Aufgeregt und gespannt wie ein Flitzebogen lag der elfjährige Kristoff in seinem Bett und sah aus dem Fenster. Es war Morgen und die Sonne schien bereits. Die Bäume vor seinem Fenster hatten eine warme, hellgrüne Farbe und an einem davon waren weiche, flauschige Dinger dran. Seine Oma nannte sie »Weidenkätzchen«, weil sie so weich wie das Fell einer Katze waren.

Er wartete darauf, dass seine Oma ihn wecken kam. Als ob er an einem Tag wie heute geweckt werden müsste. Bereits seit einer Stunde lag er wach und langweilte sich elendig.

Doch er durfte nicht aufstehen. Denn er durfte den Osterhasen nicht stören. Sonst würde er keine Eier und keine Süßigkeiten verstecken können. Er würde nämlich nicht kommen, wenn die Kinder bereits wach waren und in den Garten kamen, hatte seine Oma gesagt.

Und Kristoff wollte unbedingt, dass er kam. Er liebte es, im blühenden Garten nach bunten Eiern und anderen Überraschungen zu suchen. Darauf freute er sich das ganze Jahr. Sogar noch mehr als auf seinen Geburtstag im Juli oder auf Weihnachten. Oder vielleicht mochte er alles gleich gern, er war sich darüber nicht sicher.

Er seufzte das gefühlt hundertste Mal und ließ seine Augen über die Weltkarte an der Wand schweifen. Seine Mama war über Ostern nach Hause gekommen. Ansonsten war sie immer irgendwo auf der anderen Seite der Welt. Sie war Flugbegleiterin und fast nie da.

Seine Ohren spitzten sich, als ein leises Klappern aus der Küche bis in sein Zimmer drang. Der unverkennbare Geruch dieses Getränks namens Kaffee, was seine Mama und seine Oma morgens immer tranken und das fürchterlich bitter war, war zu riechen.

Er merkte, wie sein Herz zu klopfen begann. Bald, sicher gleich, würde seine Oma kommen und ihn wecken wollen. Dann würden sie Marmeladentoast frühstücken und dann durfte er in den Garten.

Er wandte sich zu Pippa um, seiner besten Freundin. Sie war ein leuchtend rosafarbenes Pony aus Plüsch, aber das machte nichts. Sie war trotzdem seine Freundin.

»Hey, wach auf, du Schlafmütze«, murmelte er und knuffte das Pony. Ein murrendes Geräusch (Kristoff war Meister darin, seine Stimme zu verstellen, so dass Pippa mit ihm sprechen konnte) war zu hören.

»Noch fünf Minuten, Oma, bitte«, fistelte das Pony.

»Nein, jetzt. Gleich gibt es Frühstück und dann werden Ostereier gesucht!«, freute sich der kleine Junge und zappelte unter seiner Bettdecke.

Als die Tür zu seinem Zimmer leise geöffnet wurde, tat er so, als würde er noch schlafen. Seine Oma rüttelte sanft an seiner Schulter und strich ihm die honigblonden Haare aus dem Gesicht. Gespielt verschlafen öffnete der Junge die Augen.

»Hm?«

»Komm, Krissi. Das Frühstück ist fertig und ich glaube, der Osterhase war auch schon da.«

Der Junge grinste und seine blauen Augen begannen, zu strahlen. Mit einem Hüpfer war er aus dem Bett, zog die saubere Trainingshose und den Pulli an, die seine Oma ihm hinhielt, schnappte sich Pippa und verließ das Zimmer. Seine Oma schickte ihn wie immer zuerst ins Badezimmer, damit er sich wusch, bevor er frühstücken durfte.

»Gleich dürfen wir Eier suchen. Ich bin schon ganz aufgeregt«, kicherte Kristoff, als er mit Pippa im Badezimmer war. Er kaute fast auf seiner Zahnbürste herum und verspritzte mehr Wasser auf dem Boden, als in seinem Gesicht landete, aber darauf achtete er nicht. Er beeilte sich mit der Morgentoilette und kam dann grinsend in die Küche, wo Oma und Mama bereits an ihrem Kaffee nippten und Toastscheiben in den Toaster steckten.

»Guten Morgen, Mama«, flötete Kristoff und nahm auf dem Stuhl platz.

Seine Mama, Tina, war eine schlanke, blonde Frau, die auch blaue Augen hatte und immer sehr ordentlich und irgendwie streng aussah. Kristoff vermutete, dass sie das für ihre Arbeit brauchte. Er hatte Bilder von ihr gesehen in ihrer Arbeitsuniform. Sie und ihre Kolleginnen sahen alle gleich aus und mussten immer und den ganzen Tag auf Kommando breit lächeln. Vielleicht strengte sie das so an, dass seine Mama deswegen in ihrer Freizeit kaum lächelte. Er hatte sie noch nicht sehr oft lachen sehen. Aber das lag bestimmt daran, dass sie so selten zuhause war.

»Guten Morgen, Schatz«, antwortete sie ganz automatisch und schenkte ihrem Sohn ein feines Lächeln. Mutter und Sohn hatten keine sehr enge Bindung zueinander. Etwas, das Kristoffs Mutter möglicherweise bedauerte, dem Jungen aber kaum auffiel.

Pippa thronte auf dem Küchenschrank hinter Karotte und schien alles genauestens zu überblicken. Kristoff hätte ihr gern ein Stück Schokoladentoast hingelegt, weil er wusste, dass sie das liebte, aber seine Mama sah das nicht gern, wenn er so etwas tat. Sie meckerte dann immer, dass er diesen Unsinn sein lassen sollte, er würde noch alles vollschmieren.

Wenn er mit seiner Oma allein war, hatte diese nichts dagegen.

So blieb das Pony ohne Nutellafrühstück, während der Junge ganze drei Toasts verdrückte. Das lange Warten, dass er aufstehen durfte, hatte ihn hungrig gemacht.

»So«, seufzte er satt, »darf ich dann in den Garten?« Er hatte bereits die ganze Zeit gezappelt und sehnsüchtig aus dem Fenster gesehen, wo die Sonne den Garten in bunte Farben getaucht hatte.

Die beiden Frauen sahen sich einen Moment schmunzelnd an und leerten ihre Tassen.

»Na gut«, sagte die Oma, »der Osterhase hat gesagt, er hat drei kleine Geschenke und 15 bunte Eier im Garten versteckt. Wenn du dir die Hände gewaschen hast und die Schokolade vom Mund gewischt, darfst du rausgehen.«

Mit einem kreischenden Lacher war der Junge im Badezimmer verschwunden und kam weniger als eine Minute später geputzt und gewaschen wieder.

»Schuhe an und Jacke drüber. Es ist noch recht kühl.«

Angezogen und mit dem Rucksack bewaffnet, in den er Pippa verfrachtet hatte, stand er anschließend auf der Terrasse. Es war frisch, aber nicht kalt, die Sonne schien warm und tauchte alles in schillernde Farben. Ein bisschen Tau glitzerte noch auf den Blumen, als Kristoff den Rasen betrat und seine Augen schweifen ließ.

Mutter und Oma nahmen auf der Gartenbank platz und beobachteten ihn, wie er wie ein Huhn gebeugt das Gras nach den Eiern absuchte. Er hatte eine kleine Obstkiste mit Henkel von der Oma bekommen und packte dort nach und nach ein buntes Ei nach dem anderen hinein. Jeder Fund wurde mit einem freudigen Ausrufen begleitet und auch die kleinen Geschenke, in bunte Tüten gewickelt, damit sie nicht nass wurden, waren rasch gefunden.

Grinsend kehrte der Junge zu den beiden Frauen zurück und zeigte seine Beute. Die Oma lächelte und zählte die Eier.

»Oh«, machte sie.

»Was denn?« Kristoff guckte verwundert.

»Es sind nur 14. Eines der Eier fehlt.«

Sofort wandte der Junge den Kopf zum Garten um und suchte erneut das Gras ab. Wenn da noch eines war, dann würde er es finden. Das wäre doch gelacht.

»Okay, ich geh' weiter suchen«, rief er vergnügt und rannte wieder davon. Die Frauen genossen noch einen Kaffee auf der Terrasse, bevor es ihnen zu frisch wurde und sie wieder in das Haus gingen.

 

»Wo kann es nur sein?«, murmelte Kristoff, während Pippa ihm über die Schulter blickte.

»Vielleicht hat sie sich auch verzählt und wir suchen ganz umsonst«, maulte sie.

»Ah nein. Bestimmt nicht. Oma ist doch nicht doof. Und der Osterhase auch nicht.« Kristoff hockte sich auf den Boden und lugte unter einen Busch. Er lüftete Grasnarben und durchforstete vorsichtig die Blumenbeete, in denen Oma Blumen gepflanzt hatte, die bereits blühten.

»Da, schau mal. Die Ameisen schleppen Blätter in ihren Bau«, sagte Pippa aufgeregt und der Junge ging wieder auf die Knie, um die winzigen Tiere genau studieren zu können.

»Ameisen können ein... äh... Vielfaches von ihrem eigenen Gewicht tragen. Das hat unser Bio-Lehrer gesagt. Vielleicht haben sie das Ei geklaut und wollen es in ihrem Bau jetzt selbst essen?«

»Die können doch kein Ei tragen. Das ist bestimmt wie, wenn ein Mensch versucht, ein Auto hochzuheben«, warf Pippa ein und schnaubte, wie sie es immer tat, wenn sie etwas nicht überzeugte.

Als einige der Ameisen begannen, Kristoff anzupinkeln, und es zu jucken anfing, verzog er sich wieder. Die hatten das Ei bestimmt nicht genommen. Sie würden vermutlich nicht einmal die Schale aufbrechen können. Wie sollten sie denn auch. Er lachte leise bei der Vorstellung, dass Ameisen wie Bergarbeiter mit einem kleinen Helm, Hacke und Pieke versuchten, die Schale aufzuhacken. Am besten noch mit einer Grubenlampe am Helm, denn in dem Bau war es bestimmt dunkel. Wie gern wäre er einmal so klein, um zu sehen, wie ein Ameisenbau von innen aussah.

»Okay, und wo sollen wir dann suchen?« Der Junge lehnte an dem Apfelbaum, der bereits zu knospen begonnen hatte, und übersah die abzusuchende Fläche.

»Wir haben doch schon fast alles abgesucht. Es kann nicht irgendwo da sein, wo die anderen nicht waren.«

»Das ergibt keinen Sinn. Wenn es da wäre, wo die anderen waren, hätten wir es gefunden«, entgegnete Pippa. »Oder meinst du, sie hat eines im Komposthaufen versteckt?«

»Ieh, das würde doch dann keiner mehr essen wollen!«, verzog Kristoff den Mund, bewegte sich aber trotzdem in Richtung des Gartenteils, wo seine Oma einen Komposthaufen angelegt hatte. Das Objekt war mit dicken Holzbohlen eingefasst und oben drauf lag frisches, noch grünes Unkraut, das die Oma erst am Tag zuvor ausgezupft hatte.

»Hm... hier müffelt es. Hier versteckt doch der Osterhase kein Ei!« Kristoff beugte sich über das Geländer und suchte gründlich. Doch das einzige, was an ein Ei erinnerte, war eine bereits schimmlige Wurzel von etwas, das der Junge nicht bestimmen konnte. Es war ihm nicht geheuer und er nahm Abstand von dem miefenden Abfallhaufen.

»Bäh. Nein, es muss woanders sein. Hier treiben sich doch nur Spinnen und eklige Raupen herum, die Müll fressen.«

»Raupen werden mal Schmetterlinge«, wandte Pippa trotzig ein.

»Jaja...« Kristoff schlenderte gemächlich durch den Garten. Die Sonne war nun voll da, der Vormittag fortgeschritten und es begann dem Jungen allmählich, warm unter seiner Windjacke zu werden. Er zog sie aus und legte sie gerade über die Gartenbank, als ihm ein kleiner Erdhügel ins Auge fiel, dessen Erde frisch aufgeschüttet zu sein schien. Er sah weiter um sich und entdeckte noch drei weitere. Oma hatte einen Maulwurf im Garten!

Aufgeregt bewegte er sich auf den Hügel zu und betrachtete ihn. Maulwürfe waren blind, hatte sein Bio-Lehrer gesagt, doch sie konnten ganz prima riechen. Konnte es ein, dass der Maulwurf das Ei genommen hatte? Mit seinen scharfen Krallen würde er eine Schale sicher aufbrechen können. Immerhin fraß er ja auch Insekten, die einen Panzer hatten.

Langsam, um den Erdbewohner nicht zu stören, schob der Junge etwas Erde von dem Hügel beiseite und linste in den sichtbar gewordenen, engen Tunnel. Es war ein dunkles Loch im Boden. Seine Neugier verlangte von Kristoff, seine Hand hineinzuschieben und zu schauen, ob da etwas drin war. Aber dieses eine Mal war seine Vernunft - und Pippas Meckern in seinem Ohr - stärker und er ließ es bleiben. Sein Bio-Lehrer hatte nämlich auch gesagt, dass Maulwürfe scharfe Zähne hatten und er wollte nicht gebissen werden.

Seufzend hockte er sich auf seine Knie und betrachtete das Loch. Wenn der Maulwurf das Ei genommen hatte, dann war es für ihn verloren. Und warum sollte er es ihm auch wieder wegnehmen? Er hatte ja noch 14 weitere in der Küche stehen, die er essen konnte. Da konnte er doch auf eines locker verzichten.

Er stand auf und versuchte vergeblich, den Schmutz der feuchten Erde und das Gras von seiner Trainingshose zu wischen. Seine Hände waren schmutzig, genau wie die Ellenbogen an seiner Windjacke, weil er einige Mal am Boden gelegen hatte, um besser sehen zu können. Auch in seinem Gesicht war Schmutz, als er sich den Pony aus den Augen gestrichen hatte, aber das konnte der Junge nicht sehen.

Resignierend ging er mit Pippa ins Haus zurück.

»Der Maulwurf hat das letzte Ei genommen«, verkündete er seiner Oma und seiner Mutter.

»Du siehst mir aus wie einer, du kleiner Dreckspatz. Du bist ja voller Erde. Hast du mit dem Kopf gesucht?« Die Oma lachte. »Komm, du gehst jetzt erst mal in die Wanne und dann gibt es nachher gleich Mittagessen. Es gibt Mohrrübensuppe, die magst du doch.«

 

Kristoff hatte den kleinen Misserfolg, dass er das Ei nicht gefunden hatte, schnell wieder vergessen, als er nach dem Baden im Wohnzimmer saß und mit dem Lego spielte, was der Osterhase ihm geschenkt hatte.

»Wirst du ihm sagen, dass du dich verzählt hast und es die ganze Zeit kein übrig gebliebenes Ei gegeben hat? Dass er umsonst den ganzen Vormittag gesucht hat?«, fragte seine Mutter die Oma, als die beiden in der Küche das Mittagessen auf den Tisch brachten.

Die Oma gluckste. »Nein. Er hatte Spaß am Suchen und nur das zählt.«

 

ENDE

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