Kapitel 8

Angespannt verließ Graf Viktor die schützende Kutsche und sah sich verhalten um. Es behagte ihm nicht, sich nach über einem halben Jahr, das er sich förmlich versteckt hatte, seinen alten Freunden zu stellen. Doch es musste sein. Er konnte sich nicht länger verkriechen, wenn er nicht als Einsiedler in seinem Schloss enden wollte.

Peinlich berührt darüber, dass sie sich offenbar verspätet hatten, ging er auf die Herrschaften zu, die an der Eingangspforte des kleinen Jagdschlosses standen und den Qualm von gutem Pfeifentabak in den kalten Winterabend bliesen.

»Seid gegrüßt, Graf Ludosan, Graf Buresti«, begrüßte er die Herren, die er noch durch seinen Vater kannte. Die alten Fürsten hatten sich, als der frühere Graf Draganesti noch lebte, häufig zum Kartenspielen oder zum Jagen mit diesem getroffen. Man kannte sich bereits aus Kindertagen.

Viktor hatte eigentlich kein gesteigertes Interesse an der Gesellschaft der Männer, die ihm mit ihren Gesprächsthemen über Politik und Kriegsführung nicht sehr viel Zerstreuung boten. Doch er pflegte die Kontakte, dem Andenken an seinen Vater zuliebe.

»Ah, Graf Draganesti. Gut seht Ihr aus, mein Junge. Je länger ich Euch nicht zu Gesicht bekomme, desto mehr seht Ihr beim nächsten Treffen aus wie Euer Herr Vater. Meine Gedanken waren bei Euch nach Eurem schweren Verlust.«

Der junge Mann nickte dankend.

»Die Seuche hat ja, wie ich vernommen habe, besonders in Bistrien für große Verluste unter den Bauern gesorgt. Bei uns im Süden war es nicht ganz so verheerend«, mischte sich Graf Buresti ein, ein wild aussehender Mann mit ausladendem Bauch, der in dicken Pelz gehüllt war. Auf seinem Kopf prangte ein großer Hut, der sich nicht mit seinem animalischen Äußeren vertragen wollte und sein Bart war noch immer so buschig, wie Viktor ihn aus seiner Kindheit in Erinnerung hatte. Er hatte sich als Junge vor diesem Mann gefürchtet, der aussah wie der Räuber aus diversen Kindergeschichten, die ihm seine Amme vorgelesen hatte.

»Meine Verwalter haben zum Glück in den Jahren zuvor gut gearbeitet, sodass die Verluste bei der Ernte, die durch die fehlenden Arbeitskräfte auf den Feldern verdarb, gering ausgefallen sind.«

Die beiden alten Grafen nickten und pafften ihre Pfeifen unter Schmatzen weiter.

»So verliert Ihr nicht noch mehr Untertanen durch diesen vermaledeiten, heftigen Winter.«

Viktor brummte nur. Als würde es diese Herren interessieren, was mit den einfachen Bauern in den Dörfern geschah. Die kümmerten sich nur um sich selbst und bemerkten die Menschen, die von ihnen als ihre Regenten abhängig waren, erst, wenn die Ernten schlecht ausfielen und die von den Bauern zu leistenden Abgaben an sie geringer ausfielen als üblich.

»Entschuldigt mich, meine Herren. Ich würde mich gern aufwärmen. Wir sehen uns dann später drinnen.«

»Es tut gut zu sehen, dass Ihr Euch wieder unter Menschen traut.«

Der junge Graf nickte abgehackt und wandte sich zu Sebastian um, der höflich hinter seinem Herrn gestanden hatte, wie er es immer tat. Als Unterstützung, Rückendeckung, Wachmann.

»Lass' uns bloß reingehen. Keine Minute halte ich mit denen aus, bevor es wieder darum geht, dass die Fürstenhäuser sich gegen die Türken verbünden sollten!«

Der Butler schmunzelte, denn er wusste, wie sehr solche Themen dem jungen Herrn zuwider waren, und folgte ihm durch das weit offenstehende Portal in die durch Kerzen erhellte Eingangshalle des kleinen Schlosses.

Der kostbare Mosaikfußboden war auf Hochglanz poliert worden, in dem sich das Kerzenlicht spiegelte. Im Kamin unter der Galerie, inmitten der beiden Treppen, die nach oben führten, prasselte ein großes Feuer. In einer Ecke, wo er gut zur Geltung kam, aber niemanden behinderte, stand ein wunderschön zurecht gemachter Weihnachtsbaum. Auf den zwischen den einzelnen Türen verteilten, eleganten Sofas hatten einige der Ehefrauen Platz genommen, sofern es ihre aufgebauschten Kleider zuließen, und unterhielten sich über alltägliche Dinge, die Damen allgemein interessierten, ihren Gatten aber keine Zerstreuung boten. Diese standen in Gruppen beisammen und rauchten. Alles wartete darauf, dass der Gastgeber auftauchte und die Festlichkeit offiziell eröffnete.

Dienstboten eilten geschäftig zwischen den Gästen hin und her, nahmen Mäntel und Hüte in Empfang und reichten Erfrischungen, die die Kälte vertreiben sollten.

»Habt Ihr den Wunsch nach einem Glühwein, um Euch aufzuwärmen, mein Herr?«, fragte Sebastian leise und Viktor schüttelte den Kopf.

»Nein, danke. Ich denke, ich bleibe lieber noch etwas bei klarem Verstand. Mir ist unbehaglich und ich möchte niemandem meine Unpässlichkeit auf die Schuhe speien. Ein Tee wäre mir recht, aber das kann noch etwas warten.«

Er straffte die Schultern, denn er spürte sehr wohl, dass die Leute sein Ankommen bemerkt hatten. Die Höflichkeit gebot es aber, dass er als der, der als Letzter den Raum betreten hatte, nun sie begrüßen musste. Er hasste es, auf Leute zuzugehen, selbst wenn diese seine Freunde waren. Oder gute Bekannte aus der Kindheit und Jugendzeit.

»Bringt es lieber hinter Euch, bevor sie zu tuscheln beginnen.«

Viktor knurrte. Sebastian kannte jede seiner Schwächen mit nur einem Blick. Manchmal war es ein Fluch, dass sie einander so vertraut waren.

Mit gestrafften Schultern schickte der Graf sich an, seine Begrüßungsrunde zu beginnen, während sein Butler bescheiden und unauffällig, wie es sich gehörte, am Rand stehen blieb und seinen Herrn schmunzelnd beobachtete. Niemand der Anwesenden bemerkte, wie viel Überwindung es den jungen Grafen kostete, mit ihnen zu plaudern und ein paar fröhliche Floskeln auszutauschen.

Er war schon als Kind ein Einzelgänger gewesen, der still und für sich war und dem es schwer gefallen war, auf andere zuzugehen. Die einzigen Kinder, mit denen er im Schloss hätte spielen können, waren die von Dienstboten gewesen und diese hatten sich nicht gewagt, mit ihm ihre Zeit zu verbringen, aus Furcht, er könnte sich verletzen und man würde ihnen die Schuld geben und sie bestrafen. So wurde aus Viktor ein Mensch, der unsicher war, aber geschickt darin, diese Unsicherheit vor anderen zu verbergen. Es wurde ihm energisch anerzogen von seinem Vater und diversen strengen Hauslehrern.

Allerdings schien von den Gästen niemand zu erwarten, dass Graf Viktor vor guter Laune strotzte. Immerhin wusste die Gesellschaft, dass er erst vor wenigen Monaten verwitwet war und man gestand jemandem in einer solchen Situation durchaus eine Trauerzeit von einem Jahr zu.

Es dauerte fast eine halbe Stunde, bis der junge Mann wieder zu seinem Butler zurückkehrte. Seine Wangen waren gerötet und er hielt die Mütze in den Händen.

»Kommt, Herr. Gebt mir Euren Mantel. Ihr hättet bereits ablegen sollen, als wir hinein kamen. Jetzt ist es Euch sicher zu warm.«

»Ah nein, es ist alles in Ordnung«, lächelte Viktor und überreichte Sebastian die Garderobe. Dieser blickte sich um und wandte sich dann höflich an einen der herumlaufenden Dienstboten. Gemeinsam verschwanden sie und der Graf blieb allein zurück.

Er hatte unzählige Beileidsbekundungen für den Verlust seiner iubita erhalten, einige schienen sich sogar daran zu erinnern, dass nicht nur seine Gemahlin verstorben war, sondern auch sein Sohn. Er wollte dieses Mitleid für ihren Tod nicht. Es brachte ihm weder Linderung noch meinten die meisten seiner Bekannten es wirklich ernst. Viele hatten Julieta und Gabriel kaum oder gar nicht gekannt. Viele der Frauen wussten von ihr nur noch, was sie auf dem letzten Weihnachtsball für ein Kleid getragen hatte, aber nicht, was für eine wunderbare, empathische, starke, verständnisvolle und unglaubliche Frau sie gewesen war, dass sie ihn, der so verkorkst und verdorben war, bedingungslos akzeptiert, ja geliebt hatte, obwohl sie immer gewusst hatte, dass er ihr niemals das hätte geben können, was sie sich gewünscht hatte. Er hatte ihr Gabriel geschenkt, weil es seine Pflicht als Fürst war, einen Erben zu zeugen und er hätte weitere Kinder gezeugt, wenn es nicht beim ersten Mal ein Sohn gewesen wäre. Allerdings hatte er es, im Gegensatz zu den meisten anderen Männern in seinem Alter, nicht aus Vergnügen an der Sache getan.

Doch nun hatte er die einzige Frau, die ihn mit seiner Sünde akzeptiert hatte, verloren. Und das Kind, das er wider Erwarten von der ersten Sekunde an geliebt hatte.

Er seufzte leise und bemerkte den Blick von oben nicht, nicht den jungen Mann mit den weizenblonden Haaren, der ihn von einem verborgenen Punkt auf der Galerie her anstarrte und sich die kühlen Finger auf die vor Aufregung erhitzten Wangen legte.

Sebastian kehrte zu seinem Herrn zurück, nachdem er einen sicheren Ort gefunden hatte, um die Garderobe abzulegen und beide, Viktor und sein Butler, wandten den Kopf herum, als ein gut gekleideter Dienstbote; zweifellos der Hofmeister, der die Aufsicht über die Dienerschaft hatte; in die Eingangshalle trat und mit einem Räuspern die Aufmerksamkeit auf sich zog.

»Verehrte Gäste, darf ich Sie alle bitten, mir in den Rittersaal zu folgen? Lord Sandringham wird in einer Minute dort sein und den Ball eröffnen.«

Die vornehmen Damen und Herren erhoben sich von ihren Sitzgelegenheiten, Stoff raschelte, Stimmen wurden wieder lauter, Lachen ertönte, Gläser klirrten und das monotone Geräusch von Absätzen war auf dem Mosaikfußboden zu hören.

Viktor blieb zurück. Er würde unter keinen Umständen in dieses Gewirr von Tüll, Seide und Reifröcken eintauchen. Das Parfüm der Frauen brannte ihm schon jetzt in der Nase und er fragte sich, warum alles, was aus Frankreich kam, so einen guten Ruf hatte, wenn es doch zum Himmel stank.

Mit dem Gefühl, am Beginn einer Gruselgeschichte zu stehen, betrat er, gefolgt von Sebastian, als einer der letzten den Saal, der mit Tannenzweigen geschmückt war. Auch dort standen mehrere, kleine geschmückte Weihnachtsbäume.

Man hatte die lange Tafel, die üblicherweise in der Mitte des Raumes stand, an die Wand geschoben. Feine Tischtücher bedeckten das kostbare Holz und der Tisch bog sich fast unter der Last des dargebotenen Essens, das noch von Kuppeln bedeckt war, damit es nicht zu schnell abkühlte. Dutzende kostbare Kristallkaraffen funkelten inmitten des Buffets und der darin enthaltene Wein hatte die verschiedensten Farben. Saftig-grüne Pflanzen gaben dem Raum etwas Exotisches und es duftete nach den Tannenzweigen der Dekoration und Kiefernzapfen, die man zum Verbrennen in den Kamin geworfen hatte.

Viktor trat an die Fenster heran und sah nach draußen. Es schneite noch immer unaufhörlich und das Licht des Saales spiegelte sich auf der unberührten Schneefläche. Er lächelte, denn es hatte etwas Gemütliches.

»Mein Herr«, hörte er Sebastians tiefe Stimme und sah sich zu ihm um. Alle Gäste hatten sich erwartungsvoll versammelt, denn niemand kannte ihren geheimnisvollen Gastgeber. Dienstboten hatten sich an der Essenstafel Spalier gestellt, um die Anwesenden zu bewirten und auch eine Kapelle versammelte sich in einer Ecke des großen Raumes, die sicher gute Akustik versprach. Das Cembalo würde die Harfe garantiert übertönen, aber für Unterhaltung war gesorgt.

Das Kichern einiger junger Mädchen, Töchter einiger Fürsten aus den umliegenden Regionen, zog Viktors Blick auf sich und es entging ihm nicht, dass diese, zurechtgemacht wie kleine Törtchen, unverhohlen seinen zugegeben attraktiven Butler ansahen. Wann immer dieser die Augen zu ihnen wandte, drehten diese sich um und das Kichern begann von Neuem.

»Eine Schande, dass ein Leibdiener mehr Aufmerksamkeit auf sich zieht als ein junger Adliger«, schnarrte Viktor. Sebastian lächelte.

»Mein Herr, Eifersucht steht Euch gar nicht.«

Ein leises Lachen platzte aus dem jungen Grafen. »Eifersucht?! Geschenkt kannst du sie haben, diese einfältigen Hühner.«

»Gehe ich recht in der Annahme, dass Ihr mir gleich sagen werdet, dass ich keines dieser Mädchen in Schwierigkeiten bringen darf?«

»Aber absolut!«

Sebastian und Viktor tauschten ein konspiratives Lächeln und wandten sich wieder dem Spektakel zu, das sich am Kopf des Saales anbahnte.

Die Musiker nahmen ihre Plätze ein und der Graf reckte sich etwas, als ein Raunen durch den Raum ging. Eine Bewegung war zu sehen und in der nächsten Sekunde stieg ein junger Mann, kaum älter als Viktor selbst, auf ein kleines, vorbereitetes Podest, so dass ihn jeder sehen konnte.

»Verehrte Gäste, werte Fürsten und Damen«, sprach er mit klarer Stimme in akkuratem Rumänisch, »Ich bin hocherfreut, dass Ihr meiner Einladung gefolgt seid, an meinem bescheidenen Weihnachtsball teilzunehmen. Ich bin Lord Hiram Sandringham aus Wickham in England und auf Urlaub in diesem faszinierenden Land. Bei mir daheim ist es üblich, sich mit einem Fest in die neue Nachbarschaft einzuführen. Deswegen hoffe ich, dass dieser Abend für alle von uns vergnüglich sein wird. Bitte, esst, trinkt, tanzt. Kapellmeister, darf ich bitten?« Der Engländer verließ seine Kanzel wieder und machte sich ohne Scheu daran, seine Gäste persönlich zu begrüßen.

Viktor beobachtete ihn dabei und betrachtete ihn genau. Er war so eine ungewohnte Erscheinung, dass man ihn einfach ansehen musste. Seine blonden Haare waren ein echtes Unikum in Rumänien. Der Graf selbst hatte noch nie einen echten blonden Menschen gesehen, aus der Nähe. Nur aus Büchern über nordische Mythologie oder bei fahrenden Händlern aus der Ferne. Die Haut des Mannes war so blass im Vergleich zu den dunklen Gesichtern der Menschen, die um ihn herum standen und seine Augen waren blau wie der Himmel. Er hatte ein außergewöhnliches Gesicht. Der junge Mann konnte noch nicht sagen, ob ihm das gefiel oder nicht, aber er musste sich selbst eingestehen, dass der Schauer, der ihm über den Rücken lief, von dem Gastgeber ausgelöst worden war. Er hatte etwas an sich, das ihm unheimlich war. Und faszinierte. Auf eine Art, die ihm nicht genehm war.

»Engländer«, knurrte er leise und wandte den Blick wieder aus dem Fenster, entschlossen, den Mann nicht mehr anzusehen, bis er vor ihm stehen würde und es sich nicht mehr vermeiden ließ.

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    Endlich geht es weiter! :-)

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