KAROTTE FINDET PIPPA - 1. Ein Verlust

Als Warnung vorweg, diese Geschichte beginnt mit einem Verlust. Einem, der einem Erwachsenen vielleicht banal vorkommen würde. Doch das war er nicht, wenn man erst neun Jahre alt war. So alt war der kleine Kristoff, als er den ersten bewussten Verlust seines Lebens erleben musste. Doch ich möchte nicht vorweg greifen. Erzählen wir die Geschichte der Reihe nach, wie es sich gehört.


Der Sommer war regnerisch und obwohl mehr Wasser von oben kam, als der kleine Junge baden gehen konnte, waren er, seine Mama Tina und seine Oma in den Urlaub an die Ostsee gefahren. Kristoff, der seine Oma systematisch darauf umerzog, ihn ausschließlich bei seinem selbstgewählten Spitznamen ‚Karotte‘ zu nennen, hatte trotz des schlechten Wetters unbedingt fahren wollen.

Immerhin war es selten, dass seine Mama einmal nicht arbeiten musste. Sie war fast nie da, immer flog sie quer durch die Welt. Seine Oma hatte ihm erklärt, dass sie eine Stewardess war, aber der kleine Junge konnte dieses schwierige Wort nicht aussprechen. Er wusste nur, dass sie Fluggäste betreute und er deswegen bei seiner Oma wohnte. Einen Papa hatte Karotte nicht. Und er vermisste auch keinen. Denn er sah, wie die Väter seiner Schulfreunde Felix und Nico waren. Immer tranken sie Bier, rochen komisch, spielten kein Ball mit ihnen und schimpften nur. So einen Papa wollte Karotte gar nicht.

Er war glücklich, so wie es war. Manchmal vermisste er nicht einmal seine Mutter. Denn er hatte ja seine Oma. Und Schnuffel, seinen Lieblingsstoffhund.

Diesen schmutziggrauen Plüschhund hatte er bereits, da konnte er noch nicht richtig laufen. Er war drei Jahre alt, als er diesen auf dem Speicher gefunden hatte, auf den er sich unerlaubterweise geschlichen hatte, um sich vor seiner Oma und dem ungeliebten Badengehen zu verstecken.

Aus einer der dick verstaubten Kisten hatte er das total verdreckte Stofftier gezogen und es war Liebe auf den ersten Blick - bis seine Oma ihn damit sah, es ihm rigoros wegnahm und es unsanft in die Waschmaschine stopfte. Karotte schrie und heulte, weil er dachte, sie würde es ihm nicht zurückgeben. Doch das tat sie natürlich. Nachdem der kleine Junge gebadet und der Hund gewaschen und getrocknet war, begann diese Freundschaft, die bis zu diesem Sommer Bestand hatte.

Es war bereits Nacht und eigentlich sollte Kristoff schon seit einer geraumen Zeit schlafen. Doch ein Unwetter war zum wiederholten Male in diesem Urlaub über den Ferienort hereingebrochen. Es regnete, man konnte die Bäume in der Nähe des Bungalows im Wind rauschen hören. Die Regentropfen trommelten auf das nur leicht angeschrägte Dach und es donnerte in unregelmäßigen Abständen.

Der kleine Junge zog sich die Bettdecke über den Kopf und drückte den Plüschhund an seine Brust.

»Keine Angst, hier drunter kann uns der liebe Gott nicht sehen, oder?«, flüsterte er und versuchte, mehr sich selbst als dem Hund Mut zu machen. Vielleicht hätte er sich nach dem Abendessen doch besser die Zähne geputzt. Jetzt war der liebe Gott oben im Himmel böse auf ihn und veranstaltete mit seinen Engeln ein besonders lautes Kegelspiel, damit er, Kristoff, keinen Schlaf fand. Unentschlossen rieb er sich die kalten Füße und überlegte, ob er sich nicht noch einmal ins Bad schleichen sollte, um das Zähneputzen nachzuholen. Über dem vielen Grübeln schlief er ein und als er am nächsten Morgen erwachte, lachte die Sonne hell und warm in sein kleines Zimmer, als wäre das Getöse in der Nacht zuvor nie gewesen. Und trotzdem putzte er sich an diesem Morgen ganz besonders lange und gründlich die Zähne.


»Komm, Krissi, es regnet gerade einmal nicht. Lass uns einen Spaziergang machen.« Die Oma hielt dem Jungen einen wasserdichten Windparka hin, den sie aufgrund des unerwartet schlechten Wetters erst kürzlich für ihn hatten kaufen müssen. Freudig schlüpfte er hinein und stopfte Schnuffel vorn zwischen seine Brust und die Jacke. So trug er ihn durch die Gegend und hatte dennoch die Hände zum Spielen frei.

Gemeinsam schritten die beiden Frauen hinter dem munter vorweg hüpfenden Kind her, in Richtung der kleinen Siedlung, der beeindruckenden Flussbrücke entgegen. Jeder, der sie sah, sah, dass sie eine Familie waren, hatten sie doch alle das gleiche, schimmernde Haar in der Farbe von altem Gold. Nicht richtig blond, nicht richtig braun. Das der Oma war natürlich inzwischen vermehrt von Silber durchzogen.

Kristoff rannte herum, schaute sich neugierig um, grüßte freundlich und aufgekratzt alle Passanten, denen sie begegneten, verschenkte Lächeln über Lächeln und freute sich des Sonnenscheins. Er inspizierte Steine am Wegrand, hob sie an und wann immer er einen Wurm oder eine Raupe darunter entdeckte, begann er seinem Schnuffel zu erklären, was sie da sahen.

Während die Oma ihrem Enkel amüsiert zusah, verfinsterte sich das Gesicht seiner Mutter zusehends.

»Was ziehst du denn für ein Gesicht, Kind?«

»Findest du nicht, dass er allmählich zu alt ist, um mit diesem Kuscheltier herumzulaufen?«

»Er wird noch schnell genug erwachsen, dann wirst du dir wünschen, dass er wieder mit Kuscheltieren spielt. Du solltest ihn ein bisschen mehr genießen, solange er ein Kind ist. Irgendwann wird der Tag kommen, an dem er keine Zeit mehr mit dir verbringen will, weil plötzlich Mädchen oder Partys wichtiger sind.«

Die junge Frau machte ein unbestimmtes Geräusch, nickte aber. Der Plüschhund war ihr dennoch ein Dorn im Auge. Kristoff war immerhin fast 10 und ging nirgends hin, ohne Schnuffel im Schlepptau zu haben. Er konnte nachts ohne dieses Ding nicht schlafen - fast wie ein Säugling. Er war richtiggehend abhängig von ihm und es würde ihr besser gefallen, wenn dies allmählich nachlassen würde.

»Ich finde trotzdem, dass es langsam aufhören könnte. Andere in seinem Alter spielen mit Konsolen, er schleppt dieses alte Ding herum.«

»Ich finde es sehr viel besser, dass er nicht eines dieser Kinder ist, die nur noch vor der Glotze hängen. Ich parke ihn nicht vor dem Fernseher, dafür solltest du mir dankbar sein, Liebes. Dein Sohn ist weitaus gewitzter als andere.«

Die junge Frau nickte. Oh ja, Kristoff war gewitzt und clever für sein Alter. Seine Fantasie machte sie schwindelig. Was er für Ideen hatte manchmal.

»Oma, Mama, guckt mal, hier!«, krähte die Stimme des Jungen dazwischen und die beiden Gerufenen wandten sich zu ihm. Er hatte einen Arm erhoben, einen ausgestreckten Finger und auf diesem Finger saß ein Schmetterling. Seelenruhig, als wüsste er, dass Karotte keine Gefahr war.

»Sei vorsichtig. Du darfst ihn nicht an den Flügeln anfassen, hörst du?«, rief die Oma zur Sicherheit und der Junge nickte.

»Das weiß ich doch ganz allein.«, kicherte er herüber und setzte das zarte Tier auf einem Stein ab. Leise und hell drang seine Stimme zu den Frauen rüber. Sicher erzählte er Schnuffel, was er über Schmetterlinge wusste.

Die Oma lächelte und seine Mutter schüttelte leicht den Kopf. Wenig später kehrte Kristoff zu den beiden zurück und ging neben ihnen her.

»Wisst ihr, dass Schmetterlinge gar keine Insekten sind?«

»Ach nein?«, machte seine Mutter.

»Nein. Es sind Feen. Aber Erwachsene können das nicht sehen. Weil sie keine Fantasie haben und nur an Arbeit und Geld denken und so komischen Erwachsenenkram.« Kristoffs Stimme klang belehrend, denn ein bisschen altklug war er manchmal auch.

»Aber der Erwachsenenkram ist wichtig, sonst hast du nämlich auch nichts zu essen, weißt du?« Seine Mutter hatte etwas weniger Geduld mit dem Jungen als die Oma. Sie war anderen Stress gewöhnt. Die Erziehung ihres Sohnes hatte sie bereits verlernt.

»Ich weiß. Der Schmetterling sagte, dass nur Kinder und alte Menschen, wie Oma, sie erkennen könnten. Die anderen Erwachsenen sind zu abgelenkt mit Arbeit und... igitt, Liebe.«

Kristoffs Mutter machte ein ungeduldiges Geräusch, während seine Oma zu lachen begann.

»Du musst ihm lassen, Tina, irgendwo hat er ja Recht.«

Karotte und seine Oma lachten noch eine Weile und die alte Dame ließ sich erzählen, was der Schmetterling noch so alles erzählt hätte, als sie die Brücke erreichten. Es war eine breite Brücke, die man auch mit Autos überfahren konnte und so betraten sie den Fußgängerstreifen.

Neugierig versuchte der kleine Junge, über das Geländer zu gucken, um das unter der Überführung durchrauschende Wasser besser sehen zu können. Schließlich kletterte er auf einen der kleinen Schaltkästen. Das Geländer reichte ihm danach bis knapp an die Brust und so konnte er gut gucken.

»Sind da Fische drin, Oma?«

Die alte Dame warf einen Blick hinunter. »Ich schätze nicht. Das Wasser ist viel zu schmutzig und viel zu aufgewühlt hier.«

»Aber das Wasser ist doch voll grün.«

»Das kommt von den Algen, die in ganz kleinen Stücken darin schwimmen. Die sind so viele, dass das Wasser für uns grün aussieht, dabei ist es das gar nicht.«

Grübelnd blickte der kleine Junge wieder in das tosende Wasser und folgte dem grünlich glitzernden Band in seinem Lauf. Der Fluss lag tief in seinem Bett und die Böschungen waren steil und ziemlich dicht bewachsen. Darum kümmerte man sich hier offenbar nicht regelmäßig.

Ein leises Donnern in der Ferne und ein sich leicht verdunkelnder Himmel kündigte allen an, dass es offenbar Zeit wurde, in einer Gaststätte einzukehren, bevor es wieder zu regnen begann.

»Komm, gehen wir ein Eis essen, Krissi.«

Karotte brummte, denn er hasste diesen Spitznamen. Das klang wie der Name eines Mädchens! Und dennoch wandte er sich von dem Geländer ab und wollte von dem Kasten springen.

Er hatte jedoch nicht bemerkt, dass der Kopf seines Plüschhundes zwischen den Stäben des Geländers festgesteckt hatte und nun aus seiner Jacke gerutscht war. Fast lächerlich langsam rutschte Schnuffel an den Stäben hinab, kam auf dem Boden an und kippte - in Richtung Abgrund.

Kristoff schrie auf und seine Mutter unternahm einen letzten Versuch, das Plüschtier vor dem Fallen zu bewahren, als es auch schon hintenüber gekippt und aus dem Sichtfeld verschwunden war. Der Junge sprang wieder auf den Kasten und blickte in den Abgrund.

Fassungslos musste er mitansehen, wie sein geliebter Freund einige Sekunden auf der tobenden Wasseroberfläche trieb, sich mit Wasser vollsog und schließlich in den Fluten versank.

Kristoff begann in der selben Sekunde, fürchterlich zu weinen und weder die Worte seiner Mutter, dass es nicht zu ändern sei, noch die tröstende Umarmung seiner Oma konnten ihn beruhigen. Er sah nicht den gereizten Blick, den die alte Dame ihrer taktlosen Tochter zuwarf.

Der Tag war für den Jungen gelaufen und unnötig zu erwähnen, dass die Familie auch den ohnehin viel zu verregneten Urlaub am nächsten Tag vorzeitig beendete.

Kommentare

  • Author Portrait

    Die solltest du auf jeden Fall weiterschreiben, die Geschichte.

beta
Feenstaub

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