Kein guter Kerl

Vor der Haustür blieb James noch einmal stehen.
„Bist du dir sicher, dass ich mit reinkommen soll?“ In seinen Augen sah ich Verunsicherung.
„Ich bin mir sicher, James.“ Ich lächelte.
„Was ist bloß los mit dir? So kenne ich dich gar nicht.“
„Wie meinst du das?“ Er spielte mit einer Haarsträhne von mir.
„Nun ja, ich weiß einfach nicht, was dein Problem ist.“ Meine Stimme war ungewollt lauter geworden.
„Ich bin nicht gerade begeistert davon hineinzugehen, weil ich nicht mehr lügen will, Holly. Wie ich dir schon gesagt habe, ich will nicht den Helden vor deiner Familie spielen.“ Ich stöhnte.
„Ich kann dich ja verstehen, aber es geht nun mal nicht anders. Wir können ihnen nicht die Wahrheit sagen.“
Er wirkte unzufrieden. Seine Lippen bildeten einen dünnen Strich.
„Das wird schon gut gehen, James. Vertrau mir.“ Ich nahm fest seine rechte Hand und öffnete die Tür.
Im Flur war es dunkel, da hier noch keine Deckenlampe angebracht war. Im Wohnzimmer dagegen brannte Licht und ich konnte Stimmen hören. Vermutlich packten Jamie und Olivia schon ein paar Umzugskisten aus, die vor wenigen Tagen aus New York gekommen waren. Neben mir schluckte James schwer. Ich ging den Flur entlang zum Wohnzimmer. Ihn musste ich regelrecht hinter mir her ziehen. Als ich den hell erleuchteten Raum betrat, hockten Jamie und Olivia auf dem Boden und kramten in Kartons. Sie waren so beschäftigt, dass sie mich gar nicht bemerkten. Ich räusperte mich.
„Da bist du ja endlich. Was hast du draußen so lange gemacht?“, fragte Jamie, ohne aufzusehen.
„Ich bin eingeschlafen und dann habe ich noch James getroffen.“ Bei seinem Namen wurde Olivia hellhörig und schaute zu mir. Als sie sah, dass ich nicht alleine war, machte sie ein überraschtes Gesicht.
„Ha…hallo“, stotterte sie mit weit aufgerissenen Augen. Nun schaute auch Jamie von seinem Karton auf. Er wirkte perplex. Ich wusste nicht, was ich von ihren Reaktionen halten sollte.
„Das ist James“, sagte ich mit fester Stimme. Zu meiner Verwunderung ging James an mir vorbei, direkt auf Olivia zu. Seine Miene war neutral, es war nichts mehr von seiner Nervosität zu sehen. Derweil stand Olivia völlig überrumpelt auf, ohne den Blick von dem fremden jungen Mann abzuwenden.
„James Roddick“, stellte er sich selbst vor und hielt ihr die Hand hin. Sie strahlte über das ganze Gesicht.
„Freut mich dich kennenzulernen. Ich bin Olivia.“ Freundlich nickte er ihr zu. Dann schlenderte er zu meinem Onkel und hielt auch ihm die Hand hin. Wortlos schüttelte er sie. Er schien weniger von James angetan, als seine Frau.
„Du bist also der junge Mann, der Holly das Leben gerettet hat“, quiekte sie entzückt und ihre Augen fingen an zu funkeln. Er entgegnete nichts. Ich konnte James ansehen, dass er am Liebsten sofort rausgerannt wäre. Das Thema, welches er gefürchtet hatte, kam gleich nach der Begrüßung auf. Das fängt ja gut an, dachte ich ironisch und betrat ebenfalls das Zimmer.
„Warum hast du uns nicht schon früher vorgestellt, Holly?“ Vorwurfsvoll sah sie mich an. Ich hatte keine Ahnung, was ich sagen sollte. Ich wurde nervös, weil Olivia immer ungeduldiger wurde. Vielleicht war es wirklich keine gute Idee gewesen, James hierher zu bringen.
„Es ist nicht Hollys Schuld. Ich war einige Wochen im Krankenhaus, um mich zu erholen“, sagte James so überzeugend, dass selbst ich es beinahe geglaubt hätte. Olivia nickte eifrig und ihr Blick fiel auf seinen linken Arm.
„Natürlich, natürlich.“ Sie sah ihn bewundernd an, beinahe so, als stünde ein Held vor ihr. Nicht einmal sein bandagierter Arm konnte sie in ihrer Euphorie bremsen. Im Gegenteil.
Für sie war seine Verletzung ein Beweis für seinen Heldenmut. Unablässig grinste sie ihn verträumt an. Ich konnte nur den Kopf über ihr übertriebenes Verhalten schütteln. Es war ein Wunder, dass James mich noch nicht angefleht hatte von hier zu verschwinden.
„Was ist denn mit deinem Bein passiert?“, fragte Jamie urplötzlich mit skeptischem Unterton. Man merkte sofort, dass er James nicht über den Weg traute. Vielleicht lag es an seiner Erscheinung oder an der Tatsache, dass er mein Freund war. Mein Onkel versuchte mich zu schützen, so, wie es mein Vater immer getan hatte. Auf einen Schlag kehrte die Trauer unerbittlich zurück und erdrückte mich.
Ich bekam keine Luft mehr und ein beklemmendes Gefühl legte sich auf mein Herz. Trotz des Schmerzes versuchte ich mich zusammenzureißen und nicht zu weinen.
„Ich bin dummerweise Zuhause gegen meinen Wohnzimmertisch gelaufen. Sie müssen wissen, dass er aus Glas und an einer Ecke kaputt ist und genau diese Ecke habe ich erwischt und mich geschnitten.“ Der gute Lügner war wieder da und präsentierte sein gesamtes Können. Mein Onkel war im ersten Moment sprachlos, doch dann setzte er erneut an.
„Und warum blutest du dann noch? Hast du kein Pflaster draufgeklebt?“, blaffte er ihn an.
Je länger James hier war, umso feindseliger wurde Jamie, als ob er ahnte, dass alles nur gelogen war, auch meine Rettung vor den wahnsinnigen Killern. James lächelte gelassen.
„Am Anfang hat es gar nicht geblutet, deshalb dachte ich, dass es nicht so schlimm sei. Als ich dann hierher kam und Holly getroffen habe, hat sie mich erst auf das Blut aufmerksam gemacht. So fürsorglich, wie sie ist, hat sie mir angeboten reinzukommen, damit sie mich verarzten kann.“ Er schenkte mir ein liebevolles Lächeln. Dass er auch hier schlafen sollte, verschwieg er erstmal. Es war auch besser so, solange sich Jamie nicht beruhigt hatte.
„Es freut uns, dass du hier bist“, warf Olivia ein und mahnte ihren Mann mit einem scharfen Blick. Ihr passte es nicht, wie sich Jamie James gegenüber verhielt.
„Die Freude ist auch auf meiner Seite“, entgegnete er charmant und schmunzelte.
„Weißt du, wo das Verbandszeug ist?“, fragte ich Olivia ohne Umschweife, weil ich so bald wie möglich mit James allein sein wollte. Ich konnte Olivias Begeisterung und Jamies Unmut nicht mehr länger ertragen.
„Es ist schon im Badezimmer.“
Ohne noch etwas zu sagen, nahm ich James´ Hand und führte ihn zurück in den Flur. Kaum waren wir draußen, da hörte ich schon, wie sich die Beiden mit gedämpften Stimmen unterhielten.
„Dein Onkel kann mich nicht ausstehen“, flüsterte er mir zu.
„Ich weiß nicht, was mit ihm los ist. Normalerweise ist er sehr freundlich.“ Ich vergeudete keine Zeit und ging die Treppe hinauf. Ihn zog ich einfach hinter mir her. Oben angekommen steuerte ich gleich die erste Tür rechts an und betrat das geräumige Bad. Ich schaltete das Licht an.
„Du setzt dich auf die Badewanne, während ich das Verbandszeug suche“, befahl ich und öffnete den Hängeschrank über dem Waschbecken.
Olivia hatte bereits alles eingeräumt. Zwischen Zahnbürsten, Parfümfläschchen und einer Haarbürste fand ich ein kleines weißes Päckchen mit einem roten Kreuz darauf. Ich holte es heraus und kramte darin herum. Derweil ließ James sich auf den Rand der Badewanne nieder und krempelte wieder sein Hosenbein nach oben.
„Dein Onkel scheint wohl zu ahnen, dass wir lügen“, meinte er und sah zu mir herüber.
„Ach was. Er muss sich nur daran gewöhnen, dass ich einen Freund habe. Für ihn ist ein Junge an meiner Seite befremdlich. Nimm es ihm nicht übel“, bat ich und ging mit einem dünnen Verband und einer Kompresse in der Hand zu ihm. Dann schnappte ich mir noch ein Handtuch, um das Blut zu entfernen. Ich hatte bis jetzt noch keinem Menschen einen Verband angelegt, doch ich hatte ihm eine Kugel aus der Schulter entfernt, da würde ich das schon hinkriegen. Dagegen war das ein Kinderspiel. Ich setzte mich neben James.
„Leg dein Bein in meinen Schoß.“
„Zu Befehl“, antwortete er vergnügt und legte sein verletztes Bein auf meine Oberschenkel. Ich drehte den Wasserhahn der Badewanne auf und befeuchtete das Handtuch, dann begann ich sein Bein vorsichtig vom Blut zu befreien. Der größte Teil war bereits eingetrocknet, aber aus der Wunde trat immer wieder Neues heraus.
„Mist, wo kommt denn das ganze Blut her?“, fragte ich leicht überfordert. Er zuckte mit den Achseln.
„Keine Ahnung. Es tut zumindest nicht weh.“
„Jedenfalls etwas“, murmelte ich und schleuderte das dreckige Handtuch in die Wanne. Schnell schnappte ich mir die Kompresse und drückte sie auf die Wunde. James verzog schmerzhaft sein Gesicht.
„Ich dachte, es tut nicht weh.“ Süffisant grinste ich.
„Wenn du so fest draufdrückst, dann schon.“ Nun war ich also wieder Schuld. Ich schnaubte und fing an den Verband um sein Bein zu wickeln.
„Du bist eine wirklich gute Krankenschwester, Holly.“ In seinen stechenden grauen Augen konnte ich Dankbarkeit erkennen. Ich schob langsam sein Bein von meinem Schoß und gab ihm einen langen Kuss.
„Ich kümmere mich gerne um dich.“ James erhob sich und war wieder zwei Köpfe größer.
„Ich liebe dich“, hauchte er und küsste meinen Hals. Mir wurde heiß. Sein warmer Atem kitzelte mich und ich musste anfangen zu lachen.
„Oh, Entschuldigung. Ich wollte euch nicht stören.“ Hinter uns ertönte die sanfte Stimme von Olivia. Verlegen schaute ich zu ihr. Sie lehnte gegen den Türrahmen und beobachtete uns mit einem fröhlichen Lächeln.
„Ich finde es schön, dich nach so langer Zeit wieder glücklich zu sehen, Holly.“ Sie betrat das Badezimmer und schaute erst in mein Gesicht und dann in James´. Ihm schien die ganze Situation nicht weniger unangenehm.
„Wollt ihr vielleicht etwas essen? Ich könnte noch schnell etwas kochen.“ Wenn ich ehrlich war, dann hatte ich schon großen Hunger, aber ich wollte ein Gespräch am Esstisch vermeiden.
„Es wäre sehr freundlich von Ihnen, wenn Sie etwas für uns kochen würden“, meinte er und warf Olivia einen kurzen Blick zu. Ich traute dagegen meinen Ohren nicht. Hatte James sie noch alle? Zuerst hatte er gar nicht ins Haus gewollt und nun wollte er sich mit Olivia und Jamie an einen Tisch setzten? Erfreut klatschte Olivia in die Hände.
„Gut, dann mache ich mich gleich an die Arbeit. Ich rufe euch, wenn das Essen fertig ist.“
Sie schenkte uns noch ein warmes Lächeln, bevor sie das Bad verließ und sich auf dem Weg in die Küche machte. Kaum waren wir wieder alleine, da boxte ich James gegen die rechte Schulter.
„Womit habe ich das denn verdient?“, fragte er verwirrt.
„Du willst doch nicht allen Ernstes etwas essen, oder? Ich dachte du wolltest Gespräche unbedingt vermeiden.“ Ich ließ mich entnervt zurück auf den Badewannenrand sinken.
„Ja schon, aber ich habe wirklich Hunger und so schlimm wird es wohl nicht werden. Außerdem konnte ich ja nicht ahnen, dass du nichts essen willst.“ Ich seufzte.
„Und ich dachte, dass ich für dich leicht zu durchschauen wäre. So kann man sich irren“, entgegnete ich gespielt enttäuscht und grinste ihn schief an.
„Tja, vielleicht sollten wir an unserer Kommunikation arbeiten.“ Er zwinkerte mir keck zu.
„Damit könntest du wohl Recht haben, James.“ Ich packte mit meiner rechten Hand sein Hemd und zog ihn zu mir. Ich wollte gerade aufstehen, damit der Größenunterschied zwischen uns nicht allzu groß war, als er sich vor mich hockte und das allererste Mal kleiner war, als ich. Kurz verzog er sein Gesicht.
„Alles in Ordnung?“, fragte ich besorgt und sah zu ihm herunter.
„Ja“, flüsterte er und küsste meine Hand.
„Alles in Ordnung. Es könnte mir nicht besser gehen.“ Ich nahm sein Gesicht in meine Hände.
„Ich bin froh, dass du bei mir bist. Ich wüsste nicht, was ich ohne dich tun würde.“ James´ Miene wurde ernst.
„Ich glaube, ohne mich wärst du um einiges besser dran. Zumindest wären deine Eltern noch da und du müsstest dich nicht um dein Leben sorgen.“ Mein Schicksal schien ihn sehr zu belasten. Das lag wohl auch daran, dass ich ihm die Schuld für all dies gab.
„Das stimmt. Du hast einen Fehler gemacht, den ich dir niemals verzeihen kann, aber bitte glaub nicht, dass es mir ohne dich besser ginge. Der schönste Tag in meinem Leben war der Tag, an dem ich dir begegnet bin.“ Diese Worte meinte ich ehrlich. James brachte ein gequältes Schmunzeln zu Stande. Er wirkte schuldbewusst.
„Ich liebe dich, James, und ich bereue es nicht, dass ich mich auf dich eingelassen habe.“ Auf unerklärliche Weise war meine Kehle staubtrocken.
„Ich kann nicht glauben, wie viel Glück mir mit dir vergönnt ist. Ich habe das alles nicht verdient.“ Ich bekam langsam selbst ein schlechtes Gefühl, dazu brauchte ich ihm nur zuzuhören.
„Ich weiß nicht, was ich noch sagen soll, damit du endlich aufhörst dich schlecht zu machen.“
„Ich weiß es auch nicht, Holly.“ Er zuckte mit den Achseln. Dann beugte ich mich herunter und küsste ihn.
„Reden wir einfach nicht mehr darüber.“ Ich fuhr ihm durch die Haare. Plötzlich rief Olivia uns zum Essen. James erhob sich.
„Endlich gibt es etwas zu essen.“ Er strahlte mich an. Ich verdrehte die Augen.
„Hoffentlich geht das gut.“ Er winkte ab.
„Keine Sorge. Ich weiß, was ich tue“, meinte er selbstsicher und ging voraus. Ich räumte noch das Verbandszeug weg, bevor ich ihm nach unten folgte.
In der Küche roch es gut und mein Magen knurrte laut. James saß bereits am Tisch, als ich den Raum betrat. Ich setzte mich neben ihn und wurde zunehmend hibbelig. Ich hatte keine Ahnung, wie die Unterhaltung verlaufen und was für Lügen James ihnen noch auftischen würde. Ich nahm mir vor einfach zu lächeln und allem zuzustimmen, was auch immer er Olivia und Jamie erzählen würde. Olivia wuselte derweil um uns herum und deckte den Tisch.
„Soll ich dir helfen?“, fragte ich sie, doch sie schüttelte den Kopf.
„Ich mach das schon.“ Ich warf James einen kurzen Seitenblick zu. Er schaute Olivia amüsiert zu, wie sie ihren Hackbraten und dazu einen Salat auftischte.
„Das wäre doch nicht nötig gewesen“, äußerte ich. Sie setzte sich mir gegenüber.
„Doch, dass war es, schließlich haben wir einen Gast.“ Sie grinste James fröhlich an.
„Das sieht sehr gut aus“, entgegnete er höflich.
„Wir können auch gleich anfangen, wenn Jamie sich langsam sehen lassen würde.“ Sie stemmte die Hände in die Hüften und sah zur offenen Tür.
„JAMIEEEEE“, schrie sie aus vollem Hals. Mir klingelte es in den Ohren. Nach einer Minute hörte man schlurfende Schritte im Flur und kurz darauf tauchte mein Onkel im Türrahmen auf.
Als er James sah, wanderten seine Mundwinkel augenblicklich nach unten. Wie unauffällig, dachte ich und sah ihn empört an. Er schien meinen Blick bemerkt zu haben, denn er zwang sich zu einem Lächeln und ließ sich auf den Stuhl neben seiner Frau sinken.
„Ich wünsche euch allen einen guten Appetit.“ Übermotiviert fing sie damit an, jedem von uns ein großes Stück Braten auf den Teller zu laden. Nachdem ich mir vom Salat genommen hatte, fing ich still an zu essen. Auch die Anderen sagten kein Wort, sondern konzentrierten sich auf ihr Essen. Mir konnte es nur recht sein. Ich hatte keine Lust auf Jamies Anfeindungen und Olivias überzogenes Gehabe. Wieso grinste sie denn unablässig? War sie wirklich froh, dass James hier war oder war sie einfach nur eine gute Schauspielerin? Ich sah von meinem Teller auf. Olivia aß in Ruhe, wobei sie James heimliche Blicke zuwarf. Sie schien ihn äußerst interessant zu finden. Ich konnte in ihren Augen sehen, dass ihr tausend Fragen auf der Zunge brannten. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis sie ein Gespräch anfangen würde.
Mein Onkel stierte hingegen beinahe wie hypnotisiert auf sein Bratenstück. Er wollte es vermeiden James anzusehen.
„Erzähl uns doch etwas über dich, James.“ Olivias freundliche Stimme war der Startschuss für eine Reihe von Lügen, die sie und Jamie uns hoffentlich abkaufen würden. James reagierte gelassen auf die Aufforderung.
„Es gibt nichts Besonderes zu erzählen. Ich wohne bei meinen Eltern, gehe zur Schule und bereite mich momentan aufs College vor. Ich unternehme gerne etwas mit meinen Freunden und bin ein Sportfreak. Wie gesagt, nichts Besonderes, außer natürlich die Begegnung zwischen Holly und mir.“ Zärtlich nahm er meine linke Hand und sah mich liebevoll an. Olivia war regelrecht gerührt von seinen Worten. Jamie machte jedoch ein würgendes Geräusch.
„Tschuldigung“, nuschelte er, „ich hab mich nur verschluckt.“ Scheinheilig sah er in die Runde. Jeder, der ihm in diesem Augenblick ins Gesicht sah, hätte erkannt, dass er log. Er hatte sich nicht verschluckt, sondern er wollte bloß demonstrieren, was er von James´ Worten hielt. Ich fand es unverschämt, wie sich mein Onkel benahm. Olivia war auch nicht angetan, denn sie stieß ihm einen Ellbogen in die Rippen.
„Das reicht jetzt, Jamie. Reiß dich zusammen“, zischte sie. Dann wandte sie sich wieder James zu und tat so, als ob nichts vorgefallen wäre.
„Wie habt ihr beide euch denn kennengelernt?“ Sie schaute neugierig zwischen James und mir hin und her.
„In der Schule“, antwortete ich hastig und meine Stimme überschlug sich. „James ist erst vor ein paar Monaten hergezogen. Ich habe ihn zufällig in der Schulcafeteria getroffen und irgendwie kamen wir ins Gespräch. So hat alles angefangen.“ Mein Gesicht wurde warm und ich wusste, dass ich wieder einmal rot angelaufen war. Wenn das kein offensichtliches Zeichen für meine Lügengeschichte war. Jetzt konnte ich nur hoffen, dass Olivia dermaßen von James´ charmanten Auftreten geblendet war, dass sie nicht misstrauisch wurde.
„Ist dir das Thema etwa unangenehm, Holly?“, fragte sie verwirrt, als sie meine roten Wangen sah.
„Ich bin kein Mensch, der gerne über seine Gefühle spricht, dass weißt du doch.“ Beschämt klemmte ich mir meine Haare hinter die Ohren und aß weiter.
Dabei konnte ich spüren, wie mein Onkel mich misstrauisch beäugte. Er ließ sich, wie erwartet, nicht so schnell täuschen, wie seine Frau.
Bis zum Ende des Abendessens blieb es beim Schweigen. Das Einzige, was man hören konnte, war das Geklapper unseres Bestecks. Als die Teller leer waren, begann Olivia das Geschirr abzuräumen.
„Ich helfe Ihnen“, bot James an und stellte meinen und seinen Teller zusammen.
„Das musst du nicht. Du bist doch verletzt“, sagte sie, dennoch lächelte sie ihn dankbar an.
„Das ist kein Problem. Ich helfe Ihnen gerne, schließlich haben Sie extra so lecker für Holly und mich gekocht.“ Jetzt war es an Olivia rot zu werden. Leise murmelte sie etwas vor sich hin.
„Das ist wirklich nett von dir, James.“ Sie öffnete die Spülmaschine und räumte die ersten Teller ein. James schlenderte zu ihr herüber und half ihr. Ich konnte ihnen nur verwundert bei der Arbeit zusehen. Ich wollte mich ja nicht darüber beschweren, dass James überaus nett zu den Beiden war, aber musste er sich bei Olivia unbedingt einschleimen? Seine Freundlichkeit wurde langsam etwas zu viel und wirkte auf mich schon unnatürlich. Jamie konnte das alles nicht länger ertragen. Er erhob sich und verließ ohne ein weiteres Wort die Küche.
„Wie wäre es, wenn du in dein Zimmer gehst, Holly. Dein Onkel hat schon dein Bett aufgebaut. Du musst jetzt nur noch entscheiden, wo du es hinstellen möchtest.“ Es war offensichtlich, dass sie mich loswerden wollte, aber ich wusste nicht, wieso. Ich machte mir nicht die Mühe weiter darüber nachzudenken.
„Mach ich“, erwiderte ich missmutig und ging hinaus. Danach stieg ich die Treppe hinauf und betrat mein Zimmer. Dort stand an der linken Wand, der Fensterfront gegenüber, mein Himmelbett. Sofort war mir klar, dass ich es genau an dieser Stelle stehen lassen würde. Erstens wollte ich es alleine nicht umstellen und zweitens gab es keinen besseren Platz für das Bett. Immer, wenn ich aufwachte, könnte ich direkt aus dem Fenster sehen.
Zufrieden sprang ich in mein Bett und legte mich hin. Ausgiebig gähnte ich, bevor ich die Augen schloss. Endlich lag ich auf einer bequemen Matratze und zwar auf meiner Matratze. Ich ließ meine Hand über die weiche Fläche gleiten.
In diesem Augenblick fühlte ich mich wie zu Hause. Ich hatte das Gefühl in meinem alten Haus zu sein und das alles, was geschehen war, nur ein schrecklicher Albtraum war. Der Tod meiner Eltern, mein Krankenhausaufenthalt und die Beerdigung waren nur Hirngespinste von mir. Ein erleichtertes Lächeln schlich sich auf meine Lippen.
„Bist du wach, Holly?“ James´ raue Stimme ertönte neben mir. Langsam öffnete ich die Augen.
Er hatte sich auf den Rand des Bettes gesetzt und sah mich durchdringend an.
„Ja“, hauchte ich und setzte mich auf.
„Olivia hat noch mit dir geredet, oder?“ Ich brauchte gar nicht auf eine Antwort zu warten. Ich konnte in seinem Gesicht ablesen, dass ich recht hatte. Kein Wunder, dass sie mich rausgeschickt hatte.
„Stimmt. Sie hat mich über die damalige Nacht ausgefragt, deshalb wollte sie, dass du gehst. Sie wollte dir das nicht zumuten.“
„Wie nett von ihr“, entgegnete ich sarkastisch.
„Sie kann dieses Thema nicht ewig vermeiden. Sie tut ja so, als ob ich nicht dabei gewesen wäre.“ Ich hatte immer leiser gesprochen.
„Was hat sie dich gefragt?“ Unsicher sah ich ihn an. Er stöhnte.
„Es ist nicht so wichtig. Ich kann dir nur sagen, dass es eine unangenehme Unterhaltung war. Es war kein gutes Gefühl den Helden zu spielen, obwohl man gar keiner ist. Ich bin nun mal kein guter Kerl.“ James sah zur Seite und fummelte am Bettlaken herum. Ich beobachtete einige Zeit die Bewegungen seiner Hand, doch dann hielt ich sie fest.
„Lass das bitte. Du machst mich nervös.“ Ich lächelte ihn an, um ihn aufzumuntern. Ich konnte es nicht ertragen ihn deprimiert zu sehen.
„Tut mir leid.“ Er streichelte mit dem Daumen meinen Handrücken.
„Wie wäre es, wenn du dich hinlegst und ich Olivia frage, ob du hier schlafen darfst?“ Ich wollte schon aufstehen, aber James hielt mich fest.
„Das habe ich bereits erledigt.“ Ich runzelte die Stirn.
„Wirklich? Was hat sie gesagt?“ Er fing an zu grinsen.
„Sie ist entzückt von dieser Idee, wenn ich sie zitieren darf“, erwiderte er lachend. Ich konnte bloß den Kopf schütteln.
„Das klingt nach Olivia.“ Ich sah ihm tief in die Augen.
„Sie scheint dich sehr zu mögen.“
„Nein, sie ist begeistert von mir“, frohlockte er und machte ein arrogantes Gesicht.
„Dir hat es wohl nie an Selbstbewusstsein gemangelt, oder?“ Er brach in schallendes Gelächter aus.
„Nein, ganz sicher nicht.“ Ich fiel in sein Lachen ein. Ausgelassen lachte ich, bis ich keine Luft mehr bekam.
„Ich bin froh, dass du hier bleibst und nicht draußen auf irgendeiner Bank schläfst.“ Der Gedanke, dass James bereits morgen wieder unter freiem Himmel schlief, machte mich wahnsinnig.
„Glaub es oder nicht, aber es ist ein tolles Gefühl wieder auf einer Matratze zu sitzen. Es ist traumhaft.“ Begeistert hopste er wie ein Kind auf und ab. Danach ließ er sich nach hinten fallen. So fröhlich und sorglos hatte ich ihn schon lange nicht mehr gesehen. Ich beugte mich über ihn. Meine langen Haare wirkten wie ein Vorhang, der vor unsere Gesichter fiel. Sein Mund mit den schmalen Lippen lag genau auf meiner Augenhöhe. Er zog mich magisch an.
Ich küsste ihn lange und innig, ehe ich meinen Kopf zurückzog.
„Das war´s schon?“, fragte James mich enttäuscht.
„Ja“, entgegnete ich frech.
„Das meinst aber auch nur du.“ Er legte seine rechte Hand auf meinen Kopf und drückte meine Lippen auf seine. Während des Kusses verlor ich jegliches Zeitgefühl. Mein Herz schlug so laut, dass ich befürchtete, dass James es hören konnte. Wenn es nach mir gegangen wäre, dann hätte dieser Moment ewig andauern können. Ihm ging es da nicht anders, denn er machte keine Anstalten mich jemals loszulassen. Doch trotz meines Glücks hatte ich ungewollt schreckliche Hintergedanken.
Müsste ich bei jedem Kuss Angst haben, dass er der Letzte zwischen uns sein könnte? Nutzte er die gemeinsame Zeit, weil er ahnte, dass es solche Augenblicke bald nicht mehr geben würde? Befürchtete er, dass einer von uns in nächster Zeit starb? Ich fing leicht an zu zittern. Mein Herz, das vor zwei Minuten noch gerast war, blieb beinahe stehen. Ich unterbrach den Kuss und legte mich hin.  
„Alles klar, Holly?“ James legte sich ganz nah neben mich.
„Glaubst du, dass bald alles vorbei ist?“, fragte ich wehleidig.
„Was meinst du damit?“ Er zog seine Augenbrauen zusammen.
„Wie lange werden wir noch den Killern entkommen können, James? Was ist, wenn einem von uns etwas passiert? Was soll ich machen, wenn sie dich töten? Alleine schaffe ich es nicht.“
Meine Stimme war hoch und hysterisch. Ich drehte meinen Körper hektisch zu ihm.
„Bitte lass mich nicht allein“, flehte ich James panisch an. Erschrocken und überfordert riss er seine Augen auf.
„Es gibt keinen Grund so durchzudrehen, Holly.“ Er klang gefasst und nicht verzweifelt, wie ich.
„Warum sagst du das? Ist eine Gruppe von Killern etwa kein Grund durchzudrehen?“, keifte ich und das Zittern wurde immer stärker. Es gab keinen Zweifel mehr: ich wurde wahnsinnig. James legte fest seinen Arm um mich.
„Jetzt hör mir genau zu. Ich kenne ein hübsches Mädchen, das vor zwei Wochen gesagt hat, dass es nicht will, dass diese Geschichte unsere Beziehung einnimmt.“
Er lächelte kurz und küsste mich auf die Wange. Ich seufzte laut und senkte den Blick.
„Du hast Recht. Ich weiß nicht, was plötzlich in mich gefahren ist“, krächzte ich und versuchte mich zu beruhigen.
„Mach dir keine Gedanken mehr über diese Verrückten. Ich regle das schon.“ Es war keine Überraschung, dass er vor Selbstsicherheit nur so strotzte, aber er und auch ich wussten genau, dass es nicht leicht werden würde. Es würde noch einige Zeit dauern, bis wir wieder sicher waren.
„Ich vertraue dir, James, aber ich bin mir nicht sicher, ob wir das hinkriegen. Wir werden bald sterben“, murmelte ich leise vor mich hin.
„NEIN!“, brüllte er. Erschrocken zuckte ich zusammen.
„Wir werden nicht sterben, Holly. Ich will, dass du diesen Satz nie wieder sagst. Du darfst ihn nicht einmal denken.“ Streng sah er mich an.
„Ich werde es zu verhindern wissen, dass uns etwas zustößt. Besonders dir.“
Er verstärkte seinen Griff um meine Taille. Mir stieg sein unverwechselbarer und verführerischer Duft in die Nase. Ich schloss die Augen und atmete tief ein. Ich fragte mich, warum ich von einer Sekunde auf die Andere die Nerven verloren hatte.
Die letzten Wochen hatte ich die Todesangst nicht mehr vor Augen gehabt, aber das lag vermutlich daran, dass ich durch den Umzug ziemlich abgelenkt gewesen war. Doch kaum war James wieder seinen Ex-Kollegen begegnet und verletzt worden, da war meine Panik zurückgekehrt.
Sein geflossenes Blut war ein reales Zeichen dafür, wie knapp James dem Tod entronnen war und dass die Killer vor nichts zurückschreckten. Sie kamen uns immer näher und ich hatte Angst, dass James und ich ihnen nicht mehr lange entkommen konnten.
„Wie kannst du nur so ruhig bleiben?“ Ich öffnete die Augen. James schaute an mir vorbei und schien mit seinen Gedanken weit weg zu sein. Ich wollte schon etwas sagen, als seine grauen Augen zu mir huschten.
„Ich habe keine Angst mich mit ihnen anzulegen. Um ehrlich zu sein macht es mir sogar Spaß sie scheitern zu sehen. Alle wollen mich in die Finger kriegen und töten, aber sie schaffen es einfach nicht“, verkündete er stolz und grinste hämisch. Während er sich amüsierte, wurde ich starr vor Entsetzen. Für ihn war das nur ein krankes, absurdes Spiel.
„Du bist…du bist…“ Vor Aufregung bekam ich keinen richtigen Satz zu Stande.
„Was?“, fragte er neugierig.
„Du bist der arroganteste, risikoreichste und wahnsinnigste Mensch, der mir jemals begegnet ist.“
„Wie bitte?“ James wirkte überrumpelt.
„Bei dir geht es immer nur um dein Können und dein Ego, oder? Für dich ist alles lustig und aufregend, aber für mich ist das todernst. Es geht um dein Leben und auch um meins und du hast nicht besseres zu tun, als selbstverliebt und stolz zu sein? Vielleicht willst du versuchen mir ja auf diese Art meine Angst zu nehmen, aber dass funktioniert bei mir nicht. Ich mache mir nur noch mehr Sorgen, vor allem um dich, weil du alles auf die leichte Schulter nimmst. Verdammt, du hattest eine Kugel in der Schulter, wurdest geschlagen und getreten und jetzt ist noch eine Fleischwunde dazu gekommen, also tu mir den Gefallen und verhalte dich der Situation entsprechend. Reiß dich zusammen, James.“
Nach meiner Standpauke hatte ich keine Puste mehr. Mein Gesicht glühte und mein Oberkörper hob und senkte sich rasend schnell. Ich fühlte mich erleichtert und war stolz, weil ich ihm all das gesagt hatte, was mir durch den Kopf gegangen war. Es schien, als ob mir ein tonneschwerer Stein vom Herzen fiel.
Derweil hatte James eine emotionslose Miene aufgesetzt. Die Kälte in seinen Augen jagte mir einen Schauer über den Rücken. Seinen Arm um mich hatte er zurückgezogen. Augenblicklich schluckte ich und wagte es nicht ihn länger anzusehen. Innerlich stellte ich mich schon auf einen wütenden Ausraster seinerseits ein, doch er blieb still. Ich konnte nicht einmal seine Atemzüge hören.
„Tut mir leid, Holly. Ich hätte nicht so übertreiben sollen, aber das hilft mir mit unserer schweren Situation halbwegs zu Recht zu kommen. Ich will doch nur das Beste für dich.“ Reumütig sah er mich an.
„Das weiß ich doch. Ich möchte nur nicht, dass du alles viel zu leicht nimmst.“ Behutsam streichelte ich ihm über die rechte Wange.
„Ich verspreche dir, dass ich mich zurücknehmen werde.“ Er lächelte und gab mir einen Kuss auf die Stirn. Seine Worte beruhigten mich, zumindest für diesen Moment.

Es war stockfinster in meinem Zimmer, obwohl ich nicht einmal die Vorhänge vor die Fenster gezogen hatte. Seit über einer Stunde lagen wir still nebeneinander. Durch seine Wärme war mir richtig heiß geworden und ich hatte angefangen zu schwitzen. Obwohl James eine lange Jeans und ein Hemd trug, schien ihm die Hitze hingegen gar nichts auszumachen.
Seit James zu mir nach oben gekommen war, hatten weder Olivia, noch Jamie nach uns gesehen. Vermutlich dachten sie, dass wir schon längst schliefen, weil wir still waren. Ehrlich gesagt war ich ziemlich müde, aber ich konnte einfach nicht einschlafen. Wie oft ich auch meine Augen schloss, ich blieb wach. Es ärgerte mich.
„Willst du nicht schlafen, Holly?“, fragte James leise. Er musste mich die ganze Zeit beobachtet haben. Es wunderte mich, dass er selbst noch nicht eingeschlafen war.
„Doch, aber ich kann nicht. Ich weiß nicht wieso.“
„Vielleicht machst du dir zu viele Gedanken“, mutmaßte er. Womöglich hatte er Recht. Ich dachte zwar nicht direkt über unsere Situation nach, aber in meinem Unterbewusstsein verbarg sich meine Angst und die ließ mich nicht zur Ruhe kommen.
„Du ziehst dich jetzt um und dann bringe ich dich zum Schlafen, Holly.“ Er lachte fröhlich und setzte sich auf. Ich fragte mich, wie er mich dazu bringen wollte zu schlafen, doch ich sagte nichts und verließ das Bett.
Blind schlich ich langsam durch das beinahe leere Zimmer zur Tür, neben der sich der Lichtschalter befand. Es gab zwar nur ein paar Kartons und Einzelteile von noch nicht zusammengebauten Möbeln, aber da ich das unglaubliche Talent besaß, mich häufig zu stoßen oder mich auf irgend eine andere Weise zu verletzen, war ich lieber vorsichtig. Und kaum hatte ich das Zimmer bis zur Hälfte durchquert, da stolperte ich bereits über einen Karton. Zum Glück fand ich in letzter Sekunde mein Gleichgewicht wieder und so entging ich einem schmerzhaften Sturz auf den Boden.
„Was ist passiert?“ James klang besorgt.
„Nichts Ungewöhnliches. Es hat sich nur ein weiteres Mal gezeigt, dass ich in Punkto Dummheit und Tollpatschigkeit eine wahre Meisterin bin.“ James unterdrückten einen Lachanfall.
„Ich weiß, ich bin eine einzige Lachnummer.“ Mit dem Fuß schob ich den Karton zur Seite und ging weiter.
Nach einer gefühlten Ewigkeit schaltete ich die Lampe ein. Das plötzliche grelle Licht brannte mir in den Augen. Ich hielt mir eine Hand vor die Augen und lehnte mich an die Wand.
„Selbst jetzt siehst du einfach bezaubernd aus“, sagte er begeistert. Ich konnte bloß den Kopf schütteln.
Nach einer Minute öffnete ich wieder die Augen und machte mich daran meine Schlafsachen in einem der Kartons zu suchen.
„Soll ich dir helfen?“ James kam zu mir geeilt und sah mir dabei zu, wie ich einen Karton durchwühlte.
„Nein, nein, dass schaff ich schon.“ Ich warf alle Sachen, die ich in die Finger bekam, zur Seite. In kürzester Zeit herrschte in meinem Zimmer ein heilloses Chaos.
„Du lernst es wohl nie, oder Holly?“ Ich wandte mich ihm zu.
„Was?“, fragte ich irritiert und sah ihn an.
„Ordnung zu halten“, meinte er und gluckste. Dann bückte er sich und sammelte mit der rechten Hand ein paar Kleidungsstücke von mir auf. Ich zuckte mit den Achseln.
„Ich bin nun mal chaotisch, damit musst du dich abfinden.“ Frech grinste ich ihn an. Er erwiderte mein Lächeln und stopfte die Klamotten in einen nahestehenden Karton. Ich suchte derweil weiter, bis ich irgendwann ein dunkelblaues Top und eine Schlafanzughose gefunden hatte.
„Ich geh dann mal ins Bad. Ich bin gleich wieder da.“ Ich verließ das Zimmer und ging in das Bad, in dem ich James verarztet hatte. Ich zog mich schnell um. Dann stellte ich mich vor den Spiegel, wusch mir gründlich mein Gesicht und bürstete mir die Haare. Anschließend kehrte ich in mein Zimmer zurück. Es wunderte mich nicht, dass all meine Sachen sich wieder in den Kartons befanden. James hatte für mich aufgeräumt. Er war nun mal ein Ordnungsfanatiker.
„Da bist du ja wieder.“ James lag auf meinem Bett und warf immer wieder ein Kissen in die Luft, welches er mit der rechten Hand auffing.
„Mir war langweilig ohne dich“, schmollte er.
„Das sehe ich“, entgegnete ich lachend und schaltete das Licht aus. Ich ging langsam zum Bett und legte mich neben ihn.
„Tust du mir einen Gefallen, James?“, fragte ich unsicher in die Dunkelheit hinein.
„Es kommt darauf an, was für ein Gefallen das ist.“ Ich konnte hören, dass er grinste. Ich atmete schwer und drehte mich zu ihm, obwohl ich bloß seinen Umriss erkennen konnte. Ich war nervös, weil ich nicht wusste, wie er auf meine Bitte reagieren würde, schließlich hatte ich ihn schon mehrmals um diesen Gefallen gebeten und jedes Mal hatte er sich geweigert ihm nachzukommen.
„Bleib bei mir. Damit meine ich, dass du jede Nacht bei mir schläfst. Olivia hat bestimmt nichts dagegen und meinen Onkel kriege ich noch dazu dich zu mögen“, bettelte ich. Meinen eigenen flehenden und verzweifelten Ton konnte ich nicht leiden. Er widerte mich sogar regelrecht an, doch ich konnte einfach nicht anders. Ich musste ihn überreden.
„Bitte hör auf damit, Holly“, antwortete mir James mit einem genervten Unterton. „Ich habe dir doch schon erklärt, warum ich nicht so oft, wie ich es gerne hätte, bei dir sein kann. Egal, ob es Tag oder Nacht ist. Es ist nun mal wichtig, dass ich das Haus überwache und das kann ich eben nur, wenn ich draußen bin. Ich tue das bloß für dich und deine Sicherheit. Versteh das doch.“
Eindringlich hatte er auf mich eingeredet. Seine Antwort überraschte mich nicht besonders. Er war stur und wollte seinen Willen durchsetzen.
„Ich verstehe das, doch ich akzeptiere es nicht“, flüsterte ich und rückte an ihn heran. Daraufhin streichelte James sanft meinen Arm.
„Es ist selbstverständlich, dass du dir Sorgen machst, Holly. Dass mache ich dir nicht zum Vorwurf, aber du machst mich langsam, aber sicher, wahnsinnig“, entgegnete er spaßhaft und fuhr mir durch die Haare.
„Ich versuche mich zurückzuhalten“, versprach ich. Ich wollte ihn auf den Mund küssen, doch stattdessen erwischte ich ein Auge.
„Aua.“ Ich zog mein Gesicht zurück.
„Sorry“, murmelte ich. Jedoch konnte ich es nicht verhindern, dass ich anfing zu kichern.
„Sehr lustig“, nuschelte er. Ich lachte weiter.
„Wenn du aufhörst, dann kann ich dich auch endlich zum schlafen bringen.“ Mit aller Mühe riss ich mich zusammen, damit er mir nicht böse wurde. Nun gluckste ich bloß noch leise vor mich hin.
„Ich bin gespannt, wie du das schaffen willst.“ Ich spürte, wie James sich neben mir aufsetzte. Er nahm die Tagesdecke, die am Ende des Bettes lag und deckte uns beide zu. Dann zog er mich an sich. Ich presste mich fest an ihn und fragte mich, ob dies schon alles war.
Minutenlang verharrten wir in dieser Position. Ich hörte seine lauten Herzschläge nah an meinem Ohr und ich wurde tatsächlich müde. Er hatte sich wohl darin erinnert, dass der Rhythmus seines Herzens mich immer beruhigte. Ich schloss die Augen und gähnte. Ich kuschelte mich in die Decke und nach kurzer Zeit schlief ich ein.

Um halb sieben war ich bereits wach. Ich wusste zwar nicht genau, wie lange ich geschlafen hatte, doch es war eine sehr kurze Nacht für mich gewesen. Die Albträume waren daran schuld. Ich hatte erneut vom Tod meiner Eltern geträumt, wie fast jede Nacht. Nass geschwitzt und mit rasendem Herzen war ich aufgewacht. James hatte nicht mehr neben mir gelegen, sondern war bis zum Rand des Bettes gerollt.
Ich hatte Angst gehabt, dass er aus meinem Bett herausfiel und auf den harten Holzboden stürzte. Darum hatte ich ihn vorsichtig am Arm gefasst und ihn zur Mitte des Bettes gedreht. Dann war ich leise hinaus geschlichen und hatte geduscht.
Jetzt saß ich in der Küche. Eine dampfende Tasse mit Kamillentee stand vor mir. Mir war kalt und ich zitterte unablässig. Die leblosen Körper meiner geliebten Eltern wollten mir einfach nicht aus dem Kopf gehen. Ohne es zu wollen, rannen einzelne Tränen meine Wangen hinab und fielen auf den Küchentisch. Und dann wurde aus den wenigen Tränen ein ganzer Schwall, der unaufhörlich zu sein schien.
Dazu schluchzte ich laut und bekam kaum noch Luft. Mein Brustkorb fühlte sich an, als ob ihn jemand gewaltsam zusammendrückte. Am Liebsten hätte ich vor Trauer und Schmerz geschrieen, aber ich brachte keinen einzigen Ton über meine Lippen.
Plötzlich hörte ich Schritte im Flur. Hektisch wischte ich mir mit dem Handrücken über die Augen und atmete tief durch. Keine Minute später betrat Olivia die Küche.
„Guten Morgen, Holly.“ Freudestrahlend ging sie am Tisch vorbei und setzte Kaffee auf. Ihre gute Laune zog mich runter und ich fragte mich, ob sie tatsächlich fröhlich war oder ob sie es bloß mir zuliebe tat.
„Hast du gut geschlafen?“, fragte sie und wandte sich mir zu. Hinter ihr röhrte die Kaffeemaschine.
„Nein, ich hatte Albträume“, gab ich offen zu, da ich mich nicht auf ihr sorgloses und überglückliches Getue einlassen wollte.
„Wirklich?“ Sie runzelte die Stirn.
„Ja, das kommt bei mir in letzter Zeit etwas häufiger vor“, entgegnete ich gereizt. Dennoch war ich froh, dass sie aufgehört hatte unablässig zu grinsen.
„Was ist los mit dir?“ Olivia schaltete die Maschine aus und goss sich heißen Kaffee in eine Tasse, bevor sie sich mir gegenüber setzte.
„Du fragst mich also allen Ernstes, was los ist?“ Ich konnte meinen Ärger kaum noch im Zaum halten, dabei hatte ich keine Ahnung, wie sich in Windeseile so viel Wut in mir anstauen konnte. Olivia nickte eifrig und nahm einen Schluck aus ihrer Tasse.
„Ich hasse es, wie du dich momentan verhältst. Es regt mich auf. Du lächelst die ganze Zeit und bist ausgelassen und fröhlich, nur weiß ich nicht warum. Vielleicht willst du mich ja aufmuntern, aber das funktioniert nicht. Im Gegenteil. Ich wünschte, du würdest auch mal traurig sein oder weinen, weil es völlig okay ist. Es hilft mir nicht, wenn du so tust, als ob nichts geschehen wäre. Meine Eltern sind tot und sie werden auch nicht mehr lebendig, nur, weil du lachst oder du versuchst mich auf andere Gedanken zu bringen.“
Meine Stimme war stetig lauter geworden. Olivia sah mich mit aufgerissenen Augen an. Sie wirkte perplex. Mit solchen Worten hatte sie nicht gerechnet. Ich hoffte nur, dass ich sie nicht allzu sehr verletzt hatte.
„Ich…ich hatte ja keine Ahnung, dass du so über mich denkst.“ Ich konnte hören, dass sie mit der Situation überfordert war.
„Es tut mir leid, aber ich musste es dir sagen.“ Ich sah sie an.
„Bist du mir jetzt böse?“, fragte ich sie unsicher. Nervös kaute ich auf dem Nagel meines Daumens herum.
„Nein.“ Sie lächelte kurz. „Ich habe es nur gut gemeint.“ Sie nahm einen weiteren Schluck.
„Ich weiß, Olivia. Ich weiß.“ Ich nahm ihre Hand, die auf dem Küchentisch lag. Es verging einige Zeit, bevor Olivia sich räusperte.
„Und schläft James noch?“ Ich war froh, dass sie das Thema wechselte.
„Ja, es ist gut, dass er sich mal richtig ausruht.“ Ich klemmte mir eine Haarsträhne hinter das Ohr.
„Er hat bestimmt genauso wenig geschlafen, wie ich, seit dem Tod meiner Eltern. Er macht sich ständig Sorgen um mich und versucht alles, damit ich glücklich bin“, erklärte ich ihr.
„Das kommt mir irgendwie bekannt vor“, entgegnete Olivia und zwinkerte mir zu. Ich lächelte sie beschämt an. Sie hatte absolut Recht. James tat dasselbe, wie Olivia. Zwar tat er es auf eine andere Weise, doch das Ziel war dasselbe. Ich bekam ein schlechtes Gewissen, weil ich sie so angefahren hatte.
„Ich wollte eben nicht so gemein zu dir sein.“ Sie drückte fest meine Hand.
„Es war gut, dass du mir deine Meinung gesagt hast, Holly. Wirklich.“ Olivia erhob sich und stellte ihre leere Tasse in die Spüle. Dann drehte sie sich zu mir um.
„James ist ein höflicher und guter Mensch. Er hat dein Leben gerettet und dafür sind Jamie und ich sehr dankbar, auch wenn er es ihm nicht zeigt.“
Nach ihren Worten musste ich erstmal hart schlucken. Wenn sie wüsste, was tatsächlich geschehen war. Wenn sie die Wahrheit kennen würde, dann würde sie James sofort aus dem Haus jagen, da war ich ganz sicher.
„Alles in Ordnung, Holly? Du bist so blass.“ Hektisch nickte ich.
„Ja, ja, alles in Ordnung. Ich geh wieder nach oben und sehe mal nach James.“ Ich sprang auf und wollte schon aus der Küche stürmen, als Olivia mich am Arm festhielt.
„Warte noch einen Augenblick.“ Überrascht blieb ich wie angewurzelt stehen, während sie die Küche verließ. Was war denn nun los? Bevor ich mir weitere Gedanken machen konnte, kehrte Olivia zurück. In den Händen hielt sie drei weiße Ordner.
„Hier“, sie übergab mir die Ordner. „Die habe ich dir aus deinem alten Haus mitgebracht.“
Mit zitternder rechter Hand öffnete ich den ersten Ordner, denn ich wusste, was er enthielt.
Es war ein Fotoalbum.
Auf der ersten Seite befanden sich zwei Fotos, beide zeigten mich in der Mitte und meine Eltern links und rechts an meiner Seite. Es waren Fotos aus meiner Kindheit. Wir drei saßen in einem Park und lächelten glücklich in die Kamera. Ein dicker Kloß bildete sich in meinem Hals. Mit viel Mühe musste ich erneute Tränen unterdrücken. Mein Herz durchfuhr ein heftiger Schmerz und mir wurde speiübel. Ich musste mich zwingen den Blick abzuwenden und den Ordner zu schließen.
„Da…danke“, stotterte ich, drängte mich an ihr vorbei und rannte die Treppe hinauf.
Weiter kam ich nicht. Im Flur lehnte ich mich an die kühle Wand und ließ mich auf den Boden plumpsen. Und kaum waren die Ordner aus meinen Händen geglitten, da zog ich die Beine an, senkte den Kopf und weinte.

Kommentare

beta
Feenstaub

Navigation

Sprachen

Social Media