Kapitel Fünf


Kapitel Fünf

 

Am nächsten Tag wartete ich kurz vor sechs hundemüde und überaus argwöhnisch in Sarahs und meinem Lieblingscafé auf meine launische beste Freundin. Sie hatte mich heute in meiner Mittagspause auf meinem Arbeitstelefon erwischt, wo ich ihre Nummer nicht erkannte und infolgedessen den Hörer abgenommen hatte.

Doch die kräftezehrende Streiterei, die ich erwartet hatte war ausgeblieben. Stattdessen hatte sie mich auf eine Tasse Kaffee eingeladen. Sie hatte es meiner Müdigkeit zu verdanken, dass ich einfach eingewilligt hatte, ohne mir die möglichen Folgen auszumalen.

Die letzte Nacht hatte ich kaum ein Auge zugemacht. Nachdem ich nach meinem Barbesuch in meiner Wohnung angekommen war, hatte ich mich sofort ins Bett gelegt mit der Absicht, sofort einzuschlafen und den ganzen Tag für immer zu vergessen. Ich hatte es mir verboten, nach dem fremden mit der tollen Stimme zu googeln, weil ich mich dann noch verrückter gefühlt hätte, als ich es ohnehin schon tat. Doch das Resultat aus dieser Sturheit war eine Nacht ohne Schlaf gewesen, in der meine Gedanken einzigst um ihn gekreist waren.

Jetzt wünschte ich, ich hätte Sarah einfach nur abgesagt. Dann hätte ich längst auf dem Nachhauseweg sein können, wo ich in Ruhe hätte Google zu Rate ziehen können, ohne dass ich dieses Verhalten vor jemand anderem als mir selbst hätte rechtfertigen müssen. Doch um abzusagen war ich einfach viel zu gut erzogen. Außerdem war ich zugegebenermaßen mehr als interessiert daran, was Sarah mir zu sagen hatte, wenn sie mir nicht den Kopf für meine Andersartigkeit waschen wollte. Und danach hatte es am Telefon wirklich nicht geklungen.

Als sie jetzt auch noch auf die Minute pünktlich um die Ecke geschlendert kam, schrillten bei mir sämtliche Alarmglocken. Irgendetwas stimmte hier nicht.

„Hi.“, begrüßte sie mich vorsichtig. „Schön, dass du es einrichten konntest.

Ohne Sarkasmus klang ihre Stimme völlig anders. Wer war diese Frau und was hatte sie mit meiner besten Freundin gemacht? Vor Überraschung brachte ich nicht einmal ein Wort zur Begrüßung heraus.

„Georgie, ich weiß, dass ich mich katastrophal verhalten habe. Alex hat mir am Freitag die Augen geöffnet.“, sagte sie.

Diese Neuigkeit überraschte mich noch mehr als die Entschuldigung an sich. „Wann soll er das bitte gesagt haben? Ich war doch die ganze Zeit dabei.“

Sie schüttelte mit dem Kopf. „Er kam noch einmal zu unserem Tisch zurück, nachdem du gegangen bist.“

Stimmt, ich hatte ihn geben, ihr noch etwas Gesellschaft zu leisten, damit sie nicht allein ist. Doch das hatte er höchst widerwillig getan. Nie im Leben hätte ich damit gerechnet, dass sich zwischen den beiden ein richtiges Gespräch ergeben könnte.

„Er war furchtbar wütend auf mich.“, fuhr sie fort und senkte beschämt den Kopf, wobei ihr das lange braune Haar fast bis zu den Füßen fiel. „Eine Weile haben wir uns nur angebrüllt, doch dann haben wir miteinander geredet.“

Ungläubig starrte ich sie an. Es war, als säße eine völlig Fremde vor mir. Der Gedanke an Alex und sie allein im Leos ließ mich seltsam unbehaglich fühlen. „Wie lange habt ihr denn noch gesessen?“

„Ungefähr drei Stunden.“, erwiderte sie.

„Drei Stunden?“, fragte ich fassungslos und konnte mich dann nicht mehr zurückhalten. „Woher kommt den dieser plötzliche Sinneswandel?“ Und warum zum Teufel hat Alex mir Samstag kein Sterbenswörtchen davon erzählt? Wir sind schließlich den ganzen Tag zusammen gewesen, haben sogar über Sarah gesprochen.

„Sag mal, Georgie, stört dich das etwa?“, fragte sie forschend.

Die Wahrheit war: ja, und wie! Ich hatte immer geglaubt, es sei mein sehnlichster Wunsch, dass die zwei wichtigsten Menschen meines Freundeskreises endlich aufhörten, aufeinander loszugehen, sobald sie zusammen in einem Raum waren. Ich hatte ihre ständigen Streitereien immer satt gehabt. Doch nun fühlte ich mich seltsam betrogen.

„Natürlich nicht!“, log ich schnell. „Das ist doch toll. Was habt ihr denn so beredet?“

„Ach, dies und das. Nichts bestimmtes.“, erwiderte sie, still lächelnd und das Gefühl des Verrats in mir stieg. Sie sah mich zögerlich an. „Hat er dir nichts davon erzählt?“

Ich schüttelte den Kopf. „Nein, hat er nicht.“

Seltsamerweise schien sie das genauso zu stören wie mich. „Fein, dann zählt das jetzt unter die Rubrik Staatsgeheimnis. Wahrscheinlich ist es etwas, wofür man sich schämen sollte.“

Ich runzelte die Stirn. „Sarah, ihr habt einen Abend mal ein halbwegs ordentliches Gespräch zustande gebracht. Okay, ich hätte nie geglaubt, dass das jemals möglich wäre, aber einen Grammy habt ihr euch dadurch auch nicht gerade verdient. Warum ist dir das überhaupt so wichtig?“

„Ist es doch gar nicht.“, erwiderte sie schulterzuckend und lächelte mich an. „Die Hauptsache ist, dass zwischen uns alles klar ist. Ich werde mich bessern, Georgie“

In dieser Sekunde hatte ich den beinahe unbezwingbaren Drang, ihr vom gestrigen Abend und meinen Empfindungen zu erzählen als ich die Stimme des Mannes im Radio gehört hatte. Doch ihr nächster Satz löste diesen Wunsch in Nichts auf.

„Wenn du erst einmal dem Richtigen begegnet bist, wird dieses Phantom in deinem Kopf schon verschwinden.“

Nach all den Jahren meiner Qualen, meiner Tränen und der Schilderungen über meine Wünsche verstand meine beste Freundin noch immer nicht, dass das Phantom in meinem Kopf der Richtige war.

 

Als ich endlich zuhause war fühlte ich mich nicht so ausgelaugt, wie ich befürchtet hatte mich nach dem Treffen zu fühlen, dennoch war ich so frustriert, dass ich mir einredete, es mir jetzt wirklich verdient zu haben, mich am PC abzulenken, indem ich die Band Green Lemon googelte.

Überraschenderweise musste ich gar nicht lange suchen. Tatsächlich besaßen sie sogar ihren eigenen Wikipedia-Eintrag. Das war auch nicht weiter verwunderlich, denn der erste Satz verriet mir bereits, dass es die deutschsprachige Rockband schon seit fast fünfzehn Jahren gab. Sie hatten insgesamt sechs Alben, das siebte war soeben in Arbeit und ich beschloss, mir dann sofort eines zu bestellen.

Ich scrollte nach unten und suchte fieberhaft nach der Information, nach der mein Herz lechzte. Da war sie – die Bandaufstellung. Sein Name stand an erster Stelle. Sänger, Gitarrist, Bandleader: Jason Right. Das war kein Zeichen mehr, sondern eine Offenbarung. War dieser Jason mein Mr. Right??

Ohne lange darüber nachzudenken öffnete ich das nächste Fenster und googelte ihn in der Bildersuche. Auch hier musste ich nicht lange suchen. Es erschienen sofort duzende Fotos. Ich stieß zischend die Luft aus. Er war alles andere als der Mann, den ich als „meinen Typ“ bezeichnet hätte, obwohl er sicher der klassische Frauenschwarm war. Seine ungewöhnlichen roten Haare passten zu seinem schelmischen Grinsen. Seine grauen Augen blitzten gewinnend und er hatte einen Zug um die Mundwinkel, der von Erfolg und einem leichten Leben erzählte. Doch ein Erkennungsmerkmal war das wichtigste – bei seinem Anblick macht etwas in meinem Kopf laut und deutlich Klick.

Ich sah mir ein Foto nach dem anderen an. Auf den meisten davon stand er auf der Bühne am Mikro oder beschäftigte sich ausgiebig mit seiner Gitarre.

Was war jetzt wieder kaputt? War es nicht schon schlimm genug, dass ich mich Jahre lang nach einem Mann verzehrte, der scheinbar noch für mich gebacken werden musste? Musste dieser Mann jetzt auch noch ein Rockstar sein? Oder irrte ich mich? Projizierte ich meine Wunschvorstellungen absichtlich auf einen Mann, der für mich unerreichbar war?

Entschlossen schaltete ich den PC ab, stand auf und ging auf den Balkon. Vielleicht schaffte es die kalte Abendluft, mich wieder zu Verstand zu bringen.

Doch das Bild des Fremden ging mir auch beim Blick in die Sterne nicht mehr aus dem Kopf. Wie sollte ich bloß an solch einen Mann herankommen? Ich beschloss, vorerst gar nichts zu tun und abzuwarten, ob das Gefühl von selbst wieder verschwand.

 

Natürlich tat es das nicht. Jasons Bild begleitete mich durch den ganzen kommenden Tag. Und den Tag danach. Er war bei mir, wenn ich erwachte, begleitete mich auf dem Weg zur Arbeit und fuhr abends wieder mit mir nach hause.

Da ich jedoch beschlossen hatte, erst einmal abzuwarten und gar nichts zu tun, bekämpfte ich die Gefühle, die dabei in mir aufkamen nicht. Und so spürte ich, wie schön sie sich anfühlten. Wie sie mich innerlich in kürzester Zeit so sehr veränderten, dass diese Veränderung auch für Menschen aus meiner unmittelbaren Umgebung spürbar wurde.

Als Chris Donnerstagnachmittag merkte, dass er mich durch nichts aus der Fassung bringen konnte – weder durch seine gemeinen Spitzen noch durch das Aufhalsen zusätzlicher Arbeit –ließ er es irgendwann einfach bleiben.

Selbst Alex konnte sich meines sprühenden Charmes nicht erwehren und beschloss, nicht länger böse auf mich zu sein. Dennoch war es ein seltsamer Moment, als er Freitagmorgen mit einer Kaffeetasse in meinem Büro erschien und versuchte so zu tun, als wäre nichts geschehen. Die Stunden, die er mit Sarah allein im Leos verbracht hatte erwähnte er immer noch nicht und ich ließ es ebenfalls bleiben, weil es mir einfach nicht mehr wichtig erschien.

Am Abend ging ich mit Sarah ins Kino, wo wir uns so königlich amüsierten wie schon lange nicht mehr. Zwar waren wir die einzigen im Saal und der Film war grauenvoll, doch wir zogen jede Szene so sehr ins Lächerliche, dass mir schon bald Lachtränen über die Wangen liefen. Als wir darüber philosophierten, was die Kinoangestellten über uns denken mochten, weil uns wir bei einem vermeintlichen Drama so sehr amüsierten, brachen wir in noch lauteres Gelächter aus.

Ich fragte mich, ob es wirklich nur an dem geheimen Glücksgefühl in meiner Brust lag, dass Sarah so gelöst und glücklich wirkte. Oder ging bei ihr etwas ähnliches vor sich?

Ich hätte sie gern danach gefragt, doch dann hätte auch ich mich offenbaren müssen und dazu war ich noch längst nicht bereit. Nein, ich wollte das Gefühl noch eine Weile in mir verschlossen halten wie ein Licht, das umso heller strahlte, je kleiner und dunkler der Raum war, indem es brannte.

Kommentare

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    Seht nachvollziehbar, die Wandlung von Georgie, aber auch von Sarah. Wobei ich bei Sarah einen Verdacht hege...

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