Kapitel 5

Gemächlich wanderten die beiden Jungen einige Zeit später auf dem Grünstreifen an der Straße in Richtung Lengwede entlang. Sie hatten sich vorher im Lehrerzimmer den Schlüssel für die Turnhalle geben lassen, da Daniel seinen Rucksack darin zurückgelassen hatte und dieser anschließend von ihrem Sportlehrer eingeschlossen worden war. Dieser hatte nicht gewusst, dass noch Sachen eines Schülers darin zurückgeblieben waren, denn er hatte die Umkleide und die Duschen leer vorgefunden.

Marius rechnete es Daniel hoch an, dass er ein Missgeschick vorgeschoben hatte, um zu erklären, wie er seine Tasche hatte vergessen können. Er hätte den Lehrern ja auch erzählen können, was Ralf und die anderen mit ihm gemacht hatten.

»Danke dafür«, nahm der dunkelblonde Jugendliche dieses Thema nun wieder auf, während sie nebeneinander her gingen. Daniel, dessen Gesicht von der Sonne gerötet war, zuckte nur mit den Schultern.

»Ich hoffe, dass es nicht umsonst war, dass ich nichts gesagt habe ... andererseits hast du ja nicht mitgemacht und mir die Sachen wiedergegeben und ... petzen ist auch dämlich. Aus dem Alter sind wir doch raus.«

Marius nickte. »Ja, irgendwie schon. Mein Alter würde mir den Arsch aufreißen, wenn er mitkriegen würde, dass ich petze. Er sagt, so was machen nur Schwächlinge, die sich selbst nicht zu helfen wissen.«

»Für deinen Vater ist doch jeder, der um Hilfe bittet, ein Weichei, oder?« Daniel sah den anderen von der Seite an. Es war ein offenes Geheimnis, dass Heinrich Förster sehr streng war, schnell laut wurde und sehr ungemütlich war, besonders wenn er getrunken hatte. Sein eigener Vater, Friedrich Heinemann, ließ kein gutes Wort an dem Landwirt, wann immer das Thema auf diesen kam. Die beiden Männer kannten sich, wie ihre Söhne, auch bereits, seit sie jung waren und mochten sich noch nie. Daniel wusste nicht, warum es diese Diskrepanzen zwischen den beiden gab und er konnte sich, beim Gedanken an seine eigene und Marius’ Mutter, nicht vorstellen, dass sich Friedrich und Heinrich über eine Frau verkracht hatten. Also musste es eine andere Ursache haben, die dazu geführt hatte, dass sein Vater ihm, Daniel, schon als Kind verboten hatte, sich mit Marius abzugeben.

Obwohl der dunkelhaarige Junge immer hatte zu denen gehören wollen, die den Förster-Jungen wie Monde umkreist hatten, hatte die stille Missbilligung, die deutlich zur Schau gestellte Enttäuschung seines Vaters ihn stets davon abgehalten. Er wollte so sehr Marius’ Freund sein, weil er und die anderen immer so viel Spaß hatten, aber gleichzeitig wollte er seinem alten Herrn gefallen und wollte unter allen Umständen, dass dieser zufrieden und stolz auf ihn war. Seit er sich erinnern konnte, war es so, dass sein Vater mit der Begründung, dass er nur das Beste für ihn wollte, ihn von allem ferngehalten hatte, was Kindern normalerweise Spaß machte. Während die anderen draußen herumgerannt waren, musste er Englisch lernen. Er musste zum Tennis-Training, obwohl er lieber Fußball gespielt hätte und wurde von den Freunden seiner Eltern zum Spielen mit deren Kindern eingeladen, was im Klartext bedeutet hatte, dass er meist in einem überwachten Garten mit Mädchen »Mutter-Vater-Kind« gespielt hatte und froh war, wenn er wieder nach Hause gehen durfte. Das, was am meisten Spaß gemacht hatte, war, wenn die sehr burschikose Tochter des Gestütsbesitzers ihn zum Spielen eingeladen hatte, denn dann waren sie den ganzen Tag im Stall, hatten im Stroh gespielt und er, Daniel, konnte seinen natürlichen, kindlichen Bewegungsdrang abbauen.

So entwickelten sich er und Marius in unterschiedliche Richtungen und beide bemerkten die unsichtbare Barriere, die zwischen ihnen lag, als wäre der gesellschaftliche Status im Dorf etwas, das sie nicht überwinden konnten. Und doch fiel es Marius leichter, darüber hinweg zu sehen. Er war immer freundlich zu Daniel gewesen, während seine Freunde, Ralf und die anderen, ihn schon immer geärgert hatten, sich schon immer geweigert hatten, mit ihm zu spielen und schon immer meinten, er, Daniel, würde sich für etwas besseres halten, weil er einen teuren Fußball besessen hatte oder seine Jeans nicht löchrig an den Knien waren. Sie hatten ihm immer vorgeworfen, er würde aussehen, als würde er in die Kirche gehen wollen statt zum Spielen. Daniel hatte oft nicht mehr gewollt als jemanden, mit dem er den brandneuen Fußball benutzen konnte.

Marius hatte einige Male versucht, seine Freunde davon zu überzeugen, den Jungen, den sie damals schon Heinemännchen genannt hatten, mitspielen zu lassen, hatte sie gebeten, ihm einfach eine Chance zu geben, doch die anderen hatten wenig Geduld gezeigt und Daniel immer frühzeitig gemerkt, dass er nicht erwünscht war. Er hatte sich damals angewöhnt, in solchen Fällen einfach wortlos zu verschwinden und es hätte ihn nicht gewundert, wenn die Jungen rund um Marius das nicht einmal bemerkt hätten. Und dennoch hatte Daniel niemals den Wunsch aufgegeben, dazuzugehören. Es war einfach etwas an dem Förster-Jungen, das den dunkelhaarigen Teenager faszinierte und anzog. Auch wenn er bis heute nicht verstanden hatte, was das war.

Marius lachte und verschränkte die Arme beim Laufen hinter dem Kopf. »Für meinen Alten ist jeder ein Weichei, der nicht er ist. Noch nicht gemerkt?«

»Besonders mein Vater?«

Der Dunkelblonde grinste. »Und du ... und einfach alle. Außer vielleicht Egon und der alte Huber, aber die sind ja auch vom gleichen Schlag wie er.«

»Hast du ... denkst du manchmal daran, ob du vielleicht auch mal so werden könntest? Also ich tue das ... und ich weiß nicht, ob es mir gefallen würde, so zu werden wie mein Vater ...«

»Nein. Ich glaube, ich bin nicht der Typ dafür. Und wenn man unter so jemandem aufwächst, schreckt das vielleicht ab. Ich werde nie so werden ...« Der Jugendliche verkniff das Gesicht, was seine Grübchen verschwinden ließ, und blickte Daniel an. Der erwiderte den Blick und nickte leicht. Jeder wusste, dass Heinrich die Hand locker saß. Es war schon oft vorgekommen, dass Marius Verfärbungen im Gesicht hatte und jeder hatte gewusst, woher sie stammten. Doch niemand hatte ihm je geholfen. Er selbst, Daniel, ja auch nicht. Man fühlte sich so hilflos.

»Nein ... ich glaube auch nicht, dass du gewalttätig bist«, murmelte er und wich dem Blick des anderen aus, beschämt darüber, dass er dieses unangenehme, aber offene Geheimnis der Familie Förster kannte und es so hinnahm.

Ein vergnügtes Lachen ließ ihn den Kopf wieder wenden. Marius grinste ihm offen ins Gesicht und schlug ihm leicht auf die Schulter. »Alter, zieh nicht so ein Gesicht. Alles, was mich nicht umbringt, macht mich nur stärker. Also schau nicht so, als wäre ich ein Opfer, okay?«

Daniel nickte. »Sorry. Aber das ist nicht in Ordnung, was er macht.«

»Nein ... so was ist nie gut. Aber was soll ich machen? Er wird sich nicht ändern und ich hab keinen Bock, es zu versuchen. Meine Oma macht sich selbst Vorwürfe, weil sie sich die Schuld dafür gibt ... als mein Opa noch gelebt hat, war mein Paps noch nicht so scheiße ... also nicht so krass.« Marius zuckte mit den Schultern und verstummte.

Die beiden Jungen waren auf halbem Wege zwischen ihrem Schul- und ihrem Wohnort. Die Sonne brannte auf beide herunter und Daniel wischte sich verstohlen etwas Schweiß von der Stirn. Er war zwar recht sportlich, aber solche langen Fußmärsche war er nicht gewohnt, während Marius nicht den geringsten Anschein machte, erschöpft zu sein oder gar zu schwitzen. Unauffällig blickte der Junge zu dem anderen rüber. Marius war durchtrainiert, obwohl er gerade den Schulsport hasste. Außerdem war er bereits braungebrannt, obwohl der Sommer gerade erst anfing. Es zahlte sich aus, so viel Zeit draußen an der frischen Luft zu sein und sich aktiv zu beschäftigen. Allerdings konnte Daniel sich gut vorstellen, dass Marius das einfach tat, weil es daheim nichts gab, was ihn halten konnte. Wäre es bei ihm selbst so, würde der dunkelhaarige Junge vermutlich auch die meiste Zeit dem Elternhaus fern bleiben. Oftmals wünschte er sich das auch, doch seine Eltern würden das nicht zulassen. Dafür hatte er zu viele außerschulische Pflichten, damit aus ihm mal etwas werden würde. Oft dachte er daran, wie toll es wäre, einfach mal einen ganzen Nachmittag abzuhauen und einfach nichts zu tun außer mit den nackten Füßen im Wassergraben den Tag zu genießen.

Sicher würde es Spaß machen, so was mit Marius zusammen zu tun ... Daniel schüttelte unwirsch den Kopf und verscheuchte den Gedanken. Er sollte aufhören, sich vorzustellen, wie es wäre, wenn sie gut befreundet wären.

»Verjagst du Fliegen?« Das glucksende Lachen des anderen Jugendlichen drang in Daniels Ohr und der knurrte nur.

»Neee ... aber mir ist warm und ich hab Durst ... warte mal.« Der Teenager stoppte, warf seinen Rucksack auf den Boden und hockte sich hin. Schwitzend kramte er seine noch halb volle Wasserflasche hervor und trank gierig, bevor er den Kopf hob und Marius die Flasche anbot.

»Du auch?«

»Oh ja ...« Der dunkelblonde Junge griff nach dem Gefäß und leerte es. Glitzernd tropfte etwas Wasser von seinem Kinn, was er grinsend abwischte. »Danke.«

Daniel winkte ab. Er hatte nicht oft Gelegenheit, mit jemandem zu teilen und das auch noch vollkommen freiwillig. Er war es eher gewöhnt, dass er dazu genötigt wurde, anderen von Dingen abzugeben, die er am liebsten für sich allein gehabt hätte und dass diejenigen, denen er etwas abgegeben hatte, dies dann nicht zu schätzen gewusst, es kaputt gemacht hatten oder es irgendwann wegwarfen. Der Junge lächelte.

»Bevor wir in der Sonne austrocknen ...«

»Ja«, Marius blickte auf seine Uhr, »lass uns weiter gehen. Es ist gleich drei und ich hab keinen Bock, dass mein Alter mich wieder ankackt, wo ich mich so lange rumgetrieben habe.«

Daniel setzte den Rucksack wieder auf und trabte weiter voran. Es war kein gemütliches Laufen, denn der Grünstreifen am Straßenrand war uneben und ständig schwankte einer von beiden und rutschte in Löcher. Doch der dunkelhaarige Junge fand es irgendwie angenehm, zusammen mit Marius zu gehen. Auch wenn sie schwiegen.

Der dunkelblonde Förster-Junge grinste vor sich hin. Er fand es amüsant, dass Daniel, der von seinen Eltern dazu getrieben wurde, Tennis und derlei vornehme Sportarten zu betreiben, beim normalen Wandern so abgeschlagen wirkte, schwitzte und sein ebenmäßiges Gesicht auf eine gesunde Art gerötet war. Seine smaragdgrünen Augen wirkten dadurch heller, irgendwie wirklich wie Edelsteine. Es nervte Marius, dass er das hübsch fand, dass er Daniel allgemein als einen attraktiven Mann empfand, denn das war nicht okay.

Warum dachte er als Kerl an so was, wo doch alle anderen seiner Kumpels eher darüber nachdachten, wie es möglich sein könnte, Jessica, Franziska oder eines der anderen Mädchen ihres Jahrgangs ins Bett zu bekommen. Er, Marius, hatte erst einmal eine Freundin gehabt, obwohl schon viele Mädels ihn gefragt hatten, ob er mit ihnen würde gehen wollen. Und selbst diese eine Freundin hatte ihn nach zwei Wochen so genervt, dass er Schluss gemacht hatte. Sie wollte die ganze Zeit nur knutschen und Marius konnte beim besten Willen nicht verstehen, was daran so toll sein sollte. Eigentlich hatte er gar nicht mit ihr zusammen sein wollen, doch er war damals fünfzehn Jahre alt gewesen und dachte einfach, dass das so sein musste. Er hatte das auch ganz cool gefunden, denn sie war ja hübsch gewesen, seine Freunde waren neidisch, dass sie mit ihm hatte gehen wollen und nicht mit einem von ihnen, und er fühlte sich dadurch auch sehr erwachsen. Und trotzdem war es eine enorme Erleichterung, als er sie wieder los war, denn er glaubte, um mit jemandem zu gehen, sollte man denjenigen wenigstens ein bisschen liebhaben. Und das hatte er nicht getan.

Seine Kumpels hatten ihn ausgelacht, als er ihnen die Trennung damit begründet hatte, dass er nicht in sie verliebt gewesen war. Sie hatten ihn als verrückt bezeichnet, dass er diese Gelegenheit, seine Jungfräulichkeit zu verlieren, hatte verstreichen lassen. Und tatsächlich war das ein Punkt, den Marius etwas bereut hatte, denn er war immerhin auch nur ein Junge, er war neugierig auf Sex und hätte sicher gern welchen gehabt. Aber er betrachtete es weniger als einen Weltuntergang, als Ralf, Karsten oder Dennis es getan hatten. Die allerdings waren auch scharf auf Janine, seine Exfreundin, gewesen. Er war es nicht. Er hatte schon Lust auf Sex und war begierig darauf, doch irgendwie wollte sich kein Interesse bei ihm einstellen, diese Erfahrung mit einem Mädchen zu machen. Bislang hatte er das verdrängt, ebenso wie er es von sich schieben wollte, dass er häufiger Männer als Frauen attraktiv fand. Natürlich wusste er aus dem Biologieunterricht und dem Fernsehen, dass es so etwas gab - dass ein Mann sich zu Männern hingezogen fühlen konnte. Immerhin lebte er zwar in einem Kaff, aber nicht hinter dem Mond, er las, wenn auch heimlich, die BRAVO und war in der Schule aufgeklärt worden. Aber es konnte, es durfte bei ihm einfach nicht so sein. Nicht bei seiner Familie, nicht in diesem Ort, in dem er lebte. Sein Vater würde ihn umbringen, denn der fluchte ohnehin schon das Blaue vom Himmel herunter, wenn man im TV nur für einen kurzen Moment einmal etwas darüber sah, wenn das Wort »schwul« nur einmal irgendwo gesagt wurde. Wenn es nach seinem Alten ginge, würde man Homosexuelle alle einsperren und in die Gaskammer stecken, so wie Hitler es getan hatte. Marius’ Vater befürwortete das und sagte immer gern, dass er »solche Perversen« alle abknallen würde. Und der dunkelblonde Junge glaubte ihm, wenn er das sagte, denn wenn Heinrich Förster etwas konnte, dann war es hassen.

Und trotzdem wallten immer häufiger diese Gefühle in Marius hoch, diese Wärme, wenn er einen schönen Mann sah, diese verbotenen Gedanken, ob es wohl besser wäre, mal einen Jungen zu küssen, denn damals Janine zu knutschen hatte ihm keinen Spaß gemacht. Und der absolut unerwünschte Gedanke, dass Daniel echt ein richtig hübscher Kerl geworden war, kotzte ihn regelrecht an, doch wegschieben konnte er sie nicht, diese Empfindung. Im Gegenteil hatte er bereits seit einigen Monaten vermehrt den Wunsch, ihn einfach nur anzusehen. Ja er glotzte förmlich und hoffte, dass das ja nur niemals jemand merken würde. Seine Freunde würden ihn auslachen, sich abwenden, ihn vielleicht sogar verdreschen. Und sein Vater würde es erfahren und ihn kalt machen.

Der Jugendliche seufzte leise und wandte den unauffällig auf Daniel gerichteten Blick wieder ab. Er musste sich einfach zusammenreißen, dann würde das auch wieder weggehen. Ganz sicher.

Als das Ortsschild vor den Jungen auftauchte und sie die kleine Reitschule Walter hinter sich ließen, seufzten sie erschöpft. Inzwischen waren sie beide doch verschwitzt und wollten nur noch heim und sich umziehen. Ohne miteinander zu reden, passierten sie die Gaststätte und erreichten schließlich die Kircheninsel.

Daniel wandte sich der Straße zu, an deren hinterem Ende das Haus und der Hof lag, in dem er lebte, während der Dunkelblonde die Kirche hinter sich lassen musste, um in die Sackgasse zu gelangen, in der er wohnte.

»Also dann ... es war nett mit dir, Heinemännchen ...«, Marius grinste und zwinkerte, »Daniel. Bis morgen. Pass auf deine Klamotten auf.« Der Junge wandte sich ab und winkte dem anderen im Gehen über den Kopf noch einmal zu, während Daniel ihm nachsah, sich ein Grinsen nicht verkneifen konnte und gern noch etwas mehr Zeit mit ihm verbracht hätte.

Kommentare

beta
Feenstaub

Navigation

Sprachen

Social Media