Keine Zeit zum Atmen

Ich wachte auf, als es draußen stockdunkel war. Es musste bereits Nacht sein. Die Sonne war schon längst untergegangen und zu meinem Glück war es im Zimmer deutlich kühler geworden.
Mir fiel auf, dass das Kissen auf meinem Gesicht verschwunden war und nun unter meinem Kopf lag. Die dünne Decke mit dem kratzigen Bezug war über mir ausgebreitet worden.
Vermutlich hatte eine Krankenschwester nach mir gesehen und mich ordentlich zugedeckt, doch ich fühlte mich nicht geborgen, sondern eingezwängt.
Blitzschnell zog ich die Decke von mir herunter und ließ sie auf den glatten Linoleumboden gleiten. Steif wie ein Brett lag ich auf der Matratze und bewegte mich keinen Zentimeter.
Mein Schlaf war traumlos gewesen. Aber nun, da ich wieder wach war, kamen mit einem Schlag alle Sorgen und Zukunftsängste zurück.
Als aller erstes fragte ich mich, wie die Aussage von James abgelaufen war. Wenn er die Wahrheit gesagt hatte, dann würde er wohl bald ins Gefängnis müssen. Hatte er aber gelogen, dann konnte ich bloß hoffen, dass es nicht allzu viele Abweichungen von meiner Geschichte gab.
Die Wahrscheinlichkeit, dass unsere Lügen nicht miteinander übereinstimmten, war jedoch erdrückend hoch.
Natürlich, schließlich hatten wir uns vorher nicht abgesprochen. Was würde mit mir geschehen, wenn die Polizisten herausbekamen, dass ich sie belogen hatte?
Ich wollte nicht weiter darüber nachdenken, ich hatte schon genug Probleme. Die Atmosphäre im Krankenhaus besserte meine Stimmung auch nicht gerade. Das Verlangen, meine beste Freundin bei mir zu haben, wurde stetig stärker. Ich konnte und wollte nicht noch länger hier bleiben. Entschlossen stand ich auf und verließ eilig das Zimmer. Ich würde die blonde Ärztin suchen und sie fragen, ob ich gehen dürfte. Ich war nicht verletzt, also konnte sie mich hier nicht festhalten.
Der Flur war um diese Uhrzeit menschenleer. Das elektrische Licht brannte mir leicht in den Augen. Ich schaute nach links und dann nach rechts. Dort sah ich eine Krankenschwester, die gerade aus einem anderen Patientenzimmer kam. Mit ernstem Gesicht und festen Schritt ging ich auf sie zu.
„Entschuldigen Sie?“ Erschrocken zuckte ihr Kopf in meine Richtung.
Sie war eine kleine, ältere Frau mit braunem Haar, welches bereits mit wenigen grauen Strähnen durchzogen war.
„Ja, bitte?“ Sie sah mich von unten her an.
„Ich suche eine Ärztin. Ich kenne ihren Namen nicht, aber sie hat goldblonde Haare und blaue Augen.“ Nachdenklich fasste sie sich ans Kinn.
„Hmm. Sie meinen bestimmt Dr. Curtis. Was möchten Sie denn von ihr?“
„Ich muss dringend mit ihr sprechen. Wissen Sie denn, wo sie ist?“ Ich wurde immer ungeduldiger.
„Nein, leider nicht, aber ich kann ihr sagen, dass Sie nach ihr suchen, wenn ich sie sehe. Wie heißen Sie?“ Mich nervten die ständigen Fragen, aber ich ließ mir nichts anmerken.
„Holly Dugan.“ Sie nickte.
„Ich werde ihr Bescheid sagen.“ Kurz lächelte ich.
„Danke.“ Ich machte auf dem Absatz kehrt und ging zurück in das kleine sterile Zimmer. Jetzt hieß es für mich schon wieder warten.  

In der Wartezeit duschte ich, damit ich halbwegs wieder gepflegt und gesund aussah. Nachdem eine halbe Stunde vergangen war, kam endlich die Ärztin mit einem freundlichen Lächeln zu mir. Sie setzte sich neben mich aufs Bett und sah mich direkt an.
„Sie wollten mit mir sprechen?“ Aus unerfindlichen Gründen war ich nervös. Ich klemmte mir die Haare hinter die Ohren, bevor ich anfing.
„Ich wollte fragen, ob Sie mich aus dem Krankenhaus entlassen könnten, schließlich habe ich bereits mit der Polizei gesprochen und Sie haben selbst gesagt, dass gesundheitlich alles mit mir in Ordnung ist.“
Flehend schaute ich ihr in die Augen. Ihre Miene zeigte jedoch Besorgnis.
„Sie haben gerade einen schweren Verlust erlitten. Ich finde Sie sollten zumindest noch ein paar Tage bleiben und mit einem Seelsorger sprechen.“ Ungefragt legte sie ihre rechte Hand auf meine Linke.
„Natürlich ist es schwer für mich, aber ich kann Krankenhäuser nicht leiden. Ich muss hier weg“, erklärte ich eindringlich.
„Wo wollen Sie denn hin?“ Das war eine gute Frage, aber leider kannte ich die Antwort nicht. Angestrengt dachte ich nach. Derweil sah sie mich fragend an.
„Ich kann zu einer Freundin. Ich habe auch ihre Eltern gefragt, ob es für sie in Ordnung geht. Sie würde mich auch heute noch abholen“, rasselte ich hastig herunter und versuchte dabei ehrlich zu klingen. Ich hatte ihr das gesagt, was mir als erstes eingefallen war.
Wenn ich Linda anrufen und sie um Asyl bitten würde, dann würde sie sicherlich nicht nein sagen. Die Ärztin wandte ihren Blick ab. Sie schien ernsthaft nachzudenken, doch dann gab sie ein zögerndes „Ja“ von sich.
„Aber bitte versprechen Sie mir, dass Sie mit jemandem über ihre Trauer sprechen und damit meine ich nicht ihre Freunde.“
Mir war klar, dass sie einen Psychologen oder Seelsorger meinte. Ich war mir jedoch sicher, dass ich niemals mit Fremden über den Tod meiner Eltern reden würde, dennoch versprach ich es, weil sie mich sonst vermutlich nicht gehen ließ.
„Gut, aber ich wollte sowieso noch einmal mit Ihnen sprechen, Miss Dugan.“
„Warum denn?“, fragte ich perplex.
„Die Polizeibeamten, die Sie befragt haben, sind zu mir gekommen, weil Ihr Verlobter ausdrücklich darum gebeten hat mit Ihnen zu reden.“ Ich brauchte nicht einmal ein überraschtes Gesicht aufzusetzen, denn ich war es tatsächlich. James hatte also beschlossen nicht die Flucht zu ergreifen, doch was wollte er schon wieder von mir? Mir erzählen, wie seine Aussage gelaufen war? Um ehrlich zu sein, war ich nicht gerade abgeneigt dies zu erfahren.
„Wie geht´s ihm denn?“ Ich heuchelte Interesse, obwohl ich genau wusste, wie es ihm ging, nämlich viel zu gut für meinen Geschmack.
„Er hat sich sehr schnell von der Operation erholt. Trotzdem liegt er noch auf der Intensivstation. Natürlich dürfen Sie ihn besuchen, weil Sie mit ihm verlobt sind.“ Ich setzte ein erleichtertes Gesicht auf.
„Zum Glück geht es ihm gut, ich habe mir große Sorgen um ihn gemacht.“ Ich machte gute Miene zum bösen Spiel, dabei machte mich diese gespielte Sorglosigkeit krank.
„Darf ich sofort zu ihm?“ Aufgeregt hüpfte ich leicht auf der Matratze herum und fühlte mich wie Linda. Ich hatte mich immer darüber lustig gemacht, wenn sie vor mir herumgehopst war.
„Ja, ich werde Sie nach oben begleiten.“ Ich musste mir stark auf die Zunge beißen, denn mir wäre beinahe herausgerutscht, dass ich bereits wusste, wo sein Zimmer war. Sie erhob sich von ihrem Platz und strich mit einer fließenden Bewegung ihren Kittel zurecht.
„Dankeschön.“ Meine Stimme war nicht mehr als ein Flüstern. Gemeinsam gingen wir auf den Flur und dann schlugen wir den mir bereits bekannten Weg zum Eingangsbereich ein, wo sich die Aufzüge befanden.
Die Ärztin drückte auf den Knopf. Es dauerte nicht lange, bis die metallenen Türen vor uns aufgingen und wir hineingehen konnten. Wir fuhren nach oben und stiegen im dritten Stock aus. Diesmal bekam ich einen hässlichen, dunkelgrünen Kittel verpasst und ich musste mir übertrieben gründlich die Hände desinfizieren. Erst dann durfte ich die Station betreten.
„Gehen Sie allein hinein. Ich werde vor der Tür warten. Wenn Sie fertig sind, werde ich Sie zu einem Telefon bringen, damit Sie noch einmal bei Ihrer Freundin anrufen können.“ Ich konnte den leichten Anflug eines Lächelns erkennen. Ich nickte dankbar und betrat ein zweites Mal James´ Zimmer.
Wie bei meinem vorherigen Besuch lag er im Bett. Die Infusionsnadel steckte wieder in seiner Hand. Verträumt starrte er aus dem Fenster in die Dunkelheit. Er schien mich nicht bemerkt zu haben, denn er zeigte keinerlei Anzeichen, dass er mich gehört hatte. Leise schlich ich zum Bett und setzte mich auf die Kante, soweit von ihm entfernt wie möglich.
„James?“ Mit der linken Hand wedelte ich vor seinen Augen herum. Wie in Zeitlupe drehte er seinen Kopf. Auf seinen Lippen lag ein charmantes Lächeln.
„Hi“, hauchte er und sein Lächeln wurde noch breiter. Ich konnte eine Reihe schneeweißer, grader Zähne sehen. Verwirrt sah ich in seine Augen.
„Was zur Hölle ist mit dir los?“ Es kam mir vor, als ob er Drogen genommen hätte.
„Ich bin bloß unglaublich glücklich und nicht zu vergessen, auch dankbar.“ In dem Grau seiner Augen flammte Freude auf, als er an mich heranrückte. Ich presste meine Hände gegen seinen Oberkörper, um ihn aufzuhalten.
„Stopp! Wenn du näher kommst, dann gnade dir Gott.“ Meine Stimme zitterte leicht vor Zorn. Wieso versuchte er ständig mich anzufassen? Glaubte er etwa, dass ich alles vergessen und ihm verziehen hatte? Verdutzt blinzelte er mehrmals, ehe er sich wieder zurückzog.
„Wag es ja nicht mich anzufassen.“ Böse verengte ich meine Augen zu Schlitzen und beobachtete jede seiner Bewegungen.
„Tut mir leid, Holly, aber du hast mir nicht nur das Leben gerettet, sondern du hast mich auch vor dem Knast bewahrt. Ich weiß einfach nicht, wie ich dir danken soll. Du hast so viel für mich getan, obwohl ich dein Leben zerstört habe.“ Zum Ende hin hatte James sehr leise gesprochen.
„Heißt das etwa, dass dir die Polizei deine Geschichte geglaubt hat? Wie kann das bitte sein? Ich habe sie angelogen, aber du wusstest doch nicht, was ich ihnen erzählt habe.“ Ich war fassungslos.
Es konnte nicht sein, dass er einfach so davonkam. Wie konnte er bloß soviel Glück haben? Er musste wohl genau die richtige Geschichte erzählt haben, die mit meiner komischerweise übereingestimmt hatte. Er grinste mich weiterhin unablässig an.
„Die Befragung ist richtig gut gelaufen, weil du…“, mit einem Finger zeigte James demonstrativ auf mich, „…für mich gelogen hast. Es war kein Problem für mich ihnen eine Lügengeschichte aufzutischen, die deiner glich.“ Ich schob verärgert die Augenbrauen zusammen, denn ich hasste es, wenn er so arrogant war und glaubte alles mit Leichtigkeit zu schaffen.
„Was hast du ihnen denn gesagt?“ Ich verschränkte die Arme vor der Brust.
„Ich war ehrlich gesagt schon nervös, als die zwei Polizisten hereinkamen und mir erzählten, dass sie kurz vorher mit dir gesprochen haben. Zuerst wusste ich nicht, was ich tun sollte, denn ich hatte ja keine Ahnung, was du gesagt hast. Aber als ich dann in die Gesichter der Polizisten sah, wurde mir klar, dass du mich nicht verraten hast.“
James legte den Kopf schräg und musterte mich. In seinem Blick lag eine Mischung aus Dankbarkeit und Erleichterung. Ich dagegen war immer noch verwirrt.
„Was haben denn die Polizisten damit zu tun?“
„Na ja, sie haben mich mitleidig angesehen. Wenn du ihnen gesagt hättest, dass ich zu den Killern gehörte, dann hätte ich ihnen das bemerkt. Ihre Blicke wären hasserfüllt oder zornig gewesen. Also habe ich die Ereignisse etwas umgeändert und zwar nach deiner ironischen Aussage. Ich habe ihnen erzählt, dass ich ebenfalls bei dir Zuhause war, als Fremde ins Haus eingedrungen sind und deine Eltern ermordet haben. Dann habe ich ihnen meine Verletzung erklärt. Ich habe ihnen nun mal gesagt, wie es wirklich war. Ich habe dich beschützt und dabei bin ich angeschossen worden. Der Rest der Geschichte war ja dann kein Problem mehr.“ Ungläubig schüttelte ich wie mechanisch den Kopf.
„Ich habe nun mal intuitiv entschieden, Holly. Tief im Innern wusste ich, dass du mich nicht verraten würdest, weil du mich liebst.“ Empört öffnete ich den Mund, doch es kam kein einziger Ton heraus. Ich starrte ihn an. Wenn Blicke töten könnten, dann wäre er jetzt leblos zurück aufs Bett gefallen.
„Bist du jetzt vollkommen wahnsinnig geworden? Ich habe ja verstanden, dass du mir dankbar bist, aber ich will es nicht ständig von dir hören. Verdammt, ich weiß zwar nicht, warum ich dich nicht an die Polizei verpfiffen habe, doch ich weiß ganz genau, dass ich dich nicht mehr liebe“, entgegnete ich bissig und ging vom Bett herunter. Die letzten Worte hatte ich dabei besonders betont.
„Dass glaube ich dir nicht“, entgegnete James gelassen.
„Mir ist völlig egal, was du mir glaubst oder nicht. Ich frage mich, warum du eigentlich mit mir reden wolltest.“ Er fuhr sich gedankenverloren durch die brauen Haare.
„Ist das nicht offensichtlich? Ich wollte mich bei dir bedanken.“
„Da du dies getan hast, kann ich ja gehen. Ich werde in den nächsten Stunden das Krankenhaus verlassen. Ich will dir noch einmal deutlich sagen, dass du mich in Ruhe lassen sollst. Such mich nicht, wenn du selbst aus dem Krankenhaus entlassen wirst. Ich will dich nie mehr wiedersehen.“
An meinem Entschluss war nicht mehr zu rütteln. Ich hatte keine große Lust mich ständig mit ihm herumschlagen zu müssen.
Als ich in sein markantes Gesicht sah, war sein dämliches Grinsen verschwunden und seine Haut blass.
Er sah genauso schrecklich aus, wie im Motel, kurz bevor er das Bewusstsein verloren hatte.
„Nein, wir si…sind für ein…einander bestimmt“, stammelte er. Noch nie war er so unsicher gewesen, wie in diesem Augenblick. Sonst hatte er immer unglaublich stark auf mich gewirkt, doch jetzt, da ich ihn verließ, war er schwach und verzweifelt.
„Dass hättest du dir überlegen sollen, bevor du mein Leben in einen Trümmerhaufen verwandelt hast.“ Sein Körper bebte wie verrückt.
„Dass kann nicht dein Ernst sein.“ Ich ballte die Hände zu Fäusten.
„Und wie das mein Ernst ist, James. Wehe ich sehe dich auch nur ein einziges Mal in meiner Nähe“, sagte ich und hoffte, dass meine Drohung deutlich genug war.
Ohne ein weiteres Wort wirbelte ich herum und verließ schnurstracks das Zimmer und somit auch die Liebe meines Lebens, die den Untergang meiner Familie heraufbeschworen hatte.
Nachdem ich mit der Ärztin wieder nach unten gefahren war, hatte sie mich zu einem Telefon gebracht. Es hatte lange gedauert, ehe ich Lindas Nummer gewählt hatte, denn ich hatte nicht gewusst, was ich sagen sollte. Doch dann hatte ich beschlossen, ihr erst einmal beizubringen, dass ich im Krankenhaus war und sie so bald wie möglich kommen sollte.
Nach etlichen Minuten hatte endlich jemand abgenommen. Ich war froh, dass überhaupt jemand um diese Uhrzeit ans Telefon ging. Es war Mrs. Johnson gewesen. Sie war besorgt, weil ich so spät bei ihnen anrief, aber ich hatte sie beruhigen können. Ich hatte ihr nicht gesagt, dass ich im Krankenhaus war, stattdessen hatte ich darum gebeten mit Linda sprechen zu dürfen.
Als ich wenige Augenblicke später ihre ruhige Stimme gehört hatte, war ich unendlich froh gewesen. Sogleich hatte ich mich nicht mehr allein auf dieser Welt gefühlt. Schnell hatte ich ihr erklärt, dass ich im Krankenhaus war und sie unbedingt zu mir kommen musste und am besten Klamotten für mich mitbrachte. Natürlich hatte sie genauere Informationen gewollt, doch ich hatte ihr versprochen ihr alles zu erzählen, wenn sie bei mir war. Sie hatte mir mit besorgter Stimme zugestimmt und gesagt, dass sie in einer halben Stunde bei mir sein würde.
Jetzt saß meine beste Freundin auf dem Stuhl, auf dem noch vor ein paar Stunden der ältere Polizist gesessen hatte und sah mich mit tränenüberströmtem Gesicht an. Ihre Augen waren gerötet und sie schluchzte. Ich musste mich stark am Riemen reißen, damit ich nicht auch noch losheulte. Kurz nach ihrer Ankunft hatte ich Linda einfach alles offenbart, selbst die Tatsache, dass James ein Killer war und ich dies seit geraumer Zeit wusste.
Verkrampft hockte sie auf dem harten Stuhl. Sie schien verstört und ich fragte mich, ob es richtig gewesen war ihr alles zu sagen und ob ich genauso ausgesehen hatte, als James mir damals sein Geheimnis anvertraute.
„Ich weiß nicht, was ich sagen soll.“ Entschuldigend sah sie mich an.
„Ich kann mir vorstellen, dass es ziemlich viel für dich sein muss.“
Geschockt riss sie die Augen auf.
„Für mich? Hier geht es nicht darum, wie es mir geht, sondern dir. Du hast gerade deine Eltern verloren. Es tut mir unendlich leid.“ Sie beugte sich zu mir herüber und schloss mich in ihre Arme, so, wie ich es mir so lange erhofft hatte. Ihre Wärme umhüllte mich und gab mir ein wohliges Gefühl. Ein blumiger Duft stieg mir in die Nase.
Behutsam streichelte sie mir über den Rücken. Während Linda weitere Tränen vergoss, war ich ungewöhnlich ruhig. Ich hatte nicht das Bedürfnis zu weinen, da ich dies in letzter Zeit schon zu oft getan hatte. Es kamen einfach keine Tränen mehr heraus.
„Ich bin froh, dass du hier bist.“ Sie beendete die Umarmung und setzte sich neben mich aufs Bett.
„Irgendwie kann ich nicht glauben, was du mir erzählt hast. Es ist alles so unwirklich, wie in einem Film.“ Hart schluckte sie und wischte sich mit den Händen über das Gesicht.
„Wieso hast du mir nicht gesagt, was mit James los ist? Du kannst mir doch vertrauen, Holly.“ Ich ließ meine Schultern hängen.
„Tut mir leid, aber ich konnte einfach nicht. Ich wollte dich nicht mit der Sache belasten.“ Linda legte den rechten Arm um mich.
„Du könntest mich niemals belasten.“ Das erste Mal seit Langem lächelte ich.
„Danke, Linda, aber eins musst du mir versprechen: du darfst keiner Menschenseele sagen, was ich dir gerade erzählt habe. Es wäre viel zu gefährlich für dich.“
Linda machte ein merkwürdiges Geräusch.
„Warum könnte es denn gefährlich für mich werden?“, fragte sie ängstlich.
„Wenn diese durchgeknallten Killer mitkriegen, dass du alles weißt, dann… Ach, darüber will ich gar nicht nachdenken.“ Linda wurde bleich. Warum hatte ich meine Klappe auch nicht halten können?
„Mach dir keine Sorgen. Solange du nichts sagst, passiert auch nichts.“ Aufmunternd sah ich sie an.
„Okay.“ Ihrer Miene nach zu urteilen hatte sie panische Angst.
Angespanntes Schweigen herrschte zwischen uns. Wie gebannt schaute ich auf meine rechte Hand, um mich irgendwie abzulenken.
„Darf ich dich was fragen?“
Mein Blick wanderte zu ihr. Linda starrte zu Boden, doch ich erkannte, dass ihre Pupillen nervös hin und her wanderten.
„Wieso bist du mit James zusammengeblieben, nachdem du erfahren hast, dass er ein Killer ist?“ Mir war klar gewesen, dass sie mir diese Frage stellen würde. Na klar, schließlich war es unverständlich, dass jemand freiwillig mit einem Mörder zusammenblieb. Leise stöhnte ich.
„Für mich ist es damals ein Schock gewesen, zu erfahren, was er war, dass kannst du mir glauben. Tagelang habe ich nichts essen oder trinken können. Ich habe mir den Kopf zerbrochen, was ich tun soll: bei ihm bleiben oder sich von ihm trennen? Letztendlich ist die Liebe stärker gewesen und hat über die Heidenangst und den Schock triumphiert. Ich bin dir nicht böse, wenn du dass nicht verstehen kannst, ich verstehe es ja selbst nicht. Aber jetzt hat sich alles geändert. Du kannst dir gar nicht vorstellen, was für Vorwürfe ich mir mache. Wenn ich mich von ihm getrennt hätte, dann würden meine Eltern noch leben.“
Ein schwerer Kloß hing in meinem Hals und mein Herz schien beinahe zu zerspringen, so schnell pochte es.
„Nein, nein, nein, so etwas darfst du nicht sagen. Du trägst keine Schuld für das, was geschehen ist.“ Ich wusste, dass Linda es bloß gut meinte, doch meine Schuldgefühle ließen sich nicht vertreiben.
„Wo willst du jetzt eigentlich wohnen, Holly?“, fragte sie leise. Jetzt musste ich ihr den Grund nennen, warum ich sie hierher gebeten hatte.
„Ich wollte fragen, ob ich ein paar Tage, höchstens eine Woche, bei dir bleiben kann. Solange, bis die Beerdigung vorbei ist und das Testament verlesen wird. Ich hoffe ja, dass meine Eltern einen Vormund für mich bestimmt haben, bei dem ich leben kann. Wenn nicht, dann weiß ich nicht, was mit mir passieren wird.“ Die Zukunftsängste erdrückten mich. Verzweifelt schlug ich die Hände vors Gesicht.
„Mach dir keine Sorgen, Holly. Natürlich kannst du zu mir kommen.“ Noch einmal umarmte sie mich fest und drückte mich an sich. Ich war erleichtert. Zumindest hatte ich für diese Woche einen Schlafplatz.
„Kannst du mich sofort mitnehmen?“ Fragend sah ich Linda an.
„Ja, klar.“ Auf einmal strahlte ich von einem Ohr zum Anderen. Ich war so froh endlich aus diesem Zimmer zu verschwinden, dass ich vom Bett hopste und zur Tür ging. Die unsichere Stimme von Linda bremste jedoch meinen Elan.
„Darfst du einfach verschwinden?“ Ich drehte mich zu ihr um. Noch immer saß sie auf ihrem Platz.
„Ich habe meine Ärztin vorher gefragt. Sie hat mir erlaubt zu gehen, wenn ich einen Platz habe, wo ich unterkommen kann.“ Sie nickte.
„Gut, aber bevor wir gehen, solltest du dich vielleicht umziehen.“ Linda betrachtete das Patientenhemd, das ich trug. Dann kramte sie in ihrer braunen, großen Tasche herum und zog ein paar Klamotten hervor.
„Du hast Recht“, sagte ich und ging zu ihr.

Zehn Minuten später saßen wir bereits in Lindas himmelblauen Mini. Ich schaute aus dem Fenster. Das helle Licht der Straßenlaternen zischte blitzschnell an meinen Augen vorbei und verschwamm zu einem gleißenden großen Punkt. Zusammengekauert hockte ich auf dem Sitz und hing meinen Gedanken nach. Ich überlegte, wie die Beerdigung meiner Eltern aussehen sollte. Es waren unangenehme Gedanken, doch ich musste jetzt da durch.
Ich wollte eine schöne und ehrenvolle Beerdigung planen, dass war ich ihnen schuldig. Aber womit sollte ich alles bezahlen? Ich hatte zwar ein Sparbuch auf der Bank, doch das reichte vorne und hinten nicht. Mir fiel auch niemand ein, der mir Geld leihen könnte oder den ich darum bitten wollte. Linda wollte ich nicht fragen, weil sie schon genug für mich getan hatte. Für eine Sekunde war mir auch James durch den Kopf geschossen, doch diese Idee hatte ich gleich wieder verworfen.
Erstens hasste ich ihn und zweitens wollte ich ihn nicht um sein dreckiges Geld anbetteln, das er mit dem Tod anderer Menschen verdient hatte.
„Alles in Ordnung?“ Linda riss mich gewaltsam aus meinen Gedanken.
„Nicht wirklich“, gab ich zu und sah sie aus den Augenwinkeln an. Konzentriert schaute sie auf die Straße. Hin und wieder klemmte sie sich Strähnen ihres blonden Haares hinter die Ohren. Es hatte keinen Sinn ihr meine Geldsorgen zu verschweigen. Vielleicht hatte sie ja eine gute Idee.
„Ich muss die Beerdigung meiner Eltern planen. Das Problem ist, dass ich nicht gerade viel Geld habe.“ Es fiel mir schwer nicht allzu verzweifelt zu klingen, schließlich wollte ich nicht den Eindruck vermitteln, dass ich das Geld von ihr haben wollte. Verständnisvoll nickte sie.
„Das ist keine gute Nachricht und dabei hast du schon genug Probleme.“ Kurz blickte sie zu mir herüber.
„Gibt es keine Familienmitglieder, die dir aushelfen könnten?“
„Hmm.“ Angestrengt dachte ich nach. Im Kopf ging ich meine Familienmitglieder durch. Meine Großeltern mütterlicherseits lebten in Florida. Zu ihnen hatte ich nicht die engste Bindung, weil ich sie höchstens zweimal im Jahr besuchte. Die Mutter meines Dads wohnte im Altersheim und hatte selbst nicht viel Geld. Ihr Mann war bereits vor fünf Jahren gestorben. Dann fiel mir noch mein Onkel Jamie ein. Er lebte mit seiner Frau Olivia in New York. Beide hatten uns in den vergangenen Jahren öfters in Saint Berkaine besucht. Sie könnte ich anrufen und um Hilfe bitten.
„Mir fällt mein Onkel ein. Er würde mir bestimmt etwas Geld geben.“
„Das ist doch schon mal etwas. Und wenn das immer noch nicht genug ist, dann gebe ich was dazu“, entgegnete sie selbstverständlich.
„Danke, aber das kann ich nicht annehmen, Linda.“
„Doch kannst du“, entgegnete sie stur. „Ich lasse keine Widerrede zu.“
Dagegen konnte ich nichts mehr sagen, sie war einfach unglaublich. Ich konnte meine Dankbarkeit gar nicht in Worte fassen. Mir fiel ein Stein vom Herzen, als ich merkte, dass ich Unterstützung bekam und mich nicht mehr allzu sehr um das Geld sorgen musste. Ich konnte bloß hoffen, dass mein Onkel mir auch tatsächlich aus der Patsche half.  
Es dauerte nicht mehr lange, ehe wir an Lindas Haus hielten. Unterwegs hatte ich bemerkt, dass sie extra einen Umweg gefahren war, damit wir nicht an meinem Haus vorbeifahren mussten. Ich war ihr dankbar, dass sie dies getan hatte. Ich hatte keine Ahnung, wie ich reagiert hätte, wenn ich das weiße kleine Haus gesehen hätte.
Gemeinsam stiegen wir aus. Die sonnengelbe Fassade wurde von der Lampe auf der Veranda beleuchtet. Leise schlichen wir die drei Stufen hinauf. Linda kramte ihren Schlüssel aus der Hosentasche und schloss die Tür auf. Im Flur war es dunkel, doch in der Küche brannte überraschenderweise noch Licht.
„Das ist bestimmt meine Mom. Sie möchte sicherlich wissen, warum du mich ins Krankenhaus beordert hast.“ Über ihre eigene Formulierung musste sie kichern.
„Soll ich ihr alles erzählen?“ Unsicher musterte sie mich. Ich nickte.
„Ja, irgendwann müsste sie es eh erfahren oder wie willst du ihr erklären, dass ich ein paar Tage bei euch wohne?“
„Das stimmt. Am Besten gehst du in mein Zimmer und versuchst zu schlafen. Ich werde mit ihr reden.“ Kurz drückte sie meine linke Hand. Dann ging sie den Flur entlang in das beleuchtete Zimmer. Ich steuerte dagegen die Treppe an und schlurfte die Stufen nach oben.
Ich versuchte mich nicht umzusehen, denn Lindas Haus ähnelte meinem Haus ungemein. Erneut kämpfte ich mit allerletzter Kraft gegen die aufkommenden Tränen. Oben angekommen öffnete ich die zweite Tür von links. Ich huschte wie ein Schatten in Lindas Zimmer, das dunkel war, weil sie die Vorhänge zugezogen hatte. Vorsichtig schloss ich die Tür, da ich niemanden wecken wollte. Ich blieb mitten im Raum stehen. Eine unheimliche Stille umgab mich, die mich beunruhigte. Unsicher setzte ich mich auf Lindas Bett und wartete auf ihre Rückkehr.
Als die Tür aufging und meine beste Freundin eintrat, war es drei Uhr Morgens. Ich hatte kurz zuvor noch einen Blick auf ihren Wecker geworfen. Sie knipste die Deckenlampe ein. Instinktiv schlug ich blitzschnell die Augen zu.
„Bitte mach das Licht aus.“
„Oh, tschuldigung“, nuschelte sie und zwei Sekunden später war es wieder dunkel um uns herum.
„Und wie war´s?“ Linda kam zu mir herüber und setzte sich vor mich auf den Boden.
„Sie war schockiert, als ich ihr alles erzählt habe. Sie macht sich große Sorgen um dich. Ich konnte sie gerade noch davon abhalten nach oben zu sprinten und dich in ihren Armen zu zerquetschen.“ Sie räusperte sich, bevor sie fortfuhr.
„Du darfst natürlich hier bleiben, solange du möchtest.“ Aufmunternd lächelte sie.
„Danke.“
„Kein Problem und nun gebe ich dir saubere Klamotten von mir und dann legst du dich schlafen. Das ist ein Befehl.“ Frech zwinkerte sie mir zu. Sie ging zu ihrem Kleiderschrank und kramte darin herum. Interessiert beobachtete ich ihre schemenhafte Gestalt. Seit ich Lindas Haus betreten hatte, war ich neidisch auf sie.
Neidisch auf ihre glückliche Familie und ihre Unbeschwertheit. Einst war ich so gewesen, wie sie, doch ich hatte dieses Leben gegen Trauer und unendlichen Schmerz eingetauscht und warum? Weil ich blind vor Liebe gewesen und James vertraut hatte. Ich verfluchte meine Naivität und meine Gefühle.
„Holly?“ Vor mir tauchte Lindas rundliches Gesicht auf.
„Ja?“, fragte ich missmutig, was mir im selben Augenblick auch gleich leid tat.
„Hier.“ Sie drückte mir einen dünnen schwarzen Pullover und eine graue Jogginghose in die Hand. Sie wirkte leicht irritiert.
„Tut mir leid, dass ich dich angefahren habe. Bitte nimm es mir nicht böse.“ Linda schüttelte den Kopf, als sie sich erhob und mir einen Kuss auf die Wange gab.
„Ich nehme dir rein gar nichts übel, Holly. Du brauchst dich nicht zu entschuldigen. In deiner Situation darfst du dir alles erlauben.“ Ich versuchte ein Lächeln zu Stande zu bringen, doch es wollte mir einfach nicht gelingen.
Still zog ich mir Lindas Sachen an. Dann krabbelte ich zum Bettende, schlug die weiche Decke zur Seite und legte mich hin. Ich merkte, wie Linda dasselbe auf der rechten Seite des Bettes tat.
„Gute Nacht, Holly“, flüsterte sie.
„Gute Nacht, Linda“, entgegnete ich und kuschelte mich in die Decke ein.

Ich hatte sehr schlecht geschlafen. Wie wild hatte ich mich im Bett hin und her gewälzt und mir war brühend heiß gewesen. Ich hatte von gestern Nacht geträumt. Alle Einzelheiten hatten sich tief in mein Gedächtnis gebrannt. Sonst war ich super vergesslich, doch diese Ereignisse würden mich mein ganzes Leben lang verfolgen und quälen.
Als ich schweißgebadet aufgewacht war, war Linda nicht da gewesen. Vielleicht war sie bereits früh wach gewesen oder sie hatte woanders geschlafen, weil ich sie gestört hatte. Ich rieb mir die letzten Reste Schlaf aus den Augen und gähnte herzhaft. Mein Magen grummelte laut vor Hunger, doch ich traute mich nicht nach unten zu gehen. Vermutlich saß Lindas Familie bereits beim Frühstück.
Ich hatte Angst vor ihren bohrenden und mitleidigen Blicken. Aber ewig hier oben hocken konnte ich ja auch nicht. Außerdem musste ich mich langsam an ihre Blicke gewöhnen, denn gegen sie konnte ich nichts machen. Die nächste große Herausforderung würde die Beerdigung sein. Dann würde die Schule folgen.
Mit Sicherheit würde herauskommen, dass meine Eltern durch ein Verbrechen gestorben waren, denn schließlich hatte irgendjemand die Polizei angerufen. Ich tippte auf die alte Mrs. Tyler, die uns gegenüber wohnte und ständig aus dem Fenster starrte, um die Nachbarn zu beobachten. Leider war sie die Großmutter von einer Mitschülerin. Sie würde ihrer Enkelin sofort erzählen, dass nicht nur der Leichenwagen zu unserem Haus gekommen war, sondern auch viele Polizisten. In der Schule würde ich dann das traurige Mädchen sein, dessen Eltern ermordet worden waren.
Mit vor Nervosität wackligen Knien stieg ich aus dem Bett und ging ins Bad. Dort wusch ich mir das Gesicht und glättete meine Haare mit meinen Händen, da ich Lindas Bürste nicht ungefragt benutzen wollte. Danach verließ ich mit schnell pochendem Herzen das Zimmer und stieg die Treppe hinunter ins Erdgeschoss.
Im schwach beleuchteten Flur duftete es nach frischem Kaffee. Breit grinste ich und tänzelte zur Küche. Um mich herum veränderten sich das Mobiliar und die Wandfarbe.
Aus der sperrigen Mahagonikommode wurde eine schlichte weiße Kommode. Die gelben Wände wurden Hellbraun. Und plötzlich stand ich nicht mehr in Lindas Haus, sondern in meinem Eigenen.
Ich freute mich auf das Frühstück mit meiner Familie. Gleich würde ich in die blauen Augen meiner Mom schauen, die mich vorwurfsvoll ansahen, weil ich zu spät dran war und ich würde die tiefe, aber dennoch liebevolle Stimme meines Dads hören.
Ausgelassen stieß ich die Küchentür auf und wollte gerade schon „Guten Morgen“ sagen, als mir die Worte im Hals stecken blieben. Diese Menschen waren nicht meine Eltern. Mehrmals blinzelte ich, bis sich die Einrichtung wieder in ihren Ausgangszustand zurückverwandelte. Ich spürte, wie mir die Röte vor Scham ins Gesicht stieg. Lindas Eltern starrten mich besorgt an. Dann warfen sie sich undefinierbare Blicke zu.
„Setz dich doch“, sagte Mrs. Johnson mit ihrer feinen zarten Stimme und zog einen Stuhl vom Tisch hervor.
„Danke“, murmelte ich kleinlaut und setzte mich.
Ich schaute auf den glatten Eichenholztisch, weil mir ihre stechenden Blicke unangenehm waren. Es war still in der Küche, bloß das Gluckern der Kaffeemaschine war zu hören.
Ich war bitterlich enttäuscht gewesen, als ich den Raum betreten hatte. Meine Vorstellungskraft war äußerst stark. Ich hatte wirklich geglaubt, dass ich zu Hause war und meine Eltern noch am Leben waren. Ich versuchte so gut, wie möglich, meine Enttäuschung vor Lindas Eltern zu verbergen. Diese hatten sich mittlerweile zu mir an den Tisch gesetzt.
„Möchtest du etwas essen, Holly?“ Ich konnte die Unsicherheit in ihrer Stimme hören. Lindas Mom wusste nicht, wie sie mit mir reden sollte. An ihrer Stelle hätte ich es auch nicht gewusst.
„Nein“, krächzte ich und hielt meinen Blick auf den Tisch gebannt.
„Okay“, sagte sie, bevor sie sich erhob und an der Kaffeemaschine hantierte. Ihr Mann folgte ihr, um ihr zu helfen. Kurze Zeit später konnte ich sie leise miteinander reden hören. Ich versuchte es zu ignorieren. Irgendwann kam Linda herein und setzte sich mir gegenüber. Leicht hob ich den Kopf. Sie setzte ein schiefes Lächeln auf und sah in meine Augen.
„Alles okay?“
Langsam nervte es mich, dass mich ständig Leute fragten, ob es mir gut ging. Damit ich nicht in Versuchung geriet eine bissige Antwort zu geben, nickte ich bloß und sah erneut nach unten. Dadurch fühlte ich mich zumindest vor den sorgenvollen Blicken sicher, die mich von allen Seiten durchbohrten.
„Sorry, dass meine Eltern sich ein bisschen seltsam aufführen.“ Ich winkte sofort ab.
„Macht nichts. Es hält sich ja noch in Grenzen.“ Meine Stimme war dünn und ungewöhnlich hoch. Sie tat mir selbst in den Ohren weh. Von Minute zu Minute fühlte ich mich unwohler und irgendwie fehl am Platz. Ich musste erst einmal hier raus und zwar sofort. Wie von der Tarantel gestochen sprang ich vom Stuhl auf.
„Ich geh kurz raus, ich muss noch meinen Onkel anrufen. Könntest du mir dein Handy leihen?“ Verdutzt starrte Linda mich aus großen Augen an.
„Klar“, meinte sie und zog ihr silbernes Handy aus der Hosentasche.
„Danke“, leierte ich herunter und schnappte mir das Telefon. Schnell huschte ich an ihren überraschten Eltern vorbei in den Flur. Im Handumdrehen hatte ich das Haus verlassen und die Nummer meines Onkels gewählt. Ich wunderte mich, dass mir überhaupt seine Telefonnummer im Gedächtnis geblieben war. So oft hatte ich ihn schließlich nicht angerufen.
Draußen war es angenehm warm und hell. Einzelne weiße Wolken schoben sich manchmal vor die Sonne und verdunkelten leicht die Umgebung. Eine lauwarme Brise fuhr über meine Haut und zerrte an meinen Haaren. Ich atmete tief ein und aus. Plötzlich hörte ich nicht mehr das Freizeichen, sondern eine helle und freundliche Frauenstimme, die sich mit dem Namen Conners meldete. Es war Olivia, die Frau meines Onkels.
„Hi, hier ist Holly.“ Ich konnte einen verblüfften Laut am anderen Ende der Leitung hören.
„Was für eine Überraschung! Du hast dich ja lange nicht mehr gemeldet. Wie geht es dir?“ Ich kam mir schlecht vor, weil ich ihre glückliche Stimmung gleich mit wenigen Sätzen zunichte machen würde.
„Ich habe eine schlechte Nachricht, deshalb rufe ich euch an.“ Hart schluckte ich und schaute in den unendlich weiten Himmel.
„Was ist denn passiert?“, fragte Olivia panisch. Ich machte eine lange Pause, ehe ich sie über den Tod meiner Eltern und die übrigen Ereignissen informierte.
Danach hörte ich von ihr unregelmäßige Atemzüge. Ich glaubte schon, dass sie einen Herzinfarkt erlitt.
„Das kann doch unmöglich sein.“ Laut schnappte Olivia nach Luft. Ich sagte nichts. Ich wollte ihr Zeit lassen alles zu verarbeiten.
„Jamie und ich kommen sofort zu dir.“
„Ich wollte euch noch um einen Gefallen bitten“, gab ich zu und wartete auf eine Reaktion.
„Was es auch ist, Holly, ich sage ja.“
„Könnt ihr mir Geld für die Beerdigung leihen?“ Ich klang hilflos und verzweifelt und ich war den Tränen nahe. Ich bekam Panik, wenn ich an die baldige Beerdigung dachte, die ich planen sollte.
„Natürlich“, antwortete sie mir in einem mitleidenden Ton. „Wir kommen so schnell, wie möglich, versprochen.“
„Danke. Ich bin momentan bei einer Freundin, aber sie wohnt in derselben Straße.“ Sie räusperte sich.
„Kannst du mir die genaue Adresse geben?“ Ich gab ihr Lindas Adresse durch.
„Mach dir keine Sorgen, bald sind wir da.“
Nach dem Gespräch legte ich auf und war erleichtert, dass sie mir finanziell unter die Arme greifen würden. Vor ihrem kommenden Besuch hatte ich jedoch Angst, weil ich nicht wusste in welcher Verfassung sie selbst sein würden.
Mein Onkel war der jüngere Bruder meines Dads und hatte immer ein gutes Verhältnis zu ihm gehabt. Die Nachricht seines Todes würde für ihn der Weltuntergang sein.
Von Olivias Gefühlen hatte ich gerade einen kleinen Vorgeschmack bekommen. Für sie war es nicht halb so schlimm, wie für ihren Mann, doch ich vermutet, dass sie sich die meisten Sorgen um mich machte. Nun würden wieder zwei neue Personen zu mir kommen, die mich mit ihrem Mitleid überhäufen, ja beinahe erdrücken würden.
Wie angewurzelt blieb ich auf der Veranda stehen und stierte geradeaus, ohne etwas Genaues zu fixieren. Ich hatte große Zweifel daran, dass ich alles schaffen würde. Ich war viel zu schwach, als das ich eine Beerdigung planen und ein beinahe grundlegend neues Leben beginnen könnte. Es mangelte mir zwar nicht an Unterstützung, aber ich würde all dies seelisch nicht durchhalten. In meinem Innern fühlte ich mich leer und ausgelaugt. Ich hatte in einer Nacht alles verloren: meine Eltern und den Mann, den ich unendlich geliebt hatte.

Die nächsten Tage waren die anstrengendsten meines bisherigen Lebens gewesen. Wie versprochen hatten mein Onkel und seine Frau bereits am nächsten Nachmittag vor Lindas Haus gestanden. Olivia hatte mich sofort in Beschlag genommen und mich keine Sekunde aus den Augen gelassen. Sie hatte mich vermutlich Millionen Mal in den Arm genommen und mir ihr Beileid ausgesprochen. Dann hatte sie ständig penibel darauf geachtet, dass ich etwas aß und ein paar Stunden schlief. Hin und wieder hatte sie mich auch vorsichtig über die Nacht ausgefragt. Vor allem das Thema James hatte sie zu meinem Unmut höchst interessant gefunden.
Sie hatte wissen wollen, ob er noch im Krankenhaus war und ob ich ihn öfters besuchte. Immer wieder hatte ich sie mit Ausreden abgewimmelt, denn ich hatte nicht über ihn reden wollen. Ich war ihr jeoch nicht böse, schließlich glaubte sie, dass wir noch immer ein Paar waren und er mir das Leben gerettet hatte.
Jamie war in den Tagen dagegen beunruhigend still gewesen. Er hatte tiefdunkle Augenringe bei seiner Ankunft gehabt und war total abweisend gegenüber alles und jeden. Er konnte und wollte den Tod seines Bruders nicht akzeptieren. Ich fühlte mich meinem Onkel verbunden, denn auch ich hatte es satt von allen bemitleidet zu werden.
Ich gab es nur ungern zu, aber so langsam gingen mir alle gehörig auf die Nerven. Selbst meine Freundin und deren Familie, die mich aufgenommen hatten. Aber damit noch nicht genug. Ich hatte die ersten Entscheidungen in Punkto Beerdigung fällen müssen. Gemeinsam mit Jamie und Olivia war ich zu einem Bestattungsinstitut gefahren.
Die Atmosphäre im Institut war melancholisch und düster gewesen. Ein schwarz gekleideter Mitarbeiter mit einer Halbglatze  hatte uns, wie sollte es auch anders sein, zuerst sein Beileid ausgesprochen. Dann hatte er mich und meinen Onkel nach unseren Vorstellungen gefragt. Ehrlich hatte ich mit den Achseln gezuckt, weil ich keine Ahnung gehabt hatte.
Jamie hatte auch keine Idee gehabt, doch er hatte darauf bestanden mir die alleinige Entscheidung zu überlassen. Ich hatte nicht gewusst, ob ich ihm dafür danken sollte oder eher nicht. Da der Mitarbeiter verstanden hatte, dass ich überhaupt keinen Plan hatte, hatte er mir unzählige Sargmodelle in einem Buch vorgestellt.
Nach vier Stunden hatte ich mich für zwei Truhensärge entschieden. Sie waren aus Hartholz und waren dunkel gebeizt. Es war mir von Anfang an klar gewesen, dass ich sowohl für meine Mom, als auch für meinen Dad denselben Sarg wählen würde. Der Besuch beim Institut war von der Stimmung ein kleiner Vorgeschmack für das, was mich in wenigen Tagen erwartete und das ich so sehr fürchtete.
Nach dieser Entscheidung waren noch einige Andere gefolgt. Ich hatte die Dekoration für den Festsaal des Instituts aussuchen und die Gästeliste erstellen müssen. Dann hatte ich mich für einen Grabstein und dessen Gravur entschieden. Zuletzt hatte ich Blumenkränze und das Essen ausgesucht und mir ein neues Outfit gekauft, da sich meine ganzen Klamotten noch in meinem Haus befanden. Olivia hatte mir versprochen nach der Beerdigung meine Sachen zusammenzupacken und sie hierher zu bringen. Ich hatte ihr nämlich erklärt, dass ich selbst dazu nicht in der Lage war.    
Nun lag ich in Lindas Bett und ging gedanklich den Ablauf der morgigen Beerdigung durch. Dann und wann harkte ich ein. Hatte ich die richtigen Entscheidungen getroffen? Würden meine Eltern stolz auf mich sein? Würde ich morgen stark genug sein und keinen Nervenzusammenbruch erleiden? Mit diesem Gedankenchaos schlief ich ein.

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