Kapitel 5

                                                                        5


Überall an meinem Körper spüre ich die Kälte. Spüre, wie mich das Wasser einhüllt. Diese Frau blickt mit ihren leeren Augen in meine. Es ist eiskalt und die Luft in meinen Lungen scheint leer zu sein. Nur diese leeren Augen vor mir durchbohren mich mit diesem Blick und es macht mir höllisch Angst. Plötzlich öffnet sich ihr Mund. „Hilf mir, Anna du musst mir helfen.“
Schweißgebadet wache ich auf und bin heilfroh darüber, dass es nur ein kranker Alptraum war. Verschlafen und komplett verwirrt versuche ich, das Licht anzumachen. Das Licht beruhigt mich, da ich mich nochmals davon überzeugen kann, dass es ein Traum war, denn die Angst hat sich tief in mein Herz gefressen und lässt es so schnell schlagen, dass ich das Gefühl habe, es durchbricht gleich meinen Brustkorb. Doch plötzlich spüre ich auch noch etwas anderes. Starke Arme die mich wieder zurück in das Bett ziehen und die mich fest an seine Brust drücken und mir Sicherheit vermitteln.
„Alles ist Gut Anna. Es war nur ein Traum.“
Seine raue Stimme und die Wärme, die sich an meinem Rücken unter dieser Umarmung ausbreitet, lässt mich die Angst wieder ablegen und ein erleichtertes Seufzen kommt über meine Lippen, bevor ich wieder in einen tiefen Schlaf falle.
Wie immer verfluche ich den Weckton, der mich aus meinem Schlaf reißt. Ich will nicht aufstehen und schon gar nicht weg von Alex. Alex? Ich greife nach ihm, doch ich kann ihn nicht spüren. Langsam öffne ich die Augen und mache dem nervigem Ton des Weckers ein Ende, indem ich meine Hand unkontrolliert darauf fallen lasse, um den Knopf zu drücken.
Erst als meine Gedanken ebenfalls wach werden, wird es mir klar. Er ist gegangen.
Bedrückt und mit dem Wissen, dass er gegangen ist und ich wieder alleine bin, klettere ich mühsam aus meinem Bett. Mein Hals schmerzt genauso wie meine Knochen. Als hätte ich gestern Extremsport betrieben. Muss wohl von meinem Unterwasser-Erlebnis kommen.
Die letzte Hoffnung er könnte doch noch hier sein, stirbt mit dem Blick in das Wohnzimmer. Kein Alex weit und breit. Irgendwie bin ich enttäuscht darüber. Auch wenn er vielleicht ebenfalls in die Arbeit musste, so wie ich jetzt. Ich weiß ich könnte Charly anrufen und ihm bescheid geben, dass ich heute nicht komme, aber ich muss in die Arbeit. Die Ablenkung wird mir gut tun und meine Gedanken beschäftigen, damit ich nicht immer an dieses Bild vor meinen Augen denken muss.
Also packe ich noch meinen Rucksack und mein Telefon. Dabei muss ich daran denken, dass ich nicht einmal seine Nummer habe. Okey, ich will ihn ja auch nicht anrufen. Ja gut. Ich will. Aber ich möchte nicht. Ich darf nicht. Ich will ihm nicht nachlaufen, als könnte ich ohne ihn nicht leben.
Als ich durch die Eingangstür bei Charly's gehe, sehen mich alle an als wäre ich ein Außerirdischer. Sie wissen wohl alle schon, was gestern passiert ist. Diese Stadt macht mich noch einmal verrückt. Jeder weiß alles. Soweit es möglich ist, versuche ich die Blicke am Weg durch die Firma, zu ignorieren. Das Geräusch der Tür hinter mir, die ins Schloss fällt, lässt mich Erleichterung verspüren und für eine Sekunde lehne ich mich mit meinem Rücken an die Tür um die Anspannung etwas von mir abzuschütteln. Kaum habe ich den ersten Schritt getan, höre ich, wie sich die Tür hinter mir wieder öffnet und bei einem erschrockenen Blick zurück, erkenne ich Peter’s angespanntes Gesicht.
„Guten Morgen. Was machst du hier?“
Er kommt auf mich zu und bleibt vor mir stehen. Mitfühlend legt er seine Hand auf meine Schulter und seine Augen warten auf eine Antwort.
„Es ist Montag und ich bin hier um zu arbeiten.“
Ich weiß, worauf er hinaus will. Er macht sich Sorgen um mich, weil ich gestern diese Leiche entdeckt habe. Ich weiß auch, ich hätte nicht kommen müssen. Doch ich brauche die Ablenkung. Zu Hause werde ich wahnsinnig. Mit einem müden Lächeln blicke ich in sein besorgtes Gesicht und um meinen Worten Nachdruck zu verleihen, lege ich meine Hand ebenfalls auf seine Schulter.
„Ich weiß, du machst dir Sorgen, aber ich will hier sein. Ich bin einfach nur froh, wenn ich etwas zu tun habe und nicht immer daran denken muss..“
Sein Blick ändert sich und ein sanftes, mitfühlendes Lächeln legt sich auf seine Lippen.
„In Ordnung. Aber sobald du dich nicht mehr wohl fühlst, sag es mir und ich bring dich nach Hause.“
Es ist schön, jemanden zu haben auf den man sich verlassen kann. Er nimmt seine Hand wieder von meiner Schulter und ich die meine von seiner. Er dreht sich um und geht wieder zur Tür. Seine Hand hält bereits den Türgriff, als er sich nochmals zu mir umdreht.
„Anna. Ich weiß, dass du mir jetzt nicht glauben wirst, aber du wirst das wegstecken. Du bist stark und wirst damit klarkommen. Aber trotzdem werde ich jede Stunde nach dir sehen.“
Er lächelt und doch sieht er besorgt aus. Mich einem Nicken gefolgt von einem kleinen Lächeln, stimme ich ihm zu. Auch wenn ich weiß, dass es sowieso sinnlos wäre, es nicht zu tun. Er ist ein Sturkopf und wenn er etwas will, dann bekommt er das auch.
„Geht in Ordnung.“
Zu meiner Freude vergeht die Zeit rasend schnell und es ist bereits zwei Uhr, als ich die Lieferung, die gerade angekommen ist, in den Regalen verstaue und sich hinter mir, die Tür öffnet. Im Augenwinkel erkenne ich jemanden, der gerade durch die Tür hereinspaziert. Als ich das letzte Teil aus dem Karton nehme und auf das Regal stelle, höre ich schon eine Stimme hinter mir und mein Körper reagiert sofort darauf, als sich an meinen Armen die feinen Härchen aufstellen.
„Geht es dir wieder besser?“
Wie versteinert verharre ich auf der Stelle und kann mich kaum bewegen. Die Anspannung in meinem Körper lässt sich nur schwer kontrollieren. Er war gestern so mitfühlend und ist mit mir eingeschlafen. Er hat mich so leidenschaftlich geküsst, wie nie Jemand zuvor. Doch er ist auch einfach verschwunden. Zuerst hat er mich alleine in der Dusche zurückgelassen und dann ist er heute Morgen einfach verschwunden. Aber ich kann auch nicht einfach dastehen und ihm keine Antwort geben. Also versuche ich, mir nichts anmerken zu lassen und die Starke zu spielen.
„Besser. Danke. Hast du irgendwelche Teile bestellt?“
Verdammt. Schon beim ersten Wort habe ich gemerkt, dass ich es ihm gegenüber nicht schaffe, die Starke zu spielen. Er ist einfach gegangen und ich bin wütend auf ihn und dennoch sollte ich es nicht sein. Wir sind nicht zusammen, noch kennen wir uns noch nicht lange.
Der verwirrte Ausdruck, der sich nach meinen Worten über seine Züge legt, lässt mich wissen, dass er meine Verärgerung wahrgenommen hat und nun wirken seine Worte ebenfalls ein klein wenig härter.
„Nein ich habe keine Teile bestellt. Ich wollte nur nach dir sehen.“
Er will jetzt nach mir sehen, wo er doch auch heute Morgen bei mir hätte sein können? Ich kann ihn einfach nicht einschätzen. Einerseits hat er sich gestern um mich gekümmert und andererseits ist er so geheimnisvoll, wie ein Rätsel.
„Danke, mir geht es soweit gut.“
Der Versuch ist wieder gescheitert. „Verdammt Anna. Reiß dich zusammen. Das kann doch nicht so schwierig sein.“ So gern ich es auch will, aber ich kann einfach meinen verletzten Stolz nicht vergessen. Und je länger er hier ist, desto wütender werde ich. So kenne ich mich einfach nicht. Er scheint es gemerkt zu haben und sieht mich mit einem dunklen Blick an. Als würde er jetzt derjenige sein, der wütend auf mich ist. Er holt seinen Autoschlüssel aus seiner Jackentasche und hält ihn in der Hand. Er macht den Eindruck, als wolle er schon gehen, doch er sieht mich nochmal an. Dieser Blick macht mich verrückt. Er schafft es, dass sich meine Wut in Verlangen umwandelt und dass ist es, was ich gerade absolut vermeiden will. Die braune Haarsträhne die ihm in die Stirn hängt und die er sich mit seinen Fingern wieder nach hinten streicht, macht es mir nicht leichter. Das schwarze Hemd unter seiner Jacke lässt seine Brustmuskeln hervorblitzen, als er seine Hände auf den Schreibtisch legt. Sein Blick durchbohrt mich. Ohne dass ein Wort über seine Lippen kommt, steht er nun vor mir und diese blauen Augen scheinen irgendetwas in meinem Blick zu suchen. Es fühlt sich an, als würde er in mir lesen wollen. Als würde er mit meinen Gedanken sprechen. Es scheint zu funktionieren, denn mein Herzschlag erhöht sich und ist nicht zu überhören. Als würde es nicht schon ausreichen, verschwindet seine Unterlippe zwischen seinen Zähnen. Er sieht mich an, als würde er alles von mir wissen. Als würde er mich hier und jetzt haben wollen. Verdammt. Mir wird heiß. Sehr heiß und ich weiß nicht, was ich tun soll. Ohne diese Spannung zu zerstören, löst er seinen Griff von dem Tisch und tritt ohne eine Vorwarnung um den Schreibtisch. Noch immer wie versteinert verharre ich weiter auf dieser Stelle, als er seine Brust an meinen Rücken presst und seinen Kopf in meinen Nacken legt. Sein warmer Atem fällt auf meine Haut, die sofort darauf reagiert. Würde mein Verstand nicht dagegen ankämpfen, hätte ich bereits meine Lippen auf seinen. Noch immer warte ich auf den ersten Schritt von ihm. Doch, anstatt mich umzudrehen und seine Lippen auf meine zu legen, spüre ich seine Hand, die an meinem Oberkörper vorbei zu einem Zettel am Schreibtisch wandert. Einen Zettel? Doch noch bevor ich mir weiter darüber Gedanken machen kann, fühle ich die Hitze unter seiner Berührung auf meinen Bauch, als seine Finger immer weiter zu meinen Brüsten wandern. Auch wenn ich mich gerne dagegen wehren möchte, kann ich kaum noch einen klaren Gedanken fassen. Er hat mich vollkommen unter Kontrolle. Bevor ich meine Augen schließe um mich dieser Berührung hinzugeben, höre ich einen leisen Seufzer von ihm und sehe, dass er nur nach meinem Kugelschreiber, der in meiner Brusttasche steckt, greift.
In dem Moment ist dieses Knistern wie vom Erdboden gefegt. Meine Gedanken und mein Körper sind aber noch immer high von ihm. Von dieser Masche, die er gerade mit mir abgezogen hat.
Er kritzelt irgendetwas auf den Zettel und schiebt ihn in vor mich, auf dem Schreibtisch. Bevor seine tiefe Stimme mir ins Ohr flüstert.
„Nur für den Fall, dass du mich nochmal sehen willst.“
Sein Tonfall hat sich an meinen angepasst und ist jetzt auch nicht mehr so freundlich wie am Anfang. Doch trotzdem huscht ein kleines schelmisches Grinsen über sein Gesicht, als ich mich umdrehe, um ihn anzusehen.
Er jedoch lässt mich links liegen und wendet seinen Blick von mir ab. Seine Schritte reißen mich zurück in die Realität und dass Geräusch der Tür, die ins Schloss fällt, als er darin verschwindet, lässt mich plötzlich eine Leere fühlen, auf die ich nicht gefasst war. Mein Blick folgt seiner Gestalt, als er an der Glasfront vorbeigeht und dabei wie immer perfekt aussieht.
Erst als meine Aufregung etwas nachlässt, denke ich darüber nach, wie gut er ausgesehen hat und dass er tatsächlich diese Nacht mit mir verbracht hat. Würde ich dass der Anna erzählen, die vor einigen Tagen noch seine Teile vorbereitet hat, würde sie in lautes Gelächter ausbrechen. Als ich mir sicher bin, dass er weg ist, richte ich meine Augen auf den Zettel. Darauf steht eine Telefonnummer und darunter Alex. Okey. Jetzt habe ich seine Nummer. Doch ich werde nicht anrufen. Zumindest nicht heute. Ich will dass er es will. Ich will mich nicht wieder in eine Beziehung stürzen, wo ich nur wieder verletzt werde. Also brauche ich das Gefühl der Kontrolle und so habe ich wenigstens eine klein wenig Kontrolle darüber.
Der Tag vergeht nach dem Vorfall mit Alex sehr schnell, zu schnell. Ich habe noch so viele Aufträge und Sachen die ich bis Morgen vorbereiten muss. Alle anderen verabschieden sich von mir, so auch Peter. Dieser hat wie immer sein Wort gehalten und jede Stunde nach mir gesehen. Ich muss zugeben, am Schluss war es schon ziemlich nervig. Wie ein Babysitter. Er wollte auch jetzt nicht gehen, doch ich habe ihn sozusagen bei der Tür hinausgeschoben. Ich kann ihn hier nicht brauchen und es geht mir schon viel besser. Die Wut auf Alex hat sich gelegt und das Erlebnis am See ist auch schon etwas leichter zu ertragen.
Es ist bereits acht Uhr abends, als ich den letzten Karton vorbereite und ich freue mich, endlich fertig zu sein. Also packe ich meine Sachen, schalte den Computer ab und gehe zur Tür, die ich hinter mir absperre. Es ist immer ein wenig gruselig, wenn ich abends im Dunkeln durch die Werkstatt gehe. Denn der Lichtschalter befindet sich beim Eingang und meine Kollegen haben dass Licht wie immer ausgemacht. Also gehe ich mit schnellen Schritten zur Ausgangstür, die ich auch nach mir absperre. Bei meinem Wagen angekommen steige ich schnell ein und sperre hinter mir dir Tür wieder von innen zu. Als ich das Peter erzählt habe, hat er mich eine ganze Woche lang damit aufgezogen. Aber ich mache es immer so. Ich will doch nicht, wie diese Leute in den Horrorfilmen enden.
Wie es scheint, habe ich mich wohl zu früh gefreut, denn es erwartet mich nur ein leises Klicken, als ich den Schlüssel im Zündschloss umdrehe.
„Verdammte Scheiße.“
Zischend lasse ich diese Worte über meine Lippen kommen, um meinem Ärger freien Lauf zu lassen. Das fehlt mir gerade noch. Ich fasse es nicht. Es war immer Verlass auf mein Auto und gerade heute macht er schlapp. Auch wenn ich insgeheim weiß, dass es nichts bringen wird, probiere ich es nochmals, um meine Hoffnung mit diesem leisen Klicken zu zerstören. Mit einem leisen Seufzer lasse ich mich in den Autositz sinken und wäge in meinem Kopf die Möglichkeiten ab, wie ich nun nach Hause komme. Sandra brauche ich erst gar nicht anrufen, die ist dieses Wochenende mit ihren Arbeitskolleginnen auf einem Seminar. Also kommt mir nur Peter in den Sinn. Sofort schnappe ich mir mein Telefon und fange damit an seine Nummer einzutippen. Als wäre es nicht schon schlimm genug, höre ich plötzlich dieses Geräusch, dass mein Telefon macht, wenn der Akku leer ist und es sich ausschaltet. Schon sehe ich nur noch den schwarzen Bildschirm. Ich könnte durchdrehen. Das darf doch wohl nicht wahr sein. Das gibt es einfach nicht, ich könnte mich gerade so über mich selbst Ärgern. Ich habe nicht einmal ein Ladegerät mit und schon gar nicht weiß ich irgendeine Nummer. Als ich mich noch immer ärgere, denke ich darüber nach, dass ich gerade alle Horrorfilm – Szenarien erfülle und mir wird etwas flau im Magen. Also sitze ich hier, mutterseelenallein und warte auf eine Lösung.
„Anna sei nicht immer so chaotisch“ sage ich zu mir selbst. Zu meinem Bedauern komme ich nur auf eine Lösung. Ich muss Alex von meinem Telefon im Büro anrufen. Seine Nummer habe ich auf dem Zettel und ich kann nur das Telefon in der Firma benutzen, da ich ja sonst keine Möglichkeit habe. Ich könnte natürlich auch ein Taxi rufen. Das wäre wohl die bessere Idee um meinem Stolz nicht unnötig noch weiter zu kränken.
Also steige ich nochmal aus dem Wagen und gehe in mein Büro. Zum Glück habe ich jetzt das Licht überall anschalten können und habe keine Angst. Angekommen bei meinem Schreibtisch schalte ich meinen Computer erneut ein und warte einige Sekunden, bis sich dieses alte Teil endlich hochgefahren hat. Dann suche ich nach der Nummer eines Taxi’s und tippe sie in das Telefon ein. Das Leerzeichen ertönt und nach weiteren Sekunden melde ich am anderen Ende der Leitung eine verärgert wirkende männliche Stimme.
„Was?“
„Ähm. Hallo. Ich würde gerne ein Taxi bestellen.“
„Wir fahren heute nicht.“
„Also ich brauche wirklich dringend ein Taxi und sie sind das einzige Unternehmen in der Stadt.“
„Hast du nicht verstanden. Wir fahren heute nicht.“
Der piepsende Ton, der darauf durch den Hörer dringt, ist mit Abstand noch erträglicher als dieser unfreundliche Typ gerade. Wie kann dieses Unternehmen denn funktionieren, wenn ein potenzieller Kunde so behandelt wird?
Zu meinem Bedauern bleibt wohl jetzt noch Option Nummer Zwei. Alex’s Nummer.
Beim Tippen der Zahlen auf dem Zettel, spüre ich, wie die Nervosität in mir wächst und das Blatt Papier in meiner Hand zittern lässt. Jedes der Leerzeichen macht mich noch nervöser und auch wenn ich seine Stimme am anderen Ende der Leitung erwarte, erschrecke ich doch, als ich sie wirklich höre.
„Bethlen.“
Mein Herz springt mir fast aus der Brust und ich komme mir so dämlich vor. Ein tiefer Atemzug und eine Sekunde des Schweigens liegen hinter mir, bevor ich mich endlich dazu bringen kann, ein Wort zu sagen.
„Hi, hier ist Anna. Es tut mir leid, dass ich dich störe, aber ich brauche deine Hilfe.“
Meine Stimme zittert ebenso wie meine Knie, als ich nervös auf seine Worte warte.
„Hi Anna. Was ist los?“
Er klingt etwas überrascht und auch besorgt.
„Also, ich wollte dich wirklich nicht stören. Aber mein Wagen springt nicht an und dieser Typ vom Taxiunternehmen fährt heute nicht und mein Akku ist leer. Und deine Nummer war die Einzige, die ich notiert hatte.“
Sofort lege ich meine Hand auf meinen Mund, um meine Worte zu stoppen. Wenn es mir sogar schon selbst auffällt, dass ich spreche wie ein Wasserfall um mich zu rechtfertigen, was wird er dann dazu sagen?
„Klar, kein Problem. Wo bist du?“
„Ich bin noch in der Arbeit.“
„Ich bin in ein paar Minuten bei dir. Bin sowieso in der Nähe.“
Es klingt, als hätte er sich gefreut, dass ich angerufen habe. Für einen Moment schließe ich meine Augen und versuche die angestaute Aufregung mit einem tiefen Atemzug abzuschütteln.
Meine Hände zittern noch immer, als ich die Türen beim Hinausgehen wieder hinter mir absperre.
Mit meinem Rucksack bepackt, setze ich mich auf die kalten Treppen vor Charly’s Eingangstür und sofort komme ich mir so idiotisch vor. Warum musste ich auch ihn anrufen? Das Gefühl auf Jemanden angewiesen zu sein auf dem man gerade ein wenig sauer ist, macht mich nicht gerade glücklich. Jetzt sitze ich hier, wie eine kleines naives Mädchen, dass auf ihren Prinzen wartet. Nur dass ich kein naives Mädchen sein will und auch keinen Prinzen brauche.
Die Kälte der Treppe drängt sich bereit durch den Stoff meiner Hose und auch am Rest meines Körpers, als ich Minuten später noch immer hier sitze. Er ist noch immer nicht aufgetaucht und es macht mich noch wütender auf ihn und mich selbst. Je länger meine Augen die Umgebung abtasten und meine Ohren die Geräusche um mich herum wahrnehmen, desto größer wird meine Angst. Ich hoffe wirklich, dass er bald auftaucht. Doch nach einem weiteren Blick auf meine Armbanduhr schwindet die Hoffnung. Weitere zwanzig Minuten sind verstrichen und mein Wut gemischt mit Enttäuschung wächst von Minute zu Minute. Heute ist echt nicht mein Tag.
Kaum lasse ich diesen Gefühlen die Macht über meinen Körper, spüre ich schon die erste warme Träne, die sich langsam den Weg über meine Wange hin zu meinem Kinn bahnt.
Was soll ich jetzt machen? Die Einzige Möglichkeit, die mir bleibt, ist zu Fuß nach Hause zu gehen. Wieso gibt es in dieser beschissenen Stadt auch nur ein einziges Taxiunternehmen, dass nicht einmal zur Stelle ist, wenn man eines braucht? Gerade hasse ich mich selbst für mein bescheuertes Gedächtnis. Wüsste ich auch nur eine einzige Nummer, würde es schon reichen. Aber nein, Anna merkt sich einfach nichts. Ich bin wütend auf mein Auto. Wütend auf mein Telefon und auf Alex. Aber am meisten bin ich auf mich selbst wütend. Wie konnte ich auch nur glauben, er würde mich nicht hängen lassen.
Als ich mich nach einigen Minuten wieder etwas beruhigt habe, beschließe ich zu Fuß zu gehen. Es wird zwar etwas gruselig im Dunkeln und auch ein langer Weg, aber was bleibt mir anderes übrig? Ich muss nach Hause. Nein. Ich will unbedingt nach Hause. Also schnappe ich mir meinen Rucksack, hänge ihn mir über die Schulter und gehe los. Meinen Schlüssel halte ich fest umschlossen in meiner Hand. Diesen Trick habe ich bei irgendeiner Selbstverteidigungsshow gesehen. Wenn mich jemand anfassen sollte, kann ich ihm die Schlüssel in sein Gesicht rammen. Vor allem hilft es mir aber, etwas von der Angst abzulegen und wenigstens ein Gefühl von einer Chance zu haben. Denn ich weiß, dass es kein angenehmer Spaziergang wird.

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