Kapitel Acht

Der nächste Tag war der schlimmste meines Lebens. Nicht nur, weil ich Jesse am nächsten Tag in der Schule wiedersah und er so tat, als wäre der Kuss nie passiert. Sondern ich hatte in der Nacht zuvor erneut den Traum über diese besetzten Körper geträumt. Es war immer derselbe Traum. Es war immer dieselbe Frau, die mich festhielt und es war immer derselbe Mann, den ich bis heute nicht erkennen konnte, der mir aber dennoch das Gefühl von Sicherheit gab, was bedeutete, dass er mich kennen musste. Dazu kam das Bild, welches gestern beim Kuss zwischen mir und Jesse aufgetaucht ist. Es wollte mir einfach nicht mehr aus dem Kopf gehen. Ich hatte das Gefühl, dass es von Jesse kam, was auch seine Reaktion gestern und sein Verhalten heute mir gegenüber erklären würde. Vielleicht war es eine Erinnerung? Oder so etwas wie eine Zukunftsvision? Letzteres gibt es zwar offiziell nicht, aber offiziell gab es ja auch keine Krieger des Lichts. Momentan könnte man mir alles erzählen, denn ich würde es alles glauben, ohne es auch nur ansatzweise zu hinterfragen. Meine kleine rationale Welt, so wie ich sie kannte, existiert ohnehin nicht mehr. Seitdem Jesse aufgetaucht ist, passieren Dinge, die mich erst an meinem Verstand zweifeln ließen und mich nun dazu brachten alles Normale auf dieser Welt zu hinterfragen.

„Zwilling, ich muss mit dir reden“ Zoey war unbemerkt zu mir heran getreten und riss mich aus meinen Gedanken. Ich brauchte einen Moment, bis ich vom Kopf her wieder vollkommen anwesend war. Dies schien meine beste Freundin jedoch nicht zu kümmern, denn sie redete einfach weiter munter drauflos.

„Also pass auf. Meine Reaktion auf deine Geschichte letzte Woche tut mir wirklich leid. Wenn du mit jemandem reden möchtest, dann bin ich immer für dich da, okay? Ich brauche doch meinen Zwilling. Ich hätte mehr für dich da sein sollen, es war klar, dass du jemanden zum Reden brauchst. Sowas kann man schließlich nicht alleine bewältigen und Eltern sind auch nicht immer die richtige Anlaufstelle. Aber die wäre ich gewesen und ich habe es abgetan und mich innerlich sogar ein wenig darüber lustig gemacht. Das tut mir wahnsinnig leid, ich habe erst im Nachhinein festgestellt, wie sehr dich das verletzt haben muss. Also, ist alles wieder gut? Ich werde mir sogar weiterhin deine Geschichten über irgendwelche Seelen und grüne Lichtkugeln, die Menschen verschwinden lassen, anhören.“ Sie grinste mich an, aber der letzte Satz brachte mich erneut aus dem Konzept. Sie dachte also noch immer, dass ich verrückt wäre und mir alles ausdenken würde. Wirklich übel nehmen kann ich es ihr nicht, denn ich würde mir ja ebenso wenig glauben, wenn mir nicht Jesse gestern kurz bestätigt hat, dass es die Krieger des Lichts durchaus gibt. Ich hätte gern noch mehr von ihm erfahren, aber da kam der Kuss (so schön er auch war) leider dazwischen. Aber Zoey kann ich nun endlich erklären, dass ich die Wahrheit sage. Dass es nicht nur ein Hirngespinst von mir ist, sondern dass sie Jesse fragen kann, wenn sie möchte. Fraglich ist, ob er es ihr bestätigen wird, aber das wird sie allein an seiner Reaktion ablesen können.

„Zoey, es ist nicht so, dass ich…“ Weiter kam ich gar nicht, denn auf einmal wurde ich energisch an meinem Arm gepackt. Zoey blickte mir nur verdattert hinterher.

„Kommst du mal bitte kurz mit?“, knurrte derjenige, den ich nun als Jesse identifizieren konnte. Ich stöhnte unwillkürlich auf und ein kurzer Schmerz flammt in meiner Brust auf. Ich musste mich daran erinnern, dass es lediglich ein Kuss war. Nicht mehr. Dass es nie mehr zwischen uns geben wird.

„Was soll das?“, fragte ich nun ungehalten und stemmte mich gegen ihn, was nicht viel änderte. Hinter der Sporthalle blieben wir schließlich stehen und Jesse drängte mich an die Wand. Ich konnte nicht weglaufen, denn er hatte an jeder Seite von mir seine Hand an der Wand abgestützt.

„Du kannst nicht einfach jedem von den Kriegern erzählen! Ich habe dir doch extra gesagt, dass es ein streng gehütetes Geheimnis ist! Und du läufst daher und willst es geradeheraus jedem erzählen, der dir über den Weg läuft? Verdammt Cecilia!“ Zunächst war ich verwundert, denn ich konnte mir beim besten Willen nicht erklären, wie er das herausfinden konnte. Aber dann wurde ich bei jedem seiner Worte wütender.

„Vielleicht würde ich es ja gar nicht mit jedem teilen wollen, wenn du mir einmal erklären würdest, worum es sich hierbei handelt! Was sind diese Krieger und wo sind sie vor allem? Du sagst mir nichts, Jesse und damit kann ich nicht umgehen. Ich brauche Antworten. So oder so werde ich sie finden. Ich habe schließlich auch schon das Buch über die Sage des verschwindenden Lichts gefunden, oder? Ich finde es alles heraus, darauf kannst du Gift nehmen. Und wenn ich alles weiß, werde ich es mit jemandem teilen müssen. Da du dich aber offenbar nur für dich interessierst und für niemand anderen, fällst du raus und ich brauche jemand anderen. Da ist Zoey meine erste und auch meine einzige Wahl.“ während meiner Standpauke hatte ich mich aus seinem Griff bereit und blickte ihn nun schnaufend und abwartend an. Jesse war bei meinen Worten wie erstarrt und ich genoss das Gefühl ihn sprachlos zu sehen – wegen mir. Erst nach einigen Augenblicken bemerkte ich, dass er an mir vorbeisah. Seine Augen hatten sich zu Schlitzen verengt und ich drehte mich verwundert um. Etwa einhundert Meter von uns entfernt stand eine kleine Gruppe von Männern, die uns alle anstarrten, als hätten sie jedes unserer Worte verstanden. Zwar waren meine Worte nachdrücklich gewesen, aber ich hatte eigentlich nicht das Gefühl gehabt, dass ich geschrien hätte.

„War ich etwa so laut?“, fragte ich trotzdem nun kleinlaut und blickte verunsichert zu Jesse. Doch er schüttelte nur den Kopf.

„Nein, warst du nicht. Aber gehen sollten wir trotzdem. Und zwar langsam und bedächtig.“

„Weshalb? Die schauen doch nur. Wahrscheinlich haben sie bemerkt, dass wir eine Meinungsverschiedenheit hatten und wollen sehen, ob… nun ja… ob du mir etwas antust oder so.“ Jesse blickte mich belustigt an, bevor sein Blick wieder ernst wurde.

„Ich könnte dir niemals etwas tun, Cecilia. Diese Leute dahinten wollen dir … nein, uns beiden etwas tun. Wir müssen uns beeilen, sie kommen schon näher.“ Ich war zu gebannt von seinem ersten Satz gewesen, als das ich auf die Gruppe geachtet hätte, doch sie standen nun mehr zwanzig Meter von uns entfernt und kamen langsam aber sicher auf uns zu. Ich hörte sie murmeln. In einer Sprache, die ich nicht verstand, aber es war dieselbe Sprache, die auch Jesse schon gesprochen hatte.

„Was sagen sie?“, fragte ich ihn deshalb.

„Das erzähle ich dir später. Jetzt komm.“ Kurzerhand nahm er meine Hand und ging mit mir rückwärts über das Schulgelände. Die Pause war schon längst vorbei und somit waren wir die einzigen, die sich hier draußen bewegten. In der Mitte des Pausenhofs sagte Jesse schließlich zu mir:

„Kannst du wieder rennen?“ Ich zuckte mit den Schultern. Ich hatte es noch nicht probiert, da der Arzt meinte ich solle vorsichtshalber noch eine Woche warten.

„Leider können wir auf dein Knie jetzt keine Rücksicht mehr nehmen. Und jetzt los.“ Mit den letzten Worten rannte er los und riss mich mit sich. Erst nach ein paar Sekunden sprintete ich ebenfalls los und schaute blindlings über die Schulter. Auch die Gruppe hatte sich nun schneller in Bewegung gesetzt. Sie hetzten uns quer durch die kleine – um diese Uhrzeit wie ausgestorben wirkende – Innenstadt von mullingar und ich spürte, wie mein Knie jeden Moment unter mir nachzugeben drohte. Es brannte fürchterlich und schmerzte wie kurz nach dem Sturz. Was war bloß aus langsam und bedächtig geworden?

„Jesse, ich kann nicht mehr!“, schnaufte ich deshalb, als wir erneut um eine Ecke bogen und just in dem Moment war es soweit. Mein Bein gab unter meinem Körpergewicht nach und ich stürzte zu Boden. Wimmernd blieb ich dort sitzen und Jesse sah mich besorgt an.

„Cecilia du musst hochkommen. Wir müssen hier weg. Das Portal ist nicht mehr weit. Wir müssen dort hindurch, dann sind wir sicher. Cecilia bitte.“ Portal? Was für ein Portal? Und wohin soll uns dieses Portal bringen? Als wäre Jesse leicht verrückt geworden, starrte ich ihn entgeistert an. Doch er schien es bitterernst zu meinen. Er hockte sich zu mir hinunter und hob mich kurzerhand hoch. Ich schrie kurz auf und sein Gesicht spiegelte meinen Schmerz wider.

„Es tut mir leid, aber es geht gerade nicht anders, okay? Du musst mir jetzt vertrauen.“ Innerlich lachte ich freudlos auf. Ihm vertrauen? Nachdem er mich von sich gestoßen und immer wieder zu sich gezogen hatte, sollte ich ihm jetzt vertrauen? Das konnte doch nun unmöglich sein Ernst sein! Aber Jesse wartete meine Antwort gar nicht ab, sondern preschte mit einem Blick zurück auch schon los. Ich versuchte mir sämtliche Schmerzensschreie zu verkneifen und Tränen liefen mir deshalb über die Wangen. Jesse lief geradewegs in den Stadtpark, aber ich merkte, dass auch ihm die Puste langsam ausging. Auf einer Lichtung blieb er stehen und blickte sich suchend um.

„Hier müsste es sein…“, murmelte er und ging hinüber zu den zwei ältesten Bäumen Mullingars, nachdem er mich auf den Boden gestellt hatte. Ich ließ mich auf den Boden sinken, da ich mich nicht mehr auf den Beinen halten konnte. Mit beiden Händen versuchte ich mein verletztes Knie in gebeugter Position zu halten und es zu stabilisieren. Ich schrak zusammen, als ein Zischen an meinem Ohr vorbeirauschte. Ängstlich und verwirrt blickte ich zu der Ursache des Zischens zurück und sah die Gruppe von Männern, die nun ebenfalls auf die Lichtung kam. Einer von ihnen hatte die Hand wie zum Wurf erhoben. In diesem Moment hörte ich Jesse hinter schmerzerfüllt aufschreien und ich blickte schnell zu ihm. Ein Messer steckte ihm im Bein und er sackte an einem der Bäume zu Boden. Ich presste meine Hände vor meinen Mund, als ich ihn ansah. Er streckte seine Hand in meine Richtung aus und winkte mich zu sich heran.

„Cecilia du musst da weg, komm her, schnell.“ Ich nahm all meine Kräfte zusammen und humpelte zu ihm hinüber. Neben ihm ließ ich mich erneut auf den Boden fallen und bemerkte dann erst das Blut, welches aus der Wunde an seinem Oberschenkel strömte.

„Oh mein Gott!“ Jesse lächelte mich leicht belustigt an.

„Es geht schon, keine Sorge. Du musst hinter uns durch die Bäume gehen und dabei sagen Gewährt mir Eintritt, ich bin eine der Fünf. Falls sie dich nicht hineinlassen, dann musst du es in dieser Sprache wiederholen Conchior min Etra, mina best fifte – alles klar?“ Ich starrte Jesse an und schüttelte leicht den Kopf.

„Cecilia bitte, sie dürfen dich nicht in ihre Hände bekommen, dann wäre das gesamte Reich verloren! Bitte, geh jetzt. Ich komme schon klar.“ Doch wieder schüttelte ich den Kopf. Ich versuchte gar nicht erst seinen Worten Sinn zu verleihen, denn in meinem Kopf war momentan nur Platz für einen Gedanken, den ich nun laut aussprach:

„Ich werde dich doch nicht hier zurücklassen!“ Nun war es an Jesse mich ungläubig anzustarren.

„Ist das dein Ernst? Du musst mich hierlassen, mir passiert schon nichts. Verstehst du denn nicht? Sie sind hinter dir her, nicht hinter mir!“

„Aber du bist derjenige mit dem Messer im Bein“, protestierte ich und deutete auf seinen Oberschenkel, aus dessen Wunde noch immer Blut floss.

„Weil sie wussten, dass ich dich beschützen würde. Verdammt Cecilia, kannst du nicht einmal das machen, was ich sage?“

„Doch nicht, wenn es bedeutet, dich mit diesen Leuten alleine zu lassen. Sie werden dich umbringen! Das könnte ich mir nie verzeihen!“ Als ich ihn wieder zum Sprechen ansetzen sah, schnitt ich ihm kurzerhand das Wort ab: „Versuch gar nicht erst mich umzustimmen! Ich bleibe hier, dann sollen sie uns beide umbringen. Niemals lasse ich einen meiner Freunde zurück!“ Ich brüllte ihn mittlerweile an und er war ganz weiß im Gesicht geworden, was bestimmt aufgrund der Wunde zu verzeichnen war.

„Okay“, sagte er daher nur und ich atmete erleichtert auf. Jesse griff nach meiner Hand und drückte mich an sich. „Versprich mir nur, dass du auf dich aufpasst, okay?“ Sein Gesicht war schweißüberströmt und ich nickte mit einem großen Kloß im Hals.

„Sag so etwas nicht. Du musst schön bei mir bleiben, verstanden?“ Tränen liefen mir mittlerweile über die Wangen und ich rüttelte leicht an seinen Schultern, als er drohte ohnmächtig zu werden. Das Blut strömte weiter aus seiner Wunde und auch wenn diese nicht so dramatisch aussah, war ich dennoch vor Sorge am Zittern. Wie viel Blut hatte ein Mensch noch? Wie viel konnte man davon verlieren, bevor man starb? Ich wünschte ich hätte meinem Vater früher zugehört, als er mir Erste-Hilfe-Tipps geben wollte. Tipps, die Jesse nun vielleicht stabilisiert hätten.

„Du weinst zu viel, weißt du das eigentlich?“, murmelte er, bevor sich seine Augen schlossen. Ich schüttelte ihn, verpasste ihm eine Ohrfeige nach der anderen, aber er regte sich nicht. Außer einem leisen Stöhnen vernahm ich nichts von seiner Seite.

„Du kannst nichts tun, er ist vergiftet. Und jetzt gehörst du uns… uns allein.“ Ich war vor Angst wie gelähmt, als ich die eiskalte Hand auf meiner Schulter spürte.

„Du hättest auf ihn hören sollen und in das sichere Reich der Krieger gehen sollen. Unser Glück, dass du so dumm bist… so menschlich… so berechenbar… so schwach und so allein.“ Ich schüttelte bei den Worten den Kopf und schloss die Augen. Mein Gefühl sagte mir, dass ich den Leuten bloß nicht in die Augen schauen durfte. Ich musste diesen Leuten irgendwie Paroli bieten, vielleicht ließen sie dann von uns ab. Seine Worte durfte ich nicht an mich heranlassen.

„Ich bin nicht schwach und allein. Ja, ich bin menschlich, aber genau darauf bin ich so stolz. Denn nur wer menschlich ist, fühlt. Nur wer fühlt, findet Familie und Freunde. Nur wer Freunde und Familie hat, hat etwas für das es sich zu kämpfen lohnt. Und nur wer etwas hat, für das es sich zu kämpfen lohnt, ist weder schwach noch allein. Denn diese Personen kämpfen immer weiter, sie lassen nicht nach, selbst wenn die Situation noch so aussichtslos sein sollte. Also gebe ich euch nur einen guten Rat, verschwindet endlich! Es gibt hier für euch nichts mehr zu holen!“ Meine Stimme überschlug sich am Ende und ich schluchzte hemmungslos, bevor ich Jesse an mich drückte. Sein Gesicht war aschfahl und ich drückte ihm einen Kuss aufs Haar.

„Doch, wir holen dich.“ Vehement schüttelte ich den Kopf und drehte mich dann mit geschlossenen Augen zu den Personen herum.

„Mich braucht ihr nicht mehr holen, ich bin innerlich bereits tot.“ Ich musste mich nun auf meine anderen Sinne verlassen und spürte die leichte Vibration im Waldboden, als sich die Person mir näherte. Spürte die Kälte, die von ihr ausging, noch bevor sich ihre Hände an meine Wangen legten.

„Wenn du bereits tot bist, dann öffne die Augen und schau mich an. Dann werde eine von uns.“ Ich stockte. Irgendwo tief in mir drin wusste ich, dass ich meine Augen um keinen Preis öffnen durfte. Aber die Trauer um Jesse schwärzte meine Hoffnung und ich spürte wie meine Augenlider flimmerten. Da ertönte eine Stimme in meinem Inneren:

Es ist noch nicht zu spät, du kannst ihm helfen. Du kannst ihn retten und dich ebenso. Du bist stark, stärker als du es je geglaubt hast. Du musst nur an das Licht glauben, welches in deinem Inneren ist. Glaube daran und lass es sich formen. Du schaffst das!

Es war noch nicht zu spät? Jesse ist noch am Leben? Ich legte meine Hand sachte über sein Herz und da spürte ich ihn. Er war zwar schwach und holprig, aber er war da: Sein Herzschlag. Erleichterung machte sich in mir breit und ich schöpfte neue Hoffnung. Jesse war noch nicht tot.

„Ich habe etwas, für das es sich zu kämpfen lohnt!“, flüsterte ich und hatte nur einen Gedanken. „Ich muss Jesse helfen!“

Leg deine Hände auf sein Herz und schau darauf. Da müsste eine kleine Lichtkugel sein, die du erreichen kannst. Du musst ihr Kraft geben, denn durch sie seid ihr verbunden.

Ich wunderte mich nicht, wer da in meinen Gedanken mit mir sprach. Momentan hatte Jesse Priorität. Also tat ich alles genauso, wie die Stimme es mir geraten hat. Ich versuchte Jesses Lichtkugel zu finden, aber ich wusste nicht wie.

„Gib auf. Er ist so gut wie tot. Du kannst nichts mehr für ihn tun. Du kannst nur zu uns kommen und wir zeigen dir mit deiner Trauer umzugehen.“ Ich runzelte die Stirn.

„Ich kann ihn doch nicht sterben lassen. Ich kann ihn nicht einfach zurücklassen. Ihr habt es nicht begriffen, oder? Ich habe etwas, für das ich kämpfe. Und wenn es das letzte ist, was ich tue! Niemals… ich betone: Niemals werde ich Jesse einfach so zurücklassen! Ihr habt ihn verletzt, ihr habt ihn vergiftet. Ihr seid Schuld, dass er um sein Leben kämpfen muss! Und warum? Warum tut ihr all das? Warum versucht ihr mir den Menschen zu nehmen, der mir Antworten geben könnte? Wieso den Menschen, der mir den Kopf verdreht?“ Ich weinte nun hemmungslos und da fielen mir Jesses Worte von vorhin wieder ein Du weinst zu viel, weißt du das eigentlich? Das gab den Ausschlag. Ich spürte, wie eine mir unbekannte Kraft durch mich strömte. Sie war unglaublich hell und ich begriff. Das war also die Lichtkugel, von der die Stimme sprach! Ich wollte sie formen. Ich wollte, dass sie Jesse erreichte. Sie sollte in ihn eindringen und sein Herz zum Schlagen bringen. Sie sollte die Dunkelheit und die Kälte, die sich in seinem Körper breit machte unterdrücken und vertreiben. Sie sollte uns beschützen! Ich spürte, wie das Licht mir zuhörte, wie es um mein Herz spielte und schließlich herausströmte. Wie es durch meine Finger floss und in Jesses Körper hinein. Wie ein anderer Teil mich und Jesse umschloss und eine Schicht zwischen uns und der Männergruppe bildete. Einem Instinkt folgend öffnete ich die Augen und blickte mich um. Ein leicht flimmerndes Licht schwebte um uns herum. Ich streckte meine Hand danach aus und ich spürte wie ein Teil des Lichtes meinen Bewegungen folgte. Als würde es mir zuhören und dann meinen Gedanken Folge leisten. Ich fühlte, wie jung und verspielt es war. Wie schwer zu zähmen es war und wie sehr ich mich konzentrieren musste, damit es mir nicht entglitt. Ich schien aus mir heraus zu strahlen und musste lächeln. Sofort wurde das Licht einen Deut heller, als schien es sich mit mir zu freuen. Die Männer versuchten es zu durchdringen, aber sobald sie es berührten, schreckten sie zurück, als hätten sie sich verbrannt. Ich sah, wie sie mich leblos anblickten, aber ich hatte keine Angst ihnen entgegenzusehen. Sie konnten mir nichts tun, solange ich hinter meiner Barriere war. Das Licht beschützte mich und ich war ihm unendlich dankbar dafür. Trotzig hob ich mein Kinn und stellte mir vor, wie das Licht sie alle berührte, sodass sie flohen. Fast augenblicklich nachdem ich meinen Gedanken zu Ende gesprochen hatte, spürte ich wie das Licht sich einen Weg zu den Gestalten bahnte und sie sanft berührte. Sofort hörte ich Schreie und sie ergriffen tatsächlich die Flucht. Ich grinste leicht und dankte dem Licht innerlich. Es leuchtete kurz auf und strömte um mein Gesicht, als würde es mich liebkosen.

„Wir müssen definitiv etwas gegen diese vielen Kullertränen tun…“, hörte ich da eine schwache Stimme und ich schrak auf. Jesse blickte mich aus müden, aber sehr lebendigen Augen an. Auf seinem Mund lag ein leichtes Lächeln und er beobachtete mich genau. Reine Erleichterung durchströmte mich und ließ gleich noch mehr Tränen fließen. Ich fiel Jesse um den Hals und spürte, wie er mich an sich drückte. Ich spürte, wie das Licht ihn innerlich ausfüllte und es war als würde es mir zuwinken wollen. Ein kleines Lachen machte sich in meinem Mund breit und ließ es hysterisch klingend heraus.

„Sie werden zurückkommen. Wir sollten durch das Portal gehen.“ Sofort war mir der Ernst der Lage wieder bewusst. Es war also noch nicht vorbei. Fast gleichzeitig mit seiner Aussage flackerte mein Schutzschild auf und ich sah mich um. Überall zwischen den Bäumen standen diese Personen mit ihren leblosen Augen. Ich erschrak. So viel Kraft, um sie alle von uns wegzuhalten hatte ich nicht. Bereits jetzt spürte ich, wie sich die Erschöpfung in mir breit machte. Erst in diesem Moment fiel mir auf, wie schwer mein Atem ging und wie sehr meine Hände zitterten. Ich war schweißüberströmt. Lange würde ich das Licht nicht mehr aufrechterhalten können. Es kostete mich bei Weitem zu viel Kraft.

„Komm…“, murmelte Jesse und ich nickte. Ich zog das Licht enger um uns und wir beide robbten mehr, als das wir liefen zwischen die beiden Bäume, die Jesse mir beschrieben hatte.

Conchior nonon Etra!“, hörte ich Jesse sagen. Ich spürte wie das Licht ein letztes Mal flackerte und dann in mich zurückkehrte, bevor alles schwarz wurde.

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