Kapitel 8

Sprachlos stand ich in der Mitte der Tür und starrte auf die Häuser die vor mir in die Höhe ragten. Wie sollten wir hier einen Dolch finden? Und das in nur drei Stunden? Es war ein Wettlauf gegen die Zeit! fiel es mir wie Schuppen von den Augen.

„Eure Zeit beginnt sobald der letzte von euch über die Türschwelle trat. Vergesst nicht: Ihr habt drei Stunden Zeit um den Dolch zu finden und ihn an den in der Karte eingezeichneten Ort zu bringen. Schafft ihr es innerhalb der Zeit, habt ihr die Prüfung bestanden. Schafft ihr es nicht, dann müsst ihr im Juni die Prüfung wiederholen. Und vergesst nicht: Ihr müsst diese Aufgabe als Team bestehen,“ erklärte uns Jaxson weiter und zog ein vergilbtes Stück Papier aus der Tasche seiner Jeans.

„Hier ist die Karte. Verliert sie auf keinen Fall und seit immer wachsam. Es lauern hier viele Gefahren auf euch,“ warnte er und streckte uns die Karte entgegen.

Einen Moment zögerten alle. Bis sich eine Stimme zu Wort meldete.

„Ich finde Raven sollte die Karte nehmen,“ erklang Andrews Stimme weiter rechts von mir.

„Was? Warum ich?“ fuhr ich erschrocken zusammen. Ich trat einen Schritt zurück, trat auf einen Fuß und prallte dabei gegen die Harte Brust von jemand. Ein leises Stöhnen sagte mir das es Magnus war.

„Entschuldigung,“ murmelte ich kleinlaut, trat einen Schritt vor und wurde Knallrot im Gesicht. Doch er winkte bloß ab.

„Andrew hat Recht: Du nimmst die Karte, Raven,“ stellte er fest.

„Dann sind wir uns ja einmal einig: Raven nimmt die Karte,“ beschloss Taylor.

„Warum muss ich die Karte nehmen? Warum nimmt sie nicht einer von euch?“ irritiert sah ich von einem zum anderen.

„Ist doch klar: Wir vertrauen dir,“ kam die schnelle Antwort von Magnus. Was sollte ich darauf erwidern? Hilfesuchend wandte ich mich zu den anderen, doch diese nickten nur zustimmend.

Überstimmt griff ich widerwillig nach dem Stück vergilbten Papier das sich tonnenschwer in meiner eiskalten Hand anfüllte.

„Gut. Also dann, lasst uns die Prüfung beginnen.“ Jaxson trat einen Schritt beiseite und bat uns mit einer einladenden Geste durch die Tür. Entsetzt sah ich auf die Stadt die vor mir lag. Mein Herz schlug mir bis zum Hals. Ich war alles andere als bereit.

Selbstbewusst trat Taylor als erstes über die Schwelle. Andrew folgte seinem Beispiel. Magnus trat ebenfalls vor, blieb allerdings mitten auf der Schwelle stehen und hielt mir seine Hand hin. Verwirrt sah ich hoch in Magnus Gesicht. Ich erkannte keine Ungeduld in seinem Blick. Ruhig sah er auf mich und wartete. Was sollte das nun wieder bedeuten? Aus den Augenwinkeln sah ich wie meine Mentoren Rover, ein untersetzter Mann mit kurz geschorenen Haaren und einem Dreitagebart, und Mortimer, ein hagerer älterer Mann mit langen grauen Haaren und einer Hornbrille, die Szene mit gemischten Gefühlen beobachteten: Rover war kurz vor dem Explodieren und Mortimer beobachtete die Szene interessiert.

„Bereit?“ erkundigte Magnus sich mit seiner sanften Stimme. Langsam schüttelte ich den Kopf. Behutsam griff er nach meiner Hand und drückte sie beruhigend.

„Du bist nicht alleine, Raven. Wir sind bei dir,“ sprach er mir Mut zu und zog mich vorsichtig in seine Arme. Nun stand ich direkt vor der Schwelle. Mein Herz klopfte mir vor Angst bis zum Hals. Panik breitete sich in mir aus.

Magnus bemerkte es, trat einen Schritt zurück und wartete bis ich mich beruhigt hatte. Ich schloss meine Augen und bemühte mich wieder ruhig zu atmen. Einige Minuten herrschte völlige Stille, nur die regelmäßige Atmung von Magnus war zu hören.

Das Geräusch wirkte auf mich, aus mir unerklärlichen Gründen, beruhigend. Ich bemerkte wie mein Herzschlag sich wieder beruhigte und meine eiskalten Hände aufhörten zu zittern. Als ich mir sicher war das ich mich wieder vollkommen im Griff hatte, öffnete ich die Augen. Vor mir stand, immer noch reglos und geduldig auf mich wartend, Magnus der mich mit seinen leuchtenden grünen Augen fixierte.

„Bereit?“ fragte er mich erneut und suchte mit seinen Augen meine. Ich atmete ein letztes Mal tief ein und aus, dann hob ich meinen Kopf und erwiderte seinen Blick.

„Ja,“ antwortete ich kampfbereit. „Ich bin bereit.“

Mit einem leichten Lächeln nahm er meine Hand. „Dann lassen wir die Suche beginnen.“

„Ja. Lassen wir die Suche beginnen,“ stimmte ich ihm zu und trat selbstbewusst über die Türschwelle. Die Prüfung konnte beginnen: Ich war bereit dafür.

„Verliert die Zeit nicht aus den Augen. Vergesst nicht: Ihr habt drei Stunden. Viel Glück,“ hörte ich Jaxson uns noch zurufen bevor sich das Tor zischend schloss.

„Wir brauchen einen Plan, und das so schnell wie möglich,“ stellte Magnus nüchtern fest. Seine Stimme war gleichgültig doch in seinen Augen glaubte ich einen Funken Angst aufblitzen zu sehen. Der Muskelmann hatte Angst? Kein gutes Zeichen. Was wusste er von diesem Ort was wir nicht wussten? Neugierig sah ich mich um: Wir standen auf einer Sandstraße die in einer leichten Neigung runter zur Stadt führte. Links und rechts von dieser Straße war Gestrüpp und verdorrte Hecken. Diese Umgebung war mir vollkommen fremd. Wo waren wir?

„Seit wann haben wir dich zum Befehlshaber gekürt, Magnus?“ schnauzte Taylor.

„Willst du etwa ohne Plan und völlig unvorbereitet in diese Stadt gehen?“ warf Magnus zurück.

„Der Plan ist ganz einfach: In die Stadt rein, Dolch finden, ihn an den eingezeichneten Ort bringen und das alles in den drei Stunden die wir haben. Falls noch Zeit bleibt trete ich dir in den Arsch,“ erwiderte Taylor und wandte sich zum Gehen.

Magnus schüttelte genervt den Kopf. „Ich hätte dich für intelligenter gehalten.“

Taylor wirbelte wütend herum und trat auf Magnus zu. „Hast du mich gerade dumm genannt?“ fauchte er. Mit funkelnden Augen starrten sich beide an.

„Allerdings. Sonst hättest du die Stadt da unten erkannt.“ Knurrte Magnus zurück.

„Tay? Magnus hat recht: Es ist vollkommener Irrsinn da ohne Plan hineinzugehen. Darauf warten sie doch nur,“ mischte sich nun Andrew ein.

Ich ließ meinen Blick weiter schweifen, versuchte Anhaltspunkte in der Landschaft zu finden die mir sagten wo wir waren: Kein Schnee weit und breit. Braune Hügel erhoben sich am fernen Horizont. Einzelne vertrocknete Bäume die in einer Art Steppe standen. Stickige Luft waberte um mir und machte mir das Atmen schwer. Dies war nicht Skyland, das war mir klar. Kalt lief es mir über den Rücken als mir klar wurde wo wir waren.

„Die Gefallene Stadt, Fallen City.“ Wisperte ich. Die Stadt der Gefallenen Engel. Einer der gefährlichsten Orte am Rande von Skyland, an der Grenze zur Unterwelt. Hier lebten diejenigen, denen die Erzengel die Engelswürde aberkannt hatten.

„Ja,“ seufzte Magnus. „Da hinein zu gehen ohne Plan ist purer Selbstmord.“

„Aber wir verlieren wertvolle Zeit, wenn wir hier herumstehen und Däumchen drehen,“ maulte Taylor ungeduldig.

„Wenn ich nicht mit dir Streiten müsste, würden wir schon längst einen Plan haben,“ Erwiderte Magnus knurrend.

„Er hat recht: Hören wir also auf zu Streiten und arbeiten an einem Plan. Raven, wir brauchen die Karte,“ übernahm Andrew die Führung. Erleichtert die Karte loszuwerden hielt ich das Stück Pergament hin. Andrew nahm es mir mit einem leichten Nicken aus der Hand und faltete es vorsichtig auseinander. Feine Linien aus schwarzer Tinte zogen sich über das vergilbte Stück Papier. Ein Labyrinth aus kleinen Gassen und Wegen breitete sich vor unseren Augen aus. Einige der Gebäude waren mit roter Tinte und in der Mitte der Karte ein riesiges Gebäude golden markiert.

„Es sind vier Gebäude die wir durchsuchen sollen und diese liegen alle im äußeren Kreis der Stadt. Wo hingegen das Gebäude wohin wir den Dolch bringen sollen genau in der Mitte liegt,“ erläuterte Andrew unser Problem.

„Und in einer halben Stunde geht die Sonne unter. Großartig. So schnell schaffen wir es nie unbemerkt in die Stadt. Spätestens wenn wir hinter dem Tor sind, haben sie uns umzingelt,“ stellte Magnus mit einem bangen Blick zum Horizont fest, wo die Sonne schon tief zwischen den Bergen stand. Ich verstand seine Besorgnis: Die Gefallenen Engel liebten die Dunkelheit und mieden die Sonne. Das hieß sie kamen nur nachts oder bei Dämmerung raus. So lang es hell war, waren wir sicher. Doch diese Sicherheit schwand mit jeder Minute.

Taylor seufzte. „Unbemerkt kommen wir da nie rein. Dafür müssten wir uns unsichtbar machen,“ gab er kopfschüttelnd zu bedenken.

„Aber es muss einen Weg hineingeben,“ wandte Andrew ein und betrachtete konzentriert die Karte. Angestrengt fingen die drei Jungs an darüber zu diskutieren, drehten und wendeten die Karte in alle Richtungen. Doch egal auf welche Idee sie kamen, es gab immer einen Haken an der Sache.

Wir drehen uns im Kreis! dachte ich und drehte mich unbemerkt Richtung Stadt. Langsam ging ich den Weg hinunter. Wachsam sah ich mich um, spitzte die Ohren und lauschte auf jedes Geräusch. Doch alles was ich hörte war das Knirschen des Kiesels unter meinen Stiefeln und die leisen Stimmen der Jungs hinter mir.

Eine unheimliche Stille hing wie eine Kuppel über der Stadt. Vollkommen Ausgestorben lag sie vor mir. Auf halbem Weg blieb ich stehen und betrachtete die massive steinerne Stadtmauer, die etwa zwanzig Meter in die Höhe ragte, mit dem hölzernen Flügeltor in der Mitte. Wie gebannt starrte ich auf den hellen sandfarbenen Stein der sich mir in den Weg stellte und unüberwindbar schien. Doch es musste einen Weg geben diese Hürde zu überwinden. Nichts war unmöglich.

„Vielleicht betrachten wir die Angelegenheit vom falschen Standpunkt aus? Möglicherweise müssen wir einfach die Perspektive ändern um eine Lösung zu finden,“ murmelte ich zu mir selbst.

„Was meinst du mit Perspektive ändern?“ erklang Magnus Stimme an meiner Seite.

Erschrocken wirbelte ich herum. Magnus betrachtete mich neugierig.

„Ich...habe nur laut nachgedacht,“ stammelte ich.

„Na dann erläutere mir doch mal deinen Gedankenweg,“ ermutigte mich Magnus.

„Naja... Von hier, also von dieser Perspektive aus, sehen wir nur eins: Ein schier unüberwindbares Hindernis das uns von unserem Ziel trennt,“ erklärte ich ihm meine Theorie.

Nachdenklich betrachtete Magnus die Mauer, die einige Meter vor uns in die Höhe ragte und in den letzten Sonnenstrahlen des Tages leuchtete.

„Interessante Theorie,“ murmelte er nur. „Wir müssen uns eine andere Perspektive suchen um mehr Überblick über die Gegend und die Lage zu bekommen. Und das geht am besten in der Höhe,“ stellte er fest und sah sich suchend um. „Von oben hat man eine bessere Übersicht.“

„Ja, von oben hätten wir einen besseren Überblick und könnten auch unbemerkt durch die Stadt,“ pflichtete Andrew uns bei und sah sich ebenfalls suchend um.

„Das mag schon stimmen, aber wir säßen auch in der Falle. Wie wollen wir flüchten sollten wir bei einem Angriff in der Unterzahl sein? Habt ihr auch schon darüber nachgedacht? Oder darüber wie wir von oben in die Gebäude kommen? Was ist, wenn wir auf den Dächern keinen Zugang finden? Der Abstieg kostet uns jedes Mal wertvolle Zeit, die wir vielleicht nicht haben,“ wandte Taylor nachdenklich ein.

„Ich glaube uns wird nichts Anderes übrigbleiben als es zu versuchen. Wir haben nun mal keine bessere Lösung gefunden,“ erwiderte Andrew kopfschüttelnd.

„Gut, dann ist das beschlossen.“ beendete Magnus die Diskussion. „Uns bleibt nicht viel Zeit, also würde ich sagen wir beeilen uns und suchen einen Ort wo wir unbemerkt an der Mauer hochklettern können.“ Alle nickten zustimmend.

„Das Beste wird sein, wenn wir uns der Stadt von der Seite zu nähern, da die Straße einfach zu offensichtlich ist,“ gab Taylor zu bedenken.

„Du hast Recht. An den Seiten finden wir eher einen Ort für den Aufstieg,“ gab ihm Magnus recht. „Versuchen wir es zuerst auf der rechten Seite der Stadtmauer. Die liegt im Schatten.“

Behutsam liefen wir näher an die rechte Seite der Stadtmauer, immer darauf bedacht im Schatten zu bleiben. Nach einigen Metern fanden wir einen geeigneten Ort um hochzuklettern. Die Steine der Mauer waren hier rauer und standen weiter vor so dass wir uns besser hochziehen konnten. Taylor kletterte als erster hoch. Nach ihm kletterte ich leichtfüßig hoch, gefolgt von Andrew und Magnus. Ich zog mich über den Mauersims und war froh endlich wieder sicheren Boden unter den Füßen zu haben, als ein wahres Farbenspiel meine Aufmerksamkeit auf sich zog: Die untergehende Sonne warf ihre letzten Strahlen auf die Stadt die unter uns lag. Das Licht brach sich in den tausenden kaputten und zerschlagenen Fensterscheiben und warf Regenbogenfarben über die bröckeligen und vergilbten Hausmauern. Staunend starrte ich auf das Schauspiel und vergaß für einen Moment vollkommen wo ich war.

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