Kapitel Vier

Dass Jesse außerhalb meiner Liga spielte, sah ich am nächsten Morgen selbst in der Schule. Meine Mutter hatte ihn tatsächlich dazu überreden können, mich zur Schule zu begleiten. Mit Sicherheit wäre ich umgefallen, hätte ich die Krücken nicht gehabt – jedoch nicht aufgrund des Knies. Sondern schlicht wegen der Anwesenheit dieses Jungen, der es einfach so schaffte meine sonst so starken Beine in Wackelpudding zu verwandeln. Allerdings stellte ich schon bald fest, dass ich nicht die einzige Person war, die Jesse anziehend fand. Allein schon sämtliche Mädchen meiner Klasse ermordeten mich mit ihren Blicken, als Jesse mir die Tür aufhielt und ich an ihm vorbeihumpelte. Ein Glück war Zoey schon auf ihrem Stammplatz neben dem meinen und wartete auf mich. Einen kleinen schmachtenden Blick Richtung Jesse konnte ich aber auch bei ihr feststellen, obwohl sie sofort im Anschluss besorgt zu mir sah.

„Hey, Zwilling. Schon wieder fit genug für das Drama namens Schule?“, begrüßte sie mich und umarmte mich, bevor sie sich mit einem kleinen Lächeln an Jesse wandte, sich ihm vorstellte und ihm meine Schultasche aus der Hand nahm. Dieser schaute nur verdattert, stellte sich dann aber Zoey vor und ließ sich in der Reihe vor uns nieder. Max wird sich dann wohl einen neuen Platz suchen müssen, was ich auch nicht allzu schlecht fand. Max und ich waren nie wirklich Freunde gewesen, aber ausstehen konnten wir uns genauso wenig.

„Morgen, Zwilling“, murmelte ich Richtung Zoey. Ich war ein typischer Morgenmuffel und nicht besonders gesprächig. Zoey kannte das schon immer, aber für Jesse tat es mir heute früh schon leid. Schließlich hatte er wirklich versucht ein Gespräch in Gang zu bekommen, dass ich jedoch nur einsilbig antwortete, machte es ihm nicht leichter.

„Jesse, tut mir leid, dass ich heute Morgen nicht gesprächig war. Ich bin nur morgens nie gesprächig und versinke lieber nochmal in meiner kleinen Traumwelt, bevor ich mein Kopf in der Schule anstrengen muss“, sagte ich zu ihm und meine Stimme wurde leiser, als ich sah, wie Ms. Robinson aufstand und die Klasse um Ruhe bat.

„Kein Thema, wirklich. Aber danke, dass du es mir gesagt hast. So weiß ich jetzt immerhin, dass es nicht an mir lag.“ Jesse drehte sich leicht zu mir herum und grinste sein schelmisches Grinsen, bevor er sich mit einer Hand durch die Haare fuhr, was diese nur noch verwuschelter aussehen ließ. Zoey schaute mich bloß wissend an und wackelte mit den Augenbrauen.

„Also wenn du ihn nicht willst, ich nehme ihn gern.“ Ich rollte die Augen bei dieser Bemerkung und streckte ihr die Zunge raus.

„Nope, der gehört mir“, lachte ich und wir wussten beide, dass es nicht ernst gemeint war. Zumindest noch nicht. Denn jedes Mal, wenn sich Jesse im Unterricht meldete, blickte ich leicht verträumt zu ihm und die Tatsache, dass Zoey schon anfing zu kichern, machte es nicht besser.

 

Es passierte in der Mittagspause. Ich saß draußen mit Zoey auf einer der Holzbänke und verschlang meinen Apfel, als ich ihn sah. Lässig stand er an einem Auto gelehnt auf unserem Schulparkplatz und las Zeitung. Oder tat so. Ich beobachtete, wie sein Blick manchmal über die Zeitung wanderte und mich direkt anblickte. Ohne es zu bemerken begann ich zu zittern und Zoeys Stimme erstarb mitten in ihrer letzten Shoppinggeschichte.

„Zwilling?“, fragte sie und ich nahm den kleinen Anflug von Panik in ihrer Stimme wahr. Mühsam riss ich meinen Blick von diesem Mann los und blickte meine beste Freundin an.

„Das war er.“ Ich brauchte nicht mehr zu sagen, denn Zoey verstand sofort. Schnell sah sie zu dem Mann hinüber, der mittlerweile ein breites, schmieriges und dadurch überaus angsteinflößendes Grinsen aufgesetzt hatte. Ich erschauderte und Zoey tat es mir gleich, bevor sie begann auf mich einzureden.

„Er kann dir hier nichts tun, Liebes, okay? Du bist hier sicher und er kann dir hier nicht zu nahekommen. Er kommt nicht an dich ran, okay? Ich bin bei dir und ich gehe hier auch nicht weg.“

„Warum ist er hier? Woher weiß er überhaupt wer ich bin? Woher weiß er, dass ich auf diese Schule gehe? Es gibt mehrere Schulen in dieser Stadt, also woher weiß er das? Wieso hat er mich ausgesucht? Wieso denn ich? Ich kenne diesen Kerl doch gar nicht und er folgt mir, als wäre ich irgendeine unerreichbare Frau, die er entführen kann? Oh Gott, ich will sofort nach Hause! Das kann doch nicht sein! Zoey bring mich bitte nach Hause. Nein, ruf meinen Vater an und er soll gleich irgendein Beruhigungsmittel mitbringen! Das gibt es nicht. Sag mir, dass du ihn auch gesehen hast und ich nicht komplett wahnsinnig werde, denn so langsam habe ich das Gefühl, dass ich noch verrückt werde.“ Zoey presste ihre Hand auf meinen Mund, was nur dazu führte, dass ich sie verzweifelter anstarrte als meine Stimme geklungen haben mag.

„Nicht so laut, Ceci! Und jetzt atme ein paar Mal tief durch. Dass du dich verrückt machst, ist doch genau das Ziel von diesem Mistkerl. Denn wenn du nicht an dich selbst glaubst, dann bist du ein noch viel leichteres Opfer für ihn. Ceci, bitte reiß dich zusammen. Du musst dich zusammenreißen, sonst drehe ich hier noch durch und du weißt, dass das bei mir gar kein Problem ist, sondern schnell passieren kann. Also beruhige dich. Und dann werden wir sehen, ob wir deinen Vater anrufen müssen. Du weißt, dass er sich dann gar nicht mehr beruhigt und diesen Kerl jagen wird, bis er ihn in die Finger bekommt und dann weiß Gott was tut. Ich liebe deinen Vater, aber er macht mir manchmal echt ein bisschen Angst, wenn er davon redet irgendwelche Nervenbahnen kappen zu wollen, nur weil jemand seine Tochter falsch angesehen hat.“ Und wie sie recht hatte. Mein Vater konnte sehr gruselig sein, wenn es um den Schutz seiner Familie ging und genau dafür liebte ich ihn. Ich bräuchte ihn jetzt wirklich. Seine väterliche Liebe und Stärke, die mich einfach alles Schlechte und Schlimme kurz vergessen lässt. Aber Zoey hat recht, wenn ich mich jetzt nicht zusammenreiße und stattdessen meinen Vater anrufe, bekommt ebendieser sich gar nicht mehr ein. Also tat ich, was meine beste Freundin mir riet. Tief durchatmen und versuchen diesen Kerl zu ignorieren. Es wirkte, zwar nicht besonders gut, aber es wirkte. Mit einem gezwungenen Lächeln blickte ich Zoey an, deren besorgter Gesichtsausdruck sich glättete. Sie umarmte mich und ich musste mein nächstes Lächeln nicht mehr vortäuschen. Was würde ich bloß ohne sie machen?

 

Ich wusste am Ende nicht mehr, wie genau ich noch diesen Doppelblock Mathe hinter mich brachte, aber ich schaffte es. Jesse brachte mich nach Hause und beschwerte sich nicht, obwohl ich ihm tausendmal beteuerte, ich könnte diese Tasche auch alleine tragen.

„Ach quatsch. Wie möchtest du eine Handtasche tragen, wenn du an beiden Händen bereits eine der Gehilfen führst?“, winkte er ab und grinste wieder dieses typische Jesse-Grinsen. Ich bat ihn wenigstens noch auf einen Kaffee oder Tee zu bleiben, damit ich es irgendwie wieder gut machen könne. Aber auch hier lehnte er ab und dieses Mal ziemlich deutlich:

„Nein, danke. Deine Eltern baten mich dich zur Schule hin- und auch wieder zurückzubringen. Das habe ich getan. Nur deswegen sind wir keine besten Freunde oder so, klar?“ Erschrocken wich ich zurück und starrte ihn an. Hatte ich mir das gerade nur eingebildet? Wir hatten uns doch zuvor noch nett unterhalten. Und ich hasste es wirklich, wenn Leute mich angifteten, obwohl sie doch gar keinen Grund hatten. Denn dann konnte ich auch ziemlich giftig werden.

„Oh entschuldige bitte, Mr. Ich-habe-so-viele-bessere-Freunde-weil-ich-hier-schon-so-lange-wohne! Ich wollte nur nett sein, aber anscheinend ist das dort, wo du herkommst nicht angebracht. Nur damit du es weißt, hier laufen die Dinge anders. Hier ist man ständig nett und höflich, und wenn du damit nicht klarkommst, dann kannst du gleich wieder umziehen. Oh und noch etwas: Du brauchst mich nicht zur Schule zu bringen, das schaffe ich alleine. Ich habe dich übrigens auch nie darum gebeten!“ Ich knallte die Tür wutentbrannt hinter mir zu und schnaufte laut. Was bildete er sich eigentlich ein? Er konnte bloß hoffen, dass er morgen früh nicht vor der Tür stehen würde. Denn das konnte ich wirklich nicht gebrauchen.

Ich zuckte zusammen, als es an der Tür klingelte. Noch immer wütend riss ich sie auf, in der Erwartung Jesse noch ein paar mehr Worte an den Kopf werfen zu können, doch da war kein Jesse. Stattdessen stand ich dem Mann gegenüber, der mich zu verfolgen schien.

„Na, wen haben wir denn da? Das ist überaus nett von dir, dass du mir so bereitwillig die Tür offenhältst. Darf ich hineinkommen?“ Bevor ich mich versah, kam ein spitzer Schrei aus meinem Mund.

„Weißt du, es macht mich nur noch mehr an, wenn du schreist.“ Ich war wie erstarrt. Nicht fähig mich zu bewegen, als er einen Schritt auf mich zumachte und meine Hände auf meinem Rücken verdrehte. „Du machst es mir wirklich zu leicht…“, murmelte er und auf einmal kam Bewegung in mich. Angewidert drehte ich meinen Kopf weg, als er sich mit seiner -sehr, sehr, sehr langen – Zunge über die Lippen fuhr. Ich schrie noch immer weiter und dachte nicht mehr nach, als schließlich der Name der Person über meine Lippen kam, die ich gerade am Wenigsten sehen wollte, welche aber in der Nähe war.

„JESSE!“, gellte ich laut und wand mich in den Armen dieses Mannes, der weiß Gott was mit mir anstellen wollte.

„Ey…ist alles in Ordnung da drüben?“, hörte ich die Stimme von Jesse, noch bevor er in mein Blickfeld trat.

„Alles bestens“, erwiderte mein Angreifer und presste mir seine schmutzige Hand auf meinen Mund.

„Na dann…“, hörte ich Jesse sagen und schluchzte, als ich ahnte, dass er sich entfernte.

„Nur glaube ich nicht, dass diese junge Lady das möchte.“ Ich sah nicht, was Jesse machte. Ich war nur erleichtert und überrascht, dass er wieder da war. Der Fremde ließ von mir ab. Ich drehte mich um und klammerte mich an den Türrahmen, als ich sah, wie der Fremde von einer kleinen grünen Lichtkugel getroffen wurde und mit einem Knistern verschwand. Mit weit aufgerissenen Augen starrte ich auf die Stelle, an der vorher noch der Mann gestanden hatte und dann zu Jesse. Kein Wort kam aus meinem weit geöffneten Mund, der langsam trocken wurde. Mit ausgetrecktem Arm deutete ich wieder von Jesse auf die Stelle und wieder zurück auf Jesse.

„Heee…es ist alles okay. Komm ich bring dich ins Haus und dann trinkst du erstmal ein großes Glas Wasser, du siehst mir nämlich so aus, als würdest du bald umkippen.“ Ich schüttelte den Kopf und stammelte leise:

„Du…er…ihr…aber…er…verschwunden?“ Ich musste mich anhören, wie eine Verrückte. Ich hörte Jesse leise stöhnen, als er mich kurzerhand hochhob und auf dem Sofa wieder absetzte. Mit einem großen Glas Wasser kam er zurück und mischte dort etwas hinein.

„Ein Schmerzmittel, du hast dir ein paar Kratzer weggeholt und das zusammen mit dem Knie und den Ereignissen von eben… keine gute Mischung. Hier, trink das, es wird dir helfen. Du wirst danach vermutlich müde, aber das ist normal.“ Dankbar nahm ich das Glas und sah, wie meine Hand noch immer zitterte. Ich führte es an meine Lippen und trank es in zwei Zügen leer.

„Ich bleibe einfach hier sitzen, in Ordnung?“ Ich nickte bloß, denn ich spürte schon die Müdigkeit des Mittels. Ich musste Jesse unbedingt noch fragen, wie das Mittel hieß, ich hatte noch nie von einem Schmerzmittel gehört, welches so schnell wirkte. Aber mein Mund fühlte sich unglaublich schwer an, genauso wie der Rest meines Körpers. Jesse legte mir noch ein Kissen unter den Kopf und eine Decke über meinen Körper.

„Cecilia?“ Mühsam öffnete ich meine Augen und blickte ihn an.

„Vergiss nicht, ich war den ganzen Nachmittag bei dir, ja? Schließlich müssen wir doch beide Mathe lernen.“ Verwirrt starrte ich ihn an. Er war doch gar nicht hier gewesen, ich hatte ihm buchstäblich die Tür vor der Nase zugeknallt. Also was sollte das?

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