Kapitel 8

Der Alarmton des Weckers reist mich aus meinem wohl verdienten Schlaf. Ich öffne langsam meine müden Augen und greife mein Handy. Mit einem Wisch über das Display, verstummt der Ton jedoch wieder und ich lasse mich in die weichen Kissen zurück sinken.

Gerade als ich wieder eingeschlagen bin, kommt meine Mutter genervt ins Zimmer:"Elena! Steh auf! Du musst aufstehen. Wir müssen gleich los." Wieso weckt sie mich einfach? Ich will weiter schlafen. Das fällt es mir wieder ein. Heute ist der 16. 11. 2101. Heute müssen wir in die Konferenzhalle, um dann genaueres zum Experiment zu erfahren. Ich hätte nie gedacht, dass ich dafür ausgewählt werde. Meine Eltern scheinen es jedoch von Anfang an gewusst zu haben. Ich öffne meine Augen und nehme mein Handy in die Hand, um die Uhrzeit zu checken. Es ist sieben Uhr dreißig. Mist! Wieso habe ich meinen Wecker so spät gestellt? Ich habe nur noch eine halbe Stunde.

Ich schiebe die Bettdecke zur Seite und klettere murrend aus dem Bett. Mom schaut mich zufrieden an und geht wieder, um nun auch Cole zu wecken, der wahrscheinlich genau wie ich einfach weiter zu schlafen versucht. Wenn wir etwas gemeinsam haben, dann ist es dass wir beide nicht gerne früh aufstehen. Ich torkele ins Bad und wasche mir das Gesicht, um richtig wach zu werden. Nachdem ich mich gewaschen habe, verlasse ich das Badezimmer wieder und gehe, nun wenigstens etwas wacher, in mein Zimmer zurück, um mich um zu ziehen. Ich öffne langsam meinen Schrank und suche mir ein Outfit raus. Was zieht man zu so einem Anlass denn an? Nach kurzer Beratung mit meiner Mutter, suche ich mir ein Outfit, bestehend aus einer weißen Bluse und einem schwarzen Rock, heraus. Das wird hoffentlich schon irgendwie passen. Ich ziehe mich schnell an und renne dann nach unten, weil meine Mutter mich nun schon zum dritten Mal ruft.

Ich überspringe einfach die letzten Treppenstufen und renne zu meiner Mutter. Was ist so wichtig, dass er mich so oft ruft? "Was ist so wichtig?", frage ich ein wenig außer Atem. "Ab ins Auto! Wir fahren los", sagt sie entspannt. Ich fuchtele mit meinem Handy vor ihrer Nase herum:"Du hättest lieber eine WhatsApp schicken sollen, anstatt durchs ganze Haus zu schreien. Das ist viel besser für jeden von uns." Er seufzt:"Du weißt, dass ich kein Fan dieser Sozialen Medien bin." Ich verdrehe die Augen:"Ja ich weiß. Das betonst du oft genug!" Sie seufzt. Mom hasst das Internet und alle neuartigen technischen Geräte. Sie gibt ihnen die Schuld an dem, was mit unserer Erde passiert ist. Mein Dad ist da ganz anders. "Ich habe jetzt keine Lust mit dir zu diskutieren. Ab ins Auto, Elena!", sagt sie mit einem Ausdruck in der Stimme, der keinen Widerspruch duldet. Ich gehe murrend zur Garderobe und nehme eine dünne Jacke herunter. In den letzten Tagen hat sich das Wetter wieder einmal geändert und nun ist es ziemlich warm, wenn man bedenkt, dass davor noch Schnee lag. Ich streife die Jacke über und schlurfe zum Auto.

Cole und mein Vater haben sich bereits dort eingefunden. Ich öffne die hintere Tür und steige ein. War ja klar, dass Cole sich wieder den besten Platz krallen musste. Ich lasse mich auf meinen Sitz fallen und schnalle mich an. Sicherheit geht schließlich vor. Ich will ja nicht, dass sich die Leute sich einen neuen Teilnehmer für ihr Experiment suchen müssen. Meine Mutter folgt mir und steigt vorne ein. Sobald auch sie sich abgeschnallt hat, starrtet mein Vater den Motor und lenkt den Wagen von der Einfahrt. Dann brausen wir über die Straßen unserer kleinen Stadt zur Konferenzhalle im Stadtzentrum. Nach weniger als acht Minuten sind wir da.

Vor der Halle haben sich schon mehrere Teenager mit ihren Familien eingefunden. Sie sind etwa im gleichen Alter wie ich. Es sind nicht so viele, schließlich werden ja insgesamt dreißig Jugendliche aus allen Staaten ausgewählt und da wäre es merkwürdig, wenn ein Drittel davon aus derselben Stadt stammt.

Ich lasse meinen Blick auf der Suche nach einem Freund durch die Reihen der zum Teil fremden Menschen wandern, doch ich erblicke keinen. Da sehe ich ein Auto herannahmen. Ich erkenne es sofort. Es ist das Auto von Karinas Vater. Sie wurde als auch angenommen. Oder vielleicht doch ihre Schwester? Nein, bestimmt ist es Karina. Sie ist ziemlich intelligent und hat ihre Prüfung sicher super gemeistert. Wenige Sekunden vergehen bis Karina mich entdeckt und auf mich zu gelaufen kommt. Sie schließt mich in die Arme und drückt mich so fest wie immer, woran ich mich langsam gewöhnt habe. Wir haben zwar darüber geredet, dass wir beide angenommen haben, doch realisiert haben wir es beide nicht so richtig. Wir sind eben ziemlich ähnlich. Ob das nun gut oder schlecht ist, weiß ich nicht. Was ich weiß ist, dass ich froh bin, dass wir die Chance haben das Experiment zusammen zu machen und nicht getrennt werden. "Du bist wirklich hier!", flüstert sie. Ich flüstere zurück:"Natürlich. Ich lass dich doch nicht einfach alleine." Sie löst sich von mir und ich sehe, dass sie Tränen in den Augen hat. Ob aus Freue, Angst oder Trauer weiß ich nicht. Ich lege den Kopf fragend leicht schief. Sie bemerkt den Wink und wischt sich die Tränen schnell mit einem Lächeln weg. Freudentränen also. Wir kennen uns schon so gut, dass wir uns sogar ohne Worte verstehen. Ich bin froh sie eine gute Freundin zu haben. Plötzlich erklingt eine Glocke und die Türen des Konferenzraumes gehen auf. Wir sehen uns an und gehen zusammen mit unseren Familien in das Gebäude.

Drinnen angekommen, setzen wir uns auf die runden Bänke des Konferenzraues. Die Anordnung der Bänke ist so ähnlich wie die im Parlament. Das ist schon ziemlich cool. Karina sitzt neben mir und blickt gespannt nach vorne. Auf meiner anderen Seite sitzt Cole, der die anderen Mädchen mustert. War ja klar!

Im Raum ist es totenstill, als ein Mann im dunklen Anzug herein kommt. Wieso ist Präsident Rifforson nicht hier? Wahrscheinlich hat er einfach keine Zeit oder er hat einfach etwas Besseres zu tun. Er ist schließlich der Präsident. Der Mann reist mich aus meinen Gedanken:"Willkommen zusammen!" Als er herein kommt, klatschen die Eltern. Sie scheinen ihn zu kennen. "Ich bin Mr Graham. Ich werde heute Mr Rifforson vertreten, da er derzeit an den Einzelheiten des Experiments arbeitet", erkläre Mr Graham freundlich. Er ist nicht so kühl wie er zu Anfang schien. "Das hier wird so ablaufen, dass wir zuerst die Grundlagen klären und dann werde ich euch alle aufrufen, um euch individuell auf euch abgestimmte Sachen für das Experiment zukommen zu lassen", erzählt er weiter.

Mr Turner erklärt ziemlich viel langweilige Sachen über das Experiment und die Eltern stellen Fragen, doch ich höre nicht richtig zu. Ich muss an Jace denken. Wir haben zwar noch einige Mal geschrieben, doch in der Schule haben wir kein Wort gewechselt. Jetzt wo das Experiment bevor steht und wir uns, wenn ich unter die besten 10 komme, vielleicht nie wieder sehen, bereue ich es sehr ihn nicht früher angesprochen zu haben. Er ist echt total charmant und ich hätte mehr Zeit mit ihm verbringen können, wenn ich mich einfach eher getraut hätte. Er scheint mich gemocht zu haben.

Plötzlich wird mein Name aufgerufen:"Elena Carter!" Cole tippt mich an und ich sehe ihn fragend an. "Steh auf und geh nach vorne zu den Anderen", flüstert er mir unauffällig zu. Ich setze ein gespieltes Lächeln auf und gehe langsam nach vorne. Ich hoffe die ganze Zeit, dass ich nicht stolpere. Das wäre so peinlich.

Als ich vorne bei Mr Graham angekommen bin, schüttelt er mir die Hand und gibt mir ein zusammen gerolltes Papier. Ich lasse meinen Blick schnell zu den anderen Teenagern, die sich in einer Reihe hinter Mr Graham aufgestellt haben, wandern. Auch sie haben so ein Papier in den Händen. Ich nehme es und will mich schon zu den Anderen stellen, doch Mr Graham hält mich fest und sagt mit einem leichten Lächeln auf den Lippen:"Warten sie Ms Carter. Sie sind noch nicht fertig." "Oh...Entschuldigung", flüstere ich. Peinlicher geht es gar nicht mehr. Er schenkt mir ein Lächeln und deutet auf mein Handgelenk. Ich strecke es ihm entgegen. Er zieht ein kleines Gerät hervor und drückt es an mein Handgelenk. Es erinnert mich von der Form und der Farbe her an eine Pistole, doch er wird mir mit Sicherheit nicht ins Handgelenk schießen. Er legt seinen Finger an einen Knopf. Ich kneife dich Augen zusammen und schaue weg. Ich höre wie er den Knopf herunter drückt und verspüre kurze Zeit darauf einen Schmerz im Handgelenk. Ich schaue schnell wieder hin. Es ist nichts an meinem Handgelenk zu sehen. Weder eine Wunde, noch irgendeine andere Verletzung meiner Haut. Mr Graham nickt mir zu, was wohl das Zeichen dafür sein soll, dass ich gehen kann. Ich stelle mich zu den Anderen und lasse die Konferenz unbeteiligt vorüber gehen.

Als die Konferenz endlich vorbei ist, verlassen wir den Konferenzraum und steigen zurück ins Auto. Auf der Fahrt zurück lege ich meinen Kopf an die Scheibe und denke nach. Bin ich wirklich bereit meine Heimatstadt zu verlassen? Mein Bauch sagt ganz klar nein, doch mein Kopf sagt mir, dass ich das Richtige tue. Es sollte für mich eine Ehre sein, doch das ist es nicht. Ich spüre einen ziehenden Schmerz in meinem Herz, versuche mir aber nicht anmerken zu lassen. Es muss ja nicht jeder sehen, dass ich gerade am Liebsten wegrennen und all das hier hinter mir lassen würde. Ich würde das Land verlassen, wenn mich das von meiner Pflicht entbindet, doch das kann ich den Anderen nicht an tuen. Es ist doch meine Pflicht das hier zu tun, oder?

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