Kapitel Acht

Kapitel Acht

 

Den kommenden Tag blieb ich bezüglich Jasons Rückmeldung völlig cool und optimistisch (Wenn man mal die Tatsache außer Acht ließ, dass ich den ganzen Tag auf der Couch lag und mich körperlich hundeelend fühlte). Voller Freude checkte ich alle paar Stunden mein Postfach bei OwnMusic.

Gegen Abend wurde ich allerdings schon unruhig. Die Aussicht darauf, mich am nächsten Morgen wieder ins Büro schleppen zu müssen, war auch nicht gerade beflügelnd. Allerdings glaubte ich, meiner Unruhe in dieser Sache entfliehen zu können, indem ich vor der Einsamkeit floh.

Fehlanzeige – das Gefühl verfolgte mich genauso wie mein Schnupfen bis in mein Büro, wo ich wie ein Zombie hinter meinem Schreibtisch saß und abwechselnd zur Taschentuchbox oder meinem Handy griff.

Donnerstag hatte ich so schlechte Laune, dass sich nicht einmal mein Chef wagte, mich anzusprechen. Kurz vor Feierabend bekam ich einen Anfall in meinem Büro, nachdem Alex nach einer hitzigen Diskussion wütend sagte, ich solle mich wegen Jason nicht derart lächerlich aufführen. Längst ärgerte ich mich, ihm überhaupt von der Sache erzählt zu haben.

Die ganze darauffolgende Nacht lag ich wach und ließ mir seine Worte durch den Kopf gehen. Als gäbe es in dieser Stadt nicht genügend Männer, die dich wollen, Georgie! Du suchst doch einfach nach einem Grund für eine weitere Flucht. Hatte er Recht?

Gegen vier gab ich jegliche Einschlafversuche auf, stand auf und fuhr meinen PC hoch. In meinem Postfach herrschte noch immer gähnende Leere. Die letzte Hoffnung hatte sich längst in eine deprimierende Traurigkeit verwandelt.

Ich öffnete Jasons Seite und klickte auf sein Profilfoto, um es so weit zu vergrößern, bis es den gesamten Bildschirm meines Laptops für sich einnahm. Schlagartig fühlte ich mich besser, während ich sein Lächeln erwiderte. Fühlte sich so eine Lüge an? So schicksalhaft und besonders? Das wollte ich einfach nicht glauben. Kurzentschlossen druckte ich mir das Foto aus.

„Es reicht. Erst werde ich jahrelang für verrückt erklärt, weil ich mich nicht verlieben kann. Und nun werde ich für verrückt erklärt, weil ich mich verliebt habe.“ Damit pinnte ich das Bild an meine Wohnzimmertür. So konnte ich es von jeder Ecke des kleinen Raumes gut sehen.

Ich trat zurück und betrachtete sein Lächeln. Doch dieses Mal wurde mein Glücksgefühl von einer unbändigen Sehnsucht verdrängt. Die Sehnsucht, dass er sich doch melden möge.

 

Als ich am nächsten völlig übermüdet unter die Dusche tappte, schien es als würde mir meine depressive Laune mein Wochenende verderben. Wie groß war die Chance darauf, dass er nach fünf Tagen des Schweigens doch noch antwortete? Warum war ich bloß so fest davon überzeugt gewesen, dass er es täte? Und was hatte ich mir von seiner Antwort versprochen?

Während ich in der Bahn auf dem Weg zur Arbeit saß, setzte ich mich mit dem Gedanken auseinander, niemals auch nur ein einziges Wort von Jason zu hören. Es war, als fiele ich in ein bodenloses Loch. Ich fühlte mich vom Leben betrogen. Als hätte es mir etwas genommen, was ich gerade einmal fest genug in meine Hände geschlossen hatte, um seine ungefähre Form erahnen zu können.

Es kostete mich alle Kraft, die ich besaß, an diesem Tag zu einem Arbeitsplatz zu gehen, den ich hasste, anstatt einfach davon zu laufen. Solange, bis ich alle Namen vergessen hätte, die jemals für mich erfunden worden waren.

Dass ich schnurstracks meiner Kollegin Cindy in die Arme lief, würde sich im Laufe des Tages als ein wahrer Segen für mich herausstellen. Ich traf sie noch vor den Aufzügen, gleich hinter der großen Glasdrehtür im Empfangsbereich. „Georgie, wie siehst du denn aus? Was ist passiert?“

An dieser Stelle sollte ich wohl erwähnen, dass Cindy auf Frauen steht und keine Gelegenheit ausließ, mich heftig anzugraben. Seit meiner Trennung von Alex lag sie mir ständig mit dem Spruch in den Ohren, dass Männer vielleicht einfach nichts für mich waren. Gerade schien sie allerdings ehrlich besorgt.

„Es ist nichts, wirklich.“, erwiderte ich mit der Stimme eines Menschen, dem man deutlich anhört, dass etwas war.

Sie packte mich am Arm und bugsierte mich resolut wieder durch die Drehtür nach draußen. „Komm schon, das nimmt dir doch keiner ab. Ich wollte sowieso gerade eine Rauchen. Wie du aussiehst würde dir das auch nicht schaden.“

Da ich keine Kraft zum Widerspruch hatte, ergab ich mich und folgte ihr hinter das Gebäude. Doch – oh Wunder – das Ziehn am Glimmstengel sorgte ganz und gar nicht dafür, dass ich mich besser fühlte. Im Gegenteil machte es mir nur klar, dass ich nicht gefrühstückt hatte und noch immer ziemlich angeschlagen war.

Als ich mich nach dem dritten Zug vor Husten schüttelte, nahm Cindy mir die Zigarette aus der Hand und rauchte sie selbst zu ende. Sie musterte mich eingehend und fragte dann roh: „Es ist wieder irgendein Kerl, hab ich Recht?“

Nicht ganz, denn wenn es nur irgendein Kerl gewesen wäre, hätte ich ganz sicher gewusst, wie ich mit der Situation hätte umgehen müssen. „So einfach ist das nicht. Er ist nicht irgendein Mann. Im Grund ist er nicht einmal irgendein Jemand. Hattest du schon mal das Gefühl, dass man dich mit sechs Billionen Menschen in einen Raum sperren könnte, du mit völliger Gewissheit auf einen von ihnen zeigen und sagen könntest: Der ist es?“

Sie stieß geräuschvoll die Luft aus und erwiderte: „Also erstens den Raum, in den so viele Menschen passen, musst du mir erst einmal zeigen. Und zweitens hätte ein einfaches Ja genügt.“

Am liebsten hätte ich frustriert mit dem Fuß aufgestampft. Stattdessen sagte ich nur: „Ich wusste, ich hätte es dir nicht erzählen dürfen.“

„Im Grunde hast du mir noch gar nichts erzählt. Erwarte dann bitte kein Verständnis, Georgie. Wir arbeiten seit über sechs Jahren zusammen. Entweder du vertraust mir und erzählst mir alles oder du lässt es ganz bleiben.“

Normalerweise entschied ich mich für letzteres. Ich hatte schließlich eine beste Freundin und die reichte mir aus. Doch besondere Umstände erfordern besondere Maßnahmen. Ich bezweifelte, dass ich Sarahs Meinung zu dieser Sache wirklich hören wollte. „Okay, dann mach dich auf was gefasst.“

Damit erzählte ich ihr alles. Einfach alles. Nicht nur die groben Fakten. Auch das, was auf der Gefühlsschiene bei mir passierte. Es war eine völlig neue Erfahrung für mich, mich einer anderen Frau als Sarah derart emotional zu entblößen.

Die Art, wie ihr Gesichtsausdruck dabei ernster wurde und sie mir wirklich aktiv zuhörte, war ein positiver Schock für mich.

„Wow, das ist wirklich mal ne Story.“, stieß sie schließlich hervor. „Und du befürchtest, dass er dir nicht antworten wird?“

Ich nickte bedrückt.

„Tja, du kennst meine Theorie zum Gesetz der Anziehung.“, sagte sie schlicht und drückte ihre Zigarette aus.

Klar, kannte ich die. Sie hatte mir eintausendmal davon erzählt, wobei ich mich jedes mal so gefühlt hatte, als wollte sie mich bekehren. Irgendwann schien sie bemerkt zu haben, dass ich ihr nicht zuhörte und hatte es sein gelassen. Jetzt wünschte ich zum ersten Mal, ich hätte ihr mehr Aufmerksamkeit geschenkt.

Sie schien, zu wissen, was in mir vor sich ging. Ein nachsichtiges Lächeln breitete sich auf ihrem sommersprossigen Gesicht aus. „Das Gesetz das Anziehung besagt: Gleiches zieht Gleiches an. Wenn du schlechte Gedanken hast, verbreiten sie sich wie ein Lauffeuer und du bekommst schlechte Laune. Kommt dir das bekannt vor?“

Ich nickte unsicher. „Klingt logisch.“

„So ist es auch umgekehrt und mit allem. Gedanken werden Dinge. Jemand, der nie an sich geglaubt hat und denkt, er schafft es nicht, wird sich automatisch immer so verhalten, dass er es am Ende nicht schafft. Andere Menschen reagieren auf das, was wir ausstrahlen.“

Ich dachte daran, wie mein Chef stets an Tagen auf mir herum hackte, an denen es mir ohnehin schon schlecht ging und nickte wieder.

„Wenn du gerade an Alex denkst, ruf er garantiert in der nächsten Minute an.“

„Ja!“, sagte ich aufgeregt, da es mir sicher eine Million mal schon so ergangen war.

„Das passiert mir andauernd.“, erwiderte sie gelassen.

„Wie funktioniert das?“, wollte ich begierig wissen.

„Es ist kein Hexenwerk. Wir tun Folgendes. Du denkst heute den ganzen Tag daran, dass Jason dir geschrieben haben wird, wenn du zuhause deine Mails checkst. Sieh bis dahin nicht mehr in dein Postfach, egal wie schwer es fällt. Ein Vertrauensvorschuss deinerseits, dass das Glück dir hold ist, ist unerlässlich dafür, dass es am Ende wirklich so ist. Stell dir vor, was er antworten könnte und wie du dich fühlen wirst, wenn du es ließt.“

„Mehr nicht?“, fragte ich skeptisch.

„Mehr nicht.“, bestätigte sie. „Probier es aus. Was hast du zu verlieren?“

Das schrille Klingeln ihres Handys bewahrte mich vor einer Antwort.

„Du liebe Güte!“, stöhnte sie, als sie einen Blick auf ihr Display geworfen hatte.

„Wer ist es?“, fragte ich verwundert.

„Unser Chef.“ Damit nahm sie ab. „Ja bitte Herr Müller, was kann ich für Sie tun?“

Er sprach so laut, dass ich jedes Wort verstand. „Du und Georgie könntet euch zurück auf eure Arbeitsplätze bewegen, das könnt ihr tun!“

Automatisch warfen wir den Kopf in den Nacken und sahen zu Chris’ Büro hoch. Er hatte den Kopf aus dem Fenster gereckt; mit einer Hand presste er sich das Handy ans Ohr und mit der anderen gestikulierte er wild. „Ihr steht seit sage und schreibe zwanzig Minuten da!“

„Ja, das ist richtig.“, erwiderte Cindy toternst. „Wir mussten ein äußerst ernstes Problem erörtern.“

„Ich kann gerne dafür sorgen, dass ihr ein äußerst ernstes Problem bekommt.“

Inzwischen brüllte er so laut, dass kein Handy mehr von Nöten war, die Distanz von seinem Büro bis zu uns hinunter zu überbrücken. Wir sahen einander an und grinsten. Es war seltsam wie gut sich das Leben anfühlen konnte, obwohl es gerade den Bach herunter ging, wenn man die richtigen Leute im Boot hatte.

Das nützte mir allerdings herzlich wenig, als ich wieder allein in meinem Büro saß. Ich gönnte mir meine morgendliche Tasse Kaffee – heute mit einem Löffel Honig gegen meine Halsschmerzen – und sah auf das Treiben weit unter mir auf dem Wielandplatz wie die Herrscherin eines längst vergessenen Königreiches. Eine ziemlich deprimierte Königin.

Wie sollte ich es nur schaffen, mir vorzustellen, dass Jason mir antwortete, wenn ich mich dermaßen miserabel fühlte? Wenigstens hatte ich Dank meines Schnupfens eine Ausrede, den Mädelsabend mit Sarah sausen lassen zu können. Selbst sie würde eine Kranke nicht in eine Bar schleppen wollen.

Ich hatte den Gedanken kaum zuende gedacht, da meldete sich mein Handy zu Wort. Ein Blick aufs Display verriet mir, dass es sich um Sarah handelte. So viel zum Thema: Gesetz der Anziehung. Wenn es bei Jason ähnlich funktionierte, konnte ich mich wahrlich nicht beschweren.

Doch ein näherer Blick auf die Nachricht lieferte mir allen Grund zur Beschwerde. „Heute Abend Tequila im Zuckerhut?“

„Bin nach wie vor krank!“, tippte ich zurück.

„Du liegst im Bett?“, kam prompt zur Antwort.

Ich wusste genau, worauf sie hinauswollte. Sarah war immer der Meinung: wer arbeiten kann, kann auch feiern gehen. Es roch wieder mal nach Streit, als ich antwortete: „Nein, aber ich freue mich auf einen ruhigen Feierabend. Muss mich heute unbedingt auskurieren, dann bin ich nächste Woche wieder fit für die nächste Runde Tequila.“

Ich hatte die Nachricht kaum abgeschickt, da klingelte mein Telefon. Wieder entfuhr mir ein genervtes Stöhnen, als ich die Nummer meiner besten Freundin auf dem Display erkannte. Ich ging nur ran, weil ich wusste, dass sich die Lage andernfalls unnötig verschlechtern würde. „Sarah, ich bin im Büro. Können wir das vielleicht nach Feierabend klären?“

„Wann genau?“, schoss sie zurück. „Wenn du dich auf deiner Couch verschanzt hast?“

„Es geht mir nicht gut!“, erwiderte ich frustriert.

Das schien sie überhaupt nicht zu interessieren. „Es kann dir nicht so schlecht gehen, wenn du auf Arbeit bist! Ich hätte nie gedacht, dass du mal so ein Workaholic wirst, Georgie. Du bist so wie die Leute, über die wir uns früher immer lustig gemacht haben.“

Ich zuckte zusammen, als wäre ihre Hand durchs Telefon geschnellt und hätte mir eine saftige Ohrfeige verpasst. Es war typisch für Sarah, auch dann noch weiter auf jemanden einzutreten, wenn dieser jemand schon am Boden lag. Ich war wirklich nicht wehleidig, aber an diesem Tag fühlte ich mich grottenschlecht. Meine Augen brannten und tränten, ich bekam kaum Luft und meine Nase war ein einziger Knoten. Von meinen seelischen Qualen wegen Jason ganz zu schweigen. Und ihre einzige Sorge war es, dass unser Mädelsabend ja nicht ausfiel.

Mir war klar, dass ich keinerlei Chance hatte, also gab ich mich wie immer geschlagen. „Okay, zwei Stunden.“

Als sich die Klinke meiner Bürotür absenkte, wisperte ich hastig: „Da kommt jemand. Bis später.“

In hohem Bogen warf ich mein Handy in die Tasche, rollte samt meinem Stuhl vom Fenster an meinen Arbeitsplatz, legte meine Hand auf die Maus und setzte eine geschäftige Miene auf. „

So wie du aussiehst hast du gerade telefoniert.“, begrüßte Alex mich und schloss die Tür hinter sich.

Ich rollte die Augen und lehnte mich wieder in meinem Stuhl zurück. „Wie kommst du denn darauf?“

Er ging um meinen Platz herum und zeigte auf meinen Bildschirm, auf dem noch nicht ein Dokument geöffnet war. „Deine schauspielerischen Fähigkeiten sind ausbaufähig.“

„Wen kümmerts!“, erwiderte ich genervt. „Alex, willst du was Bestimmtes? Ich habe wirklich einen miesen Tag!“

„Geht’s dir immer noch nicht besser?“, fragte er mitfühlend. „Wenigstens kannst du dich heute Abend ausruhen.“

Als ich daraufhin schwieg, verdüsterte sich seine Miene und er fragte: „Das kannst du doch, oder? Ich meine, Sarah schleppt dich heute nicht in irgendeine Bar?“

Es missfiel mir wirklich, ihn anzulügen, doch mir blieb keine andere Wahl, wenn ich eine Diskussion aus dem Weg gehen wollte. „Mach dich nicht lächerlich. Ich weiß selbst, dass ich so nirgendwo hin gehen kann!“

Er wirkte erleichtert und kam schließlich – wie ich vermutete – zum eigentlichen Grund seines Besuches. „Neues in Sachen Traummann?“

„Nein“, erwiderte ich knapp.

Ich sah ihm an, dass er etwas sagen wollte, es schließlich aber klugerweise bleiben ließ und mir stattdessen eine handvoll Hustenbonbons auf den Tisch legte, die er aus seiner Hosentasche hervor geholt hatte.

„Zur schnelleren Genesung.“ Und mit einem letzten Augenzwinkern verschwand er aus meinem Büro.

Ich stieß erleichtert die Luft aus, als er weg war. Er musste seine Gedanken nicht laut aussprechen, damit ich wusste, was er dachte. Er glaubte, dass ich mich mal wieder in etwas verrannt hatte; dass Jason nur über meine Nachricht lachen und sich auf keinen Fall zurück melden würde.

Ehe ich mich diesen Gedanken anschloss, beschloss ich, dass dies der perfekte Zeitpunkt für meine erste von Cindy in Auftrag gegebenen Übungen wäre. Ich schloss die Augen, atmete tief durch und versuchte das Gefühl zu erspüren, wie es sein könnte, wenn ich tatsächlich Antwort von Jason erhielte.

Ich konnte nicht sehen, wo ich mich befand, als ich die Nachricht erhielt, doch die Nachricht selbst sah ich klar und deutlich. Ich sah wie ich mein Handy in der Hand hielt, welche vor Aufregung leicht zitterte, spürte das warme Gefühl der Freude in mir aufsteigen. Zeitgleich begann wirklich mein Herz zu rasen. Ich spürte das Lächeln auf meinem Gesicht.

Mehr brauchte es nicht, doch es war unsagbar schwer, dieses Gefühl zu halten und mit in meinen Alltag zu nehmen. Diese Überzeugung, dass mir etwas gehörte, das ich in der Realität scheinbar noch nicht besaß. In diesem Augenblick glaubte ich, die Aufgabe wäre zu groß, als dass ich sie bewältigen könnte. Dennoch versuchte ich es stündlich immer wieder. Cindy hatte Recht – was hatte ich zu verlieren?

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