Kapitel 5

Nachdem ich von unserer kleinen Besichtigungstour zurück in meiner Wohnung war, hätte ich am liebsten einen kleinen Freudentanz aufgeführt. Doch ich konnte mich noch so eben zusammenreißen und summte stattdessen nur leise vor mich hin. Allerdings war ich so durchgefroren, dass ich mir ein heißes Bad einließ und meinen Laptop aus meinem Schlafzimmer holte. Ich gab etwas von meinem Badesalz in das Wasser und zündete mir Kerzen an.
Eine Folge von One Tree Hill später, föhnte ich mir entspannt die Haare uns setzte mich an den Schreibtisch. Ich musste unbedingt noch ein Essay beenden und abschicken, bevor ich zu Liam gehen würde. Wann sollte ich eigentlich da sein? Ich beschloss mir Zeit und ihn etwas zappeln zu lassen. Ich schrieb mein Essay zu Ende, schickte es ab und fing sogar noch ein Protokoll an. Dann skypte ich mit Steph und erzählte ihr von meiner Abendplanung. Ich zwinkerte mir nur ahnungsvoll zu und erzählte mir, dass sie sich heute auch mit jemandem treffen würde. Sie hatte ihn letztes Wochenende bei der Campusfeier kennengelernt und sie hatten sich die letzten Tage geschrieben. Heute Abend gingen sie ins Kino und danach, so erhoffte sich Steph, noch zu ihm nach Hause. Ich konnte mir ein Lachen nicht verkneifen. Wir redeten noch ein wenig über No-Gos beim ersten Date und legten dann auf.
Irgendwann gegen sieben Uhr beschloss ich, mich fertig zu machen. 

Ich zog mir meine Lieblingsjeans an und entschied mich nach langem Überlegen für ein graues, eng anliegendes T-Shirt mit V-Ausschnitt. Ich trug meine Silberkette mit den zwei Ringen, die ich vor vielen Jahren von meiner Großmutter geschenkt bekommen hatte und die die Aufmerksamkeit ein wenig auf mein Dekolleté lenkte.

Ich glättete meine Haare und schminkte mich. Nachdem ich mir Lippgloss aufgetragen habe, betrachtete ich mich im Spiegel. Das war vielleicht doch zu viel. Hastig wischte ich ihn mir mit einem Taschentuch wieder ab. Ich griff in mein Regal und entschied mich für ein Parfum von Victoria Secret, dass ich mir vor einiger Zeit geholt habe. Ich sprühte mich ein und zog dann meine weißen Chucks an.

Nach einem letzten Blick in den Spiegel nahm ich meinen Schlüssel und öffnete die Wohnungstür. Zögernd blieb ich stehen. Wie würde dieser Abend wohl verlaufen? Ich mochte Liam wirklich sehr, aber ich hatte Angst, Nähe zu zeigen. Ich schloss meine Augen, zählte langsam bis 10 und atmete tief durch. Reiß dich zusammen, Demi.

Ich durchquerte den Flur und klopfte vorsichtig an Liams Tür. Nervös schüttelte ich meine Hände aus, in der Hoffnung, ich würde mich ein wenig entspannen. Aber meine Hände waren ganz kalt und feucht und mein Mund, im Gegensatz dazu, ganz trocken. Angestrengt dachte ich nach, wann ich mein letztes Date in Utah hatte und ob ich auch so nervös gewesen war, wie jetzt. Glücklicherweise konnte ich nicht lange genug nachdenken, denn schon öffnete er die Tür. Ich hielt den Atem an. Da stand er, ganz lässig in Jeans und einem schwarzen T-Shirt, das besonders seine Brustmuskeln betonte. Seine Haare hatte er wieder locker nach hinten geföhnt, aber trotzdem standen sie vorne an der Stirn etwas ab. Ein kurzes und peinliches Schweigen machte sich breit, während ich damit beschäftigt war jedes Detail von seinem Äußeren wahrzunehmen.

"Hey, eh, komm rein. Ich habe mich schon gefragt, wann du vorbei kommst."  

"Tut mir leid, ich musste noch ein Essay für die Uni beenden. Das hat länger gedauert, als ich dachte."

"Kein Problem", sagte er und führte mich in sein Wohnzimmer. Obwohl er nur wenige Möbel besaß, hatte er eine gemütliche Atmosphäre geschaffen. Vor mir stand ein großes graues Sofa, dass wie ein L geformt war. Dahinter stand ein kleiner Tisch auf zwei Gläser platziert wurden. An der Wand hing ein nicht all zu kleiner Fernseher, aber für eine Männerwohnung vermutlich nicht untypisch. Ein riesig großer Teppich erstreckte sich unter den Möbel kurz bis vor den Flur. Er hatte fast die gleiche Farbe wie das Sofa und sah sehr flauschig aus. Liam lief mir voraus und wies mit der Hand auf das Sofa."Ich dachte wir könnten chinesisches Essen bestellen, wenn du magst?" Er zog sein Handy aus der Hosentasche und setzte sich auf die Mitte des Sofas. Ich stand noch mitten im Raum und blickte mich interessiert um, als er schon mit der Hand auf den Platz neben sich klopfte. Langsam lief ich um das Sofa herum und setzte mich mit etwas Abstand neben ihn. Nur etwa 40cm trennten uns und während ich mir noch überlegte, wie ich mich endlich entspannen konnte, reichte er mir sein Handy.

"Hier, such dir was aus."

Als ich das Handy entgegennahm, berührten sich für einen Moment unsere Finger. Mit einem Mal kribbelte es an meinem ganzen Körper und mein Magen zog sich zusammen. Hastig zog ich meinen Arm zurück und gab vor, mir das Menü durch zu lesen. Wie konnte es sein, dass mein Körper so auf eine Berührung von ihm reagierte? Was hatte dieser Junge nur an sich? Ich gab ihm das Handy zurück, wobei ich darauf achtete, nicht seine Finger zu berühren und meine Hand schnell zurück zu ziehen. Ich glaubte, er gab vor, es nicht zu bemerken und auf einmal kam ich mir ganz blöd vor. Wieso sollte ich vor dieser Berührung zurück weichen. Wieso hatte ich nur so viel Angst vor diesem Gefühl?

"So, das Essen kommt in 30 Minuten. Was magst du machen? Sollen wir einen Film schauen?" Oh Gott. Ich hätte alles gemacht, so lange ich ihn nur dabei ansehen konnte. Ich beneidete ihn um sein Selbstbewusstsein und diese Ruhe, die er ausstrahlte. Ich nickte und versuchte mich an einem Lächeln.

"Alles klar." Er drückte ein paar Knöpfe auf der Fernbedienung und ein Menü öffnete sich. Es zeigte sämtliche Film Genre an. "Was schaust du am liebsten?" Ich überlegte kurz, ob ich ihm von meiner innigen Liebe zu Marvel Filmen erzählen sollte und kam zu dem Entschluss, das nichts dagegen sprach. "Ich bin ein großer Iron Man Fan. Marvel mag ich generell sehr gerne. Aber wir können auch was schauen, das du gerne siehst." Er überlegte kurz und ich befürchtete, er würde mich auslachen. Doch dann machte sie ein breites Grinsen auf seinem Gesicht breit. Wieder tippte er sich durch das Menü und hielt bei Thor inne. Er warf mir einen fragenden Blick zu und ich nickte. Thor fand ich ziemlich passend. Vor allem weil Steph meinte, dass Liam wie einer der Hemsworth Brüder aussah.

Kurzerhand startete er den Film und bot mir was zu trinken an. Er goss mir Wasser ein und durstig nahm ich einen großen Schluck. Ich hatte immer noch einen ganz trockenen Hals vor Nervosität. Während ich trank, vibrierte etwas neben mir und ich erschrak. Ich verschluckte mich und fing fürchterlich an zu husten. Zitternd versuchte ich das Glas schnell auf den Tisch zu stellen. Liam reagierte reflexartig und nahm mir das Glas ab. Ich hielt mir die Hand vor den Mund und hustete so stark, dass ich kaum noch Luft bekam. Er schlug mir leicht auf den Rücken und ich konnte spüren, wir mir das Blut in den Kopf schoss. Als ich wieder Luft bekam, versuchte ich vorsichtig durch die Nase zu atmen. Da kein erneuter Hustenanfall folgte, schloss ich daraus, dass alles wieder in Ordnung war. Nicht alles. Das war definitiv die peinlichste Situation, die ich je erlebt habe. Ich schämte mich und schaute auf meine Füße. Nach einen paar tiefen Atemzügen hob ich den Kopf. Liam schaute mich an und sah besorgt aus.

"Alles wieder gut?" Ich musste nicken, weil ich kein Wort über meine Lippen bekam. Ganz leise sprach er weiter. "Das muss dir doch nicht peinlich sein." Als ich ihn fragend anblickte, sprach er weiter. "Immer, wenn dir etwas unangenehm ist, wirst du rot. Zuerst deine Ohren und deine Wangen." Ich musste mich konzentrieren, dass ich ihn durch das Blutrauschen in meinen Ohren hören konnte. Er blickte mir tief in die Augen und dieses altbekannte Kribbeln schlich sich zurück in meine Bauchgegend. Dann, ganz plötzlich, räusperte er sich und schaute auf sein Handy. Daher kam die Vibration, die mir den peinlichsten Moment meines Lebens beschert hatte. "Das Essen kommt in zehn Minuten. Ich hole mal Teller und Besteck." Er fasste sich mit der Hand in den Nacken und strich sich durch die Haare. Dann stand er auf und ging Richtung Küche.

"Kann ich dir helfen?", fragte ich bedacht ruhig. Ich hatte Angst, dass meine Stimme anfing, zu zittern.

"Nein, danke!" Ich hörte ihn nur aus der Küche rufen. Ich nutzte den Moment und lehnte mich an das Sofa. Mit geschlossenen Augen legte ich meinen Kopf in den Nacken. Ich versuchte meinen rasenden Puls zu beruhigen und zählte noch einmal bis zehn. Gleich kam das Essen. Ich hörte ihn nicht aus der Küche kommen, aber plötzlich klingelte es und ich erschrak. Ohne, dass ich es mitbekommen hatte, saß er neben mir und beobachtete mich. Mein Herz blieb kurz stehen und ich zuckte zusammen, als ich ihn entdeckte. Er stand auf, um die Tür zu öffnen. Ich verteilte das Besteck, das er auf den Tisch gelegt hatte und setzte uns die Teller vor.

Kurze Zeit später kam er mit dem Essen zurück und reichte mir meins.

"Guten Appetit, Demi."

"Danke, dir auch."

Ich packte meine Nudeln aus und füllte sie auf meinen Teller. Um besser essen zu können, setzte ich mich auf den Boden vor den Tisch. Kurzerhand machte Liam es mir nach und wir fingen genüsslich an zu essen. Er fragte mich ein paar Sachen über meine Heimat und er erzählte mir, dass er als Surflehrer bei seinem Onkel gearbeitet hat. Es klang, als hätten sie eine sehr enge Beziehung zu einander.

Ich wusste, wenn ich jetzt nichts machen würde, käme er erst mit seinem Kopf ganz nah an meinen, bis uns nur noch wenige Zentimeter von einander trennten. Er würde seinen Kopf schräg legen und ich würde meine Augen schließen. Dann würde er sich weiter vorbeugen und... Falsche Gedanken, Demi. Woran dachtest du nur?

Ich räusperte mich verlegen und drehte meinen Kopf von ihm weg. Mich nach vorne beugend griff ich nach der Fernbedienung und schaltete den Film wieder ein. Dann setzte ich mich bequem hin und lehnte mich am Sofa an. Mit angezogenen Beinen stützte ich meinen Kopf auf einem Arm ab. Ich musste mich ablenken, bevor mir solche Gedanken noch einmal zu Kopf stiegen. Doch noch bevor ich mich wieder auf den Film konzentrieren konnte, stellte er seinen Teller auf dem Tisch ab und rutschte auch zurück.

Er setzte sich direkt neben mich, aber ließ dieses Mal etwas mehr Abstand. Er streckte seine Beine auf dem Sofa aus, wobei er darauf achtete, dass sich unsere Beine nicht berührten. Ich ließ meinen Blick vom Fernseher hinab schwenken und sah seine Hand neben meinem Oberschenkel liegen. Mit der Handfläche nach oben und ausgestreckten Fingern lag sie ruhig neben mir. Meine Hand lag daneben und unsere Fingerspitzen berührten sich fast. Aber eben nur fast.

Aus den Augenwinkeln nahm ich wahr, dass er mich auch anschaute. Ertappt riss ich meinen Blick von seiner Hand los und schaute schnell wieder Thor zu, wie er sich mit einer Handvoll Menschen bekämpfte.

Ich konnte spüren, wie er mich beobachtete und versuchte, die ansteigende Röte zu unterdrücken. Er hatte Recht. Meine Ohren erröteten zuerst, wenn ich nervös wurde. Ich konnte kaum glauben, dass er mich so detailliert beobachtet hatte. Ich versuchte mich nur auf den Film zu konzentrieren, denn ich befürchtete, dass ich mich anderenfalls auf etwas einlassen würde, das ziemlich schnell ging. Vielleicht zu schnell. Ich wollte zwar, dass er bei mir noch einmal eine solche Gänsehaut wie zuvor durch seine Berührungen auslöste, aber ich hatte auch Angst davor, wie ich dann reagieren sollte. Also versuchte ich alles außer dem Film auszublenden und lauschte den Stimmen, die zu uns drangen.


Kommentare

  • Author Portrait

    Endlich geht es weiter. Und ich liebe auch Marvelfilme! Ich steh allerdings eher auf Hulk, als auf Iron Man. :P

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