Kapitel 9: Der erste Kuss

Als er leise Schritte hörte, sah Luzifer in Erwartung der Wächter auf. Doch statt der Engel stand Asmodeus vor ihm. Luzifer sprang auf.
"Warum verfolgst du mich, Dämonin? Was willst du von mir?, fuhr er sie an, was ihm, zugegebenermaßen nicht ganz so leicht fiel, und wartete angespannt auf ihre Antwort.
"Was ich von dir will, Engel? Nun, vielleicht will ich ja... dich?!"
Luzifer machte einen Schritt rückwärts, was Asmodeus zum Schmunzeln brachte.
"Keine Angst, kleiner Engel. Ich verspreche dir, es wird nichts geschehen, was du nicht auch selber willst."
"Du wirst mich nicht auf Abwege führen, Asmodeus! Lass mich in Ruhe!"
"Ach komm, jetzt tu doch nicht so. Du bist doch scharf auf mich, seit wir uns zum ersten Mal begegnet sind. 
Aber lassen wir das für den Moment. Sag mir lieber, wie dir die Sterblichen so gefallen."
"Nun, da ich bisher keine negativen Erfahrungen mit ihnen gemacht habe, gefallen sie mir recht gut. Ich bewundere sie sogar ein wenig. Sie arbeiten so hart und unter solchen Anstrengungen und bekommen doch so wenig dafür zurück. Und trotzdem beschweren sie sich nicht, sondern sind noch dankbar für das Wenige und singen und lachen trotz aller Beschwerlichkeiten."
"Ja, das ist wirklich bewundernswert. Warum guckst du so? Glaubst du etwa, nur weil ich ein Dämon bin, habe ich kein Herz? Ich sag dir mal was, ich bin besser als mancher Engel!"
Luzifer nickte.
"Das glaube ich dir ja, schließlich sehe ich ja Tag für Tag, wie die sich benehmen."
Asmodeus setzte sich hin und gab Luzifer einen Wink, es ihr gleich zu tun. Er gehorchte, achtete aber darauf, dass ein gewisser Abstand zwischen ihnen war. 
"Ja, ich weiß. Denn so, wie ihr die Möglichkeit habt, uns zu beobachten, so beobachten wir auch euch. Wir können den Himmel nicht betreten, aber ihn sichten, also eben mithilfe von Magie einen Blick hinein werfen. Du brauchst mir nichts von den Zuständen bei euch zu erzählen, über die weiß ich besser Bescheid als du. Aber lassen wir die Engel beiseite, was sagst du zu den Seelen?"
Luzifer brauchte nicht lange zu überlegen.
"Ich hab das Gefühl, dass mit denen was nicht stimmt. Ständig haben sie so ein verklärtes Lächeln im Gesicht und sie scheinen auch nichts von dem wahrzunehmen, das um sie herum passiert. Was eigentlich sogar ein Glück für sie ist, denn wenn ich mir vorstelle, was diese kleinen Kinderseelen dann zu sehen bekämen..."
Asmodeus nickte.
"Ich geb dir mal einen kleinen Tipp: häng dich mal für ne Weile an eine einzelne Seele. Folge ihr, beobachte sie. Vielleicht erfährst du dann, was los ist."
"Warum sagst du es mir nicht einfach? Ich glaube nämlich, dass du es ganz genau weißt."
"Natürlich, aber du würdest mir nicht glauben. Du musst es selbst sehen."
Asmodeus machte eine kurze Pause, dann führ sie fort:
"Weißt du, manchmal ist es nicht so leicht, Gut und Böse von einander zu unterscheiden. Manchmal geht beides fließend in einander über. Es gibt nicht nur Schwarz und Weiß, sondern noch sehr viele andere Farben dazwischen. Alles Gute hat auch seine böse Seite, so wie alles Böse auch durchaus ab und zu mal gut sein kann.  Nimm nur uns beide. Du bist ein Engel, du müsstest mich abgrundtief hassen, mich verachten und sogar vernichten. Und ich bin ein Dämon, einer der höchsten sogar, ich müsste dich ebenfalls hassen, verachten und vernichten wollen. Stattdessen sitzen wir hier zusammen, unterhalten uns und denken gar nicht daran, uns ein Leid zuzufügen. Im Gegenteil, ich kann dich sogar ziemlich gut leiden. Deswegen will ich dir ja auch helfen. Aber mehr kann ich dir jetzt nicht sagen, die Wächter werden bald hier sein. Also, tu, was ich dir geraten habe, ich meine, wegen der Seelen, und wenn du das Rätsel gelöst hast, komm genau hierher zurück. Ich werde hier sein und dann sehen wir weiter."
Asmodeus stand auf, auch Luzifer erhob sich. Die Dämonin entfernte sich einige Schritte von ihm, drehte sich dann aber noch mal um und kam zu ihm zurück.
"Darf ich dich noch was persönliches fragen? Aber du musst ehrlich antworten. Abgesehen davon, dass ich ein Dämon bin und du ein Engel bist,  wie findest du mich eigentlich?"
Erneut stieg Luzifer das Blut zu Kopf.  
"Du bist sehr hübsch, finde ich..., und du scheinst ganz in Ordnung zu sein..., also, für einen Dämon..., und ich..., ich kann dich auch gut leiden. Ich weiß, ich dürfte es nicht, aber..."    
Asmodeus lächelte und trat ganz nah an ihn heran. Luzifer wagte kaum zu atmen, eine bisher unbekannte Wärme strömte plötzlich durch seinen Körper und weckte Wünsche und Sehnsüchte in ihm, die er nie zuvor gekannt hatte. Sein Atem ging schneller und sein Herz schlug ihm bis zum Hals. 
Langsam, ganz langsam, bereit, sich beim ersten Anzeichen seiner Ablehnung zurück zu ziehen, näherte Asmodeus sich mit ihren Lippen den seinen. Kurz bevor sie sich berührten, hob sie den Blick, sah ihm in die Augen und flüsterte:
"Noch gibt es ein Zurück, Engel."
Aber für Luzifer gab es kein Zurück mehr. Ohne zu wissen, was er tat, legte er seine Arme um die Dämonin, zog sie eng an sich und presste seine Lippen auf ihre. Asmodeus aber legte ihre Hand an seine Schulter und schob ihn behutsam ein kleines Stück zurück. Luzifer sah sie fragend an.
"Nicht so stürmisch, Engel." Asmodeus lächelte, dann berührte sie seine Lippen ganz sanft und zärtlich mit den ihren. Luzifer schloss die Augen und gab sich ganz diesem neuen Gefühl hin. Die Zeit schien stehen zu bleiben und verging dennoch. Nach einer Weile löste Asmodeus sich sanft von ihm.
"Ich muss jetzt gehen, sie sind gleich hier", sagte sie leise. Luzifer sah sie mit glasigen Augen an.
"Wer?"
"Die Wächter, kleiner Engel. Aber keine Sorge, wir sehen uns bald wieder. Mach´s gut, und vergiss die Seelen nicht." Asmodeus trat einige Schritte zurück und verschwand unter Feuer und Rauch im Erdboden.
Luzifer atmete tief durch und versuchte, seine aufgewühlten Gefühle in den Griff zu bekommen, bevor die Wächter auftauchten und etwas merken würden. Er schaffte es mit Müh und Not. Kaum eine Minute, nachdem Asmodeus gegangen war, erschienen die Wächter und brachten Luzifer zurück in den Himmel.

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