Kopf hoch Kleines

Am nächsten Morgen erwachte ich im Morgengrauen und stellte fest das ich immer noch in diesem Haus war, ich hätte wirklich nichts gegen die Drei-Zimmer-Wohnung gehabt. Aber das Schicksal ist definitiv nicht auf meiner Seite! Ich quälte mich aus den weichen Kissen und machte mich für den Tag fertig. Etwas ratlos stand ich in dem begehbaren Kleiderschrank, ich hatte heute meinen ersten Arbeitstag im Krankenhaus. Obwohl es sicher egal war, was ich unter dem Kittel trug wollte ich dennoch einen guten Eindruck machen. Ich entschloss mich für eine schlichte Jeans, ein grünes Top und leichte Stoffschuhe. Mary hatte bereits den Frühstückstisch gedeckt, sie scheint noch weniger Schlaf zu brauchen als ich und natürlich sah sie um sieben Uhr in der früh schon fantastisch aus. Es war mir schon immer ein Rätsel das Frauen morgens wahrscheinlich eine Stunde eher aufstanden um dann so perfekt auszusehen. Da schlief ich doch lieber die Stunde länger und trug meine Augenringe mit stolz. Ich hatte heute lediglich etwas Wimperntusche aufgetragen. Zu ihrem perfektem Aussehen hatte Mary auch noch ausgesprochen gute Laune und plapperte fröhlich drauf los, meine Antworten beschränkten sich auf ein „Mmh" und „ja". Um solche Uhrzeiten gehörte ich nicht zu den redseligsten Menschen und versuchte stets meine Wortzahl auf ein Minimum einzugrenzen, da von meinem Gehirn noch keine Höchstleistungen zu erwarten waren. Karl betrat genauso gut gelaunt wie Mary die Küche „Und junge Dame fertig, können wir fahren?" ich nickte und rutschte vom Barhocker, er hatte angeboten mich heute zufahren, da ich mich noch nicht aus kannte und mich hoffnungslos verlaufen würde. Ehrlich gesagt war ich darüber echt dankbar, ich hätte das Krankenhaus sicher nicht allein gefunden und hätte mich am Ende heulend auf einer Parkbank niedergelassen, vorausgesetzt ich hätte eine gefunden. Ich gehöre zu den Leuten die sich trotz Navigationssystem hoffnungslos verirren und die Richtigkeit der vorgeschlagenen Route hin und wieder anzweifeln.

Zehn Minuten später standen wir vor einem riesigen Krankenhaus, muss in dieser Stadt denn alles etwas größer sein? Ich verabschiedete mich von Karl und wünschte ihm einen schönen Tag. Er sah mich aufmunternd an und sagte „Kopf hoch kleine, das wird schon" man scheint mir meine Unsicherheit anzusehen, also sagte ich knapp „Ich hoffe es" . Mit gesenktem Kopf stieg ich aus und ging auf den Eingang zu. An der Information fragte ich nach der Personalabteilung und die Dame gab mir einen Zettel mit einer Wegbeschreibung, Gott sei Dank! Das Krankenhaus war der reinste Irrgarten mit Abzweigungen die wiederum in Abzweigungen endeten. Im Personalbüro, saß eine junge Frau die mich anlächelte und mir alles erklärte, da ich bereits eine Ausbildung zur Krankenschwester gemacht hatte, schickte sie mich auf die Intensivstation da sie dort im Moment unterbesetzt waren und ich sollte mich dort bei der Oberschwester melden. Wieder bekam ich einen Zettel mit einer Wegbeschreibung und wieder dachte ich Gott sei Dank. Nach fünfzehn Minuten fand ich die Station, nachdem ich festgestellt hatte das ich zehn Minuten im falschen Gebäudekomplex herumgeirrt war. Die Oberschwester hieß Hilde und war eine sehr rundliche, kleine ältere Dame mit grauem Haar, aber sie strahlte etwas herzliches aus, so dass ich mich gleich sicherer fühlte. Sie zeigte mir die Station und ich stellte fest das es doch ähnlich wie in anderen Krankenhäusern ist. Tja! hier würde ich also arbeiten, die Vorstellung gefiel mir denn ich fühlte mich jetzt schon wohl. Hilde ging mit mir ins Schwesternzimmer und stellte mir die anderen Schwestern vor, sie schienen alle nett zu sein. Sofern man das nach fünf Minuten beurteilen kann. Einige Stunden später wurde ich der Essensausgabe zugeteilt. Ich hasste die schweren Wagen bei denen man nicht sieht wen man im nächsten Moment über den Haufen fährt.
Ich ergab mich meinem Schicksal und ging von Zimmer zu Zimmer und schaute ob dort jemand etwas essen wollte, oder überhaupt essen konnte. Als ich am letzten Zimmer ankam klopfte ich, als keiner antwortete öffnete ich vorsichtig die Tür und sah hinein. Viel sah ich nicht aber ich hörte ein leises regelmäßiges Piepen, von der Herz-Lungen-Maschine, mir wurde etwas flau im Magen und ich wollte das Zimmer schnellst möglich wieder verlassen, aber irgendetwas zog mich weiter hinein. Ich wollte einen kleinen Blick auf den Patienten werfen der dort im Bett lag. Ich war einfach neugierig. Ich schaute um die Ecke und hielt instinktiv die Luft an, damit die Person mich nicht bemerkt. Ich ging langsam näher heran und erkannte dunkle Locken und blasse Haut, es schien ein Mann zu sein. Als ich direkt vor dem Bett stand sah ich ihn an. Er sah aus als würde er schlafen, ich sollte besser gehen doch ich konnte meinen Blick nicht von ihm abwenden. Mein Blick blieb an seinen langen geschwungenen Wimpern hängen, um ehrlich zu sein war er recht hübsch. Er ist höchstens ein paar Jahre älter als ich. Wie lange er wohl schon in diesem Schlafzustand ist? Was wohl mit ihm passiert ist? Ob er wieder aufwacht? „Hier bist du, ich hab dich schon gesucht" ich zuckte ertappt zusammen und drehte mich zu Hilde um die in der Tür stand und mich anlächelte. „Ähm ich... tut mir Leid, ich wollte nur sehen ob hier jemand etwas essen möchte" sagte ich entschuldigend. „Wie ich sehe hast du Alexander White bereits kennengelernt" sagte sie und ich fühlte mich irgendwie schuldig, das ich seine Privatsphäre gestört hatte. „Ja, hab ich. Ich werde dann mal weiter machen" mit gesenktem Blick schob mich an Hilde vorbei zur Tür hinaus. Zum Glück war meine Schicht in einer Stunde vorbei, ich würde einfach versuchen Hilde aus den Weg zu gehen. Zu mindestens vorerst.

Die nächsten Tage verliefen alle ähnlich, ich stand morgens auf Mary machte mir Frühstück, wir unterhielten uns ein bisschen bis Karl kam um mich zum Krankenhaus zu fahren. Auch die Arbeit verlief immer ähnlich, ich fühlte mich echt wohl und Hilde hatte den Vorfall nicht wieder erwähnt. Ich war immer noch in der Essensausgabe, durfte aber inzwischen auch kleinere andere Aufgaben übernehmen. Blutdruck messen und Medikamente verteilen gehörten nun ebenfalls zu meinen täglichen Aufgaben. Zwischendurch unterhielt ich mich mit den Patienten und deren Angehörigen. Ich drehte meine übliche Runde durch die langen Flure der Station als mein Blick wieder einmal auf das letzte Zimmer des Ganges fiel, dort sah man nie Leute die hinein gingen und ich fand es traurig. Gab es denn niemanden der sich um ihn sorgte? Hilde ertappte mich wieder einmal wie ich die Tür anstarrte „schau nicht so traurig, er hat Familie aber sie sind beruflich viel unterwegs" sagte sie und ich lächelte sie verstehend an. „Wenn du magst kannst du ihm ja nach Feierabend etwas Gesellschaft leisten" schlug sie mir vor „Ich... also... ich weiß nicht... ich kenne ihn doch gar nicht und seine Eltern hätten sicher etwas dagegen und außerdem wie soll ich ihm Gesellschaft leisten er nimmt mich wahrscheinlich nicht einmal wahr" sagte ich schnell „du könntest ihm vorlesen" entgegnete Hilde und ging lächelnd davon. Den Rest meiner Schicht dachte ich über Alexander nach und irgendwie hatte ich das Bedürfnis ihn wieder zusehen und ich wollte nicht das er immer allein war. Ich fasste den Entschluss ihn nach Feierabend etwas Gesellschaft zu leisten. Was soll schon passieren, wenn ich etwas an seinem Bett sitze? Seit dem Vorfall am ersten Tag war ich nicht noch einmal in sein Zimmer gegangen, es war mir peinlich das ich ihn so angestarrt hatte. Auch wenn es absurd war, er hatte es ja nicht einmal gemerkt und auch jetzt würde er meine Anwesenheit nicht wahrnehmen.

Ich rief Karl an und sagte ihm ich würde heute mit der U-Bahn nach Hause fahren, weil ich noch etwas erledigen müsste. Karl erklärte mir schnell welche U-Bahn ich nehmen sollte und wo ich Aussteigen musste. Zehn Minuten nach Feierabend stand ich vor Alexander's Zimmer und starrte erneut die Tür an. Was sollte schon passieren er würde sicher nicht einmal merken das jemand da ist, rief ich mir ins Gedächtnis. Ich holte tief Luft und öffnete die Tür. Das Zimmer war genauso wie die anderen ordentlich, sauber und vor allem steril. Hier standen weder Blumen noch andere persönliche Sachen es wirkte kühl, typisch Krankenhaus. Ich ging vorsichtig näher und schaute ihn an, er sah so friedlich aus. Ich zog die Vorhänge leicht auf, damit die Sonne durch die Fenster herein scheinen konnte und der Raum nicht mehr so düster erschien. Erst jetzt merkte ich das ich die ganze Zeit die Luft angehalten hatte und atmete mit einem leichtem seufzen aus. Neben seinem Bett stand ein Stuhl, auf dem ich mich nieder ließ und holte das Buch aus der Tasche, dass ich aus der Krankenhausbibliothek geholt hatte. Da ich nicht wusste was ich ihm vorlesen sollte entschied ich mich für einen Klassiker, aktuelle Bestseller waren in der Bibliothek ohnehin nicht zu finden. „Also dann!" machte ich mir selbst Mut und schlug das Buch auf und versuchte einen Anfang zu finden „Hallo Alexander ich bin Ella, ich weiß nicht ob du mich hören kannst, aber ich dachte es wäre vielleicht schön, wenn du etwas Gesellschaft hast und ich dir vorlese. Da ich nicht weiß was du magst, hab ich einfach eins meiner Lieblings Bücher ausgesucht und zwar Shakespeares Romeo und Julia. Ich weiß es ist etwas schnulzig, aber vielleicht gefällt es dir ja trotzdem". Ich las ihm die ersten drei Kapitel vor und draußen verschwand die Sonne am Horizont und ich beschloss das es an der Zeit ist zu gehen, wenn ich nicht mitten in der Nacht mit der U-Bahn fahren wollte. Mein Blick fiel wieder auf seine Wimpern und wanderte weiter zu seinem Mund, er hatte volle Lippen die perfekt zu ihm passten sie gaben seinem Gesicht etwas weiches. Wie die sich wohl anfühlen? Instinktiv streckte ich meine Hand aus und strich ihm einige Locken aus der Stirn, meine Finger glitten weiter über seine Wange, sie fühlte sich weich an auch wenn sich bereits ein leichter Bartschatten zeigte. Ich zuckte zusammen als ich merkte was ich da gerade tat, schnell zog ich meine Hand zurück und verließ das Zimmer und eilte zur U-Bahnstation.

Eine leichte Brise wehte mir um die Nase und ich zog meine dünne Strickjacke etwas enger um mich. Ich erreichte die U-Bahn noch rechtzeitig und fuhr in die Luxusvilla, in die ich mich immer noch versuchte einzuleben und wo Mary sicher schon mit dem Essen wartet. Eine halbe Stunde später kam ich an und ging direkt in die Küche. Mary lächelte mich an und ich fragte mich wieder einmal, wie man immer so toll aussehen kann. „Hallo ich habe das Abendessen gerade fertig zubereitet" sagte sie. Ich setzte mich auf dem Barhocker und lächelte sie an „Ich hab einen Bärenhunger" sagte ich und das war nicht mal gelogen, ich war froh das ich mir nicht selbst noch etwas machen musste. Da ich ihr bereits vor ein paar Tagen erklärt habe das ich lieber in der Küche essen würde, als alleine in dem großem Esszimmer zu sitzen, machte Mary sich nicht mehr die Mühe den Tisch zu decken und stellte mir einen Teller mit herrlich duftenden Essen vor die Nase „Es schmeckt toll" sagte ich als ich einige Bissen zu mir genommen hatte und sie nickte „Danke, wie war Ihr Tag heute, Ella?" fragte sie mich und es schien sie wirklich zu interessieren, es war keine Frage aus reiner Höflichkeit „gut" sagte ich „aber könnten Sie nicht immer SIE zu mir sagen?" bat ich sie. „Gern, aber nur wenn du das auch tust" sagte Mary. Ich nickte und war froh das jetzt dieser steife Umgangston ein Ende hatte, wir unterhielten uns noch eine Weile und ich erfuhr das mein Dad wahrscheinlich noch länger unterwegs sein würde, das Mary Single und 44 Jahre alt ist und bereits seit einigen Jahren für meinen Dad arbeitet. Ich fragte sie nach der Frau meines Vaters, da ich sie hier noch nie gesehen hatte und auch sonst nichts im Haus auf sie deutete. „Sie wohnt nicht mehr hier" sagte Mary und ich konnte deutlich sehen, das ihr Blick kühler wurde, sie scheint kein großer Fan von ihr zu sein. „Und warum nicht?" fragte ich nach „Sie hat deinen Vater vor drei Jahren verlassen und lebt nun in Paris" erklärte sie. „Wohnt sonst überhaupt noch jemand in diesem Haus, also außer dir? Mein Dad scheint ja kaum hier zu sein" stellte ich fest, ihr Gesicht wurde wieder sanfter und ein Lächeln trat in ihr Gesicht „Oh ja! Ben wohnt hier aber er ist momentan verreist, er kommt und geht wie er will und manchmal sehen wir ihn Wochen lang nicht. Aber er ist ein guter Junge, er hatte es nicht immer leicht, aber bei der Mutter kann man es verstehen. Zum Glück ist sie in Paris und kommt selten hier her" sie bestätigt mir mit dem letzten Satz das sie tatsächlich kein Fan von dieser Frau ist. Ein kurzer Blick auf die Uhr verriet mir das es bereits halb zwölf war und ich entschied das es nun Zeit war, mich in mein traumhaftes Himmelbett zu werfen um zu schlafen. Ich wünschte Mary eine gute Nacht und ging die Treppe nach oben.
Inzwischen fand ich mich problemlos in diesem Labyrinth zurecht. Als ich im Bett lag schweiften meine Gedanken immer wieder zu Alexander und ich sah sein hübsches Gesicht vor mir, er hat bestimmt tolle Augen. Ob sie blau oder grün sind? Schnell verdrängte ich meine Gedanken und fragte mich wer Ben wohl ist, hoffentlich ist er nett. Von Mary wusste ich das er der Sohn von der Exfrau meines Dad's war und er nach der Scheidung hier geblieben ist um sein Studium zu beenden, er und mein Vater verstehen sich wohl sehr gut. Zur Zeit schien er aber nicht da zu sein oder wollte einfach nichts mit mir zu tun haben. Wie auch immer es war mir egal, schließlich schlief ich erschöpft ein.

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