Katz und Maus

Es war zum Heulen. Ganz ehrlich, was hatte ich je getan, um so etwas zu verdienen? Hayley, die mir bis gestern noch gänzlich fremd gewesen war, schien mich heute regelrecht zu verfolgen. Egal, wo ich hinging – sie war schon da. Kam ich aus einem stickigen Klassenraum, kampierte sie bereits auf dem Flur davor. Schlich ich über den Hof, schlug sie ein ums andere Rad neben mir her. Rannte ich die Treppen hinauf, balancierte sie auf dem Fenstersims. Ich war mit meinen Kräften am Ende. Wirklich.

Hayley lauerte mir heute ganz bewusst auf und schöpfte dabei so ziemlich alles aus ihrem mit verrückten Ideen gefülltem Jutebeutel, was sie über Nacht angesammelt hatte: wie zum Beispiel die Pflanzen im Gang mit Filzern zu verschönern oder Kaugummimosaiks an die Decke zu spucken oder kleine Zettelchen in Spinde zu stopfen. Allein beim Zugucken läuteten bei mir die Polizeisirenen. Noch viel merkwürdiger als diese Tätigkeiten an sich war jedoch die Art, wie die Schüler und Lehrer ihr währenddessen begegneten. Jeder normale Schüler hätte auf der Stelle Nachsitzen und Tonnen an Strafarbeiten aufgebrummt bekommen, nicht aber Hayley. Es schien mir fast so, als täten die Lehrer so, als wäre sie gar nicht da; sie wichen ihrem Blick und überhaupt ihrer ganzen winzigen Gestalt aus und machten sich am liebsten so schnell wie nur irgend möglich daran, den Korridor zu wechseln. Von den Schülern war so etwas in der Art ja zu erwarten, aber von den Lehrern? Die waren doch normalerweise die Einzigen auf die sich Freaks in Zeiten der Not in gewissem Maße verlassen konnten. Was hatte Hayley ihnen bloß getan, dass sie solche Angst vor ihr hatten?

Sie selbst jedenfalls ließ sich nichts anmerken. Sie ignorierte das kriechende Verhalten der anderen gekonnt, grinste immer mal wieder unschuldig in die Runde und schien sich mit Sicherheit gerade zu überlegen, was sie als nächstes anstellen konnte, wofür sie dann ja doch nicht zur Rechenschaft gezogen werden würde. Unterricht schien sie auch nicht zu haben. Ich konnte mich nur wundern – eine solche Spezies Schüler war mir in meinem Leben noch nie begegnet. Hayley war einfach in kein stereotypes Muster zu pressen. Sie wurde behandelt wie eine richtig schlimme Schlägertype, war aber im Kontrast dazu unglaublich klein, schmächtig und wirkte vom Verhalten her alles andere als fies und gewalttätig, eher naiv und unschuldig mit der Tendenz zum Dümmlichen. Wie bereits gesagt, das Einzige, das bei mir Furcht verursachte, war ihre direkte und fröhliche Art, so unbekümmert und selbstbewusst. Aber das war doch kein Grund, jemanden wie einen Ex-Knacki zu behandeln.

Zumindest sagte sie nichts zu mir oder starrte mich frech an oder lachte mich aus. Und so tat ich so, als wäre es ganz normal, dass eine grünhaarige Punkerin miauend über die Gänge robbte.

Als ich mich nach der fünften Stunde auf den Weg zur Cafeteria machte, fiel mir eher ungewollt ein positiver Nebeneffekt von Hayleys Geklette auf: keiner achtete auf mich. Keiner hatte die Zeit, stehen zu bleiben und mich überhaupt zu bemerken, so schnell hasteten sie davon. Abgesehen von Hayley war ich heute also durchgehend von angenehmer Ruhe und Unsichtbarkeit umgeben. Ein Gefühl wegen dem ich Hayley gegenüber augenblicklich tiefste Dankbarkeit verspürte.

Als ich um die Ecke bog, kauerte sie schon im Gang vor der Cafeteria und psste mich verschwörerisch zu sich herunter. Überrascht über ihre verspätete erste Kontaktaufnahme heute, blieb ich widerspenstig einen Meter entfernt von ihr stehen und wartete auf ihre Kunde, während der Strom aus Leuten einen gewaltigen Bogen um uns machte und rasend schnell in der Futterhalle verschwand, als gäbe es dort Domino´s Pizza.

„Ich hab guten Stoff. Willst du welchen?“, fragte mich Hayley derweil mit tiefer Gangsterstimme.

Noch entfremdeter als zuvor wich ich einige Zentimeter zurück und blickte mich dann unauffällig in alle Richtungen um. Wenn das einer gehört hatte! War es das? War Hayley ein Drogenbaron?

Bevor sich meine schlimmsten Befürchtungen jedoch verfestigen konnten, fügte sie todernst hinzu: „Ich hab Tutti, Frutti oder Mallow.“ Zur Vorführung streckte sie ihre Zunge heraus, auf welcher sie adrett drei verschiedene Bonbons angerichtet hatte, bevor sie sie wie ein Chamäleon wieder zurückschnappen ließ. Ich wusste nicht, ob ich lachen oder wegrennen sollte. „Ich hab ´ne Tüte voll. Ganze 100 Gramm.“

„Äh ...“ Ihre großen Kuhaugen hatten etwas Magnetisches. „Okay, gerne.“

„Ja?“ Sie schien zuerst überrascht, was mich nur noch mehr verwirrte, übergab mir dann aber mit einem dankbaren Honigkuchengesicht die ganze Tüte. „Bitte schön, ein kleiner Willkommensbonus. Du bist mein erster Kunde!“

„Oh, toll“, sagte ich unschlüssig und steckte mir einen Bonbon in den Mund. „Danke.“ Als ich ihr die Tüte wieder zurückgeben wollte, schüttelte sie nur ablehnend den Kopf und rannte dann wie vom Affen gebissen nach draußen auf den Hof.

Ich blieb zurück – mit einem Gefühl in der Birne, als hätte man mir rapide alle noch vorhandenen Schrauben gelockert. War das Einbildung? Existierte dieses verrückte Mädchen vielleicht gar nicht und ich war die Einzige, die es sehen konnte? Das hätte neben der Frage um den Zustand meiner geistigen Gesundheit so vieles so viel einfacher und normaler gemacht. Aber mit einem Blick auf die Bonbontüte in meiner Hand wusste ich, dass es kompliziert bleiben würde.


Hayley tauchte – meiner Paranoia zum Trotz – den Rest der Pause nicht aus irgendeinem Versteck auf, krabbelte unter einem Tisch hervor oder schwang sich auf einer Liane durchs Fenster herein. Teils war ich erleichtert, teils aber auch irgendwie enttäuscht. Hayley verstand es ziemlich gut, sich unentbehrlich zu machen. Ich hatte nach wie vor Muffensausen, wenn ich ihre Stimme hinter mir hörte, aber sie war so ziemlich die Einzige, die bisher mit mir gesprochen hatte, seit ich in diesem Kaff residierte. Nicht, dass ich mich beschwerte – ich genoss jeden Moment des ungezwungenen Alleinseins. Aber, jetzt, da ich mir unter all den quatschenden und lachenden Mädchen und Jungen einen freien Tisch suchen musste, an dem ich meine Frist absitzen konnte, fühlte ich mich wieder wahnsinnig fremd – ich wandelte in einer Blase umher, die jeden Fremdkörper von sich abstieß. Es gab nichts Schlimmeres als sich in einer Gruppe aufzuhalten, zu der man keinen Zugang hatte, selbst verschuldet oder nicht.

Was ich noch in den vergangenen vierundzwanzig Stunden an der werten Hayley zu schätzen gelernt hatte, war die Tatsache, dass sie so sehr mit sich selbst und ihrer Welt beschäftigt war, dass sie mich noch kein einziges Mal kritisiert oder als SELTSAM abgestempelt hatte. Vielleicht war es gar nicht so übel, dass sie verrückt genug für zehn Elefanten war. Jedenfalls war ich ziemlich enttäuscht, als ich sie auf dem Weg zu Kunst nirgends entdecken konnte. Da war wieder nur ich, wie ich verkrampft versuchte, nicht verkrampft zu wirken. Die Tür zum Klassenzimmer war angelehnt und ohne groß darüber nachzudenken und weil ich einer wild gestikulierenden Jungstruppe ausweichen musste, lief ich mich in Sicherheit wähnend in ihren Radius. Als sie plötzlich mit einem gewaltigen Schwung wie durch einen Tornado verursacht aufgetreten und mir direkt ins Gesicht geknallt wurde.

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