Kapitel Sieben

Etwas über diese ganze Sache herauszufinden gestaltete sich doch schwieriger als gedacht. Ich durchforstete zunächst unsere eigene Stadtbibliothek. Aber dort wurde ich nicht wirklich fündig. Ein altes Sagenbuch, welches von grünem Licht sprach, nahm ich vorsichtshalber mit nach Hause. Vielleicht stand dort etwas drin. Die Suche im Internet verlief leider fast genauso erfolglos. Zwar hatte ich dort einige Hinweise auf das Amulett gefunden – anscheinend beschützte es jeden der es trug vor äußeren Gefahren -, aber abgesehen davon kam ich nur auf merkwürdige Forenseiten, denen ich nicht ganz traute. Allein die Aufmachung erinnerte mich an die einer Sekte und ich befürchtete, dass die Personen dieser Seite bald vor meiner Tür stehen würden, um mich ebenso zu einer Fanatikerin zu machen wie sie es waren. Ich hatte meinen Vater nach dem gedächtnislöschendem Serum gefragt, was Jesse mir verabreicht hat, aber er kannte nichts dergleichen. Stattdessen versicherte er mir, dass er meinen Verfolger schon ausfindig machen wird, um ihm seine gerechte Strafe zu geben. Anscheinend hatte ich einen falschen Zeitpunkt gewählt, um ihn danach zu fragen. Ich würde ihm gern erzählen, dass der Mann mir nichts mehr tun kann, aber erstens war ich mir da selbst nicht hundertprozentig sicher und zweitens wollte ich nicht, dass mein eigener Vater mich für verrückt erklärte. Ich war also weiterhin auf mich allein gestellt. Mit Zoey hatte ich seit dem Vorfall in der Mittagspause – also vor drei Tagen – nicht mehr geredet. Ich brauchte gerade Zeit für mich und das wusste sie auch. Dementsprechend ließ sie mich in Ruhe und ich tat es ihr gleich. In der Schule sprachen wir nur das Nötigste miteinander und auch Jesse begleitete mich nicht mehr zum Schulgebäude. Seit gestern war ich offiziell Gehhilfenfrei. Zwar tat mein Knie noch ein wenig weh, wenn ich es länger belastete, aber es tat sehr gut endlich mal wieder alleine zur Schule zu laufen ohne mit einem schweigsamen Jesse konfrontiert zu werden. Da nun jedoch sowieso Wochenende war, musste ich Jesse gar nicht sehen und konnte mich getrost meiner Recherche hingeben. Ich schlug das Sagenbuch aus unserer Bibliothek auf und suchte durch das Inhaltsverzeichnis. Die Sage des verschwindenden Lichts erschien mir am passendsten. Dort fand ich in der Tat Beschreibungen über verschiedene Arten des Lichts. Je nach Art und Form konnte es jemanden beschützen, jemanden verschwinden lassen oder aber jemanden von innen erleuchten. Neben den allbekannten Dingen, dass es den Weg zeigen kann und man sich dadurch nicht vor der Dunkelheit zu fürchten braucht. Das Licht sei der Sage nach eine unversiegbare Quelle und kann nur durch eine Bedrohung vollends verdrängt werden: Die Dunkelheit. Die Dunkelheit war das genaue Gegenteil vom Licht, also auch wie in der normalen Welt. Momentan war sie angeblich sehr schwach, weil das Licht immer mehr an Stärke gewinnt. Aber die Dunkelheit ernährt sich von schlechten Gefühlen, kann einen die schlimmsten Erinnerungen durchleben lassen und einen in die vollkommene Dunkelheit stürzen. Wenn das passiert, dann ist man eine Seele ohne Gefühle und Bedürfnisse, demnach verkümmert der reale Körper nach einiger Zeit. Die Dunkelheit lässt die Seelen jedoch nicht los, weil diese Seelen ihr Kraft geben. Stattdessen lässt sie die Seelen andere Körper jagen und besetzen. Deshalb nennt man sie Tote Seelen. An dieser Stelle endeten die Fußnoten der Sage und ich ließ enttäuscht das Buch sinken. Tote Seelen. Das war doch eines der Dinger gegen die Jesse in meinem Traum gekämpft hat, oder? Waren das vielleicht auch die Wesen aus meinen anderen Träumen? Schließlich wollten auch sie meinen Körper besetzen. Ich musste mehr über die Toten Seelen herausfinden. Das Buch listete hinten noch einige weitere Bände auf und ich beschloss der Bibliothek noch einmal einen Besuch abzustatten. Doch dort kam ich nicht weiter. Der ältere Mann, welcher unser Bibliothekar war sichtlich traurig, dass er mir nicht helfen konnte. Sie hätten das Buch damals von einer Familie geschenkt bekommen. Er könnte aber nachschauen, wer es war. Vielleicht hat diese Familie auch die anderen Bände.

„Ah ja, hier ist es… Moment… Genau. Es war die Familie Krugenstein.“ Ich erstarrte. Krugenstein?

„Sind Sie sich da sicher? Vielleicht schauen Sie in der falschen Liste? Die Familie Krugenstein ist nämlich erst vor einer Woche nach Mullingar gekommen.“

„Also, junges Fräulein. Sie wollen mir doch wohl nicht erklären, wie ich meinen Job zu machen habe, oder? Es war die Familie Krugenstein, das Buch wurde ja auch erst vor drei Tagen hier abgegeben.“ Zornig sah er mich an, sodass ich mich sofort entschuldigte und mich für die Auskunft bedankte. Während dieser Höflichkeiten überschlugen sich meine Gedanken. Familie Krugenstein war Jesses Familie. Sie hatten vor drei Tagen das Buch hier abgegeben. Mehr denn je fragte ich mich nun, woher diese Familie kam und wer sie überhaupt waren. Aber wen sollte ich da schon fragen? Jesse? Das kam überhaupt nicht in Frage. Er würde mir sowieso keine Antwort geben. Vielleicht konnte ich seine Eltern fragen. Die müssten ja wissen, ob sie so ein Buch noch haben, oder nicht. Nur habe ich seine Eltern seit dem Abendessen nicht mehr gesehen. Fast so als wären sie nicht da. Vielleicht waren sie ja auf Geschäftsreise? Zuhause fragte ich meine Mutter danach, die mir meinen Verdacht bestätigte. Die Eltern von Jesse wären in der Tat oft unterwegs, weil sie im internationalen Unternehmerrecht tätig sind und Irland als Standort für Unternehmen bekannt machen wollen. Seitdem eine social media Plattform ihren steuerrechtlichen Sitz in Irland hat, wollen immer mehr ausländische Unternehmen in unser Land kommen. Aber auch der internationale Gerichtshof hat ein Auge darauf, wie mir meine Mutter erklärt. Momentan möchte eine chinesische Firma ihren steuerrechtlichen Sitz ebenfalls nach Irland verlegen und da seien Jesses Eltern bei den Verhandlungen führend. Sie hätte sich schon überlegt Jesse deshalb öfters mal zu uns einzuladen. Ich verkniff mir eine Antwort darauf, denn das hätte nur in Fragen geendet, die ich nicht beantworten konnte, oder wollte. Was hätte ich denn auch für einen Grund angeben sollen, weshalb ich gegen ein Abendessen mit Jesse war? Dass er einen Mann in grünem Licht verschwinden ließ? Dass er in meinen Träumen auftaucht? Dass er mich mal behandelt wie Luft und mal als wäre ich ihm wichtig? Dass er der führende Grund für all meine Fragen ist, von denen ich meiner Mutter lieber nichts sagen würde? Davon würde kein Argument funktionieren. Schon gar nicht, weil meine Mutter Anwältin ist. Sie ist die Einzige Person, die sofort erkennt, wenn ich lüge.

 

Am Abend kam Jesse also wirklich vorbei. Die begrüßungssituation zwischen ihm und mir war leicht peinlich. Ich wusste nicht, ob ich ihm die Hand geben oder ihn umarmen sollte. Anscheinend war er sich auch nicht sicher, weshalb wir uns am Ende umarmten, während wir uns die Hand gaben. Ich hörte meine Mutter hinter mir kichern und konnte nur mit Mühe ein entnervtes Stöhnen unterdrücken. Meine Mutter hatte mal wieder ganze Arbeit geleistet. Es gab ein sattes Drei-Gänge-Menü, welches mein Vater und ich auch nur bekamen, wenn Besuch kam. Mir war der gesamte Aufwand ein wenig unangenehm, schließlich war Jesse kein Geschäftskunde, sondern lediglich unser Nachbar von schräg gegenüber.

„Und hast du dich schon etwas eingelebt, Jesse?“, fragte mein Vater interessiert, als er sich einen zweiten Teller Salat aufschaufelte.

„Ein bisschen. Aber ich habe zum Glück eine ganz nette Schulkameradin, die zufällig nebenan wohnt und die ich zur Schule begleiten konnte. So fällt einem der Start in einer neuen Schule sehr viel leichter. Mullingar ist zum Glück keine Metropole, denn in einer solchen würde ich mich bestimmt noch nicht zurechtfinden.“ Ich verschluckte mich bei seinen Worten fast an meinem Wasser und hüstelte leicht. Sofort wanderten sämtliche Augenpaare zu mir, weshalb mir die Röte ins Gesicht stieg. Meine Mutter lächelte wissend – zumindest glaubte sie etwas zu wissen -, mein Vater blickte mich verwirrt an und Jesse grinste leicht. Als wüsste er, welchen Effekt seine Worte haben würden.

„Da hast du Recht. Mullingar ist wirklich überschaubar, da hat man schnell alles gesehen. Du wirst sehen, ehe du deine Sachen komplett ausgepackt hast, bist du schon Teil der Gemeinschaft.“ Jesse nickte dankbar meiner Mutter zu, die die Situation gerettet hatte.

Das weitere Essen verlief sehr einseitig zwischen meinem Vater und Jesse. Letzterer schien sehr an der Arbeit meines Vaters interessiert zu sein, was am Ende dazu führte, dass ich mich mit meiner Mutter in der Küche befand, um diese sauberzumachen. Ich wusste schon genau, was jetzt kommen würde. Das berühmte Mutter-Tochter-Gespräch, welches sich schnell zu einer Peinlichkeit entwickelte. Ich hatte kaum das Geschirrhandtuch zum Abtrocknen der Töpfe in der Hand, als meine Mutter bereits anfing.

„Also…du und Jesse, hm?“ Ich verdrehte bereits jetzt die Augen, während ich fieberhaft überlegte.

„Zwischen uns läuft nichts, falls du das meinst, Mama. Wir sind allenfalls befreundet.“ Aber auch das nicht wirklich, fügte ich in Gedanken hinzu. Meine Mutter sah nicht überzeugt aus.

„Also ich sehe doch, was für Blicke ihr euch zuwerft! Glaube mir, Mütter merken so etwas. Wart’s nur ab, vielleicht ist er einfach nur schüchtern.“ Schüchtern? Jesse und schüchtern? Nein, so hatte ich ihn definitiv nicht eingeschätzt. Außerdem benahm er sich mir gegenüber auch nicht wirklich schüchtern. Eher im Gegenteil. Er gab mir manchmal sehr deutlich das Gefühl, was er von mir hielt. Andererseits machte er auch immer Anspielungen, von denen ich erst recht nicht wusste, was ich halten sollte. Wie auf der Schultoilette zum Beispiel. Dort klang es fast so, als wäre er besorgt.

„Cecilia, was hältst du davon, wenn du Jesse kurz mit eurem Englischessay hilfst? Er meinte, er könnte da durchaus Hilfe gebrauchen, weil er noch so neu ist und nicht die Anforderungen eurer Lehrerin kennt.“ Ich blickte auf, als die Stimme meines Vaters ertönte und trat in die Tür zum Wohnzimmer. Jesse blickte mich fast schon entschuldigend an und ich nickte.

„Ich will nur kurz noch den Rest vom Geschirr wegräumen…“, fing ich an, wurde jedoch sofort von meiner Mutter unterbrochen.

„Nein nein, geht ihr schon hoch. Ich mache den Rest und bekomme bestimmt tatkräftige Unterstützung von deinem Vater.“ Ich sah ganz genau, wie meine Mutter mir zuzwinkerte, als ich mich mit Jesse im Schlepptau auf den Weg nach oben machte.

 

Er sagte nichts. Rein gar nichts. Nichts zu meinem Zimmer, nichts zu den Englischproblemen und auch nichts zum Abend. Ich hatte also wieder den schweigsamen Jesse vor mir. Innerlich seufzte ich deutlich auf und machte mich schon auf einen Abend voller bissiger Kommentare gefasst.

„Was liest du hier?“, fragte Jesse und riss mich damit aus meinen Gedanken. Er hielt das grüne Buch aus der Bibliothek in der Hand und las sich den Buchrücken durch. Ich erstarrte. Es war das Buch, welches seine Familie letzte Woche in der Bibliothek abgegeben hatte. Er müsste es also wiedererkennen. Wenn er also irgendetwas über den ewigen Kampf des Lichts gegen die Dunkelheit wusste, würde ich es merken. Ich beschloss ihn zunächst glauben zu lassen, dass ich dieses Buch nur durch Zufall in der Bücherei gefunden habe.

„Ach, das ist bloß irgendein Sagenbuch. Ich habe es letztens in der Bibliothek gesehen und fand es ganz interessant.“ Ich beobachtete Jesses Reaktion ganz genau, aber mir konnte nichts auffallen. Abgesehen von der kleinen senkrechten Stirnfalte, welche er schon den ganzen Tag hatte. Irgendetwas machte ihm Gedanken und nur zu gern würde ich wissen, was das ist.

„Aha…wir haben das Buch der Bibliothek gegeben, als wir angekommen sind. Meine Eltern hatten es aus Versehen eingepackt. Eigentlich sollte es schon in Athen zur Stadtbibliothek gebracht werden. Nun ja, hier fällt es wenigstens gleich auf, nicht wahr?“ Er grinste mich an. Ich nickte bloß und wollte nur, dass er fortfuhr. Es war das erste Mal, dass Jesse etwas von sich erzählte und ich genoss es ihm zuzuhören. Sofort verpasste mein Verstand meinem Herzen einen ordentlichen Tritt, aber auch das konnte mich nicht daran hindern, dass ich mich gedankenverloren auf mein Bett niederließ.

„Ich wusste gar nicht, dass du dich für alte Sagen interessierst…“, murmelte Jesse und setzte sich ungefragt neben mich. Ich zuckte lediglich die Schultern. Was sollte ich auch dazu sagen, ohne dass meine Maskerade auffiel?

„Wie du schon sagtest, es fällt hier ziemlich schnell auf, wenn ein neues Buch in die Bücherei kommt. Außerdem gibt es doch kaum etwas schöneres als alte Geschichten, die sich immer dann weiterentwickelten, wenn sie sich die Leute gegenseitig erzählt haben, oder? Es hat etwas magisches, meinst du nicht?“ Ich übertrieb zwar zum Ende ein bisschen, aber dennoch ging mir die Lüge leicht über die Lippen. Ich nahm ihm das Buch aus der Hand und strich über den alten Einband. Leider war das Erscheinungsdatum im Inneren bereits verblichen, sodass ich nur erahnen konnte, dass es mehrere Jahrzehnte alt war.

„Du hast Recht. Es ist schon etwas magisch. Es überrascht mich immer wieder, an was die Menschen damals geglaubt haben… Welche der Geschichten gefällt dir am besten?“ Ich schaute ihn verdutzt an.

„Ich habe es mir erst gestern ausgeliehen und bis jetzt lediglich eine Geschichte gelesen…“, redete ich mich raus, aber Jesse ließ nicht locker.

„Und? Wie fandst du sie?“ Ich schluckte. Ich hatte wirklich nur die Geschichte über das verschwindende Licht gelesen und wenn ich das Jesse erzählen würde, würde er sofort begreifen, weshalb ich das Buch hatte. Es nützte nun ja doch nichts. Früher oder später würde ich ihn sowieso über alles fragen müssen. Wenn es soweit war, wird er mir wohl oder übel auch Rede und Antwort stehen müssen.

„Es war die Geschichte über das verschwindende Licht. Sie war wirklich gut. Vor allem so detailliert, da kann man sich ganz leicht nachvollziehen, wie die Menschen es sich vorgestellt haben, als sie die Geschichte miteinander geteilt haben.“ Nun sah ich deutliche Überraschung in Jesses Blick.

„Du hast dir diese Geschichte rausgesucht?“, hakte er nach und es schwang eine diese Spur von Unglaube und Bedrohung in seiner Stimme mit. Unmerklich zuckte ich leicht zusammen und nickte leicht.

„Doch etwa nicht, um die Geschichte über diese Krieger des Lichts, oder wie du sie nennst, zu überprüfen?“ Wieder ein Nicken meinerseits. Ich wurde immer kleiner und traute mich nicht ihn anzusehen. Aus irgendeinem Grund empfand ich gerade durchaus Furcht vor ihm. Was eigentlich total lächerlich war, denn Jesse würde mir nichts tun. Schon gar nicht in meinem Haus, wenn meine Eltern unten im Wohnzimmer waren.

„Oh Cecilia. Du lässt wohl nie locker?“ Jesse klang mittlerweile leicht genervt und ich atmete auf. Dennoch traute ich mich nicht ihm in die Augen zu sehen. „Die Geschichte der Krieger des Lichts ist ein streng gehütetes Geheimnis, welches nur bestimmten Personen zuteilwird.“ Ich starrte ihn an.

„Es gibt diese Dinge also wirklich?“ Meine Stimme war kaum mehr als ein Hauchen, aber Jesse schien sie dennoch zu hören. Er nickte bedächtig und schien mich genau zu beobachten. Ich aber starrte ihn einfach nur an und wollte begreifen, was er da gerade gesagt hatte. Diese Krieger des Lichts gab es also wirklich. Das bedeutet zweifellos, dass es auch all die anderen Dinge gab, die in meinen Träumen aufgetaucht sind. Diese Seelen und die grünen Lichtkugeln. Ich wurde also nicht verrückt. Ich wurde nur in etwas anderes hineingezogen, was schier meine Vorstellungskraft überstieg. Mir wurde heiß und kalt zugleich und kurzzeitig verschwamm alles vor meinen Augen. Ungewollt landete ich in Jesses Armen, der mich sanft hin und herwiegte. Ohne, dass ich es bemerkt hatte, strömten Tränen aus meinen Augen. Heiße Tränen, die nun auf Jesses T-Shirt tropften. Er drückte mich an sich und allein dadurch ging es mir ein bisschen besser. Die Tränen versiegten und mein Atem wurde gleichmäßiger. Es gab all das wirklich und ich hatte es mir nicht eingebildet. Es war keine Schockreaktion auf meinen Stalker gewesen. Es war echt! Ich blickte zu Jesse auf, der auf mich hinuntersah. Sein Gesichtsausdruck wirkte mehr als nur besorgt. Er schien hin- und hergerissen, ob er mir alles erzählen sollte oder ob er schweigen sollte. Ich wollte gerade etwas sagen, als er kaum merklich den Kopf schüttelte. Seine ozeanblauen Augen blickten mich an und sie wurden eine Nuance dunkler, als er sich mir näherte.

„Cecilia, du bringst mich noch schier um den Verstand…“, murmelte er bevor er die Augen schloss und seine Lippen auf meine trafen. Ein wahres Feuerwerk explodierte in meinem Mund, als er seine Lippen sachte und doch bestimmt auf meine drückte. Automatisch griff ich in sein Haar und verwuschelte es noch ein wenig mehr. Mein Herz machte mehrere Hüpfer, während mir ganz warm wurde. Es schien, als wären Jesse und ich miteinander verbunden. Auf einmal tauchte eine kleine Szene in meinem Kopf auf. Eine Frau, wie sie gefesselt in einer Zelle steckte und ein Mann, der zu ihr ging. Sich vor sie hockte und sie liebevoll ansah. Er sprach mit ihr, aber ich konnte nichts hören, zu sehr rauschte es in meinen Ohren. Die Frau weinte und schien zu schluchzen. Dann schob sich eine kleine Hand in das Blickfeld. Sie streckte sich nach der Frau aus, aber der Mann schlug sie weg. Das Bild verschwamm, als würde die Person, aus dessen Sicht ich die ganze Szene beobachtete, anfangen zu weinen. Abrupt endete die Szene und damit auch der Kuss zwischen Jesse und mir. Entgeistert starrte er mich an.

„Was zur Hölle?“, brachte er hervor, bevor er mich von sich stieß, als hätte er sich verbrannt. Ich war viel zu perplex, um darauf reagieren zu können. Irrte ich mich, oder war da tatsächlich Verletzbarkeit in seinem Blick? Ich schluckte mühsam, als sich seine Züge verhärteten. Weg war der zärtliche Jesse von vorhin. Zurück war der Eisklotz. Bevor er jedoch mich verletzen kann, kam ich ihm zuvor:

„Du solltest gehen.“ Mehr brachte ich nicht hervor und auch das kostete mich viel Kraft. Mit Mühe konnte ich verhindern, dass meine Stimme am Ende brach oder dass mir Tränen die Wangen herunterliefen, denn diese sammelten sich bereits in meinen Augen. Ich presste meine Lippen aufeinander und schloss die Augen. Ich spürte wie Jesse aufstand und vernahm seine Schritte. An der Tür blieb er noch einmal stehen.

„Wir hätten das nicht tun sollen. Es wird nicht wieder vorkommen. Es tut mir Leid.“ Dann öffnete er die Tür und schloss sie direkt hinter sich. Sobald die Tür geschlossen war, ließ ich meine Tränen freien Lauf und schluchzte lauthals.

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