Kapitel 5

Karina kommt aschfahl in die Klasse zurück. Sie sieht so aus, wie ich mich fühle. Ich sitze mittlerweile wieder auf meinem Platz. Vor mir liegen Englisch Aufgaben, denen ich seit dem ich zurück bin jedoch noch keine Zeit gewidmet habe. Stattdessen drehe ich seit etwa einer halben Stunde den strahlend weißen Krokodilzahn, mein Souvenir vom Kampf gegen das Untier, zwischen meinen Fingern und betrachte ihn. Erst als Karina herein kommt, hebe ich den Kopf. Was musste sie wohl machen? Wahrscheinlich wird sie mir davon in der Pause erzählen.

Trotzdem kann ich meine Neugierde nicht zurückhalten und frage, sobald sie sich auf ihren Platz gesetzt hat, leise:“Ist alles ok?“ Sie nickt wortlos. Das reicht mir noch nicht. Ich bin ein ziemlich neugieriger Mensch, also frage ich weiter:“Und was musstest du machen?“ Sie schaut mich aus ihren blauen Augen ängstlich an:“Raben!“

Was? Raben? Ich verstehe nicht, was sie meint. “Was? Wie meinst du das?“, frage ich und beginne mir Sorgen zu machen.

“Sie haben mich attackiert?“, sagt sie zitternd. Ich nehme ihre Hand in meine:“Die Raben?“ Sie nickt. Ich mache mir nun echt Sorgen. Schon als kleines Kind hatte sie eine Abneigung gegenüber Vögeln, doch von heute an ist die Abneigung wohl eher eine Angst.

In diesem Moment realisiere ich, dass ich mit meinem Krokodilkampf noch eine der leichten Prüfungen erwischt haben. Jedenfalls meiner Meinung nach.

Was wäre wohl passiert, wenn ich die andere Pille genommen hätte? Wie würde es mir dann jetzt gehen? Die einzigen Dinge, die noch auf meine Prüfung hinweisen, sind der Zahn, die Wunde an meinem Bein, die die Schulkrankenschwester wieder ordentlich vernäht hat und der nervigen Tropenwassergeruch, der seit der Prüfung an mir zu kleben scheint.

Karina legt ihren Kopf auf meine Schulter und tätschle ihre Hand sanft.

Während wir so da sitzen, lasse ich meinen Blick durch das Klassenzimmer wandern. Der Lehrer sitzt an seinem Pult und liest. Wahrscheinlich wurde ihm schon vorher gesagt, dass heute keiner richtig mitarbeiten wird. Links von mir sitzt ein blondes Mädchen, welches genau so fertig aussieht wie Karina. Sie wird von ihren Freundinnen getröstet, denen es halbwegs gut zu gehen scheint. Welche Pille haben sie wohl gewählt?

“Du Karina?“, fragt ich vorsichtig. Sie schaut mich aus ihren großen Welpenaugen fragend an und sagt dann mit leiser Stimme:“Ja?“

Es zerreißt mich sie so zu sehen, doch ich kann ihr nicht helfen. “Welche Pille hast du genommen?“, frage ich leise. “Die Grapefruitpille“, antwortet sie mit zitternder Stimme. Ich nicke. Hätte ich also auch die andere Pille genommen, wäre ich nun auch in Karinas Situation. In Gedanken bedanke ich mich beim Schicksal, dafür wie gute Entscheidungen es mich heute hat treffen lassen. Plötzlich klingelt es und alle Schüler verlassen die Klasse. Alle abgesehen von Karina und mir. Wir bleiben auf unseren Stühlen sitzen. Sie hat ihren Kopf nach wie vor auf meine Schulter gelegt und ich streichle sanft ihr Haare. So bleiben wir einfach sitzen.

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