Kapitel 9

Tiara führte mich fröhlich schnatternd einen langen Flur entlang. Links und rechts waren jeweils vier Türen. Bei jeder Tür erklärte sie mir was sich dahinter befindet oder wessen Schlafzimmer es sei. Es schien ihr ausgesprochen viel Spaß zu machen. Ihr Gesicht leuchtete wie das eines Kindes zu Weihnachten. Mich überkam dagegen ein seltsames Gefühl mit jedem weiteren Schritt den ich in diesem Flur machte. Jeder weitere Schritt ließ mein Herz schneller schlagen. Ich hatte das seltsame Gefühl beobachtet zu werden.

„Das hier, ist mein Schamanenzimmer. Ich nenne es zum Spaß oft Apotheke," kicherte sie als wir bei einer Tür ankamen die ein Spalt geöffnet war. Neugierig warf ich einen Blick durch den Spalt. Ich erhaschte einen Blick auf ein Holzregal am Ende des Raumes. Auf dem Standen große Glasbehälter die mit Kräutern und Flüssigkeiten von unbestimmter Farbe gefüllt waren. Tiara griff nach der Türklinke und zog die Tür zu. Als nächstes kamen wir an zwei gegenüberliegenden Türen. Die Tür Links von mir war geschlossen, doch die Tür rechts von mir war wieder einen Spalt offen. „Gehen wir weiter. Das hier ist das Zimmer von Duncan und das hier von seinem Vetter Leon. Zwei seltsame Gestalten, wenn du mich fragst," murmelte sie mir aus dem Mundwinkel heraus hinzu. Tiara eilte wild gestikulierend und schnatternd weiter während ich ihr nur mit halbem Ohr zu hörte. Ich blieb wie angewurzelt stehen. Einer Eingebung nach drehte ich mich zu Leons Tür. Meine Augen trafen auf leuchtende hellbraune, die mich neugierig betrachteten.

Vor mir stand ein Mann in der halb geöffneten Tür. Ohne ihn zu kennen oder jemals gesehen zu haben wusste ich das es Leon war, Duncans Vetter. Sein Gesicht bedeckte zur Hälfte ein dichter brauner Bart. Sein Kopf war mit lichtem braunen Haaren bedeckt. Doch er war jung, hatte einen sportlichen Körperbau und muskulöse Arme, soviel ich in seiner Kombination aus grünem T-Shirt und grauer Jogginghose erkannte. Er war barfuß.

Mir stockte der Atem und ich trat unwillkürlich einen Schritt zurück. Sein Blick streifte über meinen Körper. Neugierig schien er jeden Zentimeter in sich aufzunehmen. Das Bild eines rabenschwarzen großen Wolfes mit hellbraunen Augen erschien vor meinem inneren Auge. Ich war wieder auf dem dunklen Parkplatz. Ich spüre wie sein warmer Atem über meine Wange streifte und mein Herz schneller Schlug als er seine Schnauze an meine Kehle schmiegte.

„Du warst das," hauchte ich atemlos. „Du bist der schwarze große Wolf. Du bist dem einen Vampir an die Kehle gesprungen. Du hast mir das Leben gerettet."

Er starrte mich weiterhin nur an.

„Warum sagst du nichts?" flüsterte ich.

„Es gibt Dinge die du noch nicht über diese Welt weißt," antwortete er schulterzuckend.

„Was willst du mir damit sagen?"

„In dieser Welt gibt es Geschichten und Legenden. Für dich werden sie wie Schauermärchen klingen, aber für uns sind sie Alltag."

„Und warum sagst du mir das? Was hat das mit mir zu tun?" wollte ich von ihm wissen.

Er seufzte und kratzte sich nervös im Nacken.

„Ich bin wirklich die falsche Person um dir das zu erzählen." stellte er verlegen fest und fuhr mit der Hand durch seinen Bart.

„Warum? Warum kannst du es mir nicht einfach sagen? Was ist so schlimm daran?"

„Du stellst eindeutig zu viele Fragen, Süße," lachte Leon. Ich grinste breit als ich sah wie das Lachen sein Gesicht erhellte. Ein warmes Gefühl breitete sich in mir aus. Das Gefühl von Sicherheit und Zuneigung. Ich wusste ich konnte ihm vertrauen.

„Kann nicht ich selbst entscheiden wer für mich der Richtige ist um mir diese Sachen zu erklären? Kann ich nicht selbst beurteilen ob jemand für mich vertrauenswürdig ist?" platzte es aus mir heraus. „Ich heiße Skyler," Stellte ich nüchtern fest und streckte ihm meine Hand hin. „Skyler Clifford. Und falls du noch lange leben willst, würde ich dir raten mich nie wieder Süße zu nennen."

„Leo und das kann ich dir nicht versprechen." Er nahm grinsend meine Hand und schüttelte sie leicht.

„Tja, Leo. Dann war es nett dich kennengelernt zu haben aber ich muss dich leider töten," stellte ich sarkastisch fest. „Da bin ich konsequent."

„Das ist aber Schade," Leo grinste breit. „Wenn du mich jetzt tötest, wer erzählt dir dann die Legende?"

„Was für eine Legende?"

Leo's Grinsen wurde breiter. „Denn Grund warum du hier bist."

„Eine Legende ist der Grund warum ich hier bin? Ich dachte der Grund wäre das ich die Tochter des Alphas bin?"

Leo schüttelte den Kopf. „Nicht nur."

„Was ist das für eine Legende, Leo und was hat sie mit mir zu tun?" zischte ich als ich Tiara meinen Namen rufen hörte.

„Das kann ich dir hier nicht erzählen. Zu viele Leute die uns belauschen könnten. Hör zu: Wir treffen uns heute um Mitternacht. Klettere aus deinem Fenster, dann schau nach rechts. Etwa zehn Meter entfernt steht eine Lärche. Darunter warte ich auf dich."

„Aber wie soll ich die Lärche sehen? Es ist doch Dunkel."

„Sky. Du bist ein Wolf."

„Was?"

„Du bist eine Wolfswandlerin. Du hast die Fähigkeit bei Dunkelheit zu sehen. Also bis heute Nacht, Süße." Leo lachte und schloss die Tür.

Verblüfft starrte ich auf das Holz. Ich könnte bei Dunkelheit also sehen? Was für eine praktische Fähigkeit.

„Und nenne mich nie wieder Süße," murmelte ich an die Tür gewandt bevor ich mich abwandte. Ich war mir sicher Leo's Lachen dahinter zu vernehmen. Leicht grinsend ging ich weiter den Gang entlang zu der Tür, an der Tiara stand und mir zuwinkte. Heute Nacht würde ich mich mit Leo treffen, er würde mir den Grund erzählen warum ich hier war und warum ich durch die Hölle gehen musste. Diese Aussicht machte mich aus irgendeinem Grund Glücklich und meine Mundwinkel schoben sich von selbst nach oben. Den Grund dafür würde ich hoffentlich bei dem Treffen erfahren. Als ich die Tür erreichte, in der ich Tiara vor einigen Minuten winkend verschwinden gesehen habe, drangen Stimmen durch die angelehnte Tür. Zögerlich griff ich nach der Türklinke. Als mein Name fiel, hielt ich in der Bewegung inne.

„Wo ist Skyler?" hörte ich Duncan fragen. In seiner Stimme schwang ein Hauch von Sorge mit. Warum machte er sich Sorgen um mich?

„Ich habe sie eben noch auf dem Flur gesehen. Sie hat sich mit deinem Vetter unterhalten," antwortete Tiara beschwingt und begann eine mir unbekannte Melodie zu summen.

„Das heißt sie wälzt sich in dieser Minute mit Leo in den Federn. Ich hör schon das Quietschen der Federn," spottete Damon. Geschirr klapperte, lautes Lachen ertönte dem ein empörter Aufschrei von Tiara folgte.

„Skyler ist nicht so wie deine dummen Betthäschen," knurrte Duncan.

„Woher willst du das wissen? Du kennst sie ja gar nicht? Zumindest nicht persönlich," gab Damon zu bedenken.

„Das weiß ich auch. Ich kenne die Legende," brummte Duncan. „Ich würde sogar behaupten, dass ich sie besser kenne als du. Aber denkst du auch mal daran was Riley von diesem Witz hält? Der Fluch betrifft uns alle."

„Er ist aber nicht hier," grummelte Ronan.

„Und wessen Schuld ist das?" hörte ich Duncans verärgerte Stimme. „Er hat mir erzählt sie würde ihm im Traum verfolgen, jede verdammte Nacht."

„Das hört sich schrecklich an, aber Leon würde das nie tun."

„Was tun?"

„Sky einfach ins Bett zerren. Das würde er nie tun."

„Woher willst du das Wissen, Ronan? Hat er dich schon mal verführt?" Duncans Stimme triefte vor Sarkasmus. Ich musste mir ein Lachen verkneifen.

„Ach, Ronan. Soviel Erfahrung hast du schon gemacht? Respekt!" Damon lachte lauthals. Darunter hörte ich Tiara die verhalten kicherte.

„Haha, sehr witzig. Lacht nur alle. Das werde ich euch noch heimzahlen," brummte Ronan. „Ich muss schon sagen, Duncan, du hast eine schlechte Meinung von deinem Vetter. Aber er würde Riley nie verletzen, zumindest nicht auf diese weiße. Er kennt die Legende und kennt den Fluch."

„Wir alle kennen den Fluch."

Stille erfasste den Raum. Nur Geschirr und Besteck klapperte.

„Ich verstehe nicht warum ihr es immer Fluch nennt. Es ist nun mal unser Wesen," durchbrach Tiaras Stimme die Stille. „Gaia wählt den für uns passenden Partner aus. So war es schon immer."

„Sie hat uns verflucht. Meinst du wohl."

„Es ist nun mal Tradition, dass der Erbe des Throns sich zwischen zwei potenziellen Partnern entscheiden kann." Beschwichtigte ihn Tiara.

Ein lautes Klirren ertönte. Ein Stuhl schabte über den Boden.

„Bleiben wir doch dabei: Ich habe meine Meinung und du hast deine. Du weißt nicht was Riley seit fünf Jahren durchmacht. Du siehst nicht seit fünf Jahren Nacht für Nacht ihr Gesicht und sehnst dich nach dieser Unbekannten Frau so, dass es weh tut. Weißt du, wie das ist? Nein? Also halt die Klappe und tu nicht so als wüsstest du was er durchmacht," fauchte Duncan.

Erschrocken wich ich von der Tür zurück. Doch sie öffnete sich nicht. Von weitem hörte ich wie sich greinend eine Balkontür öffnete und wieder schließ.

Betretene Stille herrschte in dem Raum vor mir. Nervös überlegte ich ob ich den Raum nun betreten sollte als ich Damons Stimme vernahm. „Man könnte meinen er sei eine Frau," stellte er fest.

„Wie kommst du jetzt darauf?" wollte Ronan von ihm wissen während ich hörte wie sich wieder ein Stuhl bewegte und Porzellan aufeinandertraf.

„Er reagiert über."

„Damon," rügte ihn Ronan. „Riley ist sein bester Freund. Er macht sich Sorgen um ihn. Versteh das doch: Für ihn ist das nicht leicht ihn da draußen zu sehen."

„Er tut so als müsste er diese schmerzen aushalten. Riley muss einfach herkommen und das Mädchen verführen, schon ist die Sache geritzt."

„Du Verführungskünstler," witzelte Tiara.

„Wenn er es nicht tut, dann tut es der zweite," stellte Damon trocken fest. „Wer auch immer das sein mag."

„Wer auch immer das sein mag," hörte ich Ronan murmeln.


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