Kapitel 7

                                                                     7

Freitag. Dieser Tag sollte eigentlich ein guter Tag sein. Die Woche ist vorbei und ich könnte entspannt das Wochenende genießen, doch meine Freude ist nicht die größte. Für mich heißt es, dass ich dadurch noch mehr Zeit habe nachzudenken. Schmerzen zu fühlen, die ich nicht fühlen sollte. Sehnsucht zu spüren, die ich nicht spüren sollte. Kein einziges verdammtes Lebenszeichen von ihm. Keine Nachricht. Kein Abschied. Er hat sich einfach die ganze Woche über nicht gemeldet und es tut mir wirklich weh. Ich dachte nicht, dass mir ein Mann jemals wieder so unter die Haut gehen könnte, aber bei ihm scheint mein Verstand völlig auszusetzen. Völlig ihm verfallen zu sein. Ich hasse das. Nicht mehr Herr über seine eigenen Gefühle sein zu können.
Nach dem Vorfall mit meinem Wagen hat Peter ihn gleich repariert. Natürlich habe ich die Geschichte noch etwas umgeändert und ihm nichts über Alex erzählt. Also schon, aber ich habe eben nicht den Namen Alex erwähnt und auch sonst keine Details genannt. Das war echt eine Aufgabe. Denn Neugier ist Peter's zweiter Name. Er meinte nur, dass er, also Alex, ein Arschloch ist, wenn er zulässt, dass ich in der Dunkelheit durch den Wald spazieren muss. Natürlich habe ich mir auch noch eine Standpauke anhören können, wieso ich seine Nummer nicht wusste und nicht ihn angerufen habe. Tja, jetzt habe ich einen großen Zettel mit seiner Nummer in meinem Büro hängen. Er ist und bleibt ein über-fürsorglicher Kontrollfreak. Wenigstens eine Person, der ich etwas bedeute. Das kann man wohl von Alex nicht behaupten. Irgendwie entspricht es nicht meiner Natur, mich gleich so dermaßen auf ihn zu fixieren aber zu meinem Bedauern mag ich ihn wirklich. Auch trotz dieser Auf und Ab-Geschichte mit ihm. Vielleicht höre ich ja nie wieder etwas von ihm und das was mir dabei am meisten Angst einjagt, ist dass Wissen, das es mir mein Herz brechen würde. Wieder einmal. Die ganze Woche habe ich auf eine Nachricht von ihm gewartet. Doch Nichts. Ich habe sogar schon daran gedacht, dass er sich vielleicht verletzt hat und sich deswegen nicht meldet. Doch das wäre wohl nur ein böses, krankes Wunschdenken. Eine Ausrede. Noch dazu eine wirklich bösartige Ausrede. Als würde ich wollen, dass er sich verletzt. Definitiv nicht. Doch das würde es erklären und die Wahrheit verstecken. Die Wahrheit, dass er mich nicht mehr sehen möchte. Das ich mir dieses Knistern nur eingebildet habe. Er hat mich einfach nur in diesem Moment gebraucht und ich ihn. Doch ich brauche ihn auch jetzt noch und es schmerzt einfach, wenn niemand deine Gefühle erwidert. Die Frage, die ich mir aber immer wieder stelle, ist, was ich falsch gemacht habe. Ich weiß es nicht und ich würde es gerne von ihm hören, obwohl ich wirklich angepisst auf ihn bin. Ich hoffe nur, er versucht nicht wieder irgendwelche Teile zu bestellen. Also mein Herz. Mein Körper. Wollen ihn natürlich sehen. Wollen ihn spüren. Doch mein Verstand wehrt sich dagegen. Will ihn einfach so schnell wie möglich vergessen.
Nach der Arbeit habe ich Mik abgeholt, die nun neben mir sitzt, während ich mir einen Weg durch den strömenden Regen bahne, dessen Tropfen wie kleine Steine auf die Scheibe des Wagen’s prasseln. Ich muss mich dermaßen konzentrieren, nicht gegen irgendeinen Baum zu fahren. Die Scheibenwischer laufen auf Hochtouren und schaffen es nicht, die Scheibe für einige Sekunden freizuhalten. Die Stille im Wagen wird von Mik’s leiser Stimme unterbrochen.
„Anna, was ist los? Du bist so still in letzter Zeit. Die ganze Woche über siehst du so traurig aus.“
Sie ist meine kleine Schwester und ich will ihr meine Probleme ersparen. Also versuche ich, die Wahrheit etwas zu vertuschen.
„Nichts Mik. Es regnet einfach schon fast die ganze Woche, und du weißt ja, dass mich so ein Wetter immer ein wenig traurig macht.“
Ich habe nicht einmal gelogen. Bei diesem Wetter werde ich einfach an den schlimmsten Tag in meinem Leben erinnert. An den Tag, an dem meine Mutter gestorben ist. An diesem Tag war der Regen erbarmungslos. Nicht dieser harmlose normale Regen. Es war genauso ein Regen wie dieser. Düster, traurig und auch heute hängen diese dunklen Wolken vom Himmel, die den Ausblick auf die Sonne, auf das Glück, versperren.
Doch da gibt es auch noch diesen anderen Regen. Einen guten Regen. An einem heißen Sommertag, wo die Natur nur noch nach Abkühlung lechzt. Dieser Regen ist eine Erlösung. Ist neues Leben. Bei diesem Regen hat es früher Spaß gemacht, barfuß nach draußen zu gehen und auf der nassen Wiese herumzulaufen. Dann auch noch dieser Geruch von Regen auf dem Asphalt. Ich weiß viele würden sagen, man kann Regen nicht riechen, doch ich denke nicht, dass dies die Wahrheit ist. Denn ich kann es. Ich rieche ihn.
Doch heute ist es dieser dunkle Regen und dieses Gefühl, als würde ich eine schwere Last auf mir liegen und ich habe keine Ahnung, wie ich diese Last noch weiter tragen soll.
Endlich. Nach dieser Horrorfahrt bin ich froh zu Hause zu sein. Mik hat nach dem Gespräch im Wagen nicht mehr weiter nachgehakt und ich bin wirklich froh darüber. Ich bin mir zwar vollkommen sicher, dass sie weiß, dass meine Antwort gelogen war, aber sie kennt mich auch mittlerweile so gut, dass sie auch weiß, wann ich nicht reden will. Außerdem will ich sie nicht damit belasten. Sie musste echt viel durchmachen und ich will ihr nicht noch mehr aufschwatzen. Nicht dass sie auch noch so endet wie ich. Völlig verkorkst. Unfähig wirklich Liebe zuzulassen. Angst zu haben. Jeden Tag. Dass man Jemanden verlieren könnte. Sie hat die Chance, normal zu werden und das werde ich auf keinen Fall verhindern.
Wieder einmal lasse ich meine Kochkünste spielen und versuche irgendetwas zu zaubern. Die Musik, die durch die dünnen Wände aus Mik's Zimmer dringt, lässt mich kurz meine Sorgen vergessen und durch die Küche tanzen. Denn eigentlich habe ich ja heute auch etwas, auf das ich mich freuen kann. Nach zwei Wochen Abwesenheit kommt heute mein Vater wieder nach Hause und gerade, als ich daran denke, kann ich schon die Eingangstür hören. Damit ich einen Blick auf die Tür habe, drehe ich mich mit einem Kochlöffel in der Hand um und kann mir ein Grinsen nicht verkneifen. Manchesmal wenn ich ihn so ansehe, in seinem karierten Hemd und der dunklen Jeans, wird mir klar, wie sehr er das Bauarbeiter-Klischee erfüllt. Seine leicht grauen Haare stehen wirr vom Kopf und er sieht irgendwie müde aus. Muss wohl ein anstrengender Job gewesen sein.
„Hallo Kleines, wie geht’s?“
Er begrüßt mich mit einer festen Umarmung.
„Hi Dad. Gut. Ich hoffe dir auch.“
Es tut gut ihn wieder zu sehen. Und schon kommt auch Mikaela die Treppe runter gerannt und fällt ihm um den Hals. Die Freude in ihren Augen ist kaum zu übersehen. Kein Wunder, denn er ist die einzige Familie, die wir noch haben und wir sind jedes Mal froh darüber, wenn er von seinen Geschäftsreisen heil zurückkehrt. Es ist zwar nicht so, dass er einen gefährlichen Job hat und wir jedes Mal um sein Leben fürchten müssen, jedoch hatte meine Mutter das auch nicht und ist trotzdem so plötzlich von uns gegangen.
Nach einem entspannten Familienabend, habe ich seit langem wieder einmal Hilfe beim Aufräumen. Sogar Mik ist mit dabei um die Zeit mit Dad zu nutzen.
Er ist der einzige Mensch, dem ich blind vertraue und dass gibt mir den Halt, den ich jetzt gerade brauche.
Da jeder von uns eine anstrengende Woche hinter sich hat und wir alle zu müde sind um noch weiter Geschichten auszutauschen, beschließen wir, für heute Schluss zu machen. Er ist ja jetzt ein paar Tage wieder zu Hause und wir können Morgen weiter seinen Geschichten lauschen.
„Gute Nacht, schlaft gut.“
Mein Vater verabschiedet sich in sein Schlafzimmer und Mik ebenfalls. Ich räume noch kurz, das letzte bisschen Geschirr in den Spüler und gehe ebenfalls nach oben in meine Wohnung.
Nachdem ich mich geduscht und umgezogen habe, kuschle ich mich in mein Bett und versuche einzuschlafen, aber irgendwie gelingt es mir nicht. Wieder und wieder wälze ich mich hin und her. Einmal passt die Decke nicht, dann meine Haare in meinem Gesicht. So sehr ich es auch versuche, ich kann einfach nicht schlafen. Vollkommen angepisst und trotz allem müde, stehe ich auf und sehe mich im Zimmer um. Mit irgendetwas muss ich mir die Zeit vertreiben, bis ich zu müde bin, um meine innerliche Unruhe ignorieren zu können. Also schnappe ich mir meine Decke und ein Buch um damit auf den Dachvorsprung zu klettern.
Auch wenn es schon vor einer Weile aufgehört hat, die erbarmungslosen Regentropfen aus den Wolken zu lassen, rieche ich noch immer den Regen auf dem warmen Asphalt. Genau diesen Geruch habe ich vermisst. Er lässt den erbarmungslosen Regen verblassen und mich an den Sommer denken. Das ist meine Art der Hoffnung. Hoffnung dass das Schlechte vergeht und das Gute kommen wird.
Das Buch ist okey, aber nicht gerade spannend. Vielleicht aber auch nur deswegen, weil ich mich nicht wirklich darauf konzentrieren kann. Zu viele Gedanken schwirren in meinem Kopf herum. Also lege ich es zur Seite und lasse mich zurücksinken, um die Sterne zu beobachten. Es fühlt sich wie eine Ewigkeit an, seit dem ich dass das letzte Mal gemacht habe. Die Wolken haben sich zum größten Teil verzogen und man kann einige von den leuchtenden Sternen erkennen. Es ist einfach wunderschön. Bei diesem Blick könnte man wohl alles um sich herum vergessen. Es sieht aus, wie der Blick von einem Flugzeug auf eine riesige Stadt, mit deren ganzen Lichtern.
Meine Umgebung zu vergessen, hat mir jetzt fast einen Herzinfarkt beschert. Dieses Geräusch, dass mich aus meinem Trance-Artigem Zustand reißt, lässt mich hochschrecken und mich vor Angst fast vom Dach fallen. Mein Blick schweift hektisch hin und her und sucht nach dem Ursprung des Geräusch's. Mein Herz springt fast aus der Brust, als ich Jemanden neben mir entdecke. Doch als mein Blick klarer wird und sich dieser Jemand als Alex herausstellt, fällt mir ein Stein vom Herzen. Er steht am Rand des Dachvorsprungs und sofort habe ich das Gefühl, dass heute irgendetwas anders ist an ihm. Er sieht so besorgt aus. Unwillkürlich lasse ich meinen Blick von seinen schwarzen Chucks, die Aussehen als hätten sie schon bessere Zeiten erlebt, über seine schwarze, tiefsitzende Jeans zu seinem Gesicht schweifen, dass wie immer von diesen Haaren im „Gerade-Aufgestanden-Look“ umrahmt wird.
„Verdammt. Du hast mich zu Tode erschreckt?“
Einerseits bin ich wirklich sauer auf ihn, nicht nur deswegen, weil er mich gerade erschreckt hat. Aber ich bin auch erleichtert, dass ich jetzt weiß, dass ihm nichts passiert ist. Meine Hand liegt noch immer auf meiner Brust und mein Herz pocht im schnellen Takt unter meiner Handfläche.
„Was machst du hier?“
Die Worte kommen etwas forsch aus meinem Mund und ich kann meine Enttäuschung und auch den Schock von eben, nicht so einfach in ignorieren.
„Sorry. Ich wollte dich nicht erschrecken. Darf ich?“
Mit einer Handbewegung zeigt er auf den leeren Platz neben mir und bevor die Frage meine Gedanken erreicht, nicke ich schon mit meinem Kopf. Dies beweist wieder einmal, welche Wirkung er auf meinen Körper hat. Seine Finger streifen die Meinen, als er sich neben mich setzt und dieses Mal schaffe ich es, meinen Körper zu kontrollieren und die Hand von dieser sanften Berührung zu lösen.
Erst jetzt stelle ich mir die Frage, wie er hier rauf gekommen ist. Wahrscheinlich ist er die Pflanzenleiter heraufgeklettert und ich war einfach wieder einmal in meiner eigenen Welt und habe es nicht gehört. Bevor ich ihn danach fragen will und meinen Blick auf ihn richte, lässt er mich mit einem Mal meine Frage vergessen. Es sind nicht diese gewohnten strahlend blauen Augen. Nein, seine Augen sind heute dunkler als sonst und sie wirken so unendlich traurig. Ich weiß nicht, was mit ihm los ist. Auch wenn ich ihn nicht mehr sehen wollte, irgendetwas sagt mir, das etwas nicht stimmt. Schon übernimmt meine fürsorgliche Seite das Kommando und lässt die Wut auf ihn verschwinden.
„Geht es dir gut?“
Leise, fast schon flüsternd bringe ich die Worte über meine Lippen und seine Augen wirken bei diesen Worten nur noch trauriger.
„Es ist alles in Ordnung, es ist nur.....“
Seine Stimme wirkt heiser und seine Augen lassen etwas aufblitzen, dass ich als Unsicherheit deute. Die Stimmung, die sich gerade zwischen uns aufbaut, lässt mich nervös werden. Seine Stimme ist verstummt und er macht keine Anstalten, weiter zu sprechen. Stattdessen schweigt er und hebt langsam seinen Arm, um mir mit einer sanften Bewegung eine Haarsträhne aus der Stirn zu streichen. Seine Bewegung ist so sanft und vorsichtig, dass man meinen könnte, ich sei zerbrechlich. Seine Finger wandern langsam an meinem Kinn entlang zu meinem Nacken. Unter seiner Berührung spüre ich, wie sich mein Körper nach seiner Berührung verzehrt und nur auf Erlösung zu warten scheint. Sein Blick ist noch immer auf mich gerichtet. Seine Augen sind mit meinen verbunden, als würden wir diesen Blick nie wieder loslassen. Er legt seine warme Handfläche in meinen Nacken und mit einer weiteren sanften Bewegung zieht er mich näher an sich, sodass sein Atem sich auf meine Lippen legt. Seine Zunge gleitet langsam über seine Unterlippe und dabei fühle ich dieses Kribbeln. Es ist ein Kribbeln, dass sich über meinen ganzen Körper legt. Vorsichtig legen sich seine warmen Lippen auf meine und ein leiser Seufzer kommt aus meiner Kehle. Mein ganzer Körper wird wieder von dieser Energie geflutet, als würde er mir alles von ihm geben und ich ihm von mir. Als würde die ganze aufgestaute Wut, die Leidenschaft in diesen Kuss gepackt werden. Seine Lippen sind so weich und seine Zunge an meiner, lässt mich fast Explodieren. Ich wollte ihn doch gar nicht mehr sehen und jetzt küsse ich ihn und kann, besser gesagt will, damit nicht aufhören. Es ist wie eine Droge.
Seine Lippen verlassen die meinen und sofort fühle ich die Kälte auf ihnen. Seine Stirn lehnt noch an meiner und es fühlt sich an, als würde er mit seinem Verstand kämpfen um seine Lippen nicht wieder auf die meinen zu legen. Ein Teil von mir hofft, dass sein Verstand den Kampf verliert und er dort weitermacht, wo er aufgehört hat.
Seine Hand liegt noch immer in meinem Nacken bevor sie langsam und bedacht an meinem Hals gleitet. Dieses Kribbeln wird dadurch nur noch stärker, bevor er sich zu meinem Bedauern von mir löst und mich anstatt diesem Kribbeln eine Sehnsucht nach seiner Berührung überkommt. Noch immer wie in Trance von diesem Kuss, beobachte ich ihn, wie er sich neben mich auf die Decke legt. Seine Hand umfasst meine und er zieht mich neben sich. Sanft lässt er seinen Daumen über meine Knöchel streichen und hält meine Hand weiter fest. Nun liegen wir beide hier und starren in den Sternenhimmel. Und ich? Ich bin noch immer wie auf Wolke sieben. Verwirrt. Glücklich und vollkommen aufgedreht.
„Ist lange her, dass ich den Sternenhimmel genau angesehen habe. Fühlt sich an wie eine Ewigkeit.“
Er flüstert diesen Satz und klingt dabei so nachdenklich und die Neugier zu Erfahren, was ihn so bedrückt, lässt mich an seine Worte vorhin denken, die er nicht ausgesprochen hat.
„Alex, was wolltest du vorhin sagen? Du weißt schon, bevor......“
Es ist irgendwie schwierig für mich über diesen Kuss zu sprechen.
„Versteh mich nicht falsch, aber ich will gleich von Anfang an ehrlich zu dir sein. Ich sollte nicht mit dir zusammen sein. Und du nicht mit mir. Aber ich kann mich einfach nicht von dir fernhalten. Du bist so anders, so einzigartig. Und irgendetwas an dir fasziniert mich.“
Dass mit dem „wir sollten nicht zusammen sein“ ignoriere ich einfach. Hat er gerade gesagt, dass er mich faszinierend findet und sich nicht von mir fernhalten kann? Aber hat dieses Wort Einzigartig etwas Gutes zu bedeuten? Denn ich denke. Irgendwie ist jeder auf seine Art Einzigartig. Auch die Leute in den Gummizellen sind einzigartig. Also bin ich ein Psycho für ihn? „Anna, reiß dich zusammen und hör auf zu fantasieren.“ Schon werde ich von meiner inneren Stimme ermahnt. Wie sehr habe ich darauf gehofft, er würde etwas für mich empfinden und jetzt wo er mir einen kleinen Teil seiner Gefühle offenbart, erdrückt mich trotz allem noch die Ungewissheit. Er macht mich vollkommen zum Wrack. Vollkommen verrückt. Vielleicht bin ich deswegen einzigartig. Einzigartig verrückt.
„Alex. Ich verstehe dich einfach nicht.“
Mit Seinem Kopf abgestützt auf seiner Hand, liegt er nun neben mir und sein Blick auf meinem Gesicht lässt mein Herz wieder schneller schlagen.
„Es ist einfach nicht gut für dich. Ich bin einfach nicht gut für dich. Mehr kann ich dir nicht sagen. Ich will dich einfach nicht in Gefahr bringen.“
Mein Gott, er tut ja so, als ob er ein Geheimagent auf Mission wäre. So schlimm kann es nicht sein. Aber ich habe auch das Gefühl, dass er nicht weiter darauf eingehen will. Auch wenn ich mich so sehr nach seinen wahren Gefühlen sehne, versuche ich, nicht weiter nachzuhaken. Ich will ihn nicht zu etwas zwingen, dass er nicht will. Dieses Verständnis für ihn, beweist wieder einmal, wie sehr ich über die normalen „Freundschaftsgefühle“ hinausgeschossen bin.
Gerade als ich mich entspannen kann, und er meine Hand weiter mit seinem Daumen streichelt, lässt er sie los und setzt sich auf. Er sieht mich an und wirkt noch immer so gequält.
„Tut mir leid, Anna. Aber ich muss wieder los.“
Meine innere Stimme ruft geradezu ein lautes „Nein“ und möchte zu gerne wissen, warum er jetzt schon wieder wegmuss.
„Ich muss mich wohl damit abfinden, dass du immer plötzlich verschwindest?“
Meine Augen, die in seine blicken, lassen mich auf ein leicht gequältes Nicken blicken.
„Bye.“
Seine Hände umgreifen meinen Hals und mit einer sanften Bewegung legt er die Lippen auf meine Stirn um darauf einen Kuss zu hinterlassen, bevor er sich auf den Weg zum Rand des Daches macht. Einen kurzen Augenblick treffen sich unsere Blicke nochmals, bevor ich hochschrecke, als er vom Dach springt. Panisch springe ich auf und bewege mich auf den Dachvorsprung zu. Es sind immerhin mehr als drei Meter bis zum Boden. Mein Blick wandert suchend auf die dunkelgrüne Wiese, ich kann jedoch niemanden erkennen. Er ist bereits weg und ich gebe mich mit der Erklärung ab, dass er wirklich gut in Form sein muss, um so einen Sprung zu wagen.
Verwundert und auch verwirrt, schüttle ich meinen Kopf und packe meine Sachen zusammen um wieder zurück ins Schlafzimmer zu klettern. Drinnen angekommen, lasse ich meinen noch immer kribbelnden Körper ins Bett fallen und meine Gedanken um diesen Kuss kreisen. Wie konnte ich zulassen, dass er mir dermaßen unter die Haut geht, ohne dass ich kaum etwas über diesen geheimnisvollen und undurchschaubaren Typen weiß? Denn genau dass könnte mir gefährlich werden. Wieder einmal an Jemanden mein Herz zu verlieren, der es mir aus der Brust reißt und darauf herumtrampelt, als wäre es nichts wert. Trotz dieser Angst kann ich nicht aufhören an ihn und diesen Kuss zu denken. Auch wenn sich mein Verstand so sehr dagegen wehrt, lasse ich mich für einen Augenblick fallen und schlafe mit den Gedanken an Alex ein. Die Hoffnung dass diese Nacht, dass Bild dieser Frau von ihm verdrängt wird und ich endlich wieder ohne Alpträume meinen Schlaf genießen kann.
Doch dieser Wunsch bleibt unerfüllt. Denn wie fast jede Nacht Träume ich von dieser Frau. Und wie in jedem Traum bittet sie mich um Hilfe. Ich werde diesen Vorfall wohl nie vergessen. Schweißgebadet wache ich mitten in der Nacht auf. Eine noch größere Qual ist es jedoch wieder einzuschlafen, mit dem Wissen, dass ich wieder von diesem Traum verfolgt werde. Ich muss irgendetwas dagegen tun um diesen Vorfall so weitgehend wie möglich aus meinen Gedanken zu löschen. Auch wenn ich nicht an so einen Schwachsinn glaube, muss ich herausfinden, was diese Träume zu bedeuten haben. Jedes Mal bittet sie mich darum, ihr zu helfen. Es muss etwas bedeuten. Um diese Träume loszuwerden ist mir so gut wie jede Möglichkeit recht.
Der nächste Morgen wird von den Alpträumen überschattet wie die dunklen Ringe unter meinen Augen beweisen, als ich mich im Spiegel betrachte. Wenn ich so weiter mache, bin ich in spätestens ein paar Tagen ein Wrack. Also muss ich dringend eine Lösung finden.
Vorerst setzte ich mich vor meinen Mac, um die Nachrichten zu lesen. Im Zeitungsartikel steht, dass die Frau vor zwei Monaten als vermisst gemeldet wurde. Es heißt sie sei in den See gestürzt und dann ertrunken. Aber wieso waren ihre Hände dann weggerissen? Ich kann mich noch genau erinnern, dass sie Kratzer im Gesicht hatte. Dieses Bild hat sich in meiner Erinnerung eingebrannt. Bei diesem Artikel muss ich unwillkürlich an die Worte meines Vater’s denken, dass man Zeitungen niemals trauen sollte.
Erst nehme ich das Vibrieren meines Telefon’s nur dumpf im Hintergrund wahr. Erst als ich mich wieder ein wenig von dem Bildschirm meines Mac’s löse, wird mir klar, dass Sandra’s Name nicht ohne Grund auf dem Display aufleuchtet. Schnell greife ich danach um den Anruf anzunehmen.
„Hi Anna. Wie geht's?“
„Hi. Mir geht’s gut. Hab schon eine halbe Ewigkeit nichts mehr von dir gehört.“
Nach diesem Satz höre ich sie ins Telefon kichern und ich muss auch sofort zu lächeln anfangen. Auch wenn mir vor einigen Sekunden nicht danach war, dieses Kichern hört sich verdächtig an. Es muss etwas mit einem Mann zu tun haben.
„Wir müssen unbedingt reden. Ich hab Neuigkeiten.“
„Na, dass hört sich mal spannend an. Was hast du wieder angestellt? Bist du zu Hause? Dann komme ich zu dir. Ich muss dich sowieso noch um einen Gefallen bitten.“
„Ja, klar. Ich erwarte in zehn Minuten einen heißen Besuch von einer gewissen Anna. Beeil dich.“
Ihr Kichern hallt mir noch immer in den Ohren, als ich mich fertig mache und meine gemütlichen Short’s und ein blaues Sweater überziehe. Eigentlich wollte ich sie nicht in diese Sache mit hineinziehen, aber ich bin zu verzweifelt, um es nicht zu versuchen. Ihr Vater ist Cop und ich hoffe, damit an Hintergrundinformationen zu kommen. Auch wenn ich nicht gerade hoffnungsvoll bin, dass ihr Dad uns diese Informationen bereitwillig zur Verfügung stellen wird. Aber ein Versuch ist es auf jeden Fall wert. Bei dem Weg nach draußen greife ich nach meinem Telefon und erblicke einen Namen auf dem Display, der mein Herz einige Takte schneller schlagen lässt.
-Hy Anna. Ich hoffe, du hast gut geschlafen. Alex.-
Gerade erwische ich mich dabei, wie ich in meinem Zimmer auf und ab hüpfe und mein ganzer Kummer über diese Alpträume scheint in diesem Moment verflogen zu sein. Ich bin überglücklich. Bin vollkommen aufgedreht. Ich muss mich echt zusammenreißen, dass ich ihm nicht sofort antworte. Wie würde das Aussehen? Als würde ich jede verdammte Minute an ihn denken und auf eine Nachricht warten. „Ach Anna. Das machst du doch auch.“ Ich könnte diese Stimme in meinem Kopf manchmal erwürgen, wenn das nur ginge. Ich brauche dringend Ablenkung um ihm nicht sofort zu antworten und diese heißt „Neuigkeiten austauschen mit Sandra“.

Kommentare

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    Wieder super geschrieben! Alle Achtung! 5/5

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