Kapitel Zwei

Ich wurde auf den Rücken gedreht und ich wehrte mich nicht. Meine Mutter wischte mir meine Tränen vom Gesicht und drückte mir einen kleinen Kuss auf die Wange.

„Alles wird gut, mein kleiner Engel. Alles wird gut“, murmelte sie immer wieder in mein Ohr hinein. Doch ich glaubte nicht daran. Sie wusste schließlich noch nicht einmal, was passiert war. Sie wusste nichts von dem Mann, der mich geschlagen hatte und weiß Gott was mit mir angestellt hätte. Sie wusste rein gar nichts. Außer, dass es mir nicht gut ging. Ich war Ihnen eine Erklärung schuldig, aber selbst als ich versuchte die Worte aus meinem Mund zu bekommen, kam nichts als ein Schluchzen hervor.

„Tobias. Ihre Hände sind lediglich aufgeschürft. Aber ich mache mir Sorgen um ihr Knie. Sie hält es mit ihren Händen umklammert. Wir sollten sie definitiv mit zum Röntgen nehmen. Zur Sicherheit.“ Mein Vater nickte.

„Kannst du aufstehen, Kleines?“, fragte er mich. Ich sah ihn an. Die Sorge und Verwirrung stand ihm ins Gesicht geschrieben. Er war stets mein Fels in der Brandung gewesen und jetzt stieß ich ihn weg, obwohl ich ihn eigentlich mehr denn je bräuchte. Er wusste das und ich wusste es auch. Beim Aufstehen stützte ich mich mit meinen Ellbogen auf. Immer weiter, bis ich aufrecht saß. Mein Vater legte mir einen Arm um die Schultern und diesmal ließ ich ihn gewähren. Er würde mir nie etwas tun. Er liebte mich. Ich spürte die Hand meiner Mutter, die meine nicht losließ. Langsam und vorsichtig bugsierte mein Vater mich aus meinem Zimmer. Ich verlagerte mein gesamtes Gewicht auf ein Bein und hüpfte so neben ihm her. Dabei lehnte ich mich sehr an ihn, sodass er mich eher trug, als dass ich lief. Bei der Treppe schließlich hob er mich auf meinem gesunden Bein hoch, sodass mein kaputtes Knie herunterbaumelte. Ich sog scharf die Luft ein und ein Wimmern entfloh meinen Lippen.

„Entschuldige, Kleines. Es geht gerade nicht anders.“ Ich hörte den Schmerz in der Stimme meines Vaters und vergrub mein Gesicht in der Mulde an seinem Hals.

„Schon okay“, brachte ich heraus und schloss meine Augen. Er roch nach Desinfektionsmittel und Gummi. Ich liebte diesen Geruch, er erinnerte mich immer an die vielen Stunden, die ich ihm bei der Arbeit zugesehen hatte. Wie er mich immer hineingeschmuggelt hatte und mir ein verschmitztes Lächeln zugeworfen hatte, als er operierte. Damals hatte ich es eklig gefunden, aber trotzdem war ich fasziniert. Ich wollte immer so werden wie er. Bis ich gesehen hatte, wie sehr es ihn mitnimmt einen Fehler gemacht zu haben. Wie sehr er sich für etwas die Schuld gab, was manchmal unvermeidlich war. Wie sehr er sich dafür schämte, obwohl niemand den Tod aufhalten konnte. Das konnte niemand. Nicht einmal die Ärzte, die schon so manchen gerettet hatten, der dem Tod geweiht war. Aber es klappte nicht immer. Letztendlich starb jeder. Das war der Lauf der Dinge und niemand konnte ihn aufhalten. Wie auch. Indem man zum Vampir wurde oder ähnlichem? Ja, genau. Ich glaubte nicht wirklich an solche Wesen oder Dinge. Dafür hatte ich den Tod zu oft mit eigenen Augen gesehen. Zu oft hatte ich gesehen, wie jemand starb und sich nicht mehr geregt hatte. Ab und zu brachten die Maßnahmen der Ärzte etwas und brachten den Menschen zurück. Sie konnten den Tod besiegen. Das hatte ich selbst gesehen. Aber es funktionierte nicht immer. Das wäre auch zu schön. Nein, Menschen starben. Sie starben Tag für Tag. In jeder Stunde. In jeder Minute und in jeder Sekunde. Dafür wurden sie geboren. Jeder starb irgendwann. So war der Lauf der Dinge und niemand konnte ihn aufhalten. Auch, wenn man es sich manchmal wünschte.

„Ich muss dich absetzen. Es wird wehtun, aber du schaffst das, ja?“ Ich öffnete meine Augen und mein Vater setzte mich auf dem Boden ab. Ich humpelte unter unterdrückten Schmerzenslauten ins Auto und schnallte mich an. Hinter mir sah ich meine Mutter und Bob –den Arbeitskollegen meines Vaters. Er wohnte bei uns in der Nähe und war immer zur Stelle, wenn ich mir wehtat. Sein Sohn ist vor vier Jahren an Krebs gestorben. Mein Vater hatte ihm geholfen darüber hinweg zu kommen. Aber ich fragte mich, ob man je über so etwas hinwegkommen kann. Schließlich war es das eigene Kind. Meine Eltern hatten mir öfters gesagt, dass ich das Licht ihres Lebens wäre. So dachten doch alle Eltern. Die Kinder waren der Mittelpunkt des Elternlebens. Wenn dieser einfach erlosch, dann musste man doch erst einen neuen Grund zum Leben finden. Ich glaubte nicht, dass man darüber hinwegkommen konnte.

 

Mein Vater fuhr schneller, als erlaubt. Normalerweise fuhr er immer genau nach Vorschrift.

„Es ist schon okay. Es geht mir gut“, versuchte ich zu sagen, aber es kam nur ein kleines Nuscheln heraus.

„Kleines? Ist alles in Ordnung?“, fragte mein Vater und warf mir einen Seitenblick zu. Seine Augen weiteten sich und ich nickte zaghaft.

„Ja. Es … es geht mit gut. Wirklich.“, antwortete ich und zwang meine Stimme klarer zu werden. Mein Vater sagte nichts, sondern fuhr noch schneller. Warum fuhr er schneller? Es ging mir doch gut!

„Tobias, bitte beeile dich. Was passiert mit ihr?“ Ich hörte die Stimme meiner Mutter, wie sie immer lauter und hysterischer wurde. Ihre Hand griff nach meiner Schulter, als würde sie sich vergewissern wollen, dass ich noch da war.

„Nicht so laut“, murmelte ich und krauste meine Stirn.

„Liebes? Was hast du gesagt?“ Ich antwortete nicht, sondern lächelte ihr nur zu, bevor ich mich zum Fenster drehte und die Augen schloss. „Liebes? Antworte mir bitte! Tobias!“ Meine Mutter schrie beinahe, doch ich hörte, wie Bob beruhigend auf sie einredete.

„Sie wird schon wieder. Wahrscheinlich nur der Schock. Sie muss unglaublich müde sein. Vielleicht ist sie auch mit dem Kopf auf dem Boden aufgekommen. Mach dir keine Sorgen, Lynn. Es wird alles in Ordnung kommen, das verspreche ich dir.“ Ich dankte Bob dafür. Er fand die richtigen Worte für meine Mutter. Sie machte sich immer zu viele Sorgen um mich. Mein Vater sagte immer, sie hätte Angst mich zu verlieren. Dabei würde ich sie niemals verlassen.

 

Das Auto bremste stark und sofort wurde meine Tür aufgerissen und ich wurde herausgehoben. Irgendjemand hatte bereits vorher meinen Gurt gelöst. Meine Mutter lief hinter uns her und ich hörte, wie die Ärzte durcheinanderredeten. Wie konnten sie bei so einem Chaos bloß noch einen Überblick haben?

„Kannst du mich hören?“, fragte mich eine Schwester und hob meine Lider an. Ich blinzelte in das Licht einer Taschenlampe und schloss meine Augen reflexartig.

„Ja“, flüsterte ich. Meine Stimme war kaum zu hören in dem Gewusel, aber sie hatte sie offensichtlich vernommen.

„In Ordnung. Bringt sie rauf zum Röntgen. Ich möchte sofort wissen, was mit ihrem Bein und ihrem Magen ist, sie liegt verkrümmt da… Oh, und mit ihrem Kopf!“, schrie eine Stimme über alle anderen hinweg. Mein Bett wurde angeschoben und ich öffnete die Augen. Schon lange war ich nicht mehr auf dieser Seite eines Krankenhauses gewesen. Das letzte Mal war ich hier, als ich an meinem Knie operiert wurde. Das war das erste und das letzte Mal gewesen. Vorher hatte ich immer alles gesehen, aber nie selbst erlebt. Ein Teil von mir hatte es sich gewünscht, aber ein anderer verfluchte mich dafür. Es war der Teil, der meine Angst beherbergte.

„Versuch dich nicht zu bewegen, okay? Hier ist der rote Button. Wenn etwas passiert, dann drück einfach drauf, ja?“ Ich nickte und wurde auf eine kalte Bahre gelegt. Ich war schon öfters in einem MRT gewesen, aber jedes Mal bildete sich eine Gänsehaut auf meiner Haut. Ein Rumoren ertönte und die Bahre bewegte sich in eine Röhre hinein. Ich hielt den Atem an und meine Augen geschlossen. Das Rumoren wurde lauter, doch darüber hinaus erkannte ich die sanfte Melodie eines Meeresrauschens. Mein Herzschlag beruhigte sich und ich atmete tief ein und aus. Ganz still blieb ich liegen, bis nach ein paar Minuten die Bahre hinausfuhr. Zumindest fühlte es sich wie ein paar Minuten an. Man verfrachtete mich in einen Rollstuhl und schob mich zurück in eines der vielen Besprechungszimmer. Meine Eltern warteten bereits mit Bob und als meine Mutter mich sah, kam sie auf mich zu und umarmte mich.

„Es geht mir wirklich gut“, sagte ich und meine Stimme klang klar. So wie sie klingen sollte.

„Siehst du, Lynn? Es war nur der Schock, der zum Ausdruck kam, nachdem ihr Adrenalin verflogen war“, analysierte Bob und lächelte mich an.

„Danke“, sagte ich zu ihm und es war ehrlich gemeint.

„Keine Ursache“, erwiderte er und stand auf. Er reichte meinen Eltern die Hand und drückte kurz meine Schulter, bevor er ging. Mein Vater umarmte meine Mutter und gab ihr einen kurzen Kuss. Ich lächelte und rollte mich vorwärts. Meine Hände schmerzten, doch ich ließ es mir nicht anmerken.

„Also. Es sieht alles gut aus, Tobias. Deine Tochter hat Glück im Unglück gehabt. Nur eine leichte Gehirnerschütterung. Ihr Knie ist übel geprellt, kein Wunder, dass sie kaum laufen konnte. Ihre inneren Organe sind alle in Ordnung. Sollte Sie in der nächsten Zeit Schmerzen im Magenbereich haben, dann kommt ihr bitte sofort zurück, ja? Wir legen ihr einen Verband ums Knie an und geben eine Bandage mit. Habt ihr Gehhilfen zu Hause? Wenigstens ein paar Tage sollte sie versuchen, das Knie nicht zu belasten.“ Die andere Ärztin blickte meinen Vater respektvoll an. Mein Vater nickte und meine Mutter atmete erleichtert auf.

„Gut. Möchtest du die Bilder mitnehmen?“

„Ich bezweifle, dass sie mir etwas nützen würden. Nicht mein Gebiet“, antwortete mein Vater der jungen Ärztin. Sie nickte und steckte die Bilder ein, ohne sie uns wirklich gezeigt zu haben.

„Eine Schwester kommt gleich und macht alles fertig, in Ordnung? Ich wünsche euch alles Gute. Man sieht sich bestimmt später beim Meeting noch, oder Tobias? Ich habe Ingwerkekse mitgebracht, die sind doch so beliebt“, fügte sie noch hinzu, dann rauschte sie hinaus. Ich blickte ihr verwundert nach und hatte das merkwürdige Gefühl, dass sie versucht hatte mit meinem Vater zu flirten – und das nicht zum ersten Mal. Im selben Moment schlug ich mich innerlich dafür. Sie wusste, dass mein Vater glücklich verheiratet war. Da würde sie so etwas doch niemals tun. Schließlich liebte mein Vater meine Mutter mehr als sein eigenes Leben, das konnte jeder sehen, der zwei Augen im Kopf hatte. Und selbst wenn, würde mein Vater das nicht zulassen. Trotzdem konnte ich mir einen Seitenblick auf meine Mutter nicht verkneifen, die nicht minder überrascht der Ärztin hinterherstarrte. Sie öffnete den Mund, wie um etwas zu sagen, schloss ihn dann aber wieder, als die Schwester mir einen Verband anlegte. Ebendiese drückte meinem Vater diverse Salben, Pflaster und Tabletten in die Hand.

„Sollte sich etwas ändern, zögern Sie bitte nicht herzukommen“, verabschiedete sich die Schwester und winkte zum Abschied fröhlich. Ich lächelte, als mein Vater mich in Richtung Ausgang schob, da sah ich ihn. Er saß im Wartezimmer, mit einem Kühlpack auf seiner empfindlichsten Gegend. Als er mich sah wandte er schnell den Blick ab, doch ich konnte noch den Glanz in seinen Augen sehen, der mir verriet, dass er noch nicht mit mir fertig war. Ich zuckte zusammen, meine Eltern schienen es nicht zu bemerken. Am liebsten hätte ich es ihnen gesagt, aber er sah selber aus, als würde er Höllenschmerzen leiden. Etwas Besseres hatte er nicht verdient, jedoch musste ich es doch auch nicht schlimmer machen, oder?

 

Wir mussten den Rollstuhl im Krankenhaus lassen, aber mein Vater kam sofort mit Gehhilfen aus der Haustür, damit ich ja nicht mein Knie belastete. Ich humpelte ins Haus und ließ mich auf das Sofa fallen. Meine Mutter gab mir noch einen Kuss auf die Stirn, bevor sie schnell ihre Sachen zusammenkramte und zur Arbeit fuhr. Sie hatte heute einen Gerichtstermin und als private Anwältin konnte sie sich nicht so schnell freinehmen. Das würde sich schnell herumsprechen und dann würde ihre Kanzlei sehr schnell rote Zahlen schreiben. Mein Vater hingegen setzte sich neben mich auf das Sofa und stützte seinen Kopf in die Hände.

„Du musst nicht darüber reden, Kleines. Aber was ist passiert?“, fragte er schließlich nach minutenlanger Pause. Er sah müde aus und ich musste es ihm einfach erzählen, sonst würde er nie aufhören sich Sorgen zu machen. Ich wappnete mich innerlich gegen den Ansturm von Gefühlen und begann zu erzählen. Er wusste, dass ich morgens öfter joggen ging, um den Kopf frei zu bekommen. An gewissen Stellen nickte er und als ich den Mann erwähnte stieß er einen klagenden Laut aus. Als ich endete, hielt er meine Hand und drückte sie leicht.

„Wir müssen Anzeige erstatten“, erklärte er und holte sein Handy aus der Hosentasche.

„Nein. Nein, keine Anzeige. Ich kann den Typen nicht genau beschreiben. Außerdem wird es bestimmt nicht wieder versuchen.“ Mein Vater brummte etwas Unverständliches, nickte aber. Ich verschwieg ihm allerdings, dass ich den Kerl im Warteraum des Krankenzimmers wiedergesehen hatte. Wahrscheinlich würde er sonst den Mann durch das ganze Krankenhaus jagen, bis er ihn in die Finger bekam.

„Das will ich ihm geraten haben, sonst werde ich sein Gehirn zerstören. Man sieht sich immer zweimal im Leben“, grollte er und ich musste lachen, bei der Vorstellung meinen Vater das Gehirn eines Mannes zu beschädigen –mit Absicht! Manchmal konnte mein Vater ziemlich gruselig sein, vor allem wenn es um die Sicherheit und Gesundheit seiner Familie ging.

„Musst du nicht arbeiten?“, fragte ich nach meinem Lachanfall.

„Ja, aber ich komme einfach später. Als Oberarzt kann man sich das manchmal erlauben.“ Er zwinkerte mir zu, bevor er ergänzte: „Es sei denn du möchtest, dass ich gehe.“

„Nein! Niemals! Aber ich möchte auch nicht, dass du Ärger bekommst!“, gestand ich ehrlich.

„Ich und Ärger? Wie kommst du denn darauf, Kleines?“, fragte er gespielt entrüstet.

„Hmm…weiß auch nicht. Vielleicht weil du schon öfters mal die Arbeit geschwänzt hast… ich wusste ja schon immer, dass du eine kriminelle Ader hast und nicht so scheinheilig bist, wie Mama immer denkt…“, überlegte ich laut und hörte sein tiefes Lachen.

„Ist ja schon gut. Ich mach mich auf den Weg. Pass auf dich auf, ja? Und ruh dich ein bisschen aus. Du siehst ziemlich müde aus.“ Ich nickte und gab ihm einen Kuss auf die Wange. Er winkte mir zu, als er mit seinem Mantel über dem Arm und seiner Tasche in der Hand aus der Tür trat. Ich winkte zurück und ließ mich in die Kissen sinken. Ich suchte auf dem Couchtisch nach meinem Handy und sah überrascht, dass ich 12 Anrufe in Abwesenheit, 5 Sprachnachrichten und 4 SMS hatte. Ich klickte mich durch und bemerkte, dass sie alles von Zoey waren. Ergeben seufzte ich und stellte mich dem Gespräch meiner besten Freundin.

Kommentare

beta
Feenstaub

Navigation

Sprachen

Social Media