieht sie ohne zu zögern auf den Parkettboden, umschlingt sie fest mit seinen Armen und gibt ihr, zum ersten Mal als seine Verlobte, einen Kuss auf die Stirn. Sie lehnt ihren Kopf an seine Brust und der gesamte Raum ist von einer, fast magischen, Stille erfüllt. Er schließt seine Augen, genießt den Moment. Selten hat er sich so wohl gefühlt, wie in diesem Augenblick.

„Weißt du, was du jetzt tun solltest?“
„Ehrlich gesagt? Nein, was denn?“
„Es offiziell machen …“
„Was? Unsere Verlobung?“
„Ja, klar. Was sonst?“
„Ehm … Wie meinst du das?“
„Na, wie wäre es zum Beispiel, wenn du mir, nur so ganz symbolisch, den Verlobungsring ansteckst, den du so fest umklammert hältst?“

Ihre Stimme klingt bei diesem Satz zuckersüß und er läuft so rot an, wie eine Tomate. Er kann förmlich spüren, wie seine Wangen heiß werden. So schnell, wie irgend möglich, gleichzeitig darum ringend Contenance zu bewahren, steckt er ihr den silbernen Ring an den Finger. Sie schaut ihn einen Moment versonnen an, dann grinst sie und keine zwei Sekunden später liegen sie lachend am Boden. Scheiße.

„Das war jetzt irgendwie nur halb so romantisch, wie geplant.“
„So, so …das war alles geplant, hmm? Ach, so würde ich das außerdem nicht sagen, … es war schon … sehr romantisch.“
„Danke für die Schadensbegrenzung, Liebling.“
„Dafür nicht mein Schatz, das ist ab heute mein Job.“

Als sie einige Stunden später beim Abendessen sitzen, hat es das erste Mal seit Tagen aufgehört zu regnen. Überhaupt scheint gerade alles viel besser, selbst die Nudeln vom Chinesen an der Ecke schmecken heute noch besser. Und jedes Mal, wenn er Cassie mit einer Berührung nur flüchtig streift, kribbelt seine Haut. Er liebt dieses Gefühl und kann nicht wirklich sagen weshalb, aber irgendwie war es die letzten Monate komplett ausgeblieben. Jetzt ist es wieder zurück und macht ihn schier verrückt, ganz nach Klischee wie Schmetterlinge in seinem Bauch. Sie haben gerade aufgegessen, da erzählt Cassie ihm von einem neuen Club, von dem sie gehört hat und den sie ja so furchtbar gerne einmal besuchen würde. Zudem haben sie heute ja auch wirklich was zu feiern, will sie ihm noch das perfekte Argument liefern, die Uni morgen sausen zu lassen. Zugegeben, es klingt schon sehr verlockend, allerdings schreckt ihn die Gegend ein wenig ab, in der der Club liegt. Es ist zwar nicht so, dass New York heute noch einen berüchtigten Rotlichtbezirk hätte, wie es in den 50’ern der Fall war – jetzt mal von Hunts Point abgesehen -, aber ‚koscher’ ist die Gegend sicher nicht. Neben der Tatsache, dass sein Smart keine Reifen mehr besäße, wenn er ihn dort parken würde – sofern er nicht gleich ganz verschwunden wäre – ist das älteste Gewerbe der Welt dort eben auch hoch im Kurs. Er findet die Gegend jedenfalls nicht sonderlich ansprechend, um seine Verlobung dort zu feiern. Aber er kann Cassie ebenso wenig einen Wunsch abschlagen und außerdem kann es ja auch nicht schaden auszugehen, oder? Also stimmt er ihr zu und sie fällt ihm jauchzend um den Hals, allein dafür hat es sich ja schon gelohnt.

Gute fünf Stunden später, es ist vielleicht Viertel nach elf – also eigentlich viel zu früh zum Feiern, kommen sie gerade vor dem berühmt berüchtigten Club an. ‚Red Crow’.
Er revidiert seine vorherige Aussage, denn es scheint ihm doch nicht mehr zu früh zum Feiern. Die Schlange vor dem Einlass des Clubs ist nämlich so lang, dass es sich nur um Stunden handeln kann, bis sie an der Reihe sind. Die Schlange ist einfach gigantisch und dabei sieht der Club, zumindest von außen, nicht einmal besonders aus. Streng genommen, wirkt er sogar ziemlich schäbig. Ehemals weißer Putz bröckelt von der Hauswand und gibt so den Blick auf alte Backsteine frei. Seine Verlobte scheint dennoch begeistert: „Na, habe ich dir zu viel versprochen?“

Er schüttelt den Kopf, hat sie ihm im Grunde genommen ja überhaupt nichts versprochen, allerdings ist es dennoch viel mehr Zeichen seines Unglaubens als eine Art von Zustimmung. Das scheint sie allerdings nicht zu merken. Stattdessen tritt sie unruhig von einem Bein aufs andere und er ertappt sich dabei, wie er sie während dessen mustert. Sie trägt schwarze, geschnürte High-Heels, mit denen sie seine Einmeterfünfundachtzig fast überragt und er fragt sich, wie man darauf laufen kann, ohne sich dabei gleich beide Beine zu brechen. Aber das wird für ihn wohl eines dieser unerklärlichen Mysterien bleiben. Deshalb wandert sein Blick nun weiter nach oben, ihre schlanken Beine entlang. Sie trägt ein kurz geschnittenes, schwarzes Kleid, das am tiefe Einblicke gewährendem Ausschnitt, mit glitzernden Steinen besetzt ist. Nicht, dass ihm dieser Ausblick nicht gefallen würde, aber er fürchtet anderen Männern geht es da ähnlich und der Gedanke gefällt ihm nicht.

Es vergeht eine weitere halbe Stunde und endlich stehen sie vor dem lang ersehnten Einlass, Gott sei Dank, denn es ist wirklich eisig kalt. Cassie wäre vermutlich wieder einmal längst erfroren, wenn er ihr nicht abermals seine Jacke gegeben hätte, was sich irgendwie einzubürgern scheint. Im Club selbst angekommen, muss er zugeben, dass ihm das Ambiente doch besser gefällt, als er selbst erwartet hätte. Das Licht ist kalt, aber es ist genau die richtige Menge. Die Tanzflächen gehen über zwei Stockwerke, die Musik ist annehmbar und Bar-Theken sind ebenso wie Sitzgelegenheiten auf der ganzen Fläche großzügig verteilt. Nicht schlecht. Aber noch bevor er sich weiter umsehen kann, zieht Cassie ihn auch schon auf die Tanzfläche, wo sie zwei Freundinnen entdeckt zu haben scheint. Tatsächlich sind die beiden ihm sogar bekannt. Die eine ist seine Kommilitonin Brittany, mit der er sich einige Vorlesungen teilt. Die andere heißt, wenn er sich nicht irrt, Alicia. Auch sie kennt er von der Uni, er kann sich aber nicht erinnern in welchem Zusammenhang.

Die drei begrüßen sich mit einer stürmischen Umarmung, er begrüßt die Mädchen mit einem kurzen ‚Hi‘.

Cassie zieht ihn noch näher zu sich, er legt wie selbstverständlich seinen Arm um ihre Taille und sie hält den beiden wortlos ihre rechte Hand entgegen. Sie brauchen einen Augenblick, dann geben sie ein erstauntes „Oh“ und „Ahh“ von sich.

„Ihr werdet heiraten!“, ruft Alicia verzückt aus und umarmt Cassie nochmals. Brittany allerdings schaut zu ihm, nicht zu Cassie und schenkt ihm dann einen undefinierbaren Blick. Er zieht fragend eine Augenbraue in die Höhe, doch sie sieht sofort wieder weg und widmet sich dann hoch konzentriert dem Gespräch ihrer Freundinnen. Er versucht auch gar nicht erst, sie darauf anzusprechen, sondern sieht es lieber gleich positiv. Solange seine Freundin beschäftigt ist, schleppt sie ihn nicht zum Tanzen aufs Parkett. Was ihm eine peinliche Szene erspart, denn er besitzt wirklich null Taktgefühl.

Unzählige Cocktails – wenn ihm heute Nacht noch irgendwo der Duft von Kokosnuss in die Nase steigt, übergibt er sich – und gefühlt ebenso viele Stunden später, beschließen Cassie und er langsam nach Hause zu gehen. Er betont langsam, denn zu viel mehr sind sie beide sowieso nicht mehr in der Lage. Sie verabschieden sich noch kurz von Brittany, die noch andere Bekannte getroffen hat, welche ihm erneut einen komischen Blick schenkt als Cassie ihn bereits wieder weiter fort zieht und suchen noch ebenso kurz nach Alicia. Die sie allerdings nirgendwo entdecken können, weshalb sie verschwinden ohne sich von ihr zu verabschieden.

Zurück auf der Straße schwankt Cassie schon bedenklich, oder ist er das etwa selbst? Jedenfalls haben sie beide wirklich genug Alkohol intus und er streicht den Gedanken, morgen doch noch vielleicht zur Uni zu gehen. Er kann froh sein, wenn ihn der Kater morgen überhaupt aufstehen lässt.

Dieses Mal ist er wirklich dankbar um die schneidend kühle Nacht- oder viel mehr Morgenluft, denn sie macht seinen Kopf gleich wieder etwas freier und bewirkt wahre Wunder. Es ist noch genauso stockdunkel hier draußen – sieht man einmal von ein paar Leuchtreklamen ab-, wie zu dem Zeitpunkt als sie den Club betreten haben, allerdings liegt das wohl vielmehr an der Jahreszeit, als weniger an der Tageszeit. Sie sind schweigend und immer noch leicht wankend auf dem Weg zur U-Bahn-Station, denn abgesehen davon, dass er in seinem Zustand eh kein Auto fahren dürfte, war es ihm doch zu riskant es hierher mitzunehmen, da verzieht Cassie plötzlich unwillig die Mundwinkel. Langsam folgt er ihrem Blick und ihm wird gleich klar, worüber sie so die Nase rümpft.

Da stehen sie in Reih und Glied, junge Mädchen, Frauen und ebenso Männer, die ihren Körper gegen Geld anbieten. Er will Cassie schon am Arm packen und einfach weiter gehen, da sieht er ihn, keine fünf Meter von ihm entfernt. Er hat den Blick gen Boden gerichtet, aber er erkennt ihn sofort. Wieder trägt er nur sein abgetragenes, schwarzes T-Shirt und augenblicklich durchfährt es den Fünfundzwanzigjährigen kalt. Er muss doch regelrecht erfrieren?! Er ist gerade kurz davor, auf ihn zuzugehen, als seine Freundin ihn am Arm packt und seinen Blick in eine andere Richtung zerrt. Eine junge Frau kommt auf sie zu, erst glaubt er, es sei eine der Prostituierten – das Outfit wäre dafür nicht unpassend -, als er sie als eine weitere von Cassies Freundinnen identifiziere.

Sie begrüßt die beiden und sagt irgendetwas, aber er kann dem Gespräch nicht richtig folgen, die ganze Zeit hat er das Verlangen sich wieder umzudrehen.
„Schatz, ich finde das ist eine super Idee. Ziehen wir noch mit Maddison weiter?“, Cassies Frage trifft ihn unvermittelt. Er weiß gar nicht, worum es eigentlich genau geht.

„Was ehm… ja klar, du solltest mitgehen, aber ehm… ich denke ich sollte wirklich ins Bett, du weißt schon …. Morgen habe ich Arzneimittellehre bei Mrs. Duncan, mit der Frau ist echt nicht zu spaßen…“, lallt er sich irgendetwas zusammen, dass nach einer Antwort kling. Cassie wirkt nicht einmal enttäuscht, was ihn irgendwie selbst im betrunkenen Zustand trifft, verabschiedet sich mit einem Kuss und einem  ‚Gute Nacht' von ihm und ist fort. Kurz blickt er noch in die Richtung, in die sie gegangen ist, dann dreht er sich instinktiv um. Der Junge schaut nicht mehr zu Boden, sondern erwidert stur seinen Blick und Jesse geht einen, oder auch zwei Schritte auf ihn zu. Er bleibt stehen, wo er ist. Ihm fällt jetzt, wo er ihn im Licht der Leuchtreklame näher betrachtet, auf, dass sein Haar heute gepflegter wirken, irgendwie frisch gewaschen. Außerdem trägt er starkes Augen Make-Up, das ihn überraschenderweise aber nicht wirklich androgyn wirken lässt. Nur irgendwie noch jünger. Langsam scheint sein Blick ihm unbehaglich zu werden, denn er weicht ihm aus und geht einen Schritt zurück. Trotzdem schaut er ihn weiter an, er weiß nicht einmal genau warum. Es ist wie Neugier, nur viel stärker.

Er glaubt, die gleiche, zerschlissene Jeans zu erkennen, wie bei ihrer letzten Begegnung. Die Knie sind aufgerissen und ein großes Loch in Höhe des Oberschenkels wird von mehreren riesigen Sicherheitsnadeln zusammen gehalten. Eigentlich sieht die gesamte Hose aus, als würde sie nur noch von den Sicherheitsnadeln zusammengehalten werden.

„Was zur Hölle willst du?“, es klingt rebellisch, aber irgendwie zugleich leicht panisch. Als fürchte er, Jesse mustere ihn nur so genau, um ihn im Nachhinein doch noch bei der Polizei anzuschwärzen.

„Mit dir reden…“, kommt es schlicht über seine Lippen und in dem Moment, in dem er es sagt, weiß er, dass es stimmt und dass er es wirklich will. Der Andere schaut ihn an, als sei er völlig verrückt geworden, fragt aber: „Worüber?“

„Glaubst du an Schicksal?“

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